Montag, 18. April 2016
Liebste Mausfreundin
den 25 april
back in town
Liebste Mausfreundin
I am back in town. Ja, es waren schöne, knapp vier Tage. Zwei davon hatten wir wunderbares Wetter. An einem hat es geregnet. Aber wir hatten es lustig zusammen und haben und mit Essen und Trinken und lustigen Sprüchen verwöhnt. Ich werden dir später näher darüber erzählen. Auf jeden Fall weiss ich jetzt, wie du Recht hast mit den Kilometermails. Es ging mir viel von dem durch den Kopf, was du mir gesagt und erzählt hast. Und es entsteht im eigenen Kopf eine Art von Zwiegespräch, so dass ich am Schluss nicht mehr sicher war, was ich dir schon erzählt habe und was noch nicht. Vor allem wenn man mit Tätigkeiten beschäftigt ist, wo der Kopf frei ist, geschieht das gerne. Normalerweise habe ich während der Arbeit nicht soviel Möglichkeit, meine Gedanken spazieren zu lassen. Aber beim Rasenmähen am Freitag, oder beim Packen, oder bei ähnlichen Dingen geschieht das leicht. Das er gibt die Kilometermails, die nie geschrieben werden. Ich kann mir vorstellen, dass es bei dir die Hausarbeiten sind, wo so etwas geschieht.
Aber wir haben im Tessin viel gesehen und erlebt und da und dort hatte ich das Gefühl, ich möchte dir, oder auch euch allen dort "oben", dh. deiner ganzen Familie, das zeigen, wenn ihr es denn von eurem Hochstand herunter nicht schon längst gesehen habt. Und im Gespräch musste ich mich hin und wieder zurückhalten, dass ich nicht vom Vogelsee oder auch von andern Dingen aus Schweden erzählt habe.
Und natürlich habe ich auf dich angestossen, Marlena, mit einem exquisiten Pinot Noir von Clavien aus Sion, natürlich einem Walliser, schon 10 Jahre alt (obwohl man in der Regel die Walliser nicht so alt werden lässt). Er war wunderbar, und ich habe mich wirklich einen Moment aus dem Gespräch zurückgezogen, und habe an Euch in Schweden gedacht. Und im Ferienkatalog, den mir Norma heute gezeigt hat (sie wollte zeigen, wo sie in der Türkei in den Ferien waren) habe ich das Angebot in Schweden und die Fotos zweimal angeschaut. Aber nein, ich habe keine Pläne gemacht, Marlena. Es war nur so mein Interesse.
Ich danke dir für die nette Karte mit dem wunderschönen und feinen Schmetterling. Er passt zu dir, meine Liebe. Oft, wenn ich an dich gedacht habe, sind mir vor allem deine Feinheit und dein zarter Umgang ins Bewusstsein gestiegen.
Du hast Gelegenheit, für eine Woche zu verreisen. Dazu beglückwünsche ich dich. Es ist gut, ein bisschen Tapetenwechsel zu haben, wie wir im Deutschen sagen. Das bringt neue Energie und neue Erlebnisse. Ich werde auf dich warten, meine Liebe.
Jetzt sende ich dir diese paar Zeilen, um mich bei dir sozusagen zurückzumelden. Oder sagen wir, um mir eine kleine Umarmung zu erlauben.
Je t'embrasse ma chère amie
...
Montag, 11. April 2016
Lieber Mausfreund
Lieber Mausfreund!
Gerade als ich dir das kleine Mail gesandt hatte kam dein schöner Brief.
Riesenfreude wie immer!
Ich habe eine kleine Weile im Swisstalk gewartet, war eigentlich zu müde
auch fürs chatten heute.
Ich hatte alle Sprachlehrer versammelst am Nachmittag zu einer Konferenz.
Morgen Nachmittag ist dann die grosse Blockkonferenz für die wir die
Unterlagen brauchten.
Sorry, ich habe dich falsch verstanden und glaubte du seist seit deiner
Kindheit nicht mehr in Lenzburg gewesen. Darum die Bilder :-)
Es hat mich gefreut von den Besuchen bei dem alten Onkel zu lesen und ich
kann mir denken wie schön es sein muss sich mit ihm zu unterhalten. Ich
liebe alte Männer (lachst du nun?), wahrscheinlich weil sie mich immer an
meinen Grossvater oder Schwiegervater erinnern die mir beide sehr nahe
standen.
