Montag, 26. März 2018
Re: samstags
Ämne: Re: samstags
Datum: den 30 augusti 17:03
Liebe Marlena
Im Moment kaempfe ich immer noch mit meiner Erkaeltung. Ich habe gestern 4 Tabletten Alka Seltzer plus Cold mit Wasser hinuntergespielt. Und immerhin 12 Stunden geschlafen. Im Moment schwitze ich wie ein Pferd. Aber es ist ein bisschen besser. Ich war am Abend zuhause geblieben, waehrend meine Freunde an den Brooklyn Carneval gegangen sind. Es scheint, dass dies ein Ereignis ist, auf das sie ein ganzes Jahr warten. Sie waren ganz elektrisiert. Und offenbar gibt es Millionen anderer Menschen, die odrthin gehen, um die karibische Musik zu hoeren und den Umzug zu sehen.
Am Abend konnte ich der Flurnachbarin im Fenster zuschauen, wie sie am Kuechenlavabo ihre Haare waescht. Sie lebt dort wirklich in einfachen Verhaeltnissen. Aber offenbar pflegt sie sich ein bisschen auf das Wochenende hin. Das ist doch ein gutes Zeichen. Ich glaube nicht, dass sie oft ihre Raeume verlaesst. Gestern, als ich heimkam, habe ich durch die offene Tuere gesehen, wie sie am Tisch sass, das Telefon zwischen Ohr und Schulter eingeeklemmt. Sie hat irgendwas genestelt und gleichzeitig telefoniert. Die Amis sind ueberhaupt Weltmeister darin, Dinge gleichzeitig zu tun. Multiasking wuerde das in der Computersprache heissen. Im Kurs ist mit immer wieder aufgefallen, wie die Leute gleichzeitig essen und zuhoeren, trinken mitten im Kurs. Auf der Strasse haben sie ihre Kartonbecher in der Hand und trinken ihren Kaffee, waehrend sie gehen. Ich weiss nicht, ich mag das nicht so besonders. Es wirkt so kindlich. Und morgens sieht man jede Menge Frauen, die ins Buero gehen - so nehme ich an - und schon einen Becher und irgendwas eingewickelt mit sich tragen. Offensichtlich nehmen sie das Fruehstueck mit ins Buero. Aber sie rennen nicht so wie wir Schweizer. Sie haben einen gemaechlich speditiven Gang. Auch der Verkehr ist ruhig und korrekt, und niemand scheint gereizt zu sein. Das wirkt ein bisschen englisch auf mich, so aehnlich wie das korrekte Schlangestehen im Lebensmittelladen.
C, die Aerztin, hat mir erzaehlt, dass sie auf dem Empire State Building gewesen sei. Man muesste offenbar ungefaehr eine Stunde dafuer reservieren. Sie war auch in der Freiheitsstatue. Sie war wirklich voll auf Trab, wie wir sagen, und abends ging sie in Musicals und Cabarets. Am lustigsten fand ich, dass sie die Inlineskates mitgenommen hatte und damit den Central Park auf Raedern angeschaut hat. Auch sie hat bestatetigt, dass ihr alle Leute davon abgeraten hatten, sie mitzunehmen. So war es ja auch bei mir gewesen. Na ja, sie ist auch ein paar Jaehrchen juenger als ich. Aber ich muss sagen, man koennte wirklich den ganzen Broadway herunterfahren auf diesen Rollschuhen. Es waere moeglich. Nur Times Square waere etwas umstaendlich, weil dort viel Verkehr zusammenkommt. Aber man sollte kein blutiger Anfaenger sein, fuer ein solch gewachtes Unternehmen. Und wenn man einen Unfall verursachte, ist man in Amerika bestimmt ein armer Mann. Sie gehen hier ja konsequent und hart nach dem Verursacherprinzip. Ich habe in der U-Bahnstation Union Square eine kleine Szene gesehen. Eine junge Frau war in Eile und rannte irgendwo in Richtung eines Gehsteiges. Und so trat sie in ihrem Tempo einer anderen, auch juengeren Frau hinten auf eine Sandale. Viele tragen hier diese Plastiksandalen, die wir bloss an die Beach mitnehmen, die einzig zwischen grosser und zweiter Zehe fixiert sind. Und so war offenbar diese Fixierung gerissen. Die Verursacherin, eine huebsche junge Frau, schaute ganz schuldbewusst in die Welt und nahm, nach einer kurzen Diskussion, ihren Geldbeutel hervor und hat der anderen offenbar fuer den Schaden bezahlt. Das fand ich doch bemerkenswert. In der Schweiz wuerde man mit einem solchen Schaden allein gelassen. Na ja, die Leute wuerden denken, dass du bessere Schuhe tragen solltest. Oder sie wuerden sagen, das sei eben Pech gewesen. Das ist doch eine bemerkenswerte Szene und ein Zeichen, dass die Leute ihre Verantwortung uebernehmen.
