Donnerstag, 26. Januar 2017
Re: Nochmals an diesem dunklen Abend
den 18 november 07:18
Re: Nochmals an diesem dunklen Abend
Liebe Marlena
Montag Abend, ich sag Dir, die Woche ist praktisch gelaufen. Das Schlimmste ist vorbei. Die Steigung der Woche ist überwunden. Es geht jetzt nur noch bergab. Ist das nicht wunderbar, ein gemütlicher und bequemer Weg immer leicht abfallend bis Freitag Abend. Es gibt nichts besseres auf dieser Welt.
Es ist wirklich nicht einzusehen, weshalb die Woche gleich mit einem Montag anfangen soll. Jeder andere Tag wäre besser!
Ich war nachmittags in Basel, hatte um 16h einen Termin beim Akupunkteur. Deshalb fuhr ich nach dem Essen im Club schon gar nicht zurück, sondern blieb gleich in der Stadt. In einem Antiquariat habe ich einen schönen Band über Bonnard gefunden. Ach, ich liebe ihn immer mehr. Er ist ein Meister der Farben. Die Formen sind nicht immer so glücklich, aber die Farben machen alles wieder gut. Er hat seine Marthe tausende Male gemalt, und dabei haben sie sich offenbar ständig gezankt. Aber die Bilder sind wunderbar. Ich glaube, er war ein bisschen beeinflusst von Degas. Der hat diese zahllosen Damen im Badezimmer gemacht. Ich habe sie im Metropolitan gesehen. Und er hat diese hübschen Statuen gemacht. Bonnard übrigens auch. Das habe ich hier im Buch wieder entdeckt. Ich hatte es vergessen. Und dann bin ich mit diesem schweren Band unter dem Arm geradewegs in die Universität gegangen, um dort in der Cafeteria meine Zeit zu verbringen. Ich habe auch echt gearbeitet, ehrlich. Ich habe einen Bericht studiert, der ziemlich kompliziert war. Und daneben habe ich all die jungen Leute benieden, die dort herumsitzen und miteinander flirten. Ach, man sollte jung sein.
Aber abends, als ich nochmals rasch ins Büro kam, fand ich hier ein Mail einer Bekannten vor. Sie ist hübsch und blond und wir treffen uns unregelmässig zum Kaffee. Sie bringt jeweils die Croissants mit. Sie war früher mal Kindergärtnerin, und ist heute Personalchefin. Es ist gut zur Abwechslung, etwas mit ihr zu plaudern. Man kann fachsimpeln, und doch ist es nicht so ernst.
Und morgen habe ich eine Weiterbildung mit den Kollegen von Basel. Das werde ich geniessen.
ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mit allerliebsten Grüssen
...
Mittwoch, 25. Januar 2017
Nochmals an diesem dunklen Morgen
den 17 november 08:55
Nochmals an diesem dunklen Morgen
Liebe Marlena
Du hattest einen eifrigen Sonntag Abend. Und ich danke Dir dafür. Und Du findest die richtigen Dinge auch immer gleich im Internet. Danke auch dafür. Du bist eben mehr weltmännisch als ich. Weltweibisch müsste man hier schon fast sagen, denn weltfraulich passt irgendwie überhaupt nicht.
Mein nächstes Programm ist nun, den Film ‚Vom Winde verweht’ zu suchen, um diesen Rhett Butler zu finden. Kein Wort sagst Du über seinen Charakter, kein Wort, wie man ihn sich vorstellen konnte. Es scheint fast ein wenig, als ob es Dir peinlich wäre, Dich in ihn verliebt zu haben. Nun, dafür gibt es sicherlich keine Gründe. Als Teenager muss man sich alle möglichen Typen aussuchen, um dieses grosse Ding der Liebe auszuprobieren. Mir hat Cary Grant immer sehr imponiert, und am meisten wohl damals im Film „Wenn die Nachtigall singt“ (hiess er so, oder vielleicht, wer die Nachtigall stört??) Oder sollte ich vielleicht das Buch lesen. Aber ich glaube, das Buch ist zu dick für mich. Mindestens im Moment. Vielleicht später mal werde ich mir Rhett Butler als Vorbild vornehmen.
