Montag, 14. Oktober 2019

Stichwort Schweiz


Foto: Chris

Ämne : CH
Datum : 4 Oct


Liebe Marlena
Ja, die Schweiz. Darüber gäbe es viel zu berichten. Und
über viele Klischees. Tatsache ist, dass wir ein reiches Land
geworden sind, während die Schweiz noch im 19. Jahr-
hundert als Armenhaus Europas angesehen werden konnte.
Es gab damals viele Menschen, die nach Amerika
ausgewandert sind. Und - wenn ich mich richtig erinnere -
wurde ihnen oftmals mit öffentlichen Geldern die Überreise
bezahlt. Man wollte, dass sie gehen und man hat sie
motiviert, zu gehen.

Und heute?
Nun ja, ich glaube, wir sind in erster Linie ein konservatives
Land. Das waren wir wohl immer, denn ein Gemeinwesen
von Bergbauern kann nie sehr modern ausfallen.
Wir sind aber bestimmt ein fleissiges Land. Der Reichtum
kommt nicht bloss von den Bankkonti. Nicht nur. Ich
glaube, wir arbeiten im internationalen Vergleich viel
und wir haben eine hohe Arbeitseffizienz.
Wir sind auch ein introvertiertes Land. Die Tatsache, dass
wir heute noch nicht Mitglied der UNO sind, ist doch sehr
merkwürdig. Ich glaube, wir sind das allerletzte Land der
Welt in dieser Beziehung.
Wir sind ein unwirtliches Land. Wahrscheinlich die Hälfte
unseres Bodens ist nicht nutzbar, weil es sich dabei um
Berge und Felsen und Steine und ewigen Schnee handelt.
Wir haben kaum Bodenschätze. Die gebirgige Landschaft
ist in jeder Hinsicht beschwerlich und erfordert einen hohe
Aufwand.
Wir sind kulturell kein einheitliches Land. Die Tatsache,
dass wir auf diesem kleinen Raum mit vier Landessprachen
und ebenso vielen wenn nicht noch mehr Mentalitäten
fertig werden müssen, soll man nicht vergessen. Das ergibt
landesintern oft erhitzte Gemüter, doch gegenüber der
Weltgemeinschaft geben wir uns gerne harmonisch und
rosarot. Das politische Klima ist von dieser Tatsache
geprägt.
Wir sind ein enges Land. Wenn man mit der Eisenbahn
durch die Schweiz fährt, fällt einem auf, wie überbaut
unsere Landschaft ist. Es gibt kaum mehr freie Flächen
und grössere Landschaften. Man fährt ständig durch
Städte oder Dörfer. Diese Enge prägt unsere geistigen
Horizonte. Wir passen uns den Gepflogenheiten und
den Nachbarn an und denken nicht über die Dorfgrenze
hinaus. Wir lieben das Naheliegende.
Aber wir sind auch das Land der höchsten Dichte an
Nobelpreis-Trägern und wohl auch der Milliardäre.
Der Volkscharakter der Exaktheit, des Praktischen
und Naheliegenden prädestiniert uns zu vorzüglichen
Technikern und kühl berechnenden Bankers, die eben
auch mal was Neues erfinden.
Kurz und gut, es stinkt in der Schweiz zum Himmel. Und
wir alle erwarten doch sehr, dass die UNO uns einen roten
Teppich ausrollt, damit wir uns endlich überlegen, ob wir
an dieser grossen Party mitmachen mögen oder vielleicht
und vorläufig immer noch unmutig abzuwinken geruhen.
Wir haben noch immer grosse Bedenken, diesem hetero-