Bitte schreibe mir spontan wie immer. Ich liebe diese "mélange" in deinen
mails. Bald ist mein Mausleben wirklicher als mein "real life".
Ich möchte dir noch so viel schreiben aber es ist schon wieder spät und wenn
ich müde bin vergesse ich leicht den §5 und es könnte passieren dass ich
etwas unzensuriertes schreibe...
Ich hab dich so gern. Kann es manchmal kaum glauben, dass es dich wirklich
gibt.
Gute Nacht (oder guten Morgen)
wünscht dir
Marlena
Nächstes mal werde ich versuchen auch dein voriges Mail zu beantworten.
Mittwoch, 6. April 2016
Schreiben - durchaus heilsam
Fortsetzung
Schön, wie dich deine Anna am 1. April zum Bett herausgejagt hat mit ein paar winzigen Ameisen. Und ich habe jetzt auch eine kleine Ahnung, wie man dich wirklich alarmieren kann. Töchter sind die qualifiziertesten Expertinnen und wissen wohl immer am besten, wo Mamma ihre sensiblen Stellen hat. Mich würde man - ehrlich gesagt - mit ein paar Ameisen noch nicht zum Bett heraus kriegen. Dazu brauchte man vielleicht Schlangen oder eine echte fette Ratte. Da würde ich dann vielleicht schon zum Besen greifen, was das Problem natürlich noch nicht löst, aber doch für den Moment einmal behebt.
Ich möchte dich auf keinen Fall stumm machen, meine Liebe. Ich weiss, manchmal schreibe ich zuviel. Ich merke es erst zum Schluss. Solange ich schreibe, geniesse ich es, in meinen Erinnerungen zu graben. Deshalb ist das Schreiben auch eine Unterhaltung für mich selbst. Aber es ist, wie gesagt, wunderschön zu wissen, dass eine aufmerksame Person dabei ist und mitgeht. Ich glaube, du hast es ähnlich. Wenn du etwas Besonderes erlebst, möchtest du es mit jemandem teilen. Nun ja, vielleicht hat das jeder Mensch?
Ich bin dir dankbar, Marlena, dass du mir die Möglichkeit gibst, zu schreiben. Seit Jahren möchte ich irgendwie schreiben. Doch für mich allein kann ich es nich. Ich nehme mir die Zeit nicht, obwohl ich weiss, dass es durchaus gut wäre, mich hinzusetzen und zu schreiben. Ich finde es witzlos, zu schreiben, wenn niemand den Text liest, ausser ich vielleicht in ein paar Jahren wieder. Doch Schreiben verlangsamt und ordnet das Denken. Und das ist durchaus heilsam. Ich habe in meinen schulpsychologischen Abklärungen immer gerne jene Kinder gemocht, die mit sich selbst sprechen konnten. Sie haben einen besonderen Charme. Wenn sie ein Problem zu lösen haben, stellen sie sich Fragen und beantworten sich die Fragen. Das ist in meiner Meinung eine gute Fähigkeit und Technik, mit dem Leben fertig zu werden. Die Möglichkeit, mit sich selbst zu sprechen, gehört in dasselbe Kapitel wie der Rat, man soll lernen, sich selbst ein guter Freund oder eine gute Freundin zu sein. Ich glaube, das ist heute wichtig, heute, da wir mit sovielen Situationen völlig allein fertig werden müssen.
Ich kann nicht sonderlich gut mit mir selbst sprechen. Manchmal versuche ich es. Und im Grunde hilft es oft, ich komme dann vorwärts. Aber ich mache es meist nur halbherzig. Ich bin darin schlecht begabt und ausgerüstet. Und so bin ich froh, dass ich dich habe. Und dabei erinnere ich mich wieder an deine Andeutung deiner Trauer, über die dunkeln Wolken. Ich bitte dich Marlena, erzähl mir, wenn du es denn kannst. Seit du mehrmals nebenbei etwas anklingen liessest, sorge ich mich. Es erscheint mir ganz einfach unheilvoll und schwer, und ich bin im Unklaren, was ich damit anfangen soll. Aber natürlich weiss ich auch, dass du entscheiden musst, ob du das willst oder kannst oder darfst. Ich weiss es ja nicht.
