Samstag, 8. Oktober 2016

Kuckuknest

 
Datum: den 23 oktober 14:18

Liebe Malou
Ja, Kuckuck oder Nachtigall, das ist hier die Frage.
Ich erinnere mich an die Zeit in Olten, wo mir ein Sozialarbeiter erzählt hat, man würde jedes Jahr einen Ausflug mit dem Altersheim machen. Aber es sei schrecklich, alle alten Leute machten dabei in die Hosen vor Aufregung. Aber eigentlich war es bloss freudige Aufregung.
Vielleicht ist so etwas der Grund. Ich bin ja nicht Fachmann meine Liebe, habe nicht mal meinen alten Kollegen besucht im St.Jackob-Stadion.
Kannst du nicht fragen, welches denn die Gründe sind?  Vielleicht kannst du die Leute doch besuchen, wenn auch nicht nach draussen begleiten. Ich weiss es nicht Malou, unsere heutige Welt kann sehr hart sein. Notfalls gehst du in die Zeitung und machst einen Skandal. Dann wirst du doch noch eine Florence Nightingale.
...

Freitag, 7. Oktober 2016

:-(


Datum: den 23 oktober  14:08

Lieber ...,

Danke für dein liebes interessantes Zwischenmail, das ich wie immer
sehr genossen habe.

Ich bin heute eher etwas traurig. Und es ist wegen den alten Leuten,
die Ida und ich jeweils Montags treffen. Drei von denen, die so gut
wie jedesmal dabei waren, lässt das Personal nicht mehr an unserer
kleinen Kaffeestunde teilnehmen. "Sie werden zu unruhig davon", heisst
es. Wahrscheinlich hat man sie lieber als Zombies, die nicht mehr
reagieren und nur ihren Körper still durch die Welt schieben. Mir
kamen sie glücklich und zufrieden vor und sie schienen das Bisschen
Leben um sich herum zu geniessen. Schon vorige Woche wurde Ida, die
vor mir gekommen war, nicht mehr in den Korridor hineingelassen, damit
die Alten sie nicht sehen sollten. Das Personal wollte die "erlaubten"
Personen selbst herausbringen.
Na ja, ich weiss nicht. Natürlich sind wir sehr privilegiert, wo wir
doch nicht die unangenehmen Pflichten übernehmen müssen. Und es ist ja
möglich, dass die Alten sich ihrer Lage bewusst werden, wenn sie diese
Stimulans von uns bekommen. Ach, sag mir du wie du denkst. Du bist
doch der Experte auf menschlichen Beziehungen.
Nein, wie eine Florence Nightingale habe ich mich nie gefühlt.. aber
letzthin kam mir der  Film "Einer flog über das Kuckucknest" mit
Nicholson in den Sinn.

Ich schreibe später mehr.
Wünsche dir einen schönen Tag
Mit lieben Gs und Ks
Malou

Ordner - Walliser Strichlisten und Politik


Datum: den 23 oktober (7 Jahre später)