Und jetzt muss ich doch aufhoeren. Ich muss zusehen, ob ich irgendwie meinen Flug bestaetigen kann. Und dann werde ich = Erkaeltung hin oder her = mich noch ein bisschen auf die Socken machen.
Ich wuensche Dir ein schoenes Fest heute und ein gutes Wochenende
Mit lieben Gruessen
...
Samstag zu früher Morgenstund..
Ämne: Samstag zu früher Morgenstund..
Datum: den 30 augusti 06:46
Lieber ...,
Schau dir das mal an. Die Uhrzeit meine ich. Schon um 6 Uhr früh bin ich aufgestanden um nach einem Mail von dir zu schauen.
Ach, wie schade, dass du eine Erkältung hast. In Gedanken eile ich zu deinem Bett mit einem warmen Tee mit Honig und auch etwas Cognac drin. Hoffentlich hast du auch selbst etwas vorbeugen können. Ist ja doch gut, dass es nicht am Anfang deiner NY-Zeit passiert ist. Du hast die Tage sehr gut ausgenützt und mit viel Erlebnissen gefüllt. Ich glaube sogar, du hattest dir das ganze vorher nicht so fantastisch vorgestellt, wie es war. Und ich geniesse wieder in vollen Züge deine Schilderungen. Ein Fremdenführer, voll mit kleinen persönlichen Betrachtungen, die das ganze so lebendig machen, dass ich ganz dabei sein kann. Es ist ganz einfach herrlich!
*
Ja doch, unser kleiner "nimmt sich" wie wir hier sagen würden.
-1.7 47.8 47.9 ABB Ltd 47.8 Er ist tüchtig gewachsen seit ich für 39 gekauft habe. Mehr als 20 %. Und ich habe sie nur wegen dir gekauft. Sende dir einen dankbaren Gedanken.
*
Heute um 11.00 Uhr hole ich Anna vom Bahnhof ab. Es ist das erste mal seit mehreren Wochen, dass ich sie habe nach Hause locken können. Sie ist froh, denn sie hat die Prüfungen neulich gut bestanden. Mit so viel Willen und Energie schafft man auch das Unmögliche, scheint es mir.
Heute abend werden wir ein kleines Krebsfest hier machen. Und K hat sich schon eine Menge gute Speisen ausgedacht mit denen er sie verwöhnen und mästen wird. Ich habe einige eingefroren, die sie dann mitnehmen kann.
Es ist bewölkt.. Hoffentlich regnet es nicht heute. Wir wollten auch eine kleine Tour in den Wald machen um noch ein wenig lingon (Preiselbeeren) zu pflücken. Du weisst schon, diese wertvollen Beeren, die dich von innen konservieren und jung halten. *s* Wird bald notwendig..
Ich schicke dies nun ab, denn man hört sicher dass ich hier schreibe.
Ich umarme dich und küsse dich, mein geliebter Mausfreund.
Werd bald wieder ganz gesund.