genen und darum zweifelhaften Club beizutreten, denn
es gibt da einige sehr unattraktive Mitglieder. Wir
bewegen uns im Allgemeinen lieber in exklusiveren
Kreisen. Und wir alle finden es ziemlich unwürdig, dass
wir bitten sollten, dieser wackeligen Weltgemeinschaft
beitreten zu dürfen, wo wir doch eigentlich überzeugt sind,
dass die Gemeinschaft eher uns bitten sollte, der Schweiz
beizutreten.
Anstelle der Globalisierung sind wir für eine Helvetisierung
der Welt. Wir haben an der Genfer Universität einen
Professor der Soziologie namens Jean Ziegler. Sicher hast
Du schon von ihm gehört. Er ist Sozialist und ein harter
Kritiker und Kämpfer gegen das schweizerische
Bankensystem. Er hat in der Vergangenheit feurige
Bücher geschrieben. Doch dann hat man ihn mit
einer Prozesslawine immobilisiert. Und heute schreibt
er nur noch Romane, weil er anhand von romanhaften
Aussagen gerichtlich nicht belangt werden kann. Er hat
ein gutes Herz, unser Jean Ziegler, und ich glaube, von
der UNO hat er einen Auftrag, den Hunger in der Welt
zu analysieren und zu bekämpfen.
*
Früher, als junger Mensch, wäre ich gerne Brite gewesen,
natürlich einer aus der britischen Oberschicht, oder
Franzose. Weniger ein Italiener oder ein Deutscher. Von
Spaniern hatte ich damals kaum noch was gehört. Doch ich
kann mich auch an meine erste selbständige Auslandreise
erinnern. Ich fuhr per Hitchhiking vom Wallis nach Paris.
Pius war mein Leidensgenosse. Und in Paris, in der Gegend
der Porte d'Italie hatten wir ein drittklassiges Hotel
gefunden, wo viele arme Studenten abgestiegen waren.
Die Dame an der Reception war eine Pariser Matrone mit
beachtlichem Volumen. All die amerikanischen und
deutschen Studenten mussten ihr Zimmer im Voraus
bezahlen. Sie mussten Geld hinterlegen. Nur uns, den zwei
süssen Kerlchen mit den hübschen Schweizer Pässen, hat
sie dies erlassen. Und sie hat auf die Schweizer und ihre
Zuverlässigkeit ein Loblied gesungen.
Auf der Rückreise wurden wir von der Polizei aufgegriffen,
weil wir in der Banlieu von Paris auf der Autobahn standen
und den Daumen hoben. Die Flics brachten uns auf den
Posten und kontrollierten die Papiere. Man hörte sie
munkeln, ah.. des Suisses ! Und dann kamen sie ganz
freundlich zurück und bedeuteten uns, dass wir eben nicht
so offen und demonstrativ Hitchhiken sollten, sondern
etwas diskreter, weil es ja eigentlich verboten wäre. Und
sie liessen uns dann wohlwollend an denselben Ort zurück,
an dem sie uns aufgegriffen hatten, um unsere Reise
fortzusetzen.
Du siehst, Marlena, in jungen Jahren hatte ich den
Eindruck bekommen, dass der Schweizer Pass ein höchst
exklusives und wertvolles Papier darstellt.
Aber ich weiss auch, dass das heute nicht mehr so ist.
Schade vielleicht. Aber so ist es eben.
*
Komisch, dass ich zum Stichwort Schweiz soviele Worte
verliere! Ob das Zufall ist?
Mit einem schönen Gruss
...

