Montag, 26. September 2016

Mildernde Umstände ...


Ämne: mildernde Umstände des Winterschlafs

Liebste Marlena
Ach, ein paar Monate zusammengerollt mit Dir, der grossen weisen Bärin, das würde mir doch zusagen, in einer dunkeln, aber geschützten Höhle. Und dazu die Stille, so dass man nur das leise Liebesgeflüster hört. Das wäre doch wunderbar.
Es war ganz lustig gestern. Ich meine, der geschäftliche Teil ging einigermassen gut über die Bühne. Sie haben zwar wieder mal intensiv über Geld diskutiert, die Herren Direktoren und Bosse und Chefs. Aber die Beschlüsse waren dann ganz vernünftig. Und der neue Präsident hat eine kurze Antrittsrede gehalten und sein Dreipunkteprogramm vorgestellt. Weißt Du, welches sein erstes Ziel ist: dass keiner aus dem Club austritt. Ein reines Negativprogramm. Aber er meint es nicht so. Er ist ein Kunstmaler und ein ziemlich origineller Kopf. Es wird ihm in diesem Jahr schon was lustiges einfallen.
Und dann gab es ein essen. Und ich hatte zwei interessante Tischnachbarn. Beide waren mehrere Jahre in Schweden gewesen und waren begeistert. Und ich glaube, bei beiden ging die Liebe zu Schweden über schwedische Frauen. Der eine, heute ein älterer Gentrleman, immer sehr schick gekleidet, Modejournalist, erzählte mir von seiner schwedischen Freundin, eine Adelige, mit der er in Sörland oder so ähnlich gelebt hatte. Er konnte sogar aus der schwedischen Literatur zitieren und die ersten Takte eines Liedes singen. Och, er hat richtig geschwärmt von den Schweden, ihrer Naturmystik, ihrer Liebe zur Geschichte und zur Literatur. Aber zwischen den Zeilen konntest Du sehen, dass er immer noch an seine adelige Liebe denkt. Und er meinte, sie hätten bloss nicht heiraten können, weil sie keinen Bürgerlichen heiraten konnte.
Und der andere Kollege, ein Klavierbauer, und sonst eigentlich ein stiller Typ hatte ganz leuchtende Augen, als er von den schwedischen Mädchen erzählte. Wenn er abends von der Arbeit nach Hause gekommen sei, hätten sie schon zu mehreren auf der Treppe gesessen und auf ihn gewartet. Als Ausländer hätte er auch an der Bar Alkohol bekommen können. Und wenn man den Mädchen eine Flasche zeigte, dann wären sie überall hin mitgekommen. Oder an einem Fest hätte er immer gefragt, woher die Mädchen kommen, und sich dann mit derjenigen beschäftigt, die 50km weit hergekommen ist, um sie anschliessend mit dem Auto wieder heimzubringen.
Du siehst, Marlena, die schwedischen Frauen haben einen Ruf, der durch ganz Europa weht. Man weiss ja nie so genau, was man davon halten kann, denn wir haben auch ziemlich Wein getrunken gestern Abend. Aber eines ist sicher: beide waren von den schwedischen Frauen tief beeindruckt. Und sie haben die intensiven Erlebnisse auch in Zusammenhang gebracht mit der langen Dunkelheit im Jahr, und der kurzen und intensiven Vegetationszeit. Es hat so geklungen, als ob man die paar sommerlichen Monate bis zur kürzesten Sekunde auskosten muss, weil sie bald vorüber sind.
Und José, der Journalist, hat von den roten Preisselbeeren geschwärmt und wie die Landschaft zur einer bestimmten Zeit einfach total rot sei von diesen Sträuchern. Ist das nicht das, was Du mir auch geschildert hast? Auf jeden Fall waren diese Preisselbeeren der initiale Punkt, weshalb wir überhaupt auf Schweden zu sprechen kamen. Und du kannst Dir vorstellen, dass ich natürlich immer weiter gefragt habe und mehr und mehr wissen wollte, was denn dort oben so besonders sei. Und so sind die beiden älteren Knaben noch einmal richtig ins Schwärmen gekommen. Das war doch eigentlich recht köstlich, ganz abgesehen von den schmackhaften Preisselbeeren auf dem Fleisch.
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Du klingst ein wenig erschöpft, meine Liebe. Ich würde Dir gerne in der Höhle den Rücken massieren und Dir neue Energie geben. Aber die länge meiner Arme reicht nicht ganz. Weshalb gehst Du nicht in die Sauna, oder vielleicht in ein Solarium. Ich glaube, dass das fehlende Licht auf das Gemüt schlägt. Ich jedenfalls habe in den letzten Jahren bemerkt, wie ich im Herbst gewöhnlich etwas mehr melancholisch werde. Das heisst, ich habe es nicht mal selbst realisiert, sondern S hat mich darauf aufmerksam gemacht. Und ich glaube, sie hat recht. Ich habe immer Weihnachten bis Neujahr eine Art Baisse, so dass ich die Zeit und das Fest gar nicht richtig geniessen kann. Bisher hatte ich es immer mit der Tatsache des Jahresende in Zusammenhang gebracht. Es ist aber schon möglich, dass ein Sonnenenergiemangel auch eine Rolle spielt. So lass mich denn Deine Sonne spielen, Marlena.
Ich wünsche Dir einen sonnigen Tag
...
Iran ist megasonnig, nebeibei gesagt. Deshalb haben dort alle lachende Gemüter.