Marlena
Sonntag, 25. März 2018
2. Service
Ämne: 2. Service
Datum: den 30 augusti 03:55
Liebe Marlena
hast Du bemerkt, wie unser ABBaby in diesen 14 Tagen gewachsen ist. Ist ja irre. Ich habe jetzt lange nicht mehr in die Kursliste geschaut. Normalerweise schaue ich morgens rasch via NZZ. Ich hoffe, der kleine wird nicht adipoes, ich meine auf Deutsch "zu dick". Das mag ich nicht. Aber normalerweise schnellen die Kurse hinauf und sinken dann wieder. Das geschieht, soviel ich verstehe, durch die groessen Haendler, die nicht an der Aktie, sondern nur am Gewinn interessiert sind. Sie kaufen viel aufs Mal, lassen die Aktie steigen, und springen dann nach ein paar Prozent wieder ab. Du siehst, es ist gefaehrlich, die Aktien sosehr als Baby zu personalisieren. Vielleicht bringst Du es dann nicht im rechten Moment uebers Herz, sie wieder abzustossen. Waere ja purer Kindsmord.
Aber Du must zugeben, sie sind tuechtig gesprungen in den letzten Tagen. Und auch die anderen laufen nicht so schlecht.
Morgen werde ich wieder mal in die Zeitung hineinschauen. Ich habe nur heute rasch von einem grossen Bombenanschlag in Nadjaf gehoert. Das ist vielleicht der irakische Widerstand, der die Leute gegen die Amerikaner aufhetzen will? Diese Brutalitaet waere ihm zuzutrauen. In diesem Durcheinander versteht keiner mehr, was los ist.
Jetzt gehe ich ins Bett. Ich muss meine beginnende Erkaeltung kurieren. Sonst bin ich bis Sonntag Abend hier zuhause. Das waere schade.
Ich wuensche Dir einen schoenen Samstag.
Mit lieben gruessen und Kuessen
...
Guten Morgen
Ämne: Guten Morgen
Datum: den 30 augusti 01:38
Liebe Marlena
Jetzt ist der Kurs vorueber und - Du wirst staunen - ich habe ihn bestanden. Es gibt ein schoenes Zertifikat des Institutes hier in New York. Allein das ist eine Reise wert. Und wie es nach einem Kurs so ist, alle sind ein bisschen aufgeweicht und versprechen sich ewige Liebe und Freundschaft. Na ja, es hatte ein paar nette Leute, und frueher oder spaeter werde ich mit einigen per Mail Kontakt aufnehmen. Aber ich kann meinen Adressenkreis nicht beliebig erweitern. Meine Kapazitaeten kommen langsam an ihre Grenzen.
Der letzte Tag war gefuellt mit Uebungen. Und es ist interessant, wie man in diese Art von Sprache hineingeraet, die automatisch in die Trance fuehrt. Natuerlich kann man bei diesen Leuten, die hier waren, im Moment mit den Fingern schnalzen, und alle sind weg. Na ja, sie sind nicht weg, sie sind in Trance. Sie sind es so gewohnt. Aber das aendert sich in den naechsten zwei oder drei Wochen.
Heute habe ich irgendwie eine kleine Erkaeltung. Ich weiss nicht, woher sie stammt. Gestern war es keineswegs kalt. Es gab ein MTW Konzert in Rockefeller Center. Und wir haben gesehen, wie die Saenger eingefahren s Du weisst sicherlich, wie das ist. Ich kann mich erinnern, dass ich sowas erstmals im den 70er Jahren in England am Fernsehen gesehen habe. Die Stars waren die Beatles und die Rolling Stones. Soviele junge Leute hatte man vorher in der Geschichte wohl niemals gesehen Und das Fernsehen zeigte sie in den Hauptnachrichten, die vielen jungen Maedchen, die kreischten, ausser sich waren, die Fassung verloren und manchmal ohnmaechtig hinsanken. Ich erinnere mich, wie sehr ich sprachlos war, und wie sehr ich auch das Gefuehl hatte, ich gehoere zu dieser Jugend. Es war schoen damals, jung zu sein. Und es gab eine Aufbruchstimmung ueber die Musik, die die alten ueberhaupt nicht verstanden. Es war sozusagen ein Angriff der Jugend von hinten. Aber weil es soviele Leute gab, konnte man nichts sehen. Auch die einzelnen, die ihre Digitalkamera in die Hoehe hielten, um im Display etwas zu sehen, auch das half nichts. So sind wir im Kaufhaus in den 4.Stock gefahren und haben heruntergeschaut. Da konnte man - von weitem - ein bisschen was sehen. Dann sind wir ueber Times Square zurueckgekehrt. Dort sind die Theater, wo die vielen Musicals laufen. Aber ich habe mich nicht entschliessen koennen, in ein Musical zu sitzten. Mit der W bin ich dann zurueckgekehrt und habe mein Pensum geschrieben.
