Dienstag, 9. August 2016

Wer weiss, was morgen ist ...




Liebe Marlena
Vielleicht kennst Du dieses Foto: "James Dean on Times Square". Es stammt von 1955. Das ist auch das Jahr des Todes von James Byron Dean, als er an einem Septemberabend mit seinem Porsche Speedstar auf der Highway 466 mit einem Ford Sedan zusammenprallte. Das Ereignis erinnert ein bisschen an Camus.
Nun habe ich persönlich mit James Dean eigentlich ganz und gar nichts am Hut. Ich habe nie ganz begriffen, weshalb man ihn hochstilisiert hat, wo er doch bloss 173 gross und Brillenträger war. Wahrscheinlich war er wirklich sehr kurzsichtig, und schaute deshalb in die Welt mit einer Mischung aus jugendlichem Missmut und Aufsässigkeit. Aber wird man damit schon zum Giganten, zum Rebellen? Tatsache ist, dass Dean zum Vorläufer unserer Jugendbewegung gemacht worden ist, zum 68er avant la lettre. In seinem dunkeln Mantel schleicht er hier über den leeren Times Square. Und die späteren Generationen finden in dieser Zufälligkeit eine jugendliche Gebärdensprache, einen baudelairschen Helden, der die ganze juvenile Ungeduld und Aggressivität, diese moderne Mischung aus Nervosität und Schüchternheit in die Welt schreit.
Auf dem Foto sieht er unscheinbar aus. Es ist regnerisch und unklar. Bei seinem dunkeln Mantel hat er den Kragen hochgeschlagen. Eine Chesterfield steckt zwischen seinen Lippen. Weshalb eigentlich Chesterfield? Es muss Morgen sein, denn der Times Square ist mehr oder weniger leer. Und wir alle wissen, dass die New Yorker ungefähr viertel vor zehn für ihren ersten Starbucks Kaffee anstehen. Und hier hat der junge Kerl schon eine Zigarette im Mund! Hinten erscheint die grosse Reklamewand, das Markenzeichen des Times Square. Sie verschwindet im Grau des Nebels und des Regens. Und die Eisengitter rechts, die den Verkehr regeln, entsprechen mit den provisorischen Abschrankungen links. Es sieht alles nach purer Zufälligkeit aus. Und im grauen Asphalt reflektiert sich der missmutige Jüngling, der zum Vorreiter der Teenager werden soll. Es gibt ein ähnliches Foto von Cartier-Bresson, das Giacometti in Paris zeigt. Doch mindestens war damals Giacometti ein bekannter Mann. Hier ist aber auf dem morgendlichen Broadway nur ein kleiner Narziss unterwwegs, der noch selbst kaum weiss, wer er ist. Und vielleicht ist er zu diesen nassen Morgenstunden auch noch nicht ganz wach. Er hat Theater und kleine Rollen im Fernsehen gespielt. Berühmt wird er im Kino werden. Ein Film ist bereits abgedreht: "Rebel without cause". Das ist sozusagen sein ästhetisches Programm. Im Kino Astor, das man auf dem Foto linkerhand sieht, wird seine Uraufführung stattfinden.
Alles kann zum Mythos werden. Auch ein junger, zerknitterter Mann auf dem morgendlichen Broadway, der sich irgendwo einen faden und überzuckerten Kaffee sucht. Ein Mythos ist eine Botschaft. James Dean wurde zum Mythos gemacht, das den Nerv der Zeit traf. Eine Botschaft des jugendlichen Aufbegehrens. Es blieb ihm, dem jungen Narziss, erspart, alt, hässlich und ungeschickt zu werden. "Lebe schnell, sterbe jung und habe einen schönen Leichnahm", soll er oft aus dem Film "Knock on Any Door" zitiert haben. Es ist wie eine Regieanweisung für seine Selbststilisierung.
Offenbar war er eitel, was man doch von einem Rebell nicht direkt erwartet. Einmal, so wird erzählt, soll er versucht haben, als Fotopose Michelangelos David einzunehmen. Ein David des 20. Jahrhunderts? Auf jeden Fall waren bisher Brando und Presley die noch etwas unentschiedenen Idole. Und jetzt wird es Dean, der Jugend nicht als Unreife, sondern als eigentlichen und wahren Seinszustand deklariert. James Dean ist der Anfang des Teenager Kultes. Und dabei war er zum Zeitpunkt dieses Fotos längst ein purer Twen. Dazu war er längst tot. Aber Tote, so weiss man, leben eben etwas länger!
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Gruss

Donnerstag, 4. August 2016

Ausflug im Wallis



date 6 August  17:59
subject Re: :-)

Liebe Malou
Unser Chat gestern war sehr gut. Fandest du das auch? Ich habe es sehr genossen und es war schade, dass ich hinausgeflogen bin. Aber wir waren ja ziemlich lange dran und haben die heikelsten Fragen elegant gemieden.

