Foto: Chris
Ämne : CH
Datum : 4 Oct
Liebe Marlena
Ja, die Schweiz. Darüber gäbe es viel zu berichten. Und
über viele Klischees. Tatsache ist, dass wir ein reiches Land
geworden sind, während die Schweiz noch im 19. Jahr-
hundert als Armenhaus Europas angesehen werden konnte.
Es gab damals viele Menschen, die nach Amerika
ausgewandert sind. Und - wenn ich mich richtig erinnere -
wurde ihnen oftmals mit öffentlichen Geldern die Überreise
bezahlt. Man wollte, dass sie gehen und man hat sie
motiviert, zu gehen.
Und heute?
Nun ja, ich glaube, wir sind in erster Linie ein konservatives
Land. Das waren wir wohl immer, denn ein Gemeinwesen
von Bergbauern kann nie sehr modern ausfallen.
Wir sind aber bestimmt ein fleissiges Land. Der Reichtum
kommt nicht bloss von den Bankkonti. Nicht nur. Ich
glaube, wir arbeiten im internationalen Vergleich viel
und wir haben eine hohe Arbeitseffizienz.
Wir sind auch ein introvertiertes Land. Die Tatsache, dass
wir heute noch nicht Mitglied der UNO sind, ist doch sehr
merkwürdig. Ich glaube, wir sind das allerletzte Land der
Welt in dieser Beziehung.
Wir sind ein unwirtliches Land. Wahrscheinlich die Hälfte
unseres Bodens ist nicht nutzbar, weil es sich dabei um
Berge und Felsen und Steine und ewigen Schnee handelt.
Wir haben kaum Bodenschätze. Die gebirgige Landschaft
ist in jeder Hinsicht beschwerlich und erfordert einen hohe
Aufwand.
Wir sind kulturell kein einheitliches Land. Die Tatsache,
dass wir auf diesem kleinen Raum mit vier Landessprachen
und ebenso vielen wenn nicht noch mehr Mentalitäten
fertig werden müssen, soll man nicht vergessen. Das ergibt
landesintern oft erhitzte Gemüter, doch gegenüber der
Weltgemeinschaft geben wir uns gerne harmonisch und
rosarot. Das politische Klima ist von dieser Tatsache
geprägt.
Wir sind ein enges Land. Wenn man mit der Eisenbahn
durch die Schweiz fährt, fällt einem auf, wie überbaut
unsere Landschaft ist. Es gibt kaum mehr freie Flächen
und grössere Landschaften. Man fährt ständig durch
Städte oder Dörfer. Diese Enge prägt unsere geistigen
Horizonte. Wir passen uns den Gepflogenheiten und
den Nachbarn an und denken nicht über die Dorfgrenze
hinaus. Wir lieben das Naheliegende.
Aber wir sind auch das Land der höchsten Dichte an
Nobelpreis-Trägern und wohl auch der Milliardäre.
Der Volkscharakter der Exaktheit, des Praktischen
und Naheliegenden prädestiniert uns zu vorzüglichen
Technikern und kühl berechnenden Bankers, die eben
auch mal was Neues erfinden.
Kurz und gut, es stinkt in der Schweiz zum Himmel. Und
wir alle erwarten doch sehr, dass die UNO uns einen roten
Teppich ausrollt, damit wir uns endlich überlegen, ob wir
an dieser grossen Party mitmachen mögen oder vielleicht
und vorläufig immer noch unmutig abzuwinken geruhen.
Wir haben noch immer grosse Bedenken, diesem hetero-
genen und darum zweifelhaften Club beizutreten, denn
es gibt da einige sehr unattraktive Mitglieder. Wir
bewegen uns im Allgemeinen lieber in exklusiveren
Kreisen. Und wir alle finden es ziemlich unwürdig, dass
wir bitten sollten, dieser wackeligen Weltgemeinschaft
beitreten zu dürfen, wo wir doch eigentlich überzeugt sind,
dass die Gemeinschaft eher uns bitten sollte, der Schweiz
beizutreten.
Anstelle der Globalisierung sind wir für eine Helvetisierung
der Welt. Wir haben an der Genfer Universität einen
Professor der Soziologie namens Jean Ziegler. Sicher hast
Du schon von ihm gehört. Er ist Sozialist und ein harter
Kritiker und Kämpfer gegen das schweizerische
Bankensystem. Er hat in der Vergangenheit feurige
Bücher geschrieben. Doch dann hat man ihn mit
einer Prozesslawine immobilisiert. Und heute schreibt
er nur noch Romane, weil er anhand von romanhaften
Aussagen gerichtlich nicht belangt werden kann. Er hat
ein gutes Herz, unser Jean Ziegler, und ich glaube, von
der UNO hat er einen Auftrag, den Hunger in der Welt
zu analysieren und zu bekämpfen.
*
Früher, als junger Mensch, wäre ich gerne Brite gewesen,
natürlich einer aus der britischen Oberschicht, oder
Franzose. Weniger ein Italiener oder ein Deutscher. Von
Spaniern hatte ich damals kaum noch was gehört. Doch ich
kann mich auch an meine erste selbständige Auslandreise
erinnern. Ich fuhr per Hitchhiking vom Wallis nach Paris.
Pius war mein Leidensgenosse. Und in Paris, in der Gegend
der Porte d'Italie hatten wir ein drittklassiges Hotel
gefunden, wo viele arme Studenten abgestiegen waren.
Die Dame an der Reception war eine Pariser Matrone mit
beachtlichem Volumen. All die amerikanischen und
deutschen Studenten mussten ihr Zimmer im Voraus
bezahlen. Sie mussten Geld hinterlegen. Nur uns, den zwei
süssen Kerlchen mit den hübschen Schweizer Pässen, hat
sie dies erlassen. Und sie hat auf die Schweizer und ihre
Zuverlässigkeit ein Loblied gesungen.
Auf der Rückreise wurden wir von der Polizei aufgegriffen,
weil wir in der Banlieu von Paris auf der Autobahn standen
und den Daumen hoben. Die Flics brachten uns auf den
Posten und kontrollierten die Papiere. Man hörte sie
munkeln, ah.. des Suisses ! Und dann kamen sie ganz
freundlich zurück und bedeuteten uns, dass wir eben nicht
so offen und demonstrativ Hitchhiken sollten, sondern
etwas diskreter, weil es ja eigentlich verboten wäre. Und
sie liessen uns dann wohlwollend an denselben Ort zurück,
an dem sie uns aufgegriffen hatten, um unsere Reise
fortzusetzen.
Du siehst, Marlena, in jungen Jahren hatte ich den
Eindruck bekommen, dass der Schweizer Pass ein höchst
exklusives und wertvolles Papier darstellt.
Aber ich weiss auch, dass das heute nicht mehr so ist.
Schade vielleicht. Aber so ist es eben.
*
Komisch, dass ich zum Stichwort Schweiz soviele Worte
verliere! Ob das Zufall ist?
Mit einem schönen Gruss
...




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