Montag, 7. Oktober 2019

Nähe.. :-)


Ämne: Nähe.. :-)

Lieber ... ,

Schon wieder ist es so spät geworden bevor ich mit der Arbeit fertig bin. Ich habe eine schriftliche Prüfung konstruiert und nun fühle ich mich ziemlich leer im Kopf und muss erst wieder umschalten. :-)

Ich danke dir herzlich für deine lieben Mails. Gestern wusste ich so viel was ich dir schreiben wollte und jetzt weiss ich nicht genau wo ich anfangen soll. Ich glaube wirklich dass wir etwas überfordert sind, meine Kollegen und ich. Ich sehe wie sie in kurzer Zeit älter und müder geworden sind und es tut mir leid um sie. Auch ich fühle mich oft am Rand meiner Kräfte. Ich freue mich auf das Wochenende wo ich mich etwas erholen kann.
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Es war schön bei meiner Schwägerin. Alles war sich ähnlich. Das schöne Haus, ganz im englischen Stil gebaut in einem attraktiven Viertel von Stockholm mit vielen grossen Gärten und nahe zur Natur. Auch die Einrichtung war immer noch so spartanisch wie früher, sehr originell und etwas von Japan inspiriert. Nun ja, er ist Architekt und hat seine Ideen. :-) Per-Olof war alt geworden, aber nur im Aussehen denn als Person war er immer schon ”alt”. Er hat auch früher nicht so richtig an unseren Aktivitäten teilgenommen sondern meistens einen bequemen Lehnstuhl und ein gutes Buch bevorzugt. Ausserdem war er immer allergisch gegen Mücken und ging schon deswegen nicht gern hinaus. Er hat etwas englisches an sich und ich könnte ihn mir gut als Lord auf einem englischen Gut vorstellen. Ein Teil seiner Vorfahren stammen ja auch aus England. B  ist wie immer noch die stille angenehme Person von früher. Doch kann ich sehen dass ihr Kummer Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen hat. Sie hat sich in den letzten Jahren sehr in Hilforganisationen engagiert vielleicht auch ein wenig um zu vergessen.
Sie waren sich sonst ziemlich ähnlich. Man weiss, dass sie immer etwas ganz besonderes zum Dinner anbieten, etwas das sie lange und sorgfältig zubereiten. So lange, dass die Gäste manchmal, unter Vorwand ein wenig frische Luft zu holen, an eine Wurstbude schleichen und um ihren schlimmsten Hunger zu stillen.;-) Nun, dies ist ein Spass den man sich so zwischen Geschwistern und Schwägerinnen erzählt. Meistens fahren wir auch zu ihrem Sommerhaus das in den Schären liegt und übernachten dort. Aber diesmal war das Wetter nicht so gut.
Ja, es ist schön ein paar Stunden mit netten Leuten zu verbringen. Leider fehlt uns meistens die Zeit dazu.
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Gestern hatte ich ein langes Mail von meinem Vetter Gustav der bei IBM arbeitet. Es wundert mich immer wie schön er sich ausdrücken kann. Nun war er gerade von einer Reise aus Paris zurückgekommen, wo er eine Woche mit seiner Frau verbracht hatte, und erzählte mir sehr malerisch von seinen Eindrücken. Wenn ich alle diese schönen Namen sehe dann bekomme ich fast wie Heimweh. Ich habe doch mehrere Sommer dort gelebt.

Gustav hat immer sehr intensiv gearbeitet aber vor einem Jahr hat sein Herz protestiert. Es war kein Infarkt aber trotzdem eine Warnung, dass er es etwas ruhiger nehmen sollte. Und nun schreibt er so lustig:

"Ich bin wohl ein bisschen mehr französisch geworden, da ich nicht mehr alles so ernst nehme. Ich tue was ich schaffe und manchmal lasse ich sogar Dinge liegen. Komischerweise merkt niemand einen Unterschied. Ich habe auch die Reflexion gemacht, dass die Menschen, die nicht so viel tun, mehr Zeit haben zu sagen was sie tun und deshalb als mehr arbeitsam aufgefasst werden als die, die so viel zu tun haben dass sie keine Zeit finden zum reden."