Ich für meinen Teil habe mir vorgenommen, meine Briefe an dich nicht allzu denkerisch, theoretisch oder geradezu grüberisch zu gestalten. Ich möchte gerne, wenn ich das schaffe, die Leichtigkeit des Seins betonen. Ich möchte, dass du Freude hast, und dass du bei der Lektüre nicht zusehr deine schöne Stirn in Falten ziehen musst.
So wünsche ich dir einen feinen Anfang der Woche
Mit einem lieben Gruss
Schön, wie dich deine Anna am 1. April zum Bett herausgejagt hat mit ein paar winzigen Ameisen. Und ich habe jetzt auch eine kleine Ahnung, wie man dich wirklich alarmieren kann. Töchter sind die qualifiziertesten Expertinnen und wissen wohl immer am besten, wo Mamma ihre sensiblen Stellen hat. Mich würde man - ehrlich gesagt - mit ein paar Ameisen noch nicht zum Bett heraus kriegen. Dazu brauchte man vielleicht Schlangen oder eine echte fette Ratte. Da würde ich dann vielleicht schon zum Besen greifen, was das Problem natürlich noch nicht löst, aber doch für den Moment einmal behebt.
Ich möchte dich auf keinen Fall stumm machen, meine Liebe. Ich weiss, manchmal schreibe ich zuviel. Ich merke es erst zum Schluss. Solange ich schreibe, geniesse ich es, in meinen Erinnerungen zu graben. Deshalb ist das Schreiben auch eine Unterhaltung für mich selbst. Aber es ist, wie gesagt, wunderschön zu wissen, dass eine aufmerksame Person dabei ist und mitgeht. Ich glaube, du hast es ähnlich. Wenn du etwas Besonderes erlebst, möchtest du es mit jemandem teilen. Nun ja, vielleicht hat das jeder Mensch?
Ich bin dir dankbar, Marlena, dass du mir die Möglichkeit gibst, zu schreiben. Seit Jahren möchte ich irgendwie schreiben. Doch für mich allein kann ich es nich. Ich nehme mir die Zeit nicht, obwohl ich weiss, dass es durchaus gut wäre, mich hinzusetzen und zu schreiben. Ich finde es witzlos, zu schreiben, wenn niemand den Text liest, ausser ich vielleicht in ein paar Jahren wieder. Doch Schreiben verlangsamt und ordnet das Denken. Und das ist durchaus heilsam. Ich habe in meinen schulpsychologischen Abklärungen immer gerne jene Kinder gemocht, die mit sich selbst sprechen konnten. Sie haben einen besonderen Charme. Wenn sie ein Problem zu lösen haben, stellen sie sich Fragen und beantworten sich die Fragen. Das ist in meiner Meinung eine gute Fähigkeit und Technik, mit dem Leben fertig zu werden. Die Möglichkeit, mit sich selbst zu sprechen, gehört in dasselbe Kapitel wie der Rat, man soll lernen, sich selbst ein guter Freund oder eine gute Freundin zu sein. Ich glaube, das ist heute wichtig, heute, da wir mit sovielen Situationen völlig allein fertig werden müssen.
Ich kann nicht sonderlich gut mit mir selbst sprechen. Manchmal versuche ich es. Und im Grunde hilft es oft, ich komme dann vorwärts. Aber ich mache es meist nur halbherzig. Ich bin darin schlecht begabt und ausgerüstet. Und so bin ich froh, dass ich dich habe. Und dabei erinnere ich mich wieder an deine Andeutung deiner Trauer, über die dunkeln Wolken. Ich bitte dich Marlena, erzähl mir, wenn du es denn kannst. Seit du mehrmals nebenbei etwas anklingen liessest, sorge ich mich. Es erscheint mir ganz einfach unheilvoll und schwer, und ich bin im Unklaren, was ich damit anfangen soll. Aber natürlich weiss ich auch, dass du entscheiden musst, ob du das willst oder kannst oder darfst. Ich weiss es ja nicht.
Ich für meinen Teil habe mir vorgenommen, meine Briefe an dich nicht allzu denkerisch, theoretisch oder geradezu grüberisch zu gestalten. Ich möchte gerne, wenn ich das schaffe, die Leichtigkeit des Seins betonen. Ich möchte, dass du Freude hast, und dass du bei der Lektüre nicht zusehr deine schöne Stirn in Falten ziehen musst.