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Ämne: Re: mildernde Umstände des Winterschlafs

Ach, mein Liebster,
was hast du für wunderbare Ideen. :-) Aber ein Winterschlaf ohne dich ist nicht schön.. und deshalb komme ich eben wieder aus meiner Höhle heraus und sehnsuche dich.
Ich war sehr beschäftigt die letzte Zeit aber später heute Abend schreibe ich dir noch ein Mail. Möchte dir nur schnell ein paar Zeilen senden, damit du sie hast bevor du nach Hause gehst.
Wenn du mehr Zeit hast als ich im Moment, dann schick mir doch ein kleines Mail (ein wenig Sonne). Ich könnte es wirklich brauchen ..und du weisst doch.. es hilft gegen alles.
Mit einem lieben Kuss
Marlena 

Blauer Montag - oder grau?



Liebe Marlena

Ja, das Essen mit Onkelchen war ganz schön. S. hat sich grosse Mühe gegeben. Und er war ganz gerührt, dass wir uns erinnert hatten, dass Coq au vin sein Lieblingsessen ist. Er hat es wirklich genossen und er hat S. viele Komplimente gemacht. Und zum Pariserring gab es einen Irish coffee, den mag er ganz besonders, auch wenn draussen noch kein Schnee liegt. Alles in allem war es ein nettes Festchen, und über die schönen Blumen hat er sich besonders gefreut.
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Heute abend habe ich meine GV im Club. Da muss ich schon um 18h nach Basel. Die Sitzung ist eigentlich eine Routineangelegenheit. Aber manchmal gib es doch noch Diskussionen , meist um Geld. Die vielen Chefs und Bosse und Direktoren wollen alle beim Geld mitreden, auch wenn die Beträge nicht so hoch sind. Es ist manchmal etwas lächerlich. Aber sie sind nun mal so. Und anschliessend gibt es ein feines Nachtessen zur Feier des Anlasses. Und dann sitzt man noch bis etwas 22h zusammen und erzählt die neuesten Geschichten, na ja, ungefähr so, wie die Frauen es am Gartenzaun auch machen. S. meint, die Männer seien noch schlimmer mit ihrem Gossiping. Das würde ich aber vehement bestreiten. Na ja, schon wegen der Symmetrie würde ich es bestreiten. ;--)

Ich wünsche Dir einen schönen Abend und schicke Dir einen hochkarätigen Kuss
...