Ich glaube er hat eine sehr wichtige Entdeckung gemacht und auch ich werde versuchen manchmal "etwas liegen zu lassen".
Die Mutter von Gustav, die Schwester meiner Mutter, ist meine einzige noch lebende Verwandte aus der älteren Generation. Eigentlich sollte ich sie etwas öfter besuchen. Nicht nur um ihr einen Gefallen zu tun, (sie bittet mich immer zu kommen), sondern auch weil sie die einzige Person ist die noch erzählen kann über meine Vorfahren. Und du weisst dass ich alte Mernschen liebe. Ich bin manchmal fast neidisch auf dich weil du noch so viele ältere Familienmitglieder am Leben hast. Es ist lieb dass dich dein Vater besucht hat an deinem Geburtstag. Hoffentlich hast du ihn nicht angesteckt.
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Ach ..., wie nett von dir dass du mich wissen lässt wer du bist. Eigentlich habe ich es schon gewusst. Ich kenne deine heimlichen Träume. Vielleicht wirst du sie auch einmal verwirklichen. Wenn du in Rente bist wirst du an einem schönen Ort irgendwo im Süden wohnen, wo die Sonne scheint. Du wirst deine Bilder malen und ab und zu wirst du mich besuchen. Denn ich werde nicht allzu weit von dir wohnen. Du hast einen schönen Traum und ein wenig erinnert er mich an die Geschichte von Kästner. Ich wäre dann gern das "schweigdsame Fräulein" das dir zuhören würde während du mein Portrait malst. Ach, mein Schatz, unser Leben ist so voll von schönen Träumen. Und sie sind ein Teil von uns und machen uns glücklich und traurig zugleich, denn wir ahnen dass sie vielleicht nie wirklich werden.
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Ich habe noch einmal deine Beschreibung von dir durchgelesen. Also zwei ziemlich verschiedene Persönlichkeiten die sich ergänzen und zu einem spannenden ganzen werden. Ach, ich will doch garnicht dass du ein stiller langweiliger Büromensch werden sollst. Als solchen kann ich mir dich überhaupt nicht vorstellen. Ich sehe in dir alle Eigenschaften und Möglichkeiten. Ich bin hungrig nach allem was dich betrifft. Ich möchte ".. bis an deinen Rand dich denken", d.h. dir so nahe kommen wie es nur möglich ist. Und du bist mir nahe, chéri. Meine innersten Gedanken gelten immer dir. Ach, wenn du nun hier wärest, dann brauchte ich keine Worte und du würdest alles verstehen. Manchmal am Abend vor dem Einschlafen wenn ich an dich denke, bist du so nahe dass ich die Hand nach dir ausstrecken möchte.. ...

Marlena


Freitag, 4. Oktober 2019

Lektüre und Fernsehen


Liebe Malou

(---)

Ja, irgendwie habe ich den Eindruck, das Leben sei im Moment besonders monoton. Was ist los? Ist es das Wetter? Ist es die Jahreszeit? Ist es die Arbeit? Die Familie? Das Alter? Oder bin zum Schluss wieder ich ganz allein schuld? ;--))

Ich habe ein wenig Proust gelesen, nachdem Du mich mitten in sein Schlafzimmer geführt hattest. Nun, es ist nicht Proust direkt, sondern so genannte Sekundärliteratur. Ich habe vor einiger Zeit ein kleines Büchlein gefunden, das heisst „Proust für Eilige“. Genau richtig, habe ich mir gedacht, und das Ding in aller Eile gekauft. Die Autorin, eine junge „Ostdeutsche“, hat ihn offenbar eingehend gelesen und zusammengefasst. Und sie gibt ein paar lustige Ratschläge zur Lektüre. Manchmal bezieht sie sich auch auf de Botton. So siehst Du, habe ich eine Pause von meinem alten Preussen Kant gemacht. Das Buch ist ja auch unermesslich dick und langfädig. Und ist nicht mehr so neu, also ein bisschen altertümlich geschrieben, ziemlich ausführlich und nach allen Details Ausschau haltend. Ich habe in meinem Leben, na ja, sagen wir bis etwa 45 oder 50, jedes Buch ganz von vorne bis hinten gelesen. Erst in den letzten Jahren habe ich angefangen, zu üben, Bücher nur ausschnittweise zu lesen. Aber ich bin noch nicht so gewandt in dieser kleinen Kunst. Und immer, wenn ich einen kleinen Sprung gemacht habe, finde ich, ich verstünde nicht mehr richtig, weil mir alte Informationen fehlten. Aber ich glaube, das Ziel ist trotzdem löblich. Man soll wirklich selektiv lesen lernen. Man soll sich heute nicht mehr führen lassen, sondern autonom und selbständig zusammensuchen, was man brauchen kann.