* Walliserdeutsch und Biffiger
Ja, ich habe 2 CDs als Geschenke erhalten. Die eine, Walliserdeutsch, hatte ich mir mal gewünscht. Meine Mutter hatte sie noch auf einer alten Anilyn-Schallplatte, und heute kann man diese antiken Dinge doch so schön auf CD brennen. Du kennst ja diese Schwarz-Brennerei (klingt so schön nach illegalem Schnaps) auch. Sie enthält eine hübsche Sage aus dem Wallis, die erzählt, wie mal in einem Walliser Dorf der Tod in ein Weinfass eingesperrt worden war. Und all die Menschen triumphierten und waren glücklich. Aber die Leute kümmerten sich nicht mehr um einander. Die Mütter liessen ihre Kinder verkommen. Die Grossmütter wurden egoistisch. Die Geschwister endeten im Streit einfach deshalb, weil alles gleichgültig wurde. Es ist sehr hübsch erzählt, und besonders hat mir gefallen, wie Biffiger, der Erzähler, beschreibt, wie das früh verstorbene Kind die überlebende Familie trösten und beruhigen kann. Sie hat nämlich die Gewissheit, schon jemanden aus der eigenen Sippe drüben im Himmel zu haben. Und wenn es dann selbst ans Sterben geht, wären sie wohl ein bisschen scheu, vor Gott zu treten, der ja als grosser Herr nicht soviel Zeit zum plaudern hat, oder sie sind vielleicht in den Werktagsschuhen gestorben, und das wäre im Himmel ziemlich unpassend. Und in dieser Unsicherheit, wenn sie frisch im Himmel ankommen, wie beruhigend wäre es doch, wenn diese Céline selig, das früh verstorbene Kind also, herbeieilen würde und sie an der Hand nähme.
Die Geschichte ist wirklich sehr sympathisch arrangiert und gut erzählt. Und sie beschreibt auf wunderbare Art den alten Volksglauben und die hübschen Katholizismen im Wallis. Eine andere Geschichte beschreibt, wie die Walliser mit dem Herrn ein bisschen grollen, weil er es ihnen nie recht machen kann. Einmal regnet es viel, das ist vielleicht gut für die Wiesen, aber schlecht für den Wein. Ein andermal brennt die Sonne herunter, was einen guten Wein verspricht, aber den Weiden in der Höhe schadet.
Und alles in allem erinnert mich diese Platte an meine Bubenzeit. Damals hörte man diesen Karl Biffiger regelmässig am Samstag nach den Mittagsnachrichten am Radio. Viele Schweizer haben kaum verstanden, was er erzählt, denn der Dialekt ist, wie Du weißt, ziemlich exotisch. Und ich selbst fand gar nicht so viel dabei, denn wie er sprach, so sprachen all die Buben auf der Strasse. Und den Inhalt fand ich ziemlich unverständlich. Aber ich bemerkte, wie meine Eltern von diesen Geschichten fasziniert waren. Ihnen ging es wohl umgekehrt. Sie konnten den Dialekt nur knapp verstehen, aber wussten dafür mit dem Inhalt mehr anzufangen. Na ja, Biffiger war so etwas wie der gute Botschafter des Wallis in der übrigen Schweiz. Man muss dazu sagen, dass damals, vielleicht vor 50 Jahren, das Wallis eine echt provinzielle und rückständige Gegend war. Nur als Ferienregion war es akzeptiert, sonst konnte man das Wallis schwerlich ernst nehmen. Na ja, das ist jetzt leicht übertrieben, aber ungefähr war es so.
*
Ich habe mein altes Mail noch nicht wieder gelesen. Ich werde es schon tun, aber dazu brauche ich etwas ruhige Zeit. Das ist, was mir am meisten fehlt. Ich habe eine strenge Woche vor mir, und ich hoffe sie gut zu überstehen. Was Du von der Müttergruppe erzählst, das kann uns Männer nur neidisch machen. Genau so sollte es sein. Und ich glaube, in Persien ist es teilweise noch so. S. hat beispielsweise bei einer Tante auf diese Art das Nähen gelernt. Es waren offenbar gemütliche Momente des Plauderns und der Arbeit. Und jedes Mal, wenn sie heute näht, kommen im Hintergrund diese Erinnerungen zurück. So sollte Arbeit doch sein!! Das ist die wahre Lebenskunst. Sie fängt mit den Grossmüttern und den Grossvätern an, welche die Jungen nicht nur in die Arbeit, sondern auch in die richtige Haltung dazu einführen.