Heute habe ich einen Ausflug ins Wallis gemacht. Es war allerding ziemlich schlechtes Wetter. Erst jetzt, am Abend, wird es wieder heller und die Sonne kommt zum Vorschein. Zeitweise war es ziemlich kalt, sogar im Eisenbahnwagen.
Ich war in Brig und fand bestätigt, was ich schon immer gewusst habe: es ist ein Nest.es gab da zwar irgend ein kleines Velorennen mit viel Lärm durch die Lautsprecher. Aber sonst war es irgendwie ausgestorben, langweilig, gottverlassen. So habe ich nur ein kleines Sandwich gegessen und bin weiter das Tal hinunter Richtung Lausanne. Und schliesslich weiter via Neuchatel und Solothurn wieder Richtung Basel.

Es gibt im Zug ja viel zu beobachten. Und ausserdem habe ich natürlich viel Lektüre mitgehabt. Das ist die beste Beschäftigung im Zug, neben dem göttlichen Schlaf. Den habe ich auch ausgiebig genossen.

Und jetzt bin ich gerade im Büro und bereite meinen Montag vor.

Ich wünsche dir einen prima Sonntagabend und natürlich Wochenanfang.
Liebe Grüsse

Mittwoch, 3. August 2016

Der Rat einer Expertin.. ;-))



date 5 August  09:52
subject :-)



Lieber Mausfreund,
Nein, komischerweise bin ich nicht das geringste eifersüchtig, was
mich selbst etwas erstaunt.. Im Gegenteil finde ich es wunderbar,
dass du mich nun auch ein wenig an deinem Privatleben teilnehmen
lässt. Was man tun soll, wenn man in eine solche Situation gerät?
Freue dich während es dich "lebendig" macht und gib dem ganzen die
Zeit, die es braucht, um vorüberzugehen. Das ist der Rat einer
Expertin.. ;-)) Kann so zwei Jahre dauern.

Unter meinen Freunden, meist Männer, gibt es einen, der immer wieder
mit solchen Problemen zu tun hat. Es ist fast als könnte er nicht
leben ohne ein spannendes Verhältnis nebenbei zu haben. Und wenn mit
der Zeit sein Interesse nachlässt, hat er Probleme die Damen
loszuwerden und klagt mir sein Leid. Er ist Oberarzt in einem
Krankenhaus und natürlich umgeben von vielen hübschen jungen Frauen,
die zu ihm aufsehen und sich verlieben. Selbst meint er, dass es
gerade diese Bewunderung ist, die er braucht.

Ich muss mich nun fertig machen, um mit Anna in die Stadt zu fahren.
Die Geschäfte schliessen Samstags früher. Doch ich komme nachher
nochmals ins gmail und schreibe mein Mail fertig.

Bis dahin alles Liebe und einen freundschaftlichen Kuss (du weisst wohin),
Malou

Ecco


date 5 August 08:53
subject Ecco



Liebe Malou
Das war eine kleine Überraschung, dich plötzlich in einem chat zu treffen. Lustig, dass du gedacht hast, ich hätte getrunken. Ich war so nüchtern wie eine Tasse kalter Kaffee. Aber in guter Stimmung und noch einigermassen wach. Ich hatte den Eindruck, du bist fast ein wenig erschrocken. Und dann war plötzlich zu Ende.

Wir haben hier kühles Wetter. Es ist kaum mehr 13°. Schnee liegt bis 2000m herunter, hat mir jemand erzählt. Ich weiss gar nicht, wie jetzt unsere Bohnen im Garten schimpfen. Bohnen lieben die Wärme und sind auf solche Schocks sehr empfindlich. Nu ja, wir werden sehen.

