Montag, 13. August 2018
Trübsal
Liebe Marlena
Das schöne Bauernhaus mit den vier oder fünf öööö deinerseits war eine
Verlegenheitslösung. Ich habe es hier in meinen vielen Ordnern und Kisten
und Schränken gefunden, um dann zu probieren, ob ich es direkt in den
fotofolder schicken kann. Es ist dann ja schon etwas gross erhausgekommen,
nicht wahr. Ich glaube, mein Bruder hat mir das Bild einmal geschickt. Das
Haus muss im Kanton Bern stehen. Aber so ganz sicher bin ich mir da nicht.
Ich meine bloss, diese Art der Terassen und des Dachhimmels gebe es vor
allem im Kanton Bern.
*
Du setzt mir die Pistole an die Brust? Du bedrängst mich richtig! Und das
alles nur, damit ich mich dazu entschliesse, Naipaul zu lesen. Na ja, meine
liebe Marlena, Du solltest doch mit mir Geduld haben. Ich kann es Dir
überhaupt nicht versprechen. Aber ich will es auch nicht ausschliessen. Das
Problem dabei ist vielleicht schon, dass der Nobelpreis Deine Empfehlung
übertönt. Wenn Du mir diesen Schriftsteller als Geheimtipp angegeben
hättest, dann wäre ich sicherlich schon mitten im Buch. Aber so, mit einem
Nobelpreis, das heisst ja doch, Tausende und Tausende von Leuten sind im
Moment daran, diesen Naipaul zu lesen. Das ist einfach keine Vorstellung,
die mich beflügelt. Aber die Idee, bei ihm mal nachzulesen, was er über den
Islam gesagt hat, die hatte ich auch schon.
*
Gerade schaue ich aus dem Fenster und bin erstaunt, ...
Sonntag, 12. August 2018
V.S. Naipaul
Ein Kosmopolit zwischen allen Stühlen
V.S.Naipaul/ Der Literatur-Nobelpreisträger des vergangenen Jahres feiert
morgen seinen 70. Geburtstag. Der in Trinidad geborene Schriftsteller lebt
seit 1953 in England. Seine weiten Reisen liefern ihm Material für seine
Bücher.
Von Hana Goodhart
London. Der britische Schriftsteller V.S. Naipaul wird von Literaturkennern
und Millionen Lesern hoch geschätzt, aber von kaum jemandem wirklich
geliebt. Morgen wird der Nobelbreisträger 70 Jahre alt.
Ob mit Frauen oder Schwulen, mit Moslems oder der britischen
labour-Regierung und gar mit anderen Schriftstellern - der Nobelpreisträger
des vergangenen Jahres hat es sich in seinem Leben schon ziemlich mit allen
verdorben. Er wird schnell verletzend, ist unbeherrscht und duldet keinen
Widerspruch. Viel Feind, viel Ehr, scheint sein Motto zu sein.
Viele Schriftsteller bezeichnen sich als kosmopolitisch, Naipaul ist es
wirklich. Geboren wurde er auf Trinidad als Nachfahre indischer Einwanderer
in einer multikulturellen Umgebung. Mit 18 Jahren erhielt er ein Stipendium
für Oxford, wo er 1953 sein Examen ablegte. Seitdem lebt er in England,
verbringt aber einen grossen Teil seiner Zeit mit Reisen in Asien, Afrika
und Amerika. Aus diesen Reisen sind die meisten seiner Werke hervorgegangen.
In der Nachfolge seines Debütswerks "Der mystische Masseur" (1957) wurde
"Ein Haus für Mr. Biswas" (1961) der erste grosse Bucherfolg des Autors.
Darin mischt er in einer für ihn typischen Weise Autobiografisches und
Dokumentarisches mit Fiktionalem, gestaltete die Hauptfigur nach seinem
Vater.