*
Ich danke Dir für Deine Komplimente über meine Heroin-Mails. Ich muss mich vorsehen, dass ich nicht als Heroin-Händler in die Mühle der Justiz gerate. Auch andere Leute haben mir früher Ähnliches gesagt. Es hängt vielleicht damit zusammen, dass ich fast in eine Art Trance gehe, wenn ich schreibe. Ich erinnere mich, wie ich früher Schul-Aufsätze geschrieben hatte. Ich konnte nicht einfach hinsitzen und sie niederschreiben. Irgendwie musste ich mich vorher in eine Art Psychose hineinreiten, mich in dieser Gedankenwelt tummeln wie ein Füllen auf einer Frühlingswiese. Ich musste mich mit Haut und Haar in diese Welt versetzen. Und erst dann konnte ich mich hinsetzen und schreiben. Und das ging dann gleich alles in einem Zug. Man konnte dann auch schwerlich an dem Text herumfeilen, vielleicht verbessern oder neue Teile einsetzen und alte streichen. Es war einfach wie in Trance geschrieben. Und ich wusste dann jeweils auch nicht so genau, ob es gut oder schlecht herausgekommen war. Manchmal waren die Lehrer absolut nicht zufrieden, meinten, ich hätte mir zuwenig Zeit genommen oder zu viele Rechtschreibefehler gemacht. Und noch heute, wenn ich Dir schreibe, lebe ich in einer anderen Welt. Ich bin dann weit weg von all den alltäglichen Dingen hier. Und am Ende braucht es immer etwas Zeit, mich wieder umzustellen auf die Umstände hier. Na ja, vielleicht ist das bloss diese kleine Zeitumstellung, von der Du redest. Es könnte gut sein, dass wir ungefähr eine Stunde differieren. Ich bin dann ein bisschen im Rückstand.
*
Interessant, was Du über de Botton sagst. Ich werde ihn mir vorknöpfen, wenn ich ihn im Fernsehen sehe und Deine These prüfen. Hat er seine Bücher selbst geschrieben? Ich glaube, sie sind im Grunde ziemlich einfach aufgebaut. Er ist ein bisschen ein Zauberer, also einer, der in der Lage ist, die Leute glauben zu machen, dass er mehr kann als sie. Und das ist doch fast alles im Leben, dass man seine eigenen Schokoladenseiten hervorkehrt und die peinlichen Schwächen zu verstecken vermag. Ich tue nichts anderes als das….;--)
Ich wünsche Dir eine schöne Woche.
Mit lieben Grüssen
...
Nochmals an diesem dunklen Abend
Subject: Nochmals an diesem dunklen Abend
Date: Sun, 16 Nov 21:38
Lieber ... ,
Nun habe ich dein liebes Mail gelesen und auch de Botton gesehen. Das schöne an dem Programm ist, dass er es in dem authentischen Milieu zeigt. So konnte man das Schloss bewundern, in das sich de Montaigne zurückzog um zu schreiben. Es sah, verglichen mit anderen alten Schlössern, die ich schon gesehen habe, ziemlich gemütlich aus. Auch hatte er einen wunderschönen Blick auf die Landschaft von seiner Bibliothek aus. Und auf dem Hof gab es auch jetzt allerlei Tiere zu sehen. Schweine, Schafe, Enten u.s.w. Montaigne hatte ein gutes Verhältnis zu Tieren. Er fand sie klug und meinte wir könnten einiges von ihnen lernen.
*
Ja, ich verstehe schon, dass dir der Briefwechsel, von dem du sprichst, gut gefällt. Gewiss, dieser Anthony Hopkins hat etwas besonderes, was ich sehr mag. Etwas um dessen Verlust man trauern könnte. Und wenn er gegen Emma Thompson spielt ist er am meisten zu seinem Vorteil.
Auch ein Bild aus dem Film, den du erwähnt hast. (siehe Bild unten).
Und hier der Kommentar eines Lesers zu dem Film:
Summary: For once you shouldn't read the book
When you first take a look at the story, 84CCR hasn't much going on for it. A movie about books(even worse: old books!), for 75% told off-screen and with two stars who don't share one scene together. It's a miracle that this movie has so much impact on the viewer. The atmosphere is really tense, it's like you're in that little dusty bookstore and you really like the characters, though you don't know that much about them. Great acting by all. Hopkins, playing a character that resembles the ones he played in Shadowlands and even Remains of the Day, is impossibly convincing in his role. Anne Bancroft, although sometimes slightly over the top when she talks to the viewer, makes a great match.
*
Deine Frage ob ich mich je in einen Held (Helden?) in einem Buch verliebt habe? Soll ich es wagen, dir das zu verraten, ohne dass du, als echter Psychologe, mich gleich in ein Fach steckst? ;-)) OK. Ich war sehr verliebt in Rhett Butler in dem Buch "Vom Winde verweht". Habe das Buch als Teenager gelesen, dann später natürlich auch den Film gesehen. Und wenn ich es richtig bedenke, sind fast alle Männer in die ich mal verliebt war, von dieser Sorte gewesen. Komisch eigentlich. Ist man vielleicht auch für sowas programmiert???
Siehst du, weil du so lieb warst und mir noch heute Abend ein mail geschickt hast, habe ich sogar Lust bekommen dir gleich ein zweites zu senden
Nun sage ich dir gute Nacht. Wünsche dir einen schönen Start in die neue Woche,
mit lieben Grüssen,
Marlena
She's in love with ...