Re: blauer Montag

Lieber ...,

Ich würde eher sagen, dass er grau ist, dieser Montag. Grau draussen und grau im Herzen oder im Sinn. Ich habe eigentlich im Augenblick zu nichts Lust. Nicht dass ich schlecht gelaunt wäre, das kommt sehr selten vor aber ich habe etwas Kummer. Eigentlich auch keinen grossen sondern nur eine Menge kleine Irritationsmomente, die dann auch den Becher füllen bis er eben droht überzulaufen.
Vielleicht ist es auch eine Müdigkeit die mit einer beginnenden Erkältung zu tun hat. Ich weiss nicht. Manchmal wünsche ich ich könnte es nun wie die Bären machen, mich zurückziehen und einen Winterschlaf halten. Dann im Frühjahr, wenn es wieder etwas hell wird und die Blumen anfangen zu spriessen, würde ich froh und zufrieden herauskommen und sofort nach dir Ausschau halten. Oder vielleicht kommst du mit? Das wäre doch am allerschönsten. Wir könnten ein paar Monate schön warm zusammen schlafen. Ich würde mich ganz dicht mit dem Rücken an deinen Bauch legen und mich dort zusammenrollen.
Aber es hilft nichts. Morgen früh, wenn es noch stockdunkel ist muss ich wieder mein warmes Bett verlassen und den täglichen Kampf aufnehmen.

Aber es muss auch so gehen. Ich bin schon immer gut im Improvisieren gewesen.(ein Versuch vermildernde Umstände zu finden;-) Es wird mir etwas einfallen.
Du hast nun noch eine Stunde in deinem Club und gern möchte ich kurz hineinschaun und sehen was du dort machst. Erzähl mir ein wenig davon morgen, chéri. Und verzeih mir das kurze Mail.. es kommen wieder bessere Zeiten.
i M
Marlena

Ich habe heute ein liebes Mail von Mats erhalten, wo er mir von seiner Zeit an der Uni erzählt und versucht mich hinzulocken. So aus Entfernung scheut er nicht unser Milieu hier ein wenig unter die Lupe zu nehmen und es freut mich meine eigenen Gedanken aus seinem Mund zu hören.
Weisst du Schatz, es gibt nichts schlimmeres, als gegen Dummheit kämpfen zu müssen..

Schreibe mir bald, chéri, ich bin hungrig nach deinen Worten. 


Sonntag, 25. September 2016

Sunday evening blues ..



Lieber ...,

Nun ist sie endlich da, die lange ersehnte Stunde wenn ich mich eine Weile zu dir setzen kann. Sicher weisst du, dass ich an dich denke auch wenn ich aus irgend einem Grund nicht zum Schreiben komme. Aber ich weiss dass es trotzdem nicht schön ist eine 0 in der Mailbox zu finden. Das Leben ist im Moment ein wenig hart zu uns Mausfreunden.

Ja, es ist schon so, wie du sagst. Eigentlich ist es schön wenn Leute unerwartet zu Besuch kommen. Hier im Süden kommt das ja nicht so oft vor wie oben in Norrland, wo es fast zur Regel geworden ist. Man taucht ganz einfach auf wenn man den Weg vorbei hat.

Gestern kamen eine Freundin von mir und ihr Mann mit denen wir seit Jahren gut befreundet sind. Wie immer hatte K auch an diesem Samstag ein gutes Essen  vorbereitet und so konnten wir ein paar gemütliche Stunden miteinander verbringen. Aber dann hat mir doch die Zeit gefehlt und ich musste heute den ganzen Tag fest arbeiten. Nur manchmal habe ich mir eine kleine Pause gegönnt und wenn es möglich war, in die Mailbox geschaut nach einem Lebenszeichen von meinem Mausgeliebten. Und wie immer hat es mich sehr gefreut als ich dann schliesslich ein Mail fa

Und nun, chéri, sehe ich dich vor mir wie du dich nett mit deinem lieben Onkel unterhältst und ihm einen schönen Geburtstag machst. Ach, wie hat er es gut, der alte Onkel und ich beneide ihn, weil er in deiner Nähe sein darf. Es ist schön, was du sagst über seine Freundinnen. Ja, die Männer die ein hohes Alter erreichen haben es meistens ganz gut und werden von vielen Frauen verwöhnt. So war es auch mit meinem lieben Schwiegervater. Aber er hatte wohl sein ganzes Leben lang Verehrerinnen gehabt. ;-) Sicher habt ihr zu diesem Coq au vin auch einen guten Rotwein getrunken. :-)

...