Erzähle mir noch ein bisschen vom Norden. Hat sich was verändert. Gibt es immer noch diese vielen Fische im Fluss? Ich habe noch das Bild in Erinnerung, auf dem du in einem dicken Pullover vor dem Fluss stehst. Und dahinter hört man das Rauschen sozusagen.

Ich habe jetzt noch 2 Wochen Ferien. Habe mir gedacht, dass ich ein wenig in der Schweiz herumreise. Ich will dies und jenes ansehen und mich ein bisschen vergnügen. Man soll ja doch den Schweizern auch ein bisschen Aufmerksamkeit gönnen. Alle reisen in den Ferien heutzutage noch am gleichen Tag, da die Arbeit endet, los irgendwo in südliche Orte wie Spanien, Italien, Griechenland oder sogar weiter. Und dabei kann es hier in der Schweiz recht heiss und schön sein. Mittlerweile kommen die Inder und die Chinesen zu uns auf Besuch. Sie besuchen Luzern, fahren auf den Pilatus oder sogar zur Jungfrau hinauf und sind, wenn ich recht höre, ganz begeistert. Aber sie wollen ihre eigenen Mahlzeiten. Die Hotels mussten umstellen. Sie essen nicht Kartoffeln und Wienerschnitzel oder Zürcher Geschnetzeltes mit Rösti. Darin sind sie noch nicht sehr entwickelte Touristen. Ähnlich wie die Deutschen, die auch auf der ganzen Welt ihre eigenen Würstel essen wollen. Und auf der Jungfrau stehen sie mit ihren Sandalen im Schnee und staunen, wie rutschig die Schweiz in Wirklichkeit sein kann.

Ja, mein Harem. Du hast recht. Ich bin ziemlich im Stress. Aber das wird auch vorbeigehen. Ich habe mich ein bisschen verliebt in eine Ärztin aus Zürich. Und ich weiss noch nicht recht, was ich damit anfangen soll. Es gibt mir viel Freude und Energie. Aber eben, du kannst dir ja schon vorstellen in meiner Situation .... Im Moment ist sie in Buenos Aires. Sie ist passionierte Tango-Tänzerin und geniesst es dort offenbar.

Es ist schön, eine alte Mausfreundin zu haben, der man alle Sünden beichten kann. Schreib mir bald und sei nicht eifersüchtig!

Herzliche Grüsse und Küsse
...

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chat


Dienstag, 2. August 2016

Sonntag, 31. Juli 2016

Willkommen


Subject:Willkommen

Liebe Malou
Fein, dass du wieder in der Nähe bist. Klar, Nähe ist immer relativ. Ist immer noch weit im Norden, aber ist deutlich näher, vor allem in der Nähe eines PC. Du hattest zwar gesagt, dass ihr bald abreisen würdet, wolltest dann aber noch vor der Abreise ein Zeichen geben. So mindestens hatte ich es verstanden. Aber vielleicht habe ich etwas übersehen oder misverstanden.

Schön, dass ihr eine gute Zeit hattet. Und bestimmt hat die exzellente Luft gut getan. Sie ist wirklich ein Segen. Ich erinnere mich an die Zeit in Aegypten, wo wir die Winde aus den arabischen Wüsten hatten. Es war eine wunderbare Luft, geradezu zum Einreiben. Ich habe den Unterschied deutlich bemerkt.

Und jetzt bist du an der Wäsche? Das ist das Schicksal der Hausfrau. Die schmutzige Wäsche, bei aller Gleichstellung, bleibt bei der Frau. Ist vielleicht ungerecht, aber ist so. Aber wenn ich an schmutzige Wäsche denke, kommen mir immer auch Waschsalons in den Sinn. Man sieht sie doch oft in Filmen, und immer sind sie der Ort von überaus spannender Erotik. Gerade kürzlich habe ich wieder eine solche Szene gesehen. Und dann wünschte ich mir, mit einem Korb schmutziger Wäsche einmal im Leben in einem solchen Salon aufzutauchen, wo dann ja wohl viele hübsche Singlefrauen mit ihrer Buntwäsche in einer langen Schlange stehen und Zeit zum flirten finden. Oh ja, das wünschte ich mir, egal ob mit Bunt- oder mit Weisswäsche.