.
:-)
Ämne: :-)
Datum: den 16 november 20:15
Lieber ...,
Ach, wie oft ich hier reingegangen bin und nach dir gesucht habe. Weisst du nicht, dass dein Samstagsmail immer wie eine "bridge over troubled water" ist, die mir über das Wochenende hinweg hilft? Nun ja, manchmal fliesst das Wasser eher gemächlich und ich könnte sogar darin schwimmen. Aber auch dann ist es schöner wenn du dabei bist.
*
Ich habe gerade Aufsätze korrigiert. Wenn du wüsstest, wie gut ich unangenehme Aufgaben vor mir hinschieben kann. Ich hätte es schon längst tun können. Und nun brauche ich eine kleine Pause mit dir.
Gestern habe ich im Garten gearbeitet. Es war grau und düster und nicht sehr verlockend die Nase vor die Tür zu stecken. Zuerst habe ich sogar gefroren. Aber dann allmählich wurde mir immer wärmer und zum Schluss fand ich es richtig herrlich in der frischen Luft. Es sah schon wüst aus. Sogar die verfaulten Äpfel lagen noch auf der Terrasse. Ich weiss nicht was mit K los ist. Er überlässt mir immer mehr von diesen Arbeiten. Aber eigentlich finde ich es schön etwas zu tun bei dem man sofort das Ergebnis sehen kann.
In jüngeren Jahren, als die Kinder meiner Kolleginnen noch klein waren, hatten wir öfters "syjunta". Wir trafen uns so 10 Frauen umwechseln bei einander, assen zuerst was gutes und liessen dann den Mund gehen, über allerhand Handarbeiten. Die Mütter flickten die Kleider ihrer Kinder, andere strickten oder machten irgendeine Handarbeit. Ich erinnere mich, dass dies eine sehr beruhigende und angenehme Beschäftigung war. Dann hörten diese Treffen auf. Und weisst du warum? Weil jede Einladung die vorherige in Luxus übertreffen musste. Am Ende war es fast wie ein kleines Nobelessen. Aber schön war es und ich erinnere mich gern daran.
*
Hast du dein altes mail gelesen? Ich tue sowas auch nicht gern. Ich meine, ich lese nicht gern meine eigenen mails. Ich fühle mich niemals richtig wohl dabei. Aber die deinen könnte ich immer wieder lesen. Ich bin mir jedoch bewusst, dass es Zeitdokumente sind. D.h., was darin steht gilt zu dem Zeitpunkt wo es geschrieben wurde. Es gibt mails von dir, die ich mir ausgeschrieben habe, weil sie so spirituell sind. Wenn ich ein bisschen Harroin brauche (=etwas das mich aufmuntert), lese ich sie nochmals und sofort fühle ich mich ganz froh. Sie sind besser als Schokolade, von der man ja wie bekannt dick werden kann.
*
Ich habe neulich ein Program mit Alain de Botton gesehen. Von seinem Buch "Der Weg zum Glück", wo er uns durch verschiedene Philosophen diesen Weg zeigen will, hat man eine Fernsehserie gemacht. Voriges mal sprach er über Epikur und heute (um 19.30) ist Montaigne an der Reihe. Ich weiss nicht wie es kommt, aber wieder hatte ich den Eindruck, dass de Botton nicht so begabt ist, dass er seine Bücher selbst hätte schreiben können. Auch in dem Programm machte er Kommentare, die die anderen in ein verwundertes Schweigen versetzte. Aber wie dem auch sei, das Programm ist mit schönen Bildern aus der Heimat der Philosophen versehen und doch ziemlich interessant. So sah man in dem vorigen Programm Epikurs Inskriptionen auf den Resten der Mauer, die er bauen liess um seine Gedanken unter dem Volk zu verbreiten. Es war wie eine Art Antiwerbung. Was mich wunderte war, wie man solche Dinge so verwahrlost auf dem Boden liegen lässt, wie man es im Programm sehen konnte. Ich weiss, du magst Epikur. Sicher magst du auch Montaigne.
Hast du mal die schöne Reklame gesehen mit dem riesigen wunderschönen Schloss, das zu verkaufen ist, und unten in der Ecke steht mit kleinen Buchstaben *happiness not included".
*
Ach, jetzt sehe ich gerade ein Mail von dir. Ich schick dir dies schnell ab. Muss dein mail lesen.