Sonntag, 13. Oktober 2019

Nobelpreisträger


Mummy, mummy! I've got a prize! 

 



Was kann ich dir noch berichten? Vielleicht, dass wir täglich von neuen Nobelpreisträgern erfahren. Hast du gesehen, wer den Literaturpreis bekommen hat dieses Jahr?
(Na ja, dieses Jahr (2019) ist es Peter Handke, aber 2003 war es)

Ein äusserst scheuer Südafrikaner, von dem man kaum gedacht hätte, dass er zu dem Nobelfest auftauchen wird. Er geht nie selbst seine Preise abholen und lässt sich auch nicht interviewen. Aber er hat schon gesagt, dass er "most likely" kommen wird. Sicher hast du schon über ihn gelesen. Wenn nicht, dann schau hier:

*
Lieber ...,
Jetzt habe ich mir die Rede von Cotzee angehört. Man spürte richtig die Spannung, die in der Luft lag, als dieser ungwöhnliche Mann zum Podium vorschritt um seine Rede zu halten. Und er stand dort auch still eine ganze Weile und wechselte zuerst mal seine Brille. Fast hatte man ein wenig Angst, dass ihn vielleicht der Mut verlassen würde und er stumm wieder an seinen Platz zurückgehen würde.
Aber dann begann er.. Er hat eine schöne klangvolle Stimme, so wie deine... eine ruhige Stimme. Und seine Rede war kurz und originell.. und mittendrin sah man wie seine Verlegerin anfing zu weinen und auch vielen anderen kamen die Tränen. Und dann auch plötzlich, mittendrin in dieser kurzen Rede ein spontaner Applaus von allen Gästen..
Ja, er hat es gut getan, der liebe Coetzee.Und zuguterletzt ist er wieder würdig und wie eine starre Mumie an seinen Platz zurückgegangen.. während die Leute immer noch applaudierten.
Dezember 2003

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Ûber die IRONIE und Peter Handke ...


...einer der wenigen Anti-Ironiker, heute mit dem Nobelpreis    ausgezeichnet

---

Gerade lese ich einen Artikel, dass die Zeit der IRONIE vorbei sei. Soll ich ein bisschen ausholen? Das lenkt uns vielleicht ab.

Ironie und Moderne gehören zusammen. Sie sind ein Zwillingspaar. Es gibt im 20. Jahrhundert kaum einen Schriftsteller von Rang, der sich als unironisch bezeichnen liesse. Das vergangene Jahrhundert hat bombastische, hybride und teilweise verheerende Weltveränderungen gebracht. Aber im Geistigen war es in einer diametral entgegengesetzten Tonart. Es war ein Zeitalter der Verstellung, der Untertreibung, der Verkleinerung, kurz: der Ironie. Den programmatischen Auftakt bildete 1903 die Novelle von Thomas Mann "Tonio Kröger". Für das Adjektiv unironisch findet der junge Autor ein ganzes Arsenal von Synonymen: pathetisch, sentimental, schwerfällig, täppisch-ernst, unbeherrscht, ungewürzt, langweilig, banal. Er nennt 9 Ausdrücke für das Unironische, und das Unironische selbst steht in der Mitte zwischen unbeherrscht und ungewürzt. Die Kette ist aufgebaut nach einer Art Antiklimax, vom Pathetischen herabstürzend zum Banalen.

Aber das Ironische war schon zu Manns Zeiten ein alter Hut, gut hundert Jahre alt. Und bei Tonio Kröger fehlt der Begriff "unmodern". Denn Moderne und Ironie gehören zusammen. Ironie ist nach der Französischen Revolution in Mode gekommen. Sie war als methodisches Instrument und geistige Haltung natürlich viel älter. Wurzeln gehen zurück bis Sokrates, Cervantes, Diderot, Sterne und vielen anderen. Aber erst mit der Wende zum 19. Jahrhundert wurde Ironie zur privilegierten und beliebten Ausdrucksform der Elite. Es gab auch Skeptiker. Nietzsche meint, sie verderbe den Charakter, sie gleiche einem bissigen Hund, "der noch das Lachen gelernt hat, ausser dem Beissen". Und Kiergegaard nennt sie ein "Niezuendekommen in negativer Freieit" ein "Herumirren im Nichts". Kundera nennt den Roman als die ironische Kunst schlechthin. Und er Zitiert Sciascia: "Nichts, was schwieriger zu verstehen wäre, nichts, was weniger zu entziffern ist als Ironie". Doch jeder monderne roman zeichnet sich aus durch seine "ihm wesensgemässe Ironie". Das ist die offizielle Lesart der klassischen Moderne, von Mann über Kafka, Musil, Broch bis zu Green, Brodkey. Es ist eine Cheflinie, eine Geisteshaltung einer bildungsbürgerlichen Elite. Doch mittlerweile ist sie in die Defensive geraten. Das junge Feuilleton spricht geradezu veräntlich vom "Ironiekult", dem endlich ein Ende gemacht werden müsse.

Schön und gut, doch was ist das Gegenteil von Ironie? Man hat sich in der begrifflichen Not auf das "Pathetische" geeinigt. Sie steht bei Thomas Mann auf Platz eins. Das Pathetische, der sogenannte hohe Ton, scheint seit Schiller ziemlich ausgestorben. Das Pathetische und das Ironische unterscheiden sich vor allem in ihrem Verhältnis zum Schmerz.