Zu deinem Artikel über die Ehe möchte ich dir sagen dass in Schweden mehr als 50% der Haushalte "Singels" sind. Und in Stockholm bestehen sogar 2/3 aller Haushalte aus nur einer Person. Es scheint ein neuer Lebensstil zu werden.
Aber bei euch gibt es doch diesen "Zeitabschnitt-partner" und das finde ich wirklich ein wenig schockierend. Man sagt sich also schon wenn man zusammenzieht, dass es nur für eine Zeit gedacht ist. Sag, wer tut denn sowas, wenn die Liebe mit im Spiel ist?

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Samstag, 24. September 2016

Besuche



Lieber ...,

Ich habe unerwarteten Besuch bekommen und komme im Moment nicht zum schreiben. Wünsche dir einen schönen Abend.

Auf bald, hoffe ich
Marlena



Ämne: Sunday morning

Liebe Marlena
Der Abend gestern war nicht ein Superlativ. Wir haben zuviel über Geschäfte und EDV und Diebstahl und solch profane Dinge diskutiert. Das hat mich nicht sosehr interessiert. Und um übrigen war ich den ganzen Tag im Büro gewesen und ein bisschen müde.
Wir sind dann erst um 2 Uhr ins Bett gekommen. Ich habe noch das Geschirr gespühlt und alle Gläser gewaschen. Die kann man ja schlecht einfach in die Maschine stellen. Und heute bin ich an der Traktandenliste für Montag. Sie ist ziemlich lange, weil wir einen 14 Tage Unterbruch hatten.
Und bald fahre ich ab zu Onkelchen. S. hat nochmals ihre Freundin im Spital Chur besucht. Wir treffen uns am Bahnhof in Lenzburg. Und dann gibt es ein kleines Geburtstagsessen: Coq au vin. Das mag er am liebsten. Und nachher einen Pariserring von Beschle. Auch den mag er sehr gerne. Der Geburtstag ist dann aber erst am Dienstag. Aber dann haben wir kaum Zeit hinzureisen. Dann kann er seine vielen Freundinnen empfangen, die ihn besuchen werden. Es ist lustig, weil ja die Frauen etwas länger leben als die Männer, hat er wirklich sehr viele ältere Damen, die er kennt. Und weil er sehr lieb ist, besuchen sie ihn gerne. Er kann sehr gut mit Leuten reden.

Schön, einen unerwarteten Besuch zu erhalten. Ich hoffe, ihr habt das genossen.
Ich wünsche Euch noch einen schönen Sonntag.
Mit einem grossen Kuss


Donnerstag, 22. September 2016

Nur dir sage ich ...


Ämne: In Eile..

Hello love,
Gestern kam ich nicht an den PC ran weil A und K ihr neues Program ausprobieren. Ich glaube beide werden in Zukunft viel hier am PC zu tun haben mit ihren Sajts. Aber das gilt ja nur am Wochenende.

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So viele Illusionen hast du gehabt, dass du einen ganzen Karren dafür brauchtest? ;-) Ja, das Leben eines Menschen ist meist etwas anders als es die Umwelt sieht. In den Augen meiner Umgebung gelte ich als stark, selbstbewusst, stolz, offen und glücklich (vielleicht auch als etwas abenteuerlich :-)
Die mich näher kennen glauben ich bin ein Engel weil ich viel Mitgefühl für meine Umwelt habe. Und du mein Schatz, dir sage ich wie mein Leben wirklich ist.. wie ich es erlebe.. meine Gefühle und Gedanken. Es ist schön einen Menschen zu kennen, dem man das sagen möchte.

Nun, ich muss schon weg. Schreib mir doch du noch ein Mail falls du Zeit dazu findest. Es macht mein Leben so schön..
Ich umarme dich, mon chéri
Marlena

Dienstag, 20. September 2016

Illusionen?