Wünsche dir einen schönen Abend
Marlena
Dienstag, 24. Januar 2017
Dein Bruderherz
den 16 november 20:06
Dein Bruderherz
Liebe Marlena
Stockdunkel ist es draussen, und doch erst ungefähr 18.00h am Sonntag Abend. Das erinnert mich an das Mail, das Du mir kürzlich geschrieben hast. Aber das macht es doch auch sehr gemütlich zuhause. Ich bin zwar noch im Büro. A. ist gekommen, um einige Dinge zu kopieren und aus dem Netz herunter zu laden. Wir haben ein bisschen geplaudert. Ich glaube, sie hat es ziemlich streng im Moment. Ungefähr so wie Anna, scheint mir. Aber das ist gut so. Man ist in diesem Alter so sehr lernfähig, dass man die Zeit nicht verstreichen lassen sollte.
Hingegen sollten wir es doch ein bisschen gemütlicher nehmen können. Immerhin ist unser Wissen angereichert mit viel Lebenserfahrung. Und das macht es zu purem Gold. Die Welt sollte doch endlich erkennen, dass wir reinstes Gold anzubieten haben.
(---)
* Hymne an die Freundschaft
Ich habe Dir erzählt von der CD, die mir meine Mutter zum Geburtstag geschenkt hat. Ich höre sie oft, wenn ich hier am PC sitze. Sie ist so romantisch und hübsch, dass man sich geradezu an Mrs Dalloway erinnert. Es ist eine anrührende Hymne an die Freundschaft. Die Autorin, Helene Hanff an der 14 East 95th Street N.Y., ist eine junge Jüdin, die beim Buchantiquariat Marks & Co in London, Charing Cross Road 84 seltene Gedichte, Erstausgaben und so nebenbei das Rezept für Yorkshire Pudding bestellt. Der Ton ist sehr anregend. Die New Yorkerin gebärdet sich ein bisschen ‚rempelig’, dh. jugendlich burschikos, aber mit viel Ironie. Und die Engländer, auf der anderen Seite des Ozeans, sind überaus korrekt und höflich und formulieren ihre Antworten mit dieser stoischen Korrektheit, die mich immer wieder berührt. Es wird deutlich, dass sie noch unter dem Krieg zu leiden haben. Offenbar ist im England der 50er Jahre Fleisch Mangelware. Einmal schickt die Amerikanerin sogar einen Schinken und Eier, und die Briten sind darüber begeistert. Mittlerweile nimmt der gesamte Buchladen an dieser Korrespondenz teil. Das Buch heisst „84, Charing Cross Road“ (1970 herausgekommen) und ist offenbar mit Anthony Hopkins und Anne Bancroft verfilmt worden. Du kennst Hopkins? Er hat genau diese Melancholie im Gesicht, die es für einen älteren Antiquar braucht. Ich nehme doch sehr wohl an, dass er diese Rolle innehat.
* verliebt in eine Romanfigur
Wenn ich von dieser CD erzähle, erinnere ich mich, dass ich mich einmal in eine Romanfigur ziemlich handfest verliebt habe. Ist Dir das auch schon passiert? Und ich war nicht zu jung dabei. Die Figur war ein Mädchen, vielleicht 14 oder 16 Jahre, eine Londonerin, die mit Blazer und tadellosen Manieren noch zur Schule ging. Ich schrieb eine Rezension über das Buch und ich bemerkte, wie sehr ich diese Figur mochte. Na ja, es war nicht wirklich Liebe, sondern viel mehr eine väterliche Fürsorge vielleicht. Aber eins ist sicher, ich war sehr schwach geworden. Ich hätte sie umarmen können. Ich muss mal sehen, ob ich das Buch wieder finde unter den vielen Jugendbüchern, die bei mir herumliegen. Ich weiss auch nicht mehr, wie sie hiess. Aber irgendwie hatte ich ziemlich klare Vorstellungen, wie sie ausgesehen haben musste. Und sie spielte eine tapfere und sehr aufrechte Rolle in diesem Roman. Das hat mir überaus gut gefallen. Ach, vielleicht treffe ich sie wieder einmal und per Zufall in meinem riesigen Chaos von Büchern.
* zur Zeit Kennedys
Gestern Abend hat man am deutschen Fernsehen einen Rückblick gezeigt. Im Wesentlichen ging es um einen Journalisten, den ich ziemlich schätze. Und offenbar war er als Korrespondent zur Zeit Kennedys in Amerika. Sie zeigten jene Tagesschau Ausschnitte und Rückblenden aus jenen vergangenen Tagen. Das war eine ungeheure Zeit des Aufbruchs. Ich erinnere mich, wie nach der Mondlandung unser Französisch Lehrer in die Klasse kam und den Satz in den Raum goss: dies sei „der Sieg des Menschen über die Materie“. Na ja, ich verstand nicht so genau, was ein Sieg des Menschen über die Materie eigentlich war, aber es klang grossartig. Es klang danach, dass wir auf dem Höhepunkt der Zeit lebten. Es klang danach, dass jetzt, in diesem Moment, Geschichte geschrieben würde. Es klang danach, dass wir Zeitgenossen der besten Zeit wären. Wir waren stolz, ohne so genau zu wissen, weshalb. Es war eine grossartige Zeit.