Einer der schärfsten Kritiker des heutigen Islams
In seinen zahlreichen Büchern befasst sich Naipaul immer wieder mit der
zerstörerischen Wirkung des Kolonialismus, so in "Gueruillas" (1975) und "An
der Biegung des grossen Flusses" (1979). Als er in diesem Jahr allerdings in
Neu Delhi an einer Podiumsdiskussion teilnahm und dort indische Autoren die
Folgen des Kolonialismus beklagten, fuhr der Autor aus der Haut. "Das ist
alles 50 Jahre her. Ueber welchen Kolonialismus reden Sie?", fragte er
erregt. Schriftstellerinnen, die über die Unterdrückung von Frauen
gesprochen hatten, herrschte er an: "Wenn ich das Wort Unterdrückung schon
höre! Banalität irritiert mich."
Naipaul ist auch einer der schärfsten Kritiker des Islams, den er oft mit
dem Kolonialismus vergleicht. Heute seien es die Moslems, die versuchten,
andere Kulturen zu versklaven und auszulöschen.
"Um zum Islam konvertieren zu können, muss man seine Vergangenheit, seine
Geschichte zerstören. Diese Abschaffung des Ich, die die Moslems verlangen,
ist schlimmer als die Vernichtung der kulturellen Identität durch den
Kolonialismus - viel, viel schlimmer ", meint der Schriftsteller.
Trotz der stark gesellschaftskritischen Ausrichtung seiner Bücher sagt
Naipaul von sich, es gebe keinen politischen Leitgedanken, an dem er sich
orientiere. Er habe sich immer allein von der Intuition lenken lassen. Er
beobachte und registriere, versuche aber nie, seine Erfahrungen in ein
vorgefasstes Weltbild einzuordnen.
"Sie dürfen nicht versuchen, einen Sinn zu erfinden", betont er, "wenn Sie
es hrausputzen, entstellen Sie es." Als ihn ein Leser einmal fragte, was er
mit seiner Schriftstellerei bezwecke, antwortete er: "Meine Absicht ist es,
Bücher zu schreiben".
Liebe Marlena
Das also ist jener Typ, den Du mir wiederholt so warm empfohlen hast! Und
dazu gab es hier in der Regionalzeitung auch noch ein Bild von diesem Typen.
Er sieht auch nicht besonders appetittlich aus. So, wie sein Charakter oben
beschrieben worden ist, so sieht er aus. Ich würde mit ihm als Clochard nur
sehr ungerne den Brückenbogen teilen. Ich würde ihm kaum mein Sackmesser
leihen. Ich würde ihn nicht aus meiner Flasche trinken lassen. Gut,
vielleicht würde ich angesichts eines Hungers mein Brötchen halbieren. Aber
wohl eher, um ihn zu besänftigen denn aus Sympathie zu diesem Typen. Das
einzige, was mich an seiner Biographie imponiert ist die Tatsache, dass er
in Oxford studiert hat. Mit einem Stipendium, wohlgemerkt. Also muss er
mindestens in jungen Jahren ziemlich begabt gewesen sein. Heute brilliert er
mit ausgesuchter Arroganz. Und das ist doch keine britische Eigenart!
Aber vielleicht hast Du trotzdem recht, Marlena, wenn Du seine Bücher lobst.
Man soll ja die Person des Autors nicht mit dem Buch vermischen. Auch wenn
es realiter ein solches Gemisch darstellt. Ich werde also Deinen Tipp
nochmals überschlafen, wie ich doch so vieles in meinem Leben über- manchmal
sogar verschlafe.