Liebe Malou
Ich habe soeben die Papiere geordnet, chronologisch geordnet, die nun einigermassen drei Ordner füllen. Na ja, die Chronologie ist noch nicht perfekt, aber einigermassen vorbereitet. Es haben ja nun leider nicht alle Papiere ein Datum.
Weisst du Malou, wenn ich so mit Ordnern hantiere, dann habe ich das Gefühl, ich sei in den falschen Job geraten. Schon der Anblick von Ordnern ist mir einigermassen ein Graus. Aber dass ich diese unansehnlichen Dinger auch noch selb st füllen und ordnen muss, das finde ich die Höhe. Eigentlich hatte ich gedacht, die Ordner würden selbst ordnen. Aber nein, man muss alles selbst machen. Und seit man keine Sekretärinnen mehr hat, die alles einordnen und wieder hervorholen, wenn man es braucht, gibt es in den Büros eine riesige Sauordnung. Ich glaube, das schadet dem Zustand der Welt ziemlich. Die Ordner sind die Infrastruktur der Welt. Und heute geistern sie gar noch in digitaler Form durch die Lüfte. Da lobe ich mir die alten Walliser Strichlisten. Kennst du sie. Sie haben einen speziellen Namen, der mir jetzt aber nicht mehr in den Sinn kommt. Im Wallis, mit seinem sonnigen und trockenen Klima, müssen die Bauern ihre Rebberge und Wiesen künstlich bewässern. Dazu gibt es die Wasserleitungen (auch Suonen genannt). Und in alten Zeiten haben sie in den Dörfern die Wasserrechte auf  Holzstücken eingekerbt. Da konne man ablesen, dass die Familie Kuonen von Mitternacht bis vielleicht 2 Uhr das Recht hatte, das Wasser auf ihre Wiesen zu leiten. Wasserdiebstahl wurde schwer bestraft. Ich hatte im Gymnasium mindestens einen Kameraden (mindestens einen, von dem ich es weiss, wahrscheinlich gab es noch andere), der gelegentlich nachts wegen dieser Wässerung nicht ins Bett kam. Natürlich hatte er auch wenig Zeit für Hausaufgaben und war morgens müde wie nach einem ausgelassenen Fest. Diese künstliche Bewässerung habe ich dann wieder im Iran gesehen. In Damavand, in der Nähe des höchsten Berges, der so heisst, haben die Schwiegereltern ein Sommerhaus. Und dort oben hat man nachts die Leute gehört, wenn sie wässerten. Und morgens lag dann der ganze Acker gleich neben dem Haus unter einer Wasserlache.
Du siehst, Malou, meine Assoziationen rennen quer durch die Welt. Wir waren bei den hässlichen Ordnern. Man nennt sie hier auch Bundesordner. Keiner weiss, wesshalb "Bundes-"?
Wir haben am Wochenende Wahlen gehabt. Es ging um den Nationalrat, die Ländervertretung in Bern. Es gibt in Bern zwei Kammern, eines ist der Ständerat. Jeder Kanton schickt zwei Vertreter. Das andere ist der Nationalrat. Jeder Kanton schickt Vertreter proportional zu seiner Bevölkerungsgrösse. Bei diesen Wahlen also hat die SVP, eine deutlich rechts-konservative Partei deutliche Gewinne gemacht, während die SP, die sozialistische Linkspartei verloren hat. Da zeigt sich eine Polarisierung in der schweizerischen Politik, die man früher nicht gesehen hat. Sie haben sich auch verbal nichts geschenkt. Und sowas haben wir hier hinter den sieben Bergen auch noch nie gehört. Es war alles ein bisschen komisch und abstrus. Ich habe erstmals eigentlich liberale Mitte gewählt. Früher hatte ich immer den Sozialisten die Stimme gegeben, mindestens sehr häufig. Und dieses Mal habe ich mir gedacht, dass man die Mitte stärken sollte, wenn die extremen Positionen soweit auseinandergehen und offenbar so sehr anwachsen. Aber wie du siehst, konnte ich das Steuer nicht mehr herumreissen. Eigentlich gibt es im Kanton Zürich eine neue Partei, die grüne Politik mit Liberalismus kombiniert. Ich glaube, sowas hätte ich gewählt, wenn es das in unserem Kanton gegeben hätte. Dann wäre ich im linken Mittelfeld gelegen. Ich glaube, dort würde ich einigermassen angemessen positioniert sein.
Wo stehst du politisch Malou? Du hast doch ziemlich gemässigte Meinungen, nicht? Ausser vielleicht über die Schulen, die du am allerliebsten abschaffen wolltest?  ;))
Ich wünsche dir einen sonnigen Dienstag
Liebe Gs und Ks
...

 

Dienstag, 4. Oktober 2016

Unter der Decke ... :-)



Ämne: Unter der Decke.. :-)
Datum: den 20 oktober 06:52


Lieber ...,
Wenn nicht die Kopfschmerzen wären, könntest du mich um diesen Tag beneiden, und ich würde ihn voll geniessen. Aber ich mache das beste daraus. Liege unter meiner warmen Decke und lese im Buch vom Mönchischen Leben. Dabei denke ich an dich und der Text vermischt sich mit meinen Gedanken und wird schön und gross. Ach, wie würde sich unser lieber Rilke freuen wenn er davon wüsste.
Schau hier:

"Du bogst mich langsam aus der Zeit,
in die ich schwankend stieg;
ich neigte mich nach leisem Streit:
jetzt dauert deine Dunkelheit
um deinen sanften Sieg."

Und weisst du was ich tun möchte? Das Wort "dauert" durch "trauert" ersetzen. Dann stimmt es besser, oder? :-)

Marlena

Montag, 3. Oktober 2016

Matin gris ...