Ich habe gestern auch erstmals ein Sandwich gegessen, Corned Beef Sandwich, wenn ich mich nicht irre. Das war eine ganze Platte mit viel Fleisch, oben und unten eine scheue, weisse Brotscheibe, und dazu French Potatoes. Hatten die Amis nicht beschlossen, die French Potatoes umzubenennen? Also wenn sie die Dinger umbenennen, schadet das absolut nichts. Das waren keine Frites, sondern Kartoffelstreifen von der Konsistenz verkochter Pasti. Weich und lahm waren sie. Man haette genauso Pellkartoffeln beigeben koennen, das waere besser gewesen. Aber ich habe mir gesagt, man muss alles probieren, und so habe ich fast den ganzen Teller gegessen. Eine lange Tranche saure Gurke war auch noch drauf. Sie war aber nicht sauer, sondern vor allem salzig. Na ja, es war alles gut gemeint, und ich bin sicher, jeder normale Theaterbesucher haette diesen Teller in hoechstem Masse genossen. Ich habe dem Barmann ein gutes Trinkgeld gegeben, so wie man ueberall in den Touristenfuehrern angewiesen wird. Und er hatte mich angeschaut, als waere er Europaer. Vielleicht Tscheche oder sowas? Es ist schoen, bei diesem milden Klima abends, wenn es dunkel ist, zu Fuss heimzuschlendern. Im Village ist ohnehin noch viel los. Und man sieht soviele Dinge. Aber wiederum habe ich meine Tuere verpasst und bis bis zur 1. Avenue gegangen.
Und heute morgen bin ich via Washington Square zum Kurs gegangen. Auch dort haben sie ein Gaertchen, fuer die Hunde. Und scho morgens frueh - natuerlich vor der Arbeit - sitzen sie dort mit ihren Vierbeinern und lassen sie austoben. Und weiter unten hatte es Tische mit einem eingearbeiteten Schachbrettmuster. Bereits drei Typen sassen da, als ob sie dort uebernachtet hatten, hatten schon die Steine aufgestellt und einer forderte mich in morgenlichem Uebermut auf, mit ihm eine Partie zu machen. Ich glaube, sie machen das gegen Bezahlung. Auch vor der Public Library gab es solche Spieler. Idelerweise melden sich zwei, die spielen wollen. Wenn nur einer kommt, muessen sie den Sparringpartner abgeben. Dort oben hatten sie auch Backgammon gespielt. Hier aber war kurz nach 8h, und kein vernuenftiger Mensch spielt morgens um 8 im Washington Square auf einem kalten und eher etwas schmutzigen Steintisch eine Partie Schach. Ausser vielleicht eines dieser Hoernchen. Die waren schon auf und hatten ihre grosse Zeit. Sie pfluegen sich wirklich zu Dutzenden durch das Gras. Und auf einer anderen Grasflaeche hatte ein Schwarm Tauben ihre Fruehmesse. Sie haten sich getrennt voneinander, die Tiere, denn sie lieben die Ordnung. Und dann kam ich wieder zu einem hohen Gitter, dreimal so hoch wie jenes, worin die Hunde spielen. Das ist fuer die kleinen Kinder. Dort drin wie in einem Raubtierkaefig stehen die Muetter und sehen zu, wie lange es dauert, bis die kleine Sally genug geschaukelt hat. Der Boden ist geteert, aber dort, wo die Kinder meist herumtollen, ist der Teer mit einer Gummimatte bedeckt. Es sieht einfach komisch aus, die kleinen Kinder hinter diesen grossen Gittern. Man denkt natuerlich - oder vielleicht denken wir Europaer so - das Gitter soll uns vor den Kindern schuetzen. In Wirklichkeit denken die Amerikaner wohl, das Gitter soll die Kinder vor den Homophilen schuetzen. Ich kann mir keinen anderen Grund vorstellen. Hier die kleinen Kinder, dort drueben die Hunde. Einziger Unterschied: beim Hundezwinger gibt es noch eine Schleuse, dh einen kleinen Vorraum, wohl um dem Tier die Leine umzuhaengen oder zu loesen. Das ist aufwendig, aber praktisch gedacht. Wenn du also einen Wunsch hast, in NY, dann waehle Hund und besser nicht Kind zu sein.