Ich glaube, jene Kennedy-Zeit hatte eine enorme Aura. Am Fernsehen gestern Abend konnte man jenen Soerensen sehen, der für die Reden Kennedys verantwortlich war. Er muss vom Blut her ein Skandinavier sein. Er hat die berühmte Berliner Rede geschrieben. Und auch die Inaugurationsrede, die uns so sehr beeindruckt hatte. Und die Rede in Köln. Und man konnte Bob Kennedy sehen, von dem die Leute sagten, dass ich ihm ähnlich sehe. War er nicht ein toller Typ? Ich glaube, er war etwas kompliziert im Charakter, und etwas idealistisch. Und Kennedys Vater soll gesagt haben, er hätte für die Wahl seines Sohnes soviel Geld ausgegeben, dass er auch seinen Chauffeur zum Präsidenten hätte machen können! Hast Du schon so was gehört? Das waren bestimmt auch schon damals verkommene Zeiten !!
* Biographie Hemingways
Ich habe in den letzten Tagen eine Biographie Hemingways gelesen. Vielleicht staunst Du darüber? Ich hatte im Geheimen immer den Eindruck, Hemingway sei ein Idol der Generation meines Vaters gewesen. Ungefähr so wie Gershwin. Vor etwa 10 Jahren hatte ich meinem Vater ein Tagebuch Hemingways geschenkt, genau aus diesem Grund. Er hat mir sogar berichtet, dass er daran lese, denn er war schon alt zu jener Zeit. Und in Spanien hatte ich mich mit Hemingway beschäftigt, im Zusammenhang mit dem spanischen Stierkampf und mit dem Bürgerkrieg. In Spanien nennt man ihn immer noch Papa. Nun ja, Hemingway war sehr früh sehr bekannt. Aber er war gewissermassen eine tragische Figur. Das hatte ich nicht gewusst. Sein Machismo und seine robuste Erscheinung waren mehr ein Produkt der Medien als wirkliche Wirklichkeit. Seine Mama hatte ihn bis 7 in Mädchenkleidern aufgezogen, zusammen mit seiner älteren Schwester. Ach, er muss ein ziemlich unglücklicher Mensch gewesen sein, obwohl er das auf den Fotos nicht so darstellt. Er hat eine Rolle gespielt. Und er hat damit gutes Geld verdient. 4 Ehen, einige Hirnerschütterungen, viele Reisen, noch mehr beinahe Kriegsverletzungen, er soll motorisch ziemlich ungeschickt gewesen und offenbar immer wieder über die eigenen Füsse gestolpert sein. Ach, der arme Kerl! Und ich hatte immer den Eindruck, das wäre noch ein Mann alten Stils gewesen, so wie wir als Jungen gewünscht hatten, einmal zu werden. So schnell fahren die Illusionen dahin!
*
Ist das nicht ein merkwürdiges Mail? Ich kann Dir auch nicht erklären, wie so was zustande kommt. Aber man kann nicht alles erklären in diesem Leben. Nicht wahr?
*
Ich wünsche Dir eine gute Woche und ich küsse Dich, meine ferne Geliebte.
...
Dein Schwesterherz.. :-)
Ämne: Dein Schwesterherz.. :-)
Datum: den 14 november 14:46
Lieber ...,
Habe soeben dein mail gelesen aber ich muss sofort wieder an die Arbeit. Möchte dir nur sagen, dass du dein altes mail ruhig nochmals lesen kannst. Es ist ein solches, das du jedem in die Hand stecken könntest. Ernst und humoristisch zugleich und natürlich wie immer sprachlich hervorragend.
Es erinnert dich auch an Dinge, die ich dir mal erzählt habe.. und so ist es fast wie ein mail von mir, wo ich mit dir über vergangene Zeiten spreche... so wie du es gestern mit W getan hast.
Ich sende dir einen lieben Gruss in aller Eile,
Marlena
und einen schwesterlichen Kuss.. auf beide Seiten..
Ach, das waren noch Zeiten.
den 14 november 13:49
Re: freitags immer ...
Liebe Marlena
Ich weiss gar nicht, ob ich so alte und so lange Mails von mir nochmals lesen sollte. Ich habe es noch nicht getan, und vielleicht brauche ich vorher wirklich einen starken Schluck Whisky. So genau möchte ich ja doch meine seelische Vergangenheit nicht erforschen. Oder sollte ich?