Ämne: die Illusionen auf dem Kartoffelkarren


Liebe Marlena

Wo ich meine Illusionen verloren habe? Illusionen über die Menschen?
Na ja, das ist wie wenn Du mit einem Karren voller Kartoffeln über einen holperigen Weg rollst. Sie fallen ja nicht gleich alle zusammen vom Karren, sondern springen einzeln da und dort herunter.
Aber ich habe nicht ein schlechtes Bild von den Menschen. Das bestimmt nicht. Und ich habe im Leben wirklich eine Menge Menschen kennengelernt.
Weißt Du Marlena, ich habe den Eindruck, dass es sehr von der Distanz abhängt, wie man Menschen wahrnimmt. Kennt man sie nur aus Entfernung, oder kennt man sie in einem sehr persönlichen Rahmen. Das ist die Frage. Es gibt doch auch diesen merkürdigen Riss durch die Welt, den jeder von uns selbst erleben kann, diese unüberbrückbare Diskontinuität zwischen meiner Innenwelt und der Aussenwelt. Man könnte grob sagen, das eine sei die private, das andere die öffentliche Welt. Aber es stimmt hier auch nicht ganz. Die Sprache, nota bene, wie Wittgenstein nachweist, ist eine durch und durch öffentliche Angelegenheit. Es gibt nicht die Privatsprache, nur für mich selbst, so, wie sie Bichsel in der Kindergeschichte "Ein Tisch ist ein Tisch" vorgeführt hat. Das ist keine Sprache mehr.
Ich habe in den letzten Jahren einige Biographien gelesen und ein wenig studiert. Am liebsten hatte ich die Lebensgeschichten von Malern, die auch illustriert waren mit ihren eigenen Gemälden. So konnte ich irgendwie die Werke mit dem Leben des Malers in eine Verbindung bringen. Kunstgeschichtlich ist ja das Leben des Malers ziemlich irrelevant. Aber psychologisch ist es interessant. Und wenn man dann diese Lebensläufe, diese Krisen und Stürme und Liebschaften und Katastrophen und Höhepunkte und Seligkeiten sich anhört, und daneben die öffentliche Rolle sieht, die sie gespielt haben und die mit Gemälden belegt ist, dann gibt es doch sehr erstaunliche Phänomene.
Schau mal Dali an, dessen Biographie ich gerade auf meinem Nachttischchen habe! Er war ein armer Wurm. Er hatte soviele Ängste und Unsicherheiten. Er war ganz und gar von seiner Frau Gala abhängig, die ja auch in seinen Bildern immer wieder auftaucht, eine Russin, die ein sehr extravagantes Sexualleben geführt haben soll, während von Dali gesagt wird, er wäre ein Autoerot gewesen. Das heisst wohl, er hat sich meist selbst mit sich selbst befriedigt. Das ist ja doch schon eine echte Kunst, würde ich sagen. Und er muss seiner Gala echt hörig gewesen sein. Sie haben viele Bilder gemeinsam signiert, obwohl er sie gemalt hat, er im engeren Sinne sozusagen. So ist der arme Kerl stets am Trichterrand zur Psychose gewandelt, hat diese Tatsache genutzt für seine Bilder. Aber ich bin sicher, das war nicht das reine Vergnügen. Er war ein echter Spinner und hat sich mit seinem Vater schwer verkracht und hat offenbar auch enorm darunter gelitten.
Und wenn man bloss Dalis öffentliches Leben anschaut, hat man den Eindruck, er wäre ein berühmter Maler gewesen, der sein Leben geschäftstüchtig inszeniert hat, jede Menge vor dem Publikum der Oeffentlichkeit Theater gespielt, aber alles in allem ein genialer Held, der diese fantastischen und eindrücklichen Bilder gemalt hat, die jeder im Gedächtnis hat. Man denkt, er sei der grossartige und selbstbewusste Schöpfer dieser Ikonen des frühen 20. Jahrhunderts.
Was jetzt nun, ein genialer Held oder ein armer Wurm? Ist eben eine Frage der Distanz der Wahrnehmung. Und in der Oeffentlichkeit verzerren vielleicht die öffentlichen Vorurteile und Legenden unseren Blick und im Privaten sind es dann wohl unsere persönlichen Gefühle und überwertigen Ideen und familiären Neurosen, die das Bild trüben.
Ich habe kein schlechtes Bild von den Menschen. Und ich bin immer wieder berührt und beeindruckt von der Liebe der Mütter zu ihren Kindern. Ich glaube, das ist die stärkste Kraft auf unserer Welt. Bei Vätern merkt man gelegentlich auch viel Liebe, aber nicht so oft wie bei den Müttern. Und wenn diese Mutterliebe nicht wäre! Stell Dir die Welt vor. Es wäre der wahre Dschungel und Krieg und Egoismus! Die Menschen hätten kein Feingefühl und keinen Respekt und auch keinen Zusammenhang. Es sind bestimmt die Frauen, die dieses Positivum in der Welt vertreten und unterstützen und pflegen. Und es ist wohl in allen Kulturen so. Die Leistungen der Frauen für den Bestand unserer Welt sind bei weitem höher einzuschätzen als diejenigen der Männer. Wenn man das mal so auf eine einfache Buchhaltung reduzieren will. Und es ist, nach all dem, was wir hier unten wahrnehmen, überhaupt nicht einzusehen, weshalb der liebe Gott denn nun unbedingt so etwas wie ein Mann sein sollte.
Wir haben in unserem Dienst vor Jahren mal eine Fortbildung gemacht mit einer Feministin. Und sie hat erzählt, dass sie mit ihrer kleinen Tochter abends "zur Göttin" betet. Fand ich lustig, instruktiv und auch mutig.
*
Kurz und gut, meine Illusionen liegen an den Rändern meines Lebensweges wie Kartoffeln, die vom Karren heruntergekollert sind. Aber ein paar sind wohl immer noch oben geblieben. Und das spricht doch auch für den Karren, oder nicht?
Ich küsse Dich innig, meine barocke Mausfreundin
...