So wünsche ich dir einen feinen Anfang der Woche
Mit einem lieben Gruss
Dienstag, 5. April 2016
Besuch bei Onkelchen (4. April)
Schloss Lenzburg
Mein Fyrklöver
Am Sonntag abend fahren S und ich zu einem Onkel in Lenzburg. Jeden Sonntag tun wir das. Unser Onkel ist jetzt 92 Jahre alt. Vor 2 Jahren ist seine Frau gestorben. Und nun lebt er alleine in seinem schönen Haus direkt unterhalb des alten Schlosses, von dem du mir die Fotos geschickt hast. S bereitet eine schöne Mahlzeit vor, ich decke ordentlich den Tisch und öffne die Vorhänge, damit man zu fortgeschrittener Stunde frei aus dem grossen Fenster hinunter auf die Lichter der Stadt Lenzburg sehen kann. Man hat von hier oben eine wunderbare Aussicht auf die Ortschaft, weit hinten auf die Jurahügel und auf die untergehende Sonne. Und der alte Onkel geht mit kleinen schlurfenden Schrittchen in den Keller und holt eine schöne Flasche Yvorne. Und so essen wir zusammen am Sonntag Abend und wir plaudern ein bisschen. Am liebsten isst er gebratenen Lachs, ein bisschen Gemüse, voraus einen knackigen Salat und dazu den goldenen Yvorne, einen Weisswein aus dem Wadtland.
Kurt, so heisst mein Onkel, und seine Frau haben uns Kinder immer in den Ferien gehabt, als unsere Mutter gestorben war. Seine Frau Elisabeth fühlte sich als unsere Ersatzmutter. Ich erinnere mich, dass sie erzählt hat, wie unsere Mutter ihr das Versprechen abgenommen hatte: falls ihr einmal etwas zustossen würde, dann sollte sie sich um uns Kinder kümmern. Und Elisabeth hat das versprochen und hat sich dann wirklich um uns gekümmert, dies umso mehr, als sie selbst keine Kinder haben konnte. Als wir später in Visp lebten, fuhren wir jedes Jahr im Sommer zu ihnen in unsere alte Heimat in die Ferien. Elisabeth und Kurt führten gemeinsam eine Confiserie mit Laden und mit Tea Room. Das war für uns Kinder eine höchst interessante und abwechslungsreiche Umgebung, und beide, Onkel und Tante, waren den ganzen Tag in der Nähe. Es gab den Laden mit den vielen, wunderbaren Patisserien als Auslagen, wo wir lernten, den Kunden das Rückgeld herauszuzählen. Es gab die Backstube im Untergeschoss mit 3 oder 4 Arbeitern und Lehrlingen, wo es nach allem Möglichen roch und man da und dort insgeheim den Finger hineinstecken konnte, um zu kosten. Und es gab dieses Tea Room, wo die Leute zum Kaffee oder im Sommer für ein Eis kamen. Und zu all diesen interessanten Dingen kannten wir den Ort Lenzburg aus vergangener Zeit, erkannten noch oft Leute, die uns selbst aber nicht mehr kannten. Und wir gingen fast täglich ins grosse Bad etwas ausserhalb des Städtchens. Verglichen mit dieser Umgebung war Visp arme Provinz. Es gab in Visp damals noch kein Bad, es gab noch keine Tea Rooms und die Jugend bewegte sich noch nicht so frei und locker wie in Lenzburg.
Mit Onkel Kurt also sitzen wir sonntags zum Nachtessen zusammen, und er kommt ins Erzählen. Und er hat viel zu erzählen aus diesem Jahrhundert, das er fast ganz und von A bis Z miterlebt hat. Sein Gedächtnis ist noch wunderbar intakt. Und er war immer ein guter Plauderer und Erzähler gewesen. Mit ihm hatte ich mich stets bestens unterhalten, wie ich das mit meinem Vater nie gekonnt habe. Mein Vater ist ein technischer Mensch. Ihm fliessen die Gedanken nicht. Aber Kurt ist ein fantastischer Erzähler mit einem fantastischen Erinnerungsvermögen für Geschichten und Episoden. Beispielsweise erzählte er von seiner Zeit, da er als junger Mann im marokkanischen Fes, in Nordafrika gearbeitet hatte. Es muss kurz nach dem ersten Weltkrieg gewesen sein. Und Nordafrika war zu jener Zeit für Europäer, umso mehr für Schweizer ausserhalb der Grenzen der bekannten Welt, ausserhalb der Landkarte. Für ein Jahr hatte er in Fes eine Confiserie geführt und Erfahrungen mit Arbeitern aus dem Maghreb gesammelt. Und oft soll die Kinderfrau mit ihrem kleinen Zögling Hassan in das Geschäft gekommen sein, um einzukaufen. Hassan, der spätere König Hassan II. von Marokko, der damals ein kleiner Junge gewesen war, wollte in der Backstube das Feuer sehen. Kurt musste den Ofen öffnen und er warf eine handvoll (vielleicht heute Hand voll?) Salz in die Glut, so dass die Flammen aufwallten und emporschlugen. Der kleine Hassan soll jedes Mal wieder von neuem von diesem Spektakel begeistert gewesen sein.