Ich ueberquere jeden Tag den Broadway, um zum University Place zu kommen. Allein das ist ein gutes Gefuehl, obwohl der Broadway eigentlich hier eine ganz gewoehnliche Strasse ist. Sie ist sogar ein bisschen enger, hat aber einen gepflegteren Gehsteig.
*
Ich bin gerade unterbrochen worden. Ch. ist mit ihrer japanischen Freundin gekommen. Japaner, so habe ich festgestellt, sind sehr nett. Sie machen eine nette Konversation. Das einzige Problem liegt darin, dass man sie schlecht versteht. Sie haben eine Aussprache, die vom Englischen wirklich weit entfernt scheint. So muss ich meist vieles erraten. Aber so genau muss man die Dinge meist auch gar nicht verstehen. In einem small talk genuegen ein paar Stichworte. Darin aehnelt der Small Talk der Trance.
*
Jetzt muss ich mir rasch ein Alkaseltzer + Cold holen. Ich fuehle, dass etwas im Anzug ist. Und vielleicht ist es besser vorzubeugen, bevor es richtig einschlaegt und ich im Flugzeug von einer Stewardess individuell gepflegt werden muss.
Ich geh mal schnell zum Deli, um ein Alkasetzer zu holen.
Bis spaeter
Gruss
...
Samstag, 24. März 2018
Re: Bei dir ...
Ämne: Re: Bei dir..
Datum: den 29 augusti 03:58
Liebe Marlena
"... und dich besitzen, nur ein Lächeln lang,
um dich an alles zu verschenken, wie einen Dank". (Rilke)
Ja, dieses Zitat habe ich gerne gehoert. Es hat mich fast ein bisschen gekitzelt im Bauch. Ich mag das mehr als Rumi. Rumi muss ich noch entdecken. Aber ich glaube, Rilke kann man ebenso gut zitieren. Er hat nicht nur tiefsinnige Dinge gesagt, er hat sie auch besonders schoen gesagt. Das finde ich bei Rumi nicht. Rumi hat vielleicht den Reiz des Exotischen. Na ja, ich werde suchen, ob da was dahinter ist.
Heute war ich ueber Mittag im Strand Buchladen am Broadway. Und ich habe mir ein Buch ueber Balthus angeschaut. Er hatte einige Jahre in der Schweiz gelebt, war ueberigens ein polnischer Adeliger, wie ich irgendwo kurz gelesen hatte. Dennoch scheint er ueberall bekannter als in der Schweiz. Und in diesem Buch gab es ein Foto von Rilke mit einer Frau, ich weiss nicht mehr, wer sie ist. Da bist Du mir in den Sinn gekommen und unsere Rilke-Phase. Und heute abend zitierst Du einen sinnigen Gedanken.
Du wirst Lachen, aber wenn ich an meinen Tod denke, dann wuensche ich mir auf meiner Todesanzeige ein paar Zeilen von Rilke. Ich habe sie mir zuhause irgendwo aufgeschrieben. Ich glaube, ich muss sie mal S. mitteilen. We never know. Sie sind wirklich schoen und fuer die Ewigkeit gedacht. Aber vielleicht werde ich, bis es soweit ist, noch ein Rumi Gedicht finden??