Ämne: Matin gris
Datum: den 20 oktober 00:50

Mon cher ...,

En ce moment la vie est très calme et j'en profite. Je me sens déjà beaucoup mieux mais je vais rester à la maison encore un jour.

Je pense que ce n'est qu'aujourd'hui que tu as reçu tous mes mails et alors je me contente de t'envoyer un petit "bon matin".
Tu me manques. :-)
À bientôt, mon chéri,
Marlena


Ein Internetleben :-)


Noch einmal..
Thu, 19 Oct 18:32:48

Chéri,
Vielleicht habe ich dich doch verpasst. Ich habe mich beeilt damit du mein Mail noch heute vor dem nach Hause gehen bekommen solltest. Ich hätte dir schon früher geschrieben, aber ....
*
Ach, wie lieb dass du mir noch einen kleinen Gruss geschickt hast. Es war nicht viel aber ich habe mich gefreut, dass du an mich gedacht hast. :-) Ich habe mich auch zuerst gewundert und gefragt ob ich Preiselbeeren falsch geschrieben habe, aber wir haben beide recht. Es gibt beide Formen im Wörterbuch. Übrigens solltest du dir keine Sorgen machen wenn dir mal in der Eile ein Wort falsch gerät. Erstens sehe ich es nicht und zweitens hast du mir in den letzten Monaten soviel gutes Deutsch beigebracht dass ich nun fast fliessend schreibe. Nur wenn es ungewöhnliche Wörter sind muss ich nachsehen wie es heisst. Ich habe auch schon mehrmals Wörter entdeckt die es einfach nicht gibt in der anderen Sprache. So können z.B. zwei schwedische Wörter die ich nicht gegen einander austauschen würde im deutschen dasselbe heissen. Besonders das Übersetzen von Poesi wird dadurch ziemlich schwer.
Ich frage mich was dein Tischnachbar aus der schwedischen Literatur zitiert hat. Es gibt so viel schönes.
*
Was habe ich denn eigentlich heute gemacht? Ein wenig ausgeruht, dann etwas aufgeräumt und auch ein bisschen planlos in meinen Papierbergen herumgewühlt die bald das ganze Zimmer bedecken. Und ich habe gedacht: ”wo es eine Abstellfläche gibt da stelle ich etwas ab”, wie du mir so lustig mal geschrieben hast. Und da ich mich nicht so schnell entschliessen kann etwas wegzuwerfen (man kann es vielleicht später einmal brauchen ;-) wachsen sie immer mehr, diese Berge. Das einzig schöne daran ist, dass ich ab und zu ein Mail von dir finde. Dann lese ich es in Ruhe durch und verliere mich irgendwo in Gedanken. Aber wenn man ”krank” ist, hat man das recht sich ein wenig Zeit zu nehmen. Zeit ist der grösste Luxus den ich kenne.
*
Am Nachmittag habe ich gemerkt dass ich auch Fieber hatte und habe mich gefragt warum deine schönen MMM das nicht verhindert haben. ;-) Aber jetzt geht es mir wirklich schon wieder besser.
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Und was hast du gemacht? Manchmal versuche ich das alte Bild von dir hervorzurufen, das Bild von dem lieben, ruhigen Mann hinter seinem Schreibtisch aber es will mir nicht richtig gelingen und ich frage mich warum.
Dass du auch häuslich sein kannst hat mich ein wenig überrascht. Sag, wird es nicht sehr einsam für S wenn du so selten zu Hause bist? Klar, sie hat ja die ”Kinder” aber wenn ich an ihrer Stelle wäre würde ich dich sicher sehr vermissen. Ach, erzähl mir doch ein bisschen mehr von dir. Ich bin immer noch sehr neugierig auf alles was mit dir zu tun hat und frag mich manchmal ”wie soll ich meine Seele hinheben über dich zu andern Dingen”. Was immer ich tue und denke geht es durch dich so als ob ich die Welt nur durch dich sehen könnte. Und so bist du immer nahe und trotzdem nie bei mir.
Ein Internetleben :-)
Und wie es auch klingen mag, ich möchte es nicht ändern..
*
Auf dem Tisch neben mir steht eine Vase mit gelben Rosen. Ich habe sie heute aus dem Garten geholt und sie verbreiten einen herrlichen Duft. Genau heute vor einem Jahr hatten wir den ersten Schnee.