*
Ja, ich habe diese CD von Helene Hanff schon mehrmals gehört. Es ist so romantisch und so hübsch. Es handelt sich um einen Briefwechsel zwischen einer amerikanischen Schriftstellerin, die in N.Y. wohnt, und einem englischen Buch Antiquar an der Charing Cross Road in London. So ungefähr. Und die Amerikanerin ist ein bisschen jugendlich und manchmal ungeduldig und naughty, und der Engländer sehr formal und höflich. Allerdings ist es in diesem kleinen Buchladen nicht immer dieselbe Person, die schreibt. Die Hanff bestellt diese oder jene Bücher, gibt diesen oder jenen Kommentar. Und die Engländer berichten, wie sehr sie sich Mühe gegeben haben, dieses oder jenes Buch zu finden, wie sie vielleicht an ihren Besuchen in englischen Landhäusern nicht erfolgreich gewesen sind, diese oder jene Erstausgabe zu finden. Es ist die Zeit nach dem Krieg, und die Engländerin schickt ihnen Esswaren, während die Leute der Buchhandlung ihr dann eine spezielle Ausgabe eines speziellen Buches als Dank zuschicken. Na ja, es ist ganz hübsch, und offenbar ist kürzlich ein Büchlein herausgekommen, da die Hanff erzählt, wie es war, als sie erstmals nach London gereist war.
Und einmal schickt sie sogar einen Schinken, und macht sich dann als Jüdin Gedanken, ob sie nicht doch besser eine Zunge geschickt hätte.
Ach es wirkt alles so romantisch und alt. Die Leute wählen noch nette Formen, wenn sie einander schreiben und tauschen Höflichkeiten aus. Man hat dieses Bild vor sich, wie ältere Leute in aufgeräumter Kleidung abends unter dem warmen Licht irgendeiner einer hübschen Tischlampe sitzen und mit ihrer Feder und mit echter Tinte einen Brief hinkritzeln. Ach, was waren das schöne Zeiten: das warme Licht, das echt raschelnde Papier, die pechschwarze, nass schimmernde Tinte, das krakelige Kratzen der Feder, der ruhige Fluss der Zeit vielleicht sichtbar am Mond zwischen den Vorhängen, in der das alles vor sich ging in einem mit dunkeln Holz möblierten Zimmer.
Es muss die Zeit gewesen sein, als Menschen noch persönliche Gesichter hatten. Ich meine, sie waren noch Persönlichkeiten mit einer ihnen gemässen Aura, auf die man gehen konnte. Ihr Verhalten war mehr oder weniger vorhersehbar. Ihre Kleider waren zerknittert und grau vielleicht, aber umso mehr haben ihre Gesichter sich zu erkennen gegeben. Ach, das waren noch Zeiten.
Wenn ich mir eine solch antike Buchhandlung vorstelle, dann kommen mir jene in N.Y. in den Sinn. Sie waren zwar nicht alle alt, einige aber altmodisch eingerichtet mit einer schönen Atmosphäre. Eine, The Strand glaube ich, hiess sie, war sehr ungeordnet und übervoll mit Büchern. Die meisten davon waren wohl, was wir ‚modernes Antiquariat’ nennen. Es sind nicht alte, sondern mittelalterliche Bücher, die verbilligt verkauft werden, weil man im Lager Platz braucht. Dort ist die Atmosphäre nicht sonderlich gemütlich, denn es gibt zu viele Leute und zu viele Bücher. Die Kombination von beidem macht eine Enge, die ein bisschen nervös macht.
*
Jetzt bin ich von der Sitzung zurück. Sie war nicht sonderlich ergiebig. Aber ich glaube, der Chef braucht einen Kreis, in dem er gewisse Fragen diskutieren und testen kann. Er sucht noch seinen Weg und er ist abhängig von seinem Team. Ich bin ja nun nicht einer, der sich dort in den Vordergrund drängt. Dazu ist meine Dienststelle zu klein und hat nicht eigentlich staatstragende Bedeutung. Beim alten Chef war ich respektiert, weil er meine Texte schätzte, glaube ich. Der Neue kennt mich noch nicht. Und ich glaube nicht, dass er mit Texten sosehr ansprechbar ist. Er kommt aus den Gewerkschaften. Das sind praktische Menschen, denen es nicht um Schöngeisterei geht, sondern um ungeschminkte, nackte Tatsachen und nicht zuletzt um das Materielle. Na ja, wir werden sehen, jeder hat seine schwache Stelle, seinen Knopf, worauf man drücken muss, damit man zu seiner Sache kommt.