Ja, die alten Damen im Bad von I. waren sehr amüsant. Ich habe sie geradezu schätzen gelernt. Sie sind zwar arge Plaudertaschen, schwatzen über dies und jenes und ohne Ende, wenn sie am Rand des Bassins in der Sonne sitzen. Aber die Atmosphäre ist angenehm, ruhig und sehr feundlich. Nun eben, wie die älteren Menschen sind. Ich werde wohl die nächste Woche, wenn es wieder wärmer werden soll, am Morgen jeweils wieder hingehen. Weisst du, dieses Gefühl in den Zehen, morgens über den noch taufeuchten Rasen zu gehen oder ins kühle Bassin zu steigen, das erinnert mich ganz und gar an meine Jugend. Meist nehme ich mir eine Zeitung mit und lese anschliessend in der Sonne. Ich bin schon echt braun geworden. Na ja, ich bin immer noch einer der bleichsten, aber für meine Masstäbe bin ich beinahe afrikanisiert.

Gestern war ich in Aarau im Museum. Die aktuelle Ausstellung war zwar gerade vorbei. Aber es gibt eine hübsche Dauerausstellung mit einigen schönen Werken. Auch Varlin ist bekanntlich dabei. Und dann bin ich mit einer Freundin essen gegangen. Es war nicht zu warm, aber sehr angenehm. Sie ist eine liebe Person und man kann über alles und gut mit ihr diskutieren. Eigentlich ist sie Italienerin, lebt aber schon lange in der Schweiz.

Und morgen ist die Beerdigung von unserem Onkelchen. Er ist am letzten Tag im Juli gestorben. S hatte ihn vor ein paar Tagen noch besucht. Sie hat erzählt, er wolle nicht mehr essen. Er hatte auch immer gesagt, er wolle niemals 100 werden. Und im September wäre er 100 geworden. Nun ja, er hat ein gutes Leben gehabt, vielleicht die paar Jahre im Altenheim ausgenommen. Die waren bestimmt nicht allzu aufregend. Und er hat mir im Hallwilersee den Crawl beigebracht. So gut und gekonnt, dass ich später im Leben mit meinem Schwimmstil bei allen Wettbewerben und auch im Militär mich immer bestens platzieren konnte. Ich war unschlagbar, na ja, fast...

So geht die Zeit dahin. Er hatte immer gesagt, wenn er sterbe, würde er verschwinden, ohne ewiges Leben und so. Vor der Geburt sei er ja auch nirgendwo gewesen.
Siehst du, ohne Illusionen!

Ich schicke dir liebe Grüsse und Küsse
...

Wieder da ... :-)

Subject Wieder da.. :-)
 
Lieber ...,
Nun sind wir wieder zurück aus dem hohen Norden und zu meiner grossen
Freude habe ich ein paar Mails von dir gefunden. Danke!
Doch, ich hatte dir schon mitgeteilt, dass wir bald abreisen würden
und ich habe vergeblich auf eine Antwort auf mein Mail gewartet. Auch
dort oben habe ich nach ein paar Tagen in die Mailbox geschaut.. aber
nur eine gähnende Leere gefunden. So habe ich gedacht du brauchst eine
kleines "tíme out" und habe beschlossen den Sommer ohne Internet zu
leben. Es ging erstaunlich leicht.

Ja, wir hatten eine schöne Zeit oben im Norden. Besonders angenehm war
die frische Luft, die wir hier schon wochenlang vermisst hatten. S.und ihr
Mann haben auch "vorbeigeschaut" (wenn man es so nennen kann
bei über 1100 km) .. circa eine Woche sind sie geblieben.. ;-)) Ich
schreibe dir später mehr davon.

Jetzt bin ich voll beschäftigt mit der Wäsche (von drei Wochen). Und
morgen werde ich Anna samt ihren vielen Blumentöpfen nach Linköping
hinunter bringen. Sie hat unser Haus in der letzten Woche betreut und
das von den Nachbarn, die eine Woche irgendwo unterwegs waren.

Und du bist fleissig und bereitest dich schon auf dein Leben als
Pensionist vor. Finde ich etwas lustig. Ich habe sehr deine
Schilderung der alten Leute im Schwimmbad genossen. Du bist
ein hervorragender Beobachter. Das mag ich so sehr an dir.

Auch ich freue mich schon auf ein paar neue Zeilen.
Bis dahin, sei lieb gegrüsst,
deine "alte Mausfreundin"
Marlena