PS: wollen wir doch keinen Indizienprozess beginnen, wer wem zuerst die Liebe angedeutet habe. Es geht mir da wie den alten Römern, die in ihren Zitaten immer sehr ungenau waren, einfach weil sie die Mühe scheuten, ihre Pergamentrollen aufzurollen und das Zitat wörtlich zu suchen und nachzulesen. Es ist einfach schön, sich zu erinnern, wie das ganz zart und sachte entsteht, und wie man auf jede Geste und Wendung achtet, die auf ein Mehr hindeuten könnte. Und wenn solche Ahnungen und Gefühle entstehen, ist man ganz zufrieden und hell. Aber es ist doch nicht Geschichte, Marlena! Es ist die nackte Gegenwart, bloss ein paar Monate her. Ich küsse dich nochmals.


... schon Geschichte???



Ämne: Nur ganz kurz..


Ach... , es ist so spät geworden heute und ich finde nicht die Zeit ein längeres Mail zu schreiben. Aber einen kleinen "Gutenachgruss" möchte ich dir trotzdem schnell senden.
Danke für dein schönes langes Mail. Ich bin ganz auf deiner Seite was Englisch betrifft. Aber später dann, wenn die Schüler älter sind, sollten sie auch Französisch lernen.. aber nur die, die eben eine gute theoretische Ausbildung haben wollen. Klingt das fair?

Morgen ist Freitag der 13. Viele meinen das ist ein spezieller Tag. Man muss etwas aufpassen :-)
Ich habe heute ein wenig gesucht nach dem Mail wo ich dir eine Liebeserklärung gemacht haben soll.. aber im März gab es noch keine. ;-) Doch man merkt dass ich schon nach ein paar Wochen "Harroinsüchtig" gewesen bin..
Nicht ich.. sondern du hast das erste mal von Liebe gesprochen.. :-) Erinnerst du dich? Damals wollte ich schnell die Feuerwehr holen..
Wir reden manchmal als wäre alles schon Geschichte.. ist es so?

Jetzt muss ich noch etwas arbeiten aber morgen werde ich dir hoffentlich mehr schreiben können.
Wünsche dir alles gute
Marlena

Wo hast du deine Illusionen verloren? Erzählst du mir davon?

Zu dem Wort barock sagt mein Duden: "seltsam, verschroben"...