Und er erzählt von seiner Elisabeth, mit der er ein Leben lang gemeinsam dieses Geschäft in Lenzburg geführt hatte und die immer eine etwas eigensinnige Frau gewesen war. Er sagt, und das fand ich rührend, er sagt, dass er sich heute besser mit ihr unterhalten könne, da sie gestorben sei. Früher seien sie immer wieder in Streit geraten, weil Elisabeth partout auf ihre Meinung zu beharren pflegte. Aber heute, da sie tot ist, sei das alles viel leichter und besser geworden. Sie sei jetzt umgänglicher.
Es ist schön zu hören, wie zwei Menschen zusammen in Loyalität und Liebe gelebt haben, und zu hören, wie relativ Liebe im praktischen Alltag ist. Wir jüngeren Generationen halten die Liebe für eine rein romantische, rein gefühlsmässige Angelegenheit. Doch früher war das primäre Ziel der Ehe die nackte materielle Existenz und das oekonomische Überleben. Gerade die höheren gesellschftlichen Kreise haben nicht aus Liebe geheiratet, sondern um die Interessen ihrer Familien zu wahren. Wenn sich daraus Liebe ergeben haben sollte, so war es ein Glücksfall.
Und dabei fällt mir bei Kurt und Elisabetz die schöne Geschichte von Philemon und Baucis ein, die man in Ovids Metamorphosen finden kann. Die alten und armen Eheleute Philemon und Baucis haben sich mit der gastlichen Aufnahme von Jupiter und Merkur (waren es diese beiden?) einen Wunsch verdient. Und sie wünschten sich, dass keiner den anderen überlebe, dass keiner das Schicksal zu ertragen habe, den Tod des andern betrauern zu müssen. Dieser Wunsch wurde ihnen gewährt und sie sind beide in je einen Baum verwandelt worden, die in naher Nachbarschaft noch heute beisammen stehen sollen.
Ich danke dir für die Lentburger Fotos, Marlena. Du hast wirklich hart gearbeitet und sie in wiederholten Versuchen zu mir nach Mitteleuropa herunter zu katapuliteren versucht. Ich kann dir sagen, sie sind angekommen. Das Schloss sieht natürlich in Natura noch viel romantischer und schöner aus. Besonder in der Herbstsonne habe ich es in herrlichster Erinnerung. Oder in der Nacht, wenn es rundum beleuchtet ist, schaut die Anlage auf dem steilen Hügel aus wie im Märchen. Und unmittelbar an diesem Hübel haben wir gewohnt. Und oft sind wir Buben in diesen Wäldern herumgezogen und haben gespielt, den Hund des Nachbars ausgeführt, oder im Winter auch Schlitten gefahren.
Du siehst Marlena, meine Briefe geraten langsam zum Tagebuch, wo ich in meinen alten Erinnerungen krame und alte vergessene Bilder wieder an die Oberfläche hole. Es ist natürlich sehr angenehm und schön, sie einem lieben und aufmerksamen Menschen erzählen zu können. Doch vielleicht sind sie für dich nicht sonderlich interessant.