Einer der wenigen Anti-Ironiker ist Peter Handke. Er hat sich in den 80er Jahren notiert: "Vermeide das Ironische; es zeigt deine Verletztheit (...) suche den Ernst". Denn Ironie ist ein Mittel, Abstand zu schaffen, sich zu verstecken, Schmerz und Verletztheit zu leugnen. Und nach handkes Dialektik zeigt man eine Wunde gerade dadurch, dass man sie geflissentlich zu verstecken sucht.

Zur Leidenschaft hat der moderne Mensch ein gebrochenes Verhältnis. Er stellt sich gönnerhaft neben sie, belächelt sie milde: das ist eine klassische Thomas Mann Attitüde. Dessen Antipode ist Kafka. Martin Walser erkennt bei ihm das Begriffspaar "Mitleid und Furcht". Bei Kafka vermischen sich pathetische und ironische Elemente auf brisante Weise. Sie provozieren Reaktionen von Lachen, Heulen bis Zähneknirschen.

"Eine unheimliche Begleiterscheinung des ironistischen Zeitalters des menschlichen Selbstverständnisses besteht darin, dass in ihm die Menschen verlernt haben, zu weinen", sagt Hermann Schmitz. Weinen befreit. Es ist in erster Linie ein physiologischer Affekt, weniger eine geistige Tat.

Lachen befreit auch. Und einer der Endzwecke der Ironie ist gerade das Lachen. Aber Ironie irritiert.

Wenn also Pathos, Ernst - im Sinne Handkes - die Nachfolge von Ironie antreten würde, wäre das nicht die schlimmstmögliche Wendung. Pathos und Ernst könnten auch Gegengifte sein gegen die Infantilisierung durch ubiquitäre Entertainment in der Gesellschaft.

...

GKH

2 kommentarer:

  1. Na ja, Handke war durchtraenkt von Pathos zur Zeit als er LANGSAME HEIMKEHR und UEBER DIE DOERFER schrieb, so um 1980 herum, sein DON JUAN,m dessen Amerikanische Edition ich gerade rezensiere, sprueht ja nur so von Ironie, auch DOERFER hat als Anweisung: Liebende oder "Mit sanfter Ironie" wie die Anweisung zu einer Partitur. Was der Nova sicherlich am End schwerfaeellt. Hier Handke links fuer euch:


    LINK OF LYNXES TO MOST HANDKE MATERIAL
    AND BLOGS ON THE WEB:

    http://www.handke.scriptmania.com/favorite_links_1.html

    http://www.handke-nobel.scriptmania.com/


    HANDKE LINKS + BLOGS SCRIPTMANIA PROJECT MAIN SITE:

    http://www.handke.scriptmania.com/index.html
    -
    and sub-sites
    e.g.

    http://www.handkedrama.scriptmania.com/index.html

    http://www.handkedrama2.scriptmania.com/index.html

    http://www.handkedrama3.scriptmania.com/index.html

    http://handke-drama.blogspot.com/


    http://www.handkeromance.scriptmania.com/index.html

    http://www.handkelectures.freeservers.com/index.html

    http://www.handkescholar.scriptmania.com/index.htlm

    http://www.handkebild.scriptmania.com/index.htlm

    http://handke-photo.scriptmania.com/index.htlm

    http://www.handke-nobel.scriptmania.com/index.html

    http://www.handkeprose.scriptmania.com/

    http://www.handkeprose2.scriptmania.com/index.html

    http://www.handkefilm.scriptmania.com/index.html

    http://handke-watch.blogspot.com/
    [moravian nights discussion, etc]

    the newest:
    http://handke-photo.scriptmania.com/
    bpth have the psychoanalytic monograph
    http://analytic-comments.blogspot.com/



    http://www.handkelectures.freeservers.com/index.html
    [the drama lecture]
    http://www.van.at/see/mike/index.htm
    [dem handke auf die schliche/besuch auf dem Moenchsberg, a book of mine about Handke]

    http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Peter+Handke/

    http://handke-discussion.blogspot.com/
    the American Scholar caused controversy about Handke, reviews, detailed of Coury/ Pilipp's THE WORKS OF PETER HANDKE, the psycho-biological monograph/ a note on Velica Hoca/ open letter to Robert Silvers + NYRB re: JS Marcus..