So harre ich der Zeit, da die Sonne hinter dem Nebel hervorkommen wird, und da die Tauben wieder ihre Cocktailparty halten werden. Ach, gestern habe ich noch eine Filmpassage am Fernsehen angeschaut über Störche in Masuren. Das ist jenseits Königsberg, nicht wahr, schon an der Grenze zu Polen. Dort haben sie viele Störche, während sie hier ziemlich verschwunden sind. Im Elsass gibt es noch Störche, aber in der Schweiz kaum mehr. Störche - hast Du das gewusst, sind sehr zärtliche Partner. Aber sie sind nicht monogam. Sie sind ihrem Nest treu. Sie kommen jedes Jahr zurück zum alten Nest. Und sie lieben den Partner, den sie dort im Nest finden. Meist ist es natürlich der alte. Aber es kann auch ein neuer sein. Ich war fasziniert von diesen Vögeln mit den langen Schnäbeln. Sie sind dankbar zum Zeichnen. Ungerer hat sie oft dargestellt in seinen Ansichten aus dem Eslass.

So wünsche ich Dir einen schönen Tag. Und irgend eine feine Aufhellung, meteorologisch oder anders.
Mit lGuK
...

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Ungerer



Subject: Letzter freier Abend..

Lieber ...,

Irgendwo habe ich gelesen, dass Ungerer, wenn er allein in ein Restaurant geht und ein Platz neben ihm frei ist, ganz einfach einen schon verstorbenen Freund einlädt dort mit ihm zu sitzen. Und er fühlt, dass dieser dann wirklich da ist. Machst du es auch so? Oder holst du dir Leute aus Fleisch und Blut an den Tisch? Vielleicht bist du auch gern mit deinen Gedanken allein.
Hast du auch gesehen, was Ungerer über NY schreibt? Scheinbar war er ebenso verliebt in die Stadt wie du. Die Stadt muss etwas besonderes an sich haben.
...


Tomi Ungerer

Sonntag, 22. September 2019

Re: Last call


Ämne: As usual..
Datum: den 12 maj 23:17


Lieber ...,

Danke dass du mir noch ein paar Zeilen geschrieben hast. Ja, ich spüre dass du weit weg bist, eben weil ich nicht weiss ob du meine Mails erhalten kannst. Aber ich schreibe dir trotzdem.

Heute früh bin ich um 5 Uhr aufgewacht und habe mir vorgestellt dass du nun vielleicht gerade in Teheran gelandet bist. Erst wollte ich mir das Buch "Nicht ohne meine Tochter" hervornehmen und nochmals das Kapitel lesen wo sie am Flugplatz in Teheran ankommen. Aber das Buch liegt am "Nordpol", wie du es nennst und so musste ich mich mit meiner Erinnerung daran begnügen. Vielleicht seid ihr auch von vielen lauten Menschen abgeholt worden - aber so früh am Morgen? Und du bist der Mittelpunkt.. das weiss ich.. und alle werden dich so sehr belagern und beanspruchen dass dir vielleicht nicht einmal Zeit für einen Gedanken in den hohen Norden übrig bleibt. Dafür denke ich um so mehr an dich. Habe gerade im CNN weather gesehen dass es heute in Basel nur 11 Grad war und in Teheran 27. Du armer! Aber morgen wird es etwas kühler dort.. nur 23 Grad.
Wir haben wunderschönes Sommerwetter gehabt (23 Grad hier bei uns) bis heute Nachmittag. Da kam ein grosses Gewitter, ein wahrer Wolkenbruch. Mehrere nach einander sogar. Ich hatte einen meterhohen Stapel mit Papieren auf die eingeglaste Terrasse unserer Nachbarn getragen. Dort steht ein grosser leerer Tisch auf dem man ganz vortrefflich Papiere sortieren kann und gleichzeitig das Gefühlt hat draussen in der Natur zu sein. Ach, ich hab vergessen zu sagen dass wir das Haus betreuen während sie für eine Woche mit ihrer Tanzgruppe in Deutschland sind.
Und bei dieser unangenehmen Pflicht (die Papiere also) habe ich zum Glück ein paar alte Mails gefunden die ich ausgeschrieben hatte und so warst du doch gegenwärtig. U.a das Mail wo du mir ganz vorsichtig deine kleine Statur verrätst. Ich muss immer lachen wenn ich das lese. Es ist ganz outstanding..!!! Ach wie sehr ich deinen Witz vermisse!
Übrigens kann ich dir verraten dass es in Liestal geregnet hat. Heute Abend um 21.00 Uhr hab ich hingeschaut. Es war schon ganz dunkel und die Lichter haben sich in der nassen Strasse gespiegelt. Bei uns war es um die Zeit noch hell wie am Tag.