Hast du deine Extra-Arbeit für die Schule geschafft? Hast du dich sehr geärgert darob? Wäre es nicht einfacher und unterhaltsamer, solche Arbeiten in einem Team mit einer Kollegin oder einem Kollegen zu erledigen? Warum fragen sie immer dich, wo du doch noch etwas Freizeit haben solltest, um ein paar schöne Mails zu schreiben? Und den Baum im Garten, hast du ihn schneiden können? Ich kann dir sagen, dass ich meine zwei kleinen Bäumchen am Sonntag Nachmittag rasch geschnitten habe. Und die Vorstellung, dass du vielleicht zur selben Zeit in deinem Garten stehst, vielleicht in einer etwas dickeren Jacke und mit einer grünen Gärtnerschürze, um euren Baum zu schneiden, diese Vorstellung hat mir sehr geholfen. Sonst hätte ich die Aufgabe wieder hinausgeschoben. Und das wäre schlecht gewesen, denn die Äste waren schon voller Triebe. Hast du gelernt, wie man Bäume schneidet? Ich habe selbst eigentlich keine Ahnung davon und ich studiere immer viel, wo und wie und warum ich abschneiden soll oder eben nicht soll. Vielleicht müsste ich mal eine Instruktion lesen! In meinem Elternhaus in Visp hatten wir viele Bäume im Garten. Doch für die Arbeiten, die einen Fachmann erforderten, schickte die Firma stets einen Gärtner. Er besorgte alles und man konnte ihn da und dort um Rat fragen. Bloss den Rasen hatte man noch selbst zu schneiden. Das war ziemlich bequem und wir waren verwöhnt. Hinter dem Haus hatten wir ein wahres Wunderwerk von einem Birnbaum. Er trug nur alle zwei Jahre Birnen. Aber in diesen zweiten Jahren warern es immer reichlich viele. Der Baum war über und über behangen mit hellgrünen grossen Früchten. Man pflegte sie noch grün zu pflücken, um sie dann sorgfältig im Keller auf die Hurd zu legen. So färbten sich die Birnen innert einigen Wochen gelb und gelber, bis man sie schliesslich zuckersüss und fast butterweich essen konnte. Ach, was haben wir damals Birnen gegessen! Ich habe diesen süssen herbstlichen Geschmack noch heute auf der Zunge. Und vor allem klingt in Mund und Gaumen dieses saftig-weiche Fruchtfleisch mit einer etwas herben, mit braunen Punkten besetzten, gelben Schale nach.
Schön, wie dich deine Anna am 1. April...
Sonntag, 3. April 2016
Die Faust aufs Auge - ein Indizienprozess
Subject: Die Faust aufs Auge
Date: Thu, 23 Mar 09:22:29 GMT
Liebe Marlena
Du bist zur Zeit bester Laune, das ist fantastisch, und es ist das reine Vergnügen, deinen Gedanken zu folgen. Du bist momentan wirklich schwer „im Schuss", sagen wir in Deutsch.
Und auch mit deiner Faust-Lektion scheinst du in deinem Element zu sein. Verweile doch, du bist so schön!
Welchen Grundkonflikt stellt der olle Goethe im Faust dar? Wenn ich richtig verstehe, die Suche nach dem sinnvollen Leben? Er sucht ihn über den sinnlichen Lebensgenuss einerseits, über den aktiven Tatendrang andererseits und findet ihn, den Lebenssinn, die Erfüllung, noch am ehesten der schöpferischen Gesltaltungstätigkeit. Ist es das, einigermassen? Und welche Funktion hat denn der Teufel in der ganzen Geschichte?
Du siehst, ich bin erst am Anfang, ein echter Faust-Beginner. Ich habe eben auch Mühe mit der Sprache Goethes. Als Schüler habe ich solche Dinge noch gelesen, aber das ist lange her. Heute kommt mir diese dichterische Sprache sehr alt vor.
Vielleicht merkst du, dass ich mich der Sache nur sehr zögerlich zuwende. Ich bin zwar beeindruckt, wie du begeistert davon berichtest. Aber ich weiss noch nicht. Ich lege die Hand ins Feuer, dass meine Töchter sowas nie gelesen haben. Ich hätte sie sonst zuhause schimpfen hören!
**
Also, ich rekapituliere: du stellst dir mich vor als kleinen, dicklichen älteren Herrn mit einer Glatze und einer dicken Brille, ein Stubengelehrter, wie man so sagt. Das tust du? Dabei kommt mir Adorno in den Sinn. Ich hatte einige seiner Schriften gelesen und hatte ihn intelligent, sensibel und agil erlebt. Und dann sah ich erstmals ein Foto. Es war ein Schock. Dieser Adorno war ein dicklicher Herr mit Glatze, ein echter Grosspapa. Ich hoffe, ich sei kein Adorno (er ist überigens in Visp gestorben, etwas deplaziert und nebenbei gesagt).