    With three photo albums, to wit:

    http://picasaweb.google.com/mikerol

    http://picasaweb.google.com/mikerol/HANDKE3ONLINE#

    http://picasaweb.google.com/mikerol/HANDKE2ONLINE#

    http://picasaweb.google.com/mikerol/POSTED?authkey=YeKkFSE3-Js#

    http://www.handke-trivia.blogspot.com
    http://www.artscritic.blogspot.com
    [some handke material, too, the Milosevic controversy summarized]

    MICHAEL ROLOFF
    http://analytic-comments.blogspot.com/
    http://www.facebook.com/mike.roloff1?ref=name
    Member Seattle Psychoanalytic Institute and Society
    This LYNX will LEAP you to my HANDKE project sites and BLOGS:
    http://www.roloff.freehosting.net/index.html
    "MAY THE FOGGY DEW BEDIAMONDIZE YOUR HOOSPRINGS! +
    THE FIREPLUG OF FILIALITY REINSURE YOUR BUNGHOLE!" {J. Joyce}
    "Sryde Lyde Myde Vorworde Vorhorde Vorborde" [von Alvensleben]
    "Siena me fe, disfescimi Maremma." [Dante]
    "Ennui [Lange Weile] is the dreambird that
    hatches the egg of
    experience."
    [Walter Benjamin, the essay on Leskov.]
    SvaraRadera
  2. So viel Information über Handke - und noch dazu von einem Experten. :-)
    Herzlichen Dank.
    M

Dienstag, 8. Oktober 2019

Blick durchs Fenster


... von oben - erster Frost

Montag, 7. Oktober 2019

Nähe.. :-)


Ämne: Nähe.. :-)

Lieber ... ,

Schon wieder ist es so spät geworden bevor ich mit der Arbeit fertig bin. Ich habe eine schriftliche Prüfung konstruiert und nun fühle ich mich ziemlich leer im Kopf und muss erst wieder umschalten. :-)

Ich danke dir herzlich für deine lieben Mails. Gestern wusste ich so viel was ich dir schreiben wollte und jetzt weiss ich nicht genau wo ich anfangen soll. Ich glaube wirklich dass wir etwas überfordert sind, meine Kollegen und ich. Ich sehe wie sie in kurzer Zeit älter und müder geworden sind und es tut mir leid um sie. Auch ich fühle mich oft am Rand meiner Kräfte. Ich freue mich auf das Wochenende wo ich mich etwas erholen kann.
*
Es war schön bei meiner Schwägerin. Alles war sich ähnlich. Das schöne Haus, ganz im englischen Stil gebaut in einem attraktiven Viertel von Stockholm mit vielen grossen Gärten und nahe zur Natur. Auch die Einrichtung war immer noch so spartanisch wie früher, sehr originell und etwas von Japan inspiriert. Nun ja, er ist Architekt und hat seine Ideen. :-) Per-Olof war alt geworden, aber nur im Aussehen denn als Person war er immer schon ”alt”. Er hat auch früher nicht so richtig an unseren Aktivitäten teilgenommen sondern meistens einen bequemen Lehnstuhl und ein gutes Buch bevorzugt. Ausserdem war er immer allergisch gegen Mücken und ging schon deswegen nicht gern hinaus. Er hat etwas englisches an sich und ich könnte ihn mir gut als Lord auf einem englischen Gut vorstellen. Ein Teil seiner Vorfahren stammen ja auch aus England. B  ist wie immer noch die stille angenehme Person von früher. Doch kann ich sehen dass ihr Kummer Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen hat. Sie hat sich in den letzten Jahren sehr in Hilforganisationen engagiert vielleicht auch ein wenig um zu vergessen.
Sie waren sich sonst ziemlich ähnlich. Man weiss, dass sie immer etwas ganz besonderes zum Dinner anbieten, etwas das sie lange und sorgfältig zubereiten. So lange, dass die Gäste manchmal, unter Vorwand ein wenig frische Luft zu holen, an eine Wurstbude schleichen und um ihren schlimmsten Hunger zu stillen.;-) Nun, dies ist ein Spass den man sich so zwischen Geschwistern und Schwägerinnen erzählt. Meistens fahren wir auch zu ihrem Sommerhaus das in den Schären liegt und übernachten dort. Aber diesmal war das Wetter nicht so gut.
Ja, es ist schön ein paar Stunden mit netten Leuten zu verbringen. Leider fehlt uns meistens die Zeit dazu.
*
Gestern hatte ich ein langes Mail von meinem Vetter Gustav der bei IBM arbeitet. Es wundert mich immer wie schön er sich ausdrücken kann. Nun war er gerade von einer Reise aus Paris zurückgekommen, wo er eine Woche mit seiner Frau verbracht hatte, und erzählte mir sehr malerisch von seinen Eindrücken. Wenn ich alle diese schönen Namen sehe dann bekomme ich fast wie Heimweh. Ich habe doch mehrere Sommer dort gelebt.