Ich muss ins Bett. Habe morgen viel zu tun, u.a. ein paar mündliche Abschlussprüfungen in Französisch. Aber das klingt sicher schlimmer als es ist.
Ich vermisse schon jetzt deine Mails (=dich).. Schick ein kleines Lebenszeichen wenn es möglich ist.
So wünsche ich dir noch einen richtig guten Aufenthalt. Geniesse auch ein wenig für mich. :-)

In Gedanken bei dir,
Marlena

Kennst du ihn, diesen Schlager? "People always stop and stare, I guess they just don't see you there, don't they know you'll always be right here, as usual."
(hier)


Samstag, 21. September 2019

Gestern



Besuch in Göteborg

Last call


Liebe Marlena
Merci für Dein Mail. Schön, dass Du auch den Nachtigallen
lauschst. Amseln gibt es bei uns viele, und sie suchen sich
beim Regen im Rasen die allerfettesten Würmer heraus.
Wenn ich Dir jetzt sage, dass ich noch nicht gepackt habe, 
glaubst Du das sicherlich nicht. Allerdings muss ich nur
Kleinigkeiten packen, so wieSonnencreme, Lektüre,
Nagelschere und solche Dinge. Für Kleider hat sich S bereit
erklärt. Du siehst, das ist eine gefährliche Organisation,
denn was geschieht mit den Dingen in der Grauzone
zwischen Kleidern und Kleinigkeiten? Wir vergessen 
sie natürlich!

Wir fahren um 17h hier mit der Eisenbahn ab, checken
in Basel ein und sollten - inshallah - morgens um 5h in
Teheran ankommen. Ich weiss schon wie das dort riechen
wird, diese  lauwarme Nachtluft im Flughafengebäude.
Das mag ich nicht besonders. Und all diese schwarzen
Pinguine. Ach, wir werden sehen.
Ja, vielleicht ist komisch, dass ich nie von dieser Reise
gesprochen habe. Ich glaube, ich habe sie selbst mehr oder
weniger ausgeblendet und werde jetzt davon überrascht.

Wenn Du Mails schickst, dann bitte nicht an diese Adresse
hier. Sie ist während meiner Abwesenheit gesperrt. Aber
die andere empfängt Dich mit offenen Armen. Ich wünsche
Dir und Deiner Familie eine gute Zeit. Und ich hoffe, wir
haben im Mai noch Zeit, bevor Du in den Nordpol fährst.
Gruss
...


Mittwoch, 18. September 2019

Re: Küchengeflüster



Klosterkirche in Vadstena

Ämne: Re: Küchengeflüster

Lieber ...,
Du darfst nicht übertreiben. So "glücklich" über die neue Küche bin ich nun doch nicht. Aber ein Ofen, auf den man sich verlassen kann, d.h. der warm wird und sich auch abkühlt wenn man so will, ist schon eine gute Sache. Über die Microwelle amüsiere ich mich nur. Sie steht wirklich da und sieht schön aus. Hat also bisher fast keine Funktion in meinem Leben.
Freude habe ich dagegen an der Aussicht vom Fenster hier. Wenn die Sonne so all das grün beleuchtet, sieht es himmlisch schön aus.
*
Ach? S will dass du nach NY fährst? Das erstaunt mich. Sie möchte also 14 Tage frei haben? ;-)
Wenn ich S wäre würde ich mitfahren. Dich würde ich nicht allein weg lassen.. *s*
*
Ja, lustig, wie du von diesem Paar erzählst. Eigentlich zeugt das ganze ein wenig von schlechtem Benehmen ihrerseits. Auch wenn sie sich seiner schämt, sollte sie dir mit stolzen Worten (es braucht manchmal ein wenig Schauspielerkunst dazu) ihren Mann vorstellen. Wie soll er anders sein können, wenn sie ihn so behandelt?
*
Jetzt muss ich mich schon etwas beeilen. In einer Weile fahren wir los nach Vadstena. Das wunderschöne kleine Städchen am Vättern mit seinem Birgittakloster. Ich freue mich es wiederzusehen.
Ich wünsche dir einen schönen Tag und alles was damit zusammenhängt,
Marlena