Heute hatten wir den zweiten Tag mit der Frau unseres Kursleiters. Sie ist lustig, das habe ich wahrscheinlich schon gesagt, und sie ist schnell. Manchmal habe ich Muehe mit dem Verstaendnis. Sie hat eine etwas hohe Stimme, das mag ich nicht besonders. Aber sonst ist sie eine sympatische Frau. Sie macht lustige Scherze, wie ich das eigentlich in der Schweiz von Frauen nicht so gewohnt bin. Aber auch sie zieht sich fuer unseren europaeischen Geschmack nicht so besonders gut an. Aber es ist akzeptabel. Am besten war im Kurs die Tuerkin angezogen. Ihre Wahl der Farben war perfekt. Sie hat eindeutig den ersten Preis verdient, wenn es denn fuer solches Preise gibt.
Wir haben heute eine sehr interessante Uebung gemacht. Es geht darum, jemanden als Modell, als Vorbild zu waehlen und in Trance mit ihm oder ihr in Verbindung zu treten, um so die vorbildlichen Eigenschaften als Geschenk uebernehmen zu koennen. Klingt alles ein bisschen wild, nicht wahr? Aber es ist eigentlich eine ganz logische und praktische psychologische Operationalisierung, wie man sich bei einer anderen, meist etwas bewunderten Person gewisse Dinge abguckt, um sie vielleicht auch zu uebernehmen. Das merkwuerditgste dabei ist vielleicht, dass das ohne Anstrengung geht. Normalerweise wuerden wir bei einer Person irgend einen Charakterzug oder eine Eigenschaft sehen, uns entscheiden, sie fur sich selbst auch anzustreben, um sich dann Muehe zu geben, sich anzustrengen, das zu erreichen. Mit Hilfe der Trance geht das ohne Anstrengung, unter Mitwirkung des Unbewussten. ich bin ueberzeugt, lernen mit dieser Methode geht sehr leicht. Aber es ist nicht Schullernen, nicht Schulstoff, sondern Lebenlernen, also Lebensstoff. Das ist wirklich faszinierend. Du wirst noch einmal Lachen. Ich habe Varlin als diese Person genommen. Dabei habe ich vor allem an ihn als Portraetisten und als Schreiber gedacht. Vielleicht lerne ich noch einiges von ihm. Er hat auch sehr witzig und gut geschrieben. Und seine Portraets mag ich, das weisst Du schon. Auch sie haben einen speziellen Witz.
Ach es ist lieb Marlena, was Du schreibst vom Vergnuegen, hier in NY dabei zu sein. Ich habe schon da und dort mal ein Mail geschrieben von hier. Und auch S. hat natuerlich ihre Mails bekommen. Aber niemandem habe ich soviel erzaehlt wie Dir. Und es war auch fuer mich ein Vergnuegen, aber auch eine schoene Moeglichkeit, die Tage ein bisschen zu verarbeiten. Man muss ja doch aufpassen, dass man nicht viele Kleinigkeiten zu schnell wieder vergisst. Es ist schoen, sie Dir zu erzaehlen. Und spaeter, vielleicht in zwei oder drei Jahren, werden wir uns gegenseitig ansprechen und auf eine Erinnerung hinweisen, mit den Worten: "
damals, als wir zusammen in NY waren, weisst Du noch ...."
Ich gehe jeden Morgen ueber den Broadway zum Kurs. Letzthin waehle ich die Strasse mit den Antiquitaetengeschaeften. Sie hat etwas edles an sich und wirkt irgendwie sauberer. Der Verkehr hier in NY ist sehr diszipliniert. Letzthin bin ich bei rot ueber die Strasse gegangen. Die Autos halten an und niemand scheint sich darueber zu aergern. Es ist erstaunlich, in dieser grossen Stadt. Ich glaube, eshaengt viel an den Taxifahrern.
(...)
Ämne: Gute Nacht!
Datum: den 29 augusti 20:55
Liebster Mausfreund,
Danke für dein wunderschönes Mail von heute Nacht. Ich komme im Moment nicht an den PC aber ich wünsche dir eine schöne Zeit, diese letzten Tage in NY. Nütze sie gut aus und pass gut auf dich auf.. :-)
Mit lieben Grüssen,
Marlena
Freitag, 23. März 2018
Bei dir ...
Ämne: Bei dir..