Ich muss nun schliessen, chéri. Lass mich bald wieder von dir hören, bitte.

SsSsSsSsSsSsS (ja, so sieht es aus mein Leben)
Marlena

Sonntag, 2. Oktober 2016

Placebo?


Ämne: Placebo?
Datum: den 19 oktober 18:21


Lieber ...,

Danke, chéri für dein liebes Mail. Es ist gut dass du es mir so früh geschickt hast denn so konnte ich mich den ganzen Tag darüber freuen.

Jetzt hast du mich aber erwischt, du Schelm. Wie konnte ich wissen das mein kleiner Kommentar zu Alois mich so verraten würde. :-)

Nein, ich behaupte es noch einmal: Für Mats bin ich eine geschätzte Kollegin so wie er für mich ein geschätzter Kollege war. Übrigens, nun da du diese beiden Reisegefährten in einem Zusammenhang nennst fällt mir erst auf wie schrecklich mein Bodyguard war. Mats ist ein ziemlich gewöhnlich aussehender Mann (etwas Olof Palme gleich) aber ein Mann, der in einem Restaurant immer die beste Bedienung erhält. Ich hab ihm mal aus Spass gesagt es ist weil er einem Maffiaboss gleicht. Er weiss sich zu benehmen und verkehrt in den besten Kreisen. Und zu guter letzt ist er intelligent. Vielleicht ein wenig zu eitel für meinen Geschmack. Er ist vernarrt in Boote und schreibt Bücher über Navigation so als Hobby. Wir werden übrigens bald eine Abschiedsfeier für ihn halten. Und nun der (OBS ich sage nicht mein) Bodygard. Er hat zwar die Figur dazu aber sonst fehlte es ihm an allem. Der arme Junge (sorry ich sah ihn dauernd als einen 20-jährigen obwohl er 38 ist) hatte nicht einmal gelernt mit Gabel und Messer zu essen. Und wenn er bei Tisch sass musste ich wegschaun. Meistens war sein Teller schon leer als die anderen kaum mit dem Essen begonnen hatten. Er muss wie ein Tier in der Wildnis aufgewachsen sein und manchmal tat er mir wirklich leid, wenn ich daran dachte wie ihm dies das Leben erschweren muss. Ausserdem machte er keinen intelligenten Eindruck. Sicher findest du es komisch dass ein solcher Mensch Akademiker sein kann. Aber bei uns in Schweden geht alles und bald werden die Schulen voll sein von ähnlichen Leuten, denn keiner hat mehr Lust diesen Beruf zu wählen. Sag es bitte niemanden öffentlich denn ich schäme mich so etwas zu verraten.
*
Nein, leider gibt es keine solche ”Gymnasieinspektoren” wie vor einigen Jahren die ab und zu auftauchten und den Unterricht kontrollierten. Im Gegenteil ist es ja nun ”in” keinen Unterricht zu erteilen. Die Schüler sollen selbst lernen. Weisst du, es ist die reine Katastrophe und zuletzt sind es doch nur diejenigen Schüler, die etwas von zu Hause mitbringen, die davon profitieren. Und nun hat man zu seinem grossen Erstaunen entdeckt dass die schwedische Schule nicht sehr demokratisch ist und dies wird im Moment sehr debattiert. Man hat entdeckt dass die weniger begabten Schüler nicht immer eifrig nach Wissen suchen. ”Solche Schüler hast du wohl nicht am Gymnasium” sagst du in deinem Mail. Oh ja, die haben wir. Denn bei uns gehen fast alle aufs Gymnasium. Ein Politiker hat den gewagten Gedanken aufgebracht, dass man irgendeine Eintrittsprüfung zu dem ästhetischen Programm machen soll. Und er wird wild angegriffen wegen dieser undemokratischen Ansicht. Alle müssen frei wählen können. Darauf meint er: ”man muss Verantwortung haben auch für Schüler mit Talent. Oder soll man sie herunterziehen sodass alle dann falsch singen”. Nun es war eine Debatte unter Politikern und wie du sicher weisst sind es nicht immer die intelligentesten die in diesem Fach landen.
*
Schatz, ich schick dir dies nun und schreib dann weiter, ja..
Bye, bis später
Marlena