*
Ich habe in meiner Bibliothek eine Biographie über Stendhal gefunden. Das
ist ein unbekannter Autor. Und dass ich auf Stendhal komme, hängt mit der
Biographie über Nietzsche zusammen, die ich soeben gelesen habe. Offenbar
war Nietzsche ein begeisterter Stendhal-Leser und lobte ihn über Massen. Und
wenn ich Nietzsche lese, muss ich doch sehr annehmen, dass er einen Sinn für
Qualitäten hat. Also Stendhal. Im Grunde genommen hatte ich allerdings in
meinen Bücherschränken in der kleinen Wohnung nebenan nach einem kleinen
Taschenbuch von Annemarie Schwarzenbach gesucht. Sie ist gerade daran, in
der Schweiz entdeckt zu werden. Schwarzenbach war eine Journalistin und
Schriftstellerin aus reichem Hause, war eng befreundet mit den Mann
Geschwistern, in Erika sogar verliebt, und reiste anfang letzten
Jahrhunderts mit einer Genfer Journalistin in den Iran und nach Afghanistan.
Sie hat - hör mal an - in Teheran geheiratet. Allerdings tat sie es mit
einem Diplomaten aus der französischen Botschaft, der offenbar schwul war.
Doch bei den Manns lernte sie vor allem die Heroinsucht und war Zeit ihres
Lebens nicht mehr davon gekommen. Sie hatte sich längst mit ihrer Familie
überworfen, nun war sie abgeschrieben. Aber sie hatte natürlich noch Geld
von ihnen und fuhr mit einem riesigen Cabriolet auf schütteren Schweizer und
europäischen Strassen herum. Sie starb an einem Sturz vom Velo in Sils. Das
ist akkurat jenes Sils, in dem Nietzsche mit seinem Zarathustra rechtete und
die Welt auf die Rundbahn der ewigen Wiederkehr schickte und über dessen
Licht ich eine Kurzgeschichte zu schreiben versprochen habe. Vor einigen
Jahren hatte ich ein Büchlein von Schwarzenbach zufällig in einer
Buchhandlung gefunden und gekauft. Und jetzt, so dachte ich mir, könnte ich
es endlich lesen. Aber ich finde es bei Gott nicht mehr.
Du musst wissen, dass ich bei meinen Dingen immer wieder in dasselbe Dilemma
gerate. Ich suche zuhause, nestle ein wenig in meinen Dingen herum, um
schnell zur Ueberzeugung zu kommen, dass ich das Ding (meist sind es Bücher)
wohl im Büro auf dem grossen Gestell habe. Also suche ich am nächsten Tag im
Büro, um wiederum in Relativ grosser Eile zum Schluss komme, dass ich
vielleicht doch besser zuhause etwas genauer suchen sollte. Wie muss man
sich ein solch unökonomisches Verhalten erklären? Ich glaube, ich suche so,
wie man suchen würde, wenn man nur einen Raum absuchte. Erst sucht man
oberflächlich, weil man denkt, man fände das Gesuchte schon irgendwie. Erst
wenn das nicht gelingt, schaltet man sozusagen einen Gang höher und sucht
intensiver, öffnet jetzt schon Truhen, schaut bei Büchern, die in der
zweiten Reihe stehen und so fort. Und dann gibt es wohl bei den meisten
Menschen noch einen dritten Gang, wenn sie schimpfend und säufzend alles
ausräumen, um es dreimal zu drehen und wieder hineinzustellen. Ökonomisch
wäre in meiner Situation also, wenn ich bei der Suche gleich mit dem zweiten
Gang anfangen würde, Oder ich sollte am 2. Ort nach einiger Zeit gleich in
den 2. Gang schalten. Ach, Du weißt bestimmt, was ich meine. Aber ich finde
das Buch trotz meiner 6 Gänge einfach nicht und nirgendwo!
Aber Bücher zu suchen hat auch seinen Reiz. Meist findet man alte Bekannte,
treue Seelen und da und dort leicht vergilbte Unbekannte, die man dann
schnell wieder identifiziert und vielleicht dieses Mal Feuer fängt. Bei der
Suche habe ich auch einige kleine Bände von Sempé wiedergefunden. Du kennst
doch Sempé. Er ist mein Lieblingszeichner lange gewesen. Ich glaube, wenn
ich mir nicht sehr Mühe gebe, ähneln sich meine Figuren, die ich zeichne,
allzu sehr den Sempé Figuren, all den kleinen Figuren, die vor den
Pariserkulissen dahineilen und ihr Glück suchen. Ich habe soeben eine kleine
Würdigung in der NZZ gelesen. Ich schick sie Dir. Sempé darf man nicht
verpassen. Er ist ein Philosoph des Alltags und vor allem des französischen
Alltags.
Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende
Mit einem lieben Gruss
...
Mittwoch, 8. August 2018
Montag, 6. August 2018
Mittwoch, 1. August 2018
Vielleicht
Vielleicht
Erinnern
Das ist
vielleicht
die qualvollste Art
des Vergessens
und vielleicht
die freundlichste Art
der Linderung
dieser Qual
Das ist
vielleicht
die qualvollste Art
des Vergessens
und vielleicht
die freundlichste Art
der Linderung
dieser Qual
[Erich Fried]
Sonntag, 1. Juli 2018
zum Abschied
Datum: den 4 juli
Lieber ...,
Habe soeben deine lieben Mails gefunden. Ich dachte schon du bist gefahren ohne dich zu verabschieden. Ich habe auch gedacht dass dich der Arzt vielleicht garnicht jetzt fahren lässt.. Ja, so viele Gedanken habe ich mir gemacht.. und ganz falsch waren sie nicht. Und noch einmal hast du leiden müssen, du Armer. Nun hoffe ich aber, dass du bald wieder der alte bist, voll von Energie und Tatendrang.
Heute war hier ein ganz schrecklich heisser Tag und alle unsere Sonnenstühle stehen im Schatten unter den Obstbäumen. Hier oben im zweiten Stock habe ich im Moment 30 Grad warm und ich fühle mich fast wie in der Hölle.. oder sagen wir im Fegefeuer.. Die Wetterkarte sagt dass es Samstag und Sonntag oben in Kalix regnen wird und deshalb haben wir uns auf Ankunft Montag eingerichtet. Übrigens warten die Leute dort oben schon immer auf unsere Ankunft. Sie sagen dass wir mit dem schönen Wetter kommen.
Ja, ich werde es geniessen. Wir wohnen wirklich ganz in der Natur allein zwischen zwei kleinen Dörfern. Und es ist so schön dass man es schon mehrmals in Touristenbroschüren abgebildet hatte (unseren Strand also). Und heute bei diesem Wetter sehne ich mich sehr nach der frischen Luft dort oben. Ich glaube sie konserviert auch. ;-) Und an dich denken werde ich. Das tue ich doch immer. :-)
Ich glaube ich muss mich mit diesem Mail etwas beeilen damit du es noch vor deiner Abreise bekommst.
So wünsche ich euch allen eine schöne Zeit und ruh dich gut aus. Und ich wünsche dir auch viele nette Stunden in froher Gesellschaft. Ach, ich glaube ich muss mich nicht ängstigen. Man wird dich sicher sehr verwöhnen. Vergiss mich nicht...
Mit einem lieben Abschiedskuss
Marlena
PS
Ämne: adieu ma chère
Datum: den 4 juli
---
Ich bin jetzt plötzlich ein wenig unter Zeitdruck. Und ich
weiss gar nicht, ob ich morgen nochmals zu einem Mail
komme. Falls ich Dich nicht mehr höre, oder sehe, oder
wie sagt man das, dann wünsche ich Dir einen schönen
Sommer im Norden Schwedens. Ich stelle ihn mir sehr
ruhig und mild und in voller Natur vor. Ich erinnre mich
noch gut an die Fotos, die Du mir gezeigt hast.
Hab eine gute Zeit und pass auf Dich und Deine Familie
auf. Ich weiss, dass Du voller Energie und Erdwärme
wieder zurück nach Stockholm kommen wirst.
Mach es gut, Marlena, und denk an mich.
Mit einem schönen Abschiedskuss
...
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