Datum: den 28 augusti 17:10
Lieber ...,
Ach wie schön, noch ein mail von dir zu finden. Ich hatte mir vorgenommen so gegen 13.00 Uhr zu Hause zu sein und bin dann erst drei Stunden später hier gelandet. Und dabei hatte ich sogar vergessen, dass ich noch keinen lunch bekommen hatte. Jetzt habe ich gerade meinen Hunger gestillt.. meinen körperlichen.. meinen seelischen stillst du jeden Tag mit deinen Mails. Ich kann es kaum fassen, dass diese Zeit, die ich glaubte in der Wüste verbringen zu müssen, wo ich mich auf eine lange Hungerkur eingestellt hatte, so anders geworden ist.
Ich merke, dass du freier bist. Du bist auch nicht mehr geizig mit dem süssen Nachtisch. Ich glaube, ich habe noch nie eine so schöne Woche mit dir verbracht. Und obwohl ich fast in Arbeit ertrinke (glaube unsere Chefs sind wahnsinnig geworden, denn sie legen immer mehr Aufträge auf unsere Schultern) so habe ich fast den Eindruck, dass ich auf Urlaub bin mit dir. Ich danke dir dafür. Du bist wirklich so lieb, dass man dich nicht für sich beanspruchen sollte..
"... und dich besitzen, nur ein Lächeln lang,
um dich an alles zu verschenken, wie einen Dank". (Rilke)
Ja, ich habe genau wie du reagiert auf die Bilder zu Rumis Gedichten. Sie sind nicht anstösslich und zeigen schöne Körper aber sie reduzieren die Texte. Ich habe auch noch nicht alle Gedichte gelesen und ich werde sie mir, so wie du, ohne Bilder zusammenstellen. Das kann ich auch für dich tun, wenn du willst. Meine Mailüberschrift "Ich habe das Password" bezog sich auf dieses kleine Gedicht:
..
Ich kann die Rätsel alle dir
der Schöpfung sagen;
denn aller Rätsel Lösungswort
ist mein, der Liebe.
..
Oder dieses:
..
Liebende sehen die Dinge so,
wie sie wirklich sind.
Denn sie sehen mit der Klarheit
des göttlichen Lichts,
und ihre Liebe spricht die Mängel frei.
..
Ist das nicht ein wunderschöner Gedanke, fern von unserer Einstellung, dass Liebe blind macht. Was meinst du?
*
Ich muss mich um das Haus kümmern. In den letzten Tagen ist alles hier liegengeblieben und in den Papierhaufen komme ich vorwärts mit der Geschwindigkeit einer Schnecke. Warum muss es so schwer sein, sich zu entscheiden ob man etwas wegwerfen soll oder nicht? Aber du bist fern von diesen Problemen im Moment und ich will dich eigentlich garnicht daran erinnern, dass es sie gibt.
*
So nun lasse ich dich (jedenfalls für eine Weile) und wünsche dir noch einen schönen Abend. Ich denke du wirst mein mail erst nach dem Kurs finden.. oder gar noch später. Falls ich dich nicht mehr erreiche so möchte ich dir nur schnell noch einen kleinen Rat geben: Schlaf bitte nicht ein bei dem Musical. ;-)
Mit lieben Grüssen,
Marlena
Re: Rumi ...
Ämne: Re: Rumi ...
Datum: den 28 augusti 15:21
Liebe Marlena
Ja, irgendwie habe ich gewusst, welches Rumis Motivation war, solche Gedichte zu schreiben. Aber gleich noch diese Bilder zu sehen, das finde ich doch ein bisschen zu fleischig, wo er doch eigentlich so aetherisch schreibt.
Vorgestern oder so sah ich in der UBahn einen orientalischen Homo. Ich glaube, sie sind noch viel entbrennbarer als die unseren, viel mehr hingebungsbereit. Aber das ist nicht so sehr meine Sache. Ich mag die Girls viel lieber.