Gustav hat immer sehr intensiv gearbeitet aber vor einem Jahr hat sein Herz protestiert. Es war kein Infarkt aber trotzdem eine Warnung, dass er es etwas ruhiger nehmen sollte. Und nun schreibt er so lustig:

"Ich bin wohl ein bisschen mehr französisch geworden, da ich nicht mehr alles so ernst nehme. Ich tue was ich schaffe und manchmal lasse ich sogar Dinge liegen. Komischerweise merkt niemand einen Unterschied. Ich habe auch die Reflexion gemacht, dass die Menschen, die nicht so viel tun, mehr Zeit haben zu sagen was sie tun und deshalb als mehr arbeitsam aufgefasst werden als die, die so viel zu tun haben dass sie keine Zeit finden zum reden."

Ich glaube er hat eine sehr wichtige Entdeckung gemacht und auch ich werde versuchen manchmal "etwas liegen zu lassen".
Die Mutter von Gustav, die Schwester meiner Mutter, ist meine einzige noch lebende Verwandte aus der älteren Generation. Eigentlich sollte ich sie etwas öfter besuchen. Nicht nur um ihr einen Gefallen zu tun, (sie bittet mich immer zu kommen), sondern auch weil sie die einzige Person ist die noch erzählen kann über meine Vorfahren. Und du weisst dass ich alte Mernschen liebe. Ich bin manchmal fast neidisch auf dich weil du noch so viele ältere Familienmitglieder am Leben hast. Es ist lieb dass dich dein Vater besucht hat an deinem Geburtstag. Hoffentlich hast du ihn nicht angesteckt.
*
Ach ..., wie nett von dir dass du mich wissen lässt wer du bist. Eigentlich habe ich es schon gewusst. Ich kenne deine heimlichen Träume. Vielleicht wirst du sie auch einmal verwirklichen. Wenn du in Rente bist wirst du an einem schönen Ort irgendwo im Süden wohnen, wo die Sonne scheint. Du wirst deine Bilder malen und ab und zu wirst du mich besuchen. Denn ich werde nicht allzu weit von dir wohnen. Du hast einen schönen Traum und ein wenig erinnert er mich an die Geschichte von Kästner. Ich wäre dann gern das "schweigdsame Fräulein" das dir zuhören würde während du mein Portrait malst. Ach, mein Schatz, unser Leben ist so voll von schönen Träumen. Und sie sind ein Teil von uns und machen uns glücklich und traurig zugleich, denn wir ahnen dass sie vielleicht nie wirklich werden.
*
Ich habe noch einmal deine Beschreibung von dir durchgelesen. Also zwei ziemlich verschiedene Persönlichkeiten die sich ergänzen und zu einem spannenden ganzen werden. Ach, ich will doch garnicht dass du ein stiller langweiliger Büromensch werden sollst. Als solchen kann ich mir dich überhaupt nicht vorstellen. Ich sehe in dir alle Eigenschaften und Möglichkeiten. Ich bin hungrig nach allem was dich betrifft. Ich möchte ".. bis an deinen Rand dich denken", d.h. dir so nahe kommen wie es nur möglich ist. Und du bist mir nahe, chéri. Meine innersten Gedanken gelten immer dir. Ach, wenn du nun hier wärest, dann brauchte ich keine Worte und du würdest alles verstehen. Manchmal am Abend vor dem Einschlafen wenn ich an dich denke, bist du so nahe dass ich die Hand nach dir ausstrecken möchte.. ...