*
Na ja, wenn ich diesen Briefwechsel zwischen Hanff und der Buchhandlung 84 Charing Cross Road höre, so kommt mir auch der unsere in Gedanken auf. Sie dort hatten den Vorteil, dass sie ein vorgegebenes Thema hatten. Die Hanff wollte alte günstige Bücher und der zuständige Mitarbeiter bei Marks & Co gab sich Mühe, sie zu finden. Das ist doch schon eine materielle Basis, die was hergibt. Aber zwischendurch spielt die Hanff mit dem Gedanken, nach London zu fahren und sich alles persönlich anzuschauen. Und offensichtlich hat sie das ja nach dem Krieg auch gemacht.
*
Vielleicht haben wir uns ein bisschen anstecken lassen. Auf jeden Fall stand unser Weekly gestern auch unter dem Thema von ‚merry old England’. Na ja, nicht England, aber jener Zeit. Mit anderen Worten, wir wärmten romantische Erlebnisse unserer Jugend auf. Ich erinnerte mich, dass meine Mutter mich jeweils mitnahm, wenn sie einen Laden aufsuchte, in welchem es vornehmlich Dinge gab, die man zum Nähen brauchte. Vielleicht gab es auch Unterwäsche. Ich weiss es nicht mehr so genau. Aber es war alles ziemlich ordentlich und geregelt. Und genau das war schlimm. Es gab keinen kleinen Stein des Anstosses, wo man hätte zugreifen können. Es gab keine Unregelmässikeit, die doch an sich interessant sind. Auf jeden Fall fand ich diese endlosen Stunden, während der meine Mutter unbekümmert mit der Besitzerin des Ladens plauderte, endlos lang. Es war eine Qual. Eine endlose Qual, um genau zu sein. Es war im Grunde Kindsquälerei. Ich hing meist vor der Ladentüre auf der steinernen Treppe herum und es war dort absolut nichts los. Höchstenfalls hätte ich mir, durch irgend eine gewagte Übung, das Knie aufschlagen können. Und auch im weiteren Umkreis war nichts, was sich hätte für einen kleinen Zeitvertreib anbieten können. Absolut nichts! Es war die veritable Hölle. Und ich habe nie begriffen, wie sich die Frauenwelt in einer solchen Umgebung unterhalten und gar noch gut unterhalten kann. Niemals war das zu begreifen. Ich dachte mir, diese Wesen müssten von einer anderen Welt sein, irgendwie mit anderen Gesetzmässigkeiten und anderen Programmen, die Zeit zu geniessen.
Umso mehr schätzte ich damals meine kleine Freundin, bei der ich bemerkte, dass sie genau dieselben Dinge mochte, die auch ich mag. Wir hingen nach der Schule hinter dem Schulhaus herum, hängten uns an die Turnstangen, plauderten hin und her. Einmal hatte sie mich eingeladen, in einem Motorlastwagen mitzufahren. Ihr Vater führte ein grosses Baugeschäft in Lenzburg. Und ich hatte die Ehre, zwischen Chauffeur und meiner kleinen Freundin auf diesem holperigen und ausgesessenen Sitz zu hocken und über das Armaturenbrett hinunter auf die Welt zu schielen. Es war einfach grossartig. Ich glaube, ich habe eine zeitlang sogar meine Freundin neben mir vergessen. Aber irgendwie genoss auch sie es. So habe ich es in Erinnerung. Entweder war sie stolz, dass ich ihre Welt so sehr bewunderte. Oder sie war erfreut, dass sie mir eine Freude machen konnte. Aber irgendwie war sie hell und fröhlich neben mir. Und natürlich hatte ich die Vorstellung, dass sie jeden Tag mit diesen riesigen Lastwagen in der Welt herum fahren würde. So ein kleines Ding von einem Mädchen mit einem kecken Rossschwanz hatte solch gigantische Maschinen unter Kontrolle!! Ich sag Dir, Marlena, ich war schon schwer beeindruckt.
Ich glaube, das ist es für heute
Ich wünsche Dir einen feinen Tag
Kuss
...
Irgendwie komme ich nicht hinein ins Hotmail. Was ist los mit diesem System? Ist es nicht merkwürdig, wie viele Sorgen und Gedanken man sich heute macht über Dinge, die man nicht mal sieht. Ich meine, wenn ich jetzt schimpfend und fluchend durch die holperigen Strassen von L. wanderte, indem ich mich über Hotmail auslassen würde, dann könnte das hier kein Mensch verstehen. Sie würden denken, ich wäre der Psychiatrischen Klinik entlaufen.
Lass es mich nochmals probieren.
Gruss
....
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