Gestern habe ich mich verlaufen auf dem Heimweg. In der Tat bin ich an unserer Hausnummer vorbeigeschlendert. Und dann bin ich am Park angelangt, wo ich schon morgens war. Dort gibt es im Park einen kleinen Unterpark, ein Gehege, wo die Hundebesitzer ihren Liebling morgens um 9 Uhr austoben lassen koennen. Das geniessen die Vierbeiner offensichtlich. In uebermuetigen Gruppen tollen sie herum und beissen sich zum Spass in den Hintern. Und die Meister sitxen auf den Baenken und lutschen an ihrem Starbucks Becher. Und ueber der ganzen Szenerie liegt eine feine Staubwolke, denn der Hunderasen ist eigentlich eine kleine Staubwueste. Auf jeden Fall hatte ich mich gefragt, ob Hunde eigentlich auch Asthma kriegen koennten. Und gleich nebenan gibt es noch ein kleineres Gehege. Das ist gedacht fuer die Huendchen, die man nach ihrem Tod ins Fotoalbum kleben kann. Ich meine, auf den Baenken sitzen etwas feinere Damen, die ihre Fingernaegel behandeln. Und ihere Huendchen sind klein. Aber sie gehen los wie Raketen. Sogar die vielen Hoernchen, die rundum die Staemme auf und abgehen, schauen interessiert zu und denken sich ihre Sache ueber diese Marsmenschen.
Auf Coney Island hatte ich bedauert, dass ich nicht meine grosse Kamera mithatte. Ich habe sie in der Schweiz gelassen. Es haette dort viele nostalgische Sujets gegeben, von verlotterten Gebaeuden, heruntergekommenen Buden, lotterigen Anlagen. Diese rostige Welt waere doch eine perfekte Kulisse fuer ein Modejournal mit eleganten Kleidern! Die Fahrt zurueck war ein bisschen lang. Es gab im Wagen zwei Familien mit kleinen Buben. Und auch fuer sie war es etwas zu lange. So sind sie unruhig geworden, haben gelaermt und sind herumgeturnt. Das rührt mich ich als alter Herr - zum Teufel - nicht mehr. Ich habe versucht, mich in den Touristenfuehrer zu vertiefen.
Ich habe mich ein bisschen verschlafen und bin erstmals mit dem Wecker aufgewacht. Ben hatte mir eine Notiz gemacht, dass es ev. fuer die Dusche kein Warmwasser mehr gebe. Ich habe ihm in zittriger Schrift zurueckgeschrieben : zur Hoelle mit der Dusche. Aber jetzt muss ich dann doch duschen. Im Moment sind noch meine Eier am Kochen. Ich habe heute morgen kein Brot mehr. So esse ich die Dinger allein. Das haelt dann hin bis um 3h. Den Kaffee habe ich schon hinter mir. Er geht beim Schreiben hinunter, fast ohne dass ich es merken. Das ist der Stil Boells. Weisst Du das? Er hat immer eine Thermosflasche voller Kaffee gebraucht beim Schreiben. Und natuerlich hat er geraucht wie ein Kamin. Daran ist er dann auch gestorben.
Heute ist schon der zweitletzte Tag des Kurses. Es geht wirklich schnell. Na ja, es sind eigentlich nur 6 Stunden je. Aber es war gut, auch wenn das Englische manchmal ein bisschen schwierig war. Ich glaube, in Deutsch fuehlte ich mich sicherer. Und natuerlich ist es auch gut, wenn man gewisse Redewendungen und Formulierungen aufnehmen kann. Das kann ich nun weniger, weil ich nicht daran denke, ich Englisch zu arbeiten.
Ich danke Dir fuer die Rumi Gedichte. Ich glaube, ich muss sie in der Schweiz mal aussortieren. Und die Fotos lasse ich wohl besser bei Seite. Ich hatte mir unter Rumis Beziehung eine Maennerfreundschaft vorgestellt, wie es sie im Orient sicherlich gibt. Die braucht aber nicht wirklich homo zu sein. Na ja, vielleicht ist schon homoerotisches dabei. Aber ich glaube, orientalische Maenner koennen sich sehr nah sein, und es muss nicht homo sein. Das gleiche bei den Frauen. Es duenkt mich, diese Homosexualisierung ist ein westliches Phaenomen.
Ich wuensche Dir einen schoenen Tag, der ja nun schon zur Haelfte vorbei ist.
Liebe Gruesse und Kuesse
...
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