Marlena


Freitag, 4. Oktober 2019

Lektüre und Fernsehen


Liebe Malou

(---)

Ja, irgendwie habe ich den Eindruck, das Leben sei im Moment besonders monoton. Was ist los? Ist es das Wetter? Ist es die Jahreszeit? Ist es die Arbeit? Die Familie? Das Alter? Oder bin zum Schluss wieder ich ganz allein schuld? ;--))

Ich habe ein wenig Proust gelesen, nachdem Du mich mitten in sein Schlafzimmer geführt hattest. Nun, es ist nicht Proust direkt, sondern so genannte Sekundärliteratur. Ich habe vor einiger Zeit ein kleines Büchlein gefunden, das heisst „Proust für Eilige“. Genau richtig, habe ich mir gedacht, und das Ding in aller Eile gekauft. Die Autorin, eine junge „Ostdeutsche“, hat ihn offenbar eingehend gelesen und zusammengefasst. Und sie gibt ein paar lustige Ratschläge zur Lektüre. Manchmal bezieht sie sich auch auf de Botton. So siehst Du, habe ich eine Pause von meinem alten Preussen Kant gemacht. Das Buch ist ja auch unermesslich dick und langfädig. Und ist nicht mehr so neu, also ein bisschen altertümlich geschrieben, ziemlich ausführlich und nach allen Details Ausschau haltend. Ich habe in meinem Leben, na ja, sagen wir bis etwa 45 oder 50, jedes Buch ganz von vorne bis hinten gelesen. Erst in den letzten Jahren habe ich angefangen, zu üben, Bücher nur ausschnittweise zu lesen. Aber ich bin noch nicht so gewandt in dieser kleinen Kunst. Und immer, wenn ich einen kleinen Sprung gemacht habe, finde ich, ich verstünde nicht mehr richtig, weil mir alte Informationen fehlten. Aber ich glaube, das Ziel ist trotzdem löblich. Man soll wirklich selektiv lesen lernen. Man soll sich heute nicht mehr führen lassen, sondern autonom und selbständig zusammensuchen, was man brauchen kann.

So harre ich der Zeit, da die Sonne hinter dem Nebel hervorkommen wird, und da die Tauben wieder ihre Cocktailparty halten werden. Ach, gestern habe ich noch eine Filmpassage am Fernsehen angeschaut über Störche in Masuren. Das ist jenseits Königsberg, nicht wahr, schon an der Grenze zu Polen. Dort haben sie viele Störche, während sie hier ziemlich verschwunden sind. Im Elsass gibt es noch Störche, aber in der Schweiz kaum mehr. Störche - hast Du das gewusst, sind sehr zärtliche Partner. Aber sie sind nicht monogam. Sie sind ihrem Nest treu. Sie kommen jedes Jahr zurück zum alten Nest. Und sie lieben den Partner, den sie dort im Nest finden. Meist ist es natürlich der alte. Aber es kann auch ein neuer sein. Ich war fasziniert von diesen Vögeln mit den langen Schnäbeln. Sie sind dankbar zum Zeichnen. Ungerer hat sie oft dargestellt in seinen Ansichten aus dem Eslass.

So wünsche ich Dir einen schönen Tag. Und irgend eine feine Aufhellung, meteorologisch oder anders.
Mit lGuK
...

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Ungerer



Subject: Letzter freier Abend..

Lieber ...,

Irgendwo habe ich gelesen, dass Ungerer, wenn er allein in ein Restaurant geht und ein Platz neben ihm frei ist, ganz einfach einen schon verstorbenen Freund einlädt dort mit ihm zu sitzen. Und er fühlt, dass dieser dann wirklich da ist. Machst du es auch so? Oder holst du dir Leute aus Fleisch und Blut an den Tisch? Vielleicht bist du auch gern mit deinen Gedanken allein.
Hast du auch gesehen, was Ungerer über NY schreibt? Scheinbar war er ebenso verliebt in die Stadt wie du. Die Stadt muss etwas besonderes an sich haben.
...


Tomi Ungerer