Doch ich bin ein gesetzterer Herr. .... Ich will nicht mein Alter wegdiskutieren, das ist so wie es ist. Als Psychologe ist es nicht schlecht, ein gewisses Alter und etwas graue Haare zu haben. Das erhöht die Placebo Effekte, pflege ich zu sagen. Aber ich fühle mich ziemlich viel jünger. Ich fühle mich, sagen wir, um die 40. Und meine Kollegen im Kiwanis-Club finde ich oft recht alt und verknöchert. Ich werde also in diesem Herbst 55 Jahre alt. Es schockiert mich selbst, wenn ich das so höre. Ich glaube im Porträt des Harro van Tinten steht ein anderes Alter. Das hat mein Freund hineingeschrieben. Wahrscheinlich wollte er meine Chancen beim jungen Publikum verbessern, nehme ich an. Vielleicht habe ich dich nur wegen meines dort angegebenen jugendlichen Alters kennengelernt?
Was meine Grösse betrifft, so glaube ich immer noch an meine 178 cm, die ich zwar ewig nicht mehr gemessen habe, die aber immer noch in meinem Pass stehen.
Ob ich dick bin? Ich glaube, ich bin um die 70 kg. Damit gelte ich nicht als dick, obwohl ich schon darauf achten muss und auch meine Frau sehr darauf achtet, dass ich nicht zu viel, zu fett oder zu süss esse. Meine Frau gilt überigens als sehr hübsch, rassig hat kürzlich eine andere Frau gesagt, und ziemlich mannequinhaft. Als Iranerin legt sie auch grossen Wert auf die Erscheinung, Mode, Parfum und gute Manieren etc.
Ob ich also ansehnlich bin, das kann ich dir schwer so erklären, darüber könnte dich nur ein Bild aufklären. Manchmal sind ja Intellektuelle – und dafür halte ich mich ein bisschen – sind Intellektuelle sehr unansehnliche, verstaubte Menschen, die sich den Bücher zugewendet haben, weil sie bei Menschen nur Misserfolge erleiden. Ich glaube, das bin ich nicht. Ich komme bei den Menschen ziemlich gut an, und – darauf bin ich ein bisschen stolz – ähnlich wie du auch – sowohl bei älteren Menschen wie bei jüngeren Menschen.
Aber ob ich wirlich hübsch bin? Heute noch hübsch, oder sagen wir gutaussehend? Früher – das habe ich dir mal erwähnt, wenn ich nicht irre – hat man mein Aussehen mit dem Bob Kennedys verglichen. Ja, ich erinnere mich, und Deines mit Lady Di. Wir hätten ja damals wirklich ein wunderhübsches Paar abgegeben. Das war in meiner Gymnasialzeit. Damals galt ich als gutaussehend und die Mädchen waren gelegentlich fast etwas ungestüm für meinen Geschmack. Allerdings war das im Wallis, in einer ländlichen Bevölkerung. Und du weißt, es gibt den Unterschied, der erste im Dorf oder aber der zweite in der Stadt zu sein, wie offenbar Cäsar überlegt hat.
Und heute? Nun ja, ich bin wohl so eine durchschnittliche Erscheinung geworden. Ich habe mir überlegt: Es gibt doch Menschen, die in jungen Jahren hässlich aussehen, aber mit dem Alter und der Reife werden sie immer schöner. Und umgekehrt gibt es diejenigen, die jung blendend gewirkt hatten (häufig Frauen), die später aber etwas enttäuschend und nichtssagend wirken. Natürlich geschieht jede Wahrnehmung auf dem Hintergrund von Erwartungen. Aber ich glaube doch, dass da was dran ist. Ich selbst habe die Schönheit der Jugend genossen (ich erinnere mich, dass ein Lehrer im Gymnasium wegen einiger meiner schlechten Noten bemerkt hatte, dass ich, nun ja, es als hübscher Bursche schwerer hätte als andere; ich erinnere mich erst heute wieder daran; er hatte angenommen, dass ich es – anstatt mit Hausaufgaben – mit Mädchen treiben würde; aber – wenn ich mich richtig erinnere – war das ein schwerer Irrtum seinerseits; es war derselbe Lehrer, der mich für die erwähnte Rede ausgewählt hat), und sie mit dem Alter wohl etwas verloren. Aber ich beachte das nicht mehr sonderlich. Als ich jung war, war es mir bedeutend wichtiger. Heute lasse ich das meine oder andere Frauen beurteilen.
Kurz und gut, liebe Marlena: ich bin 54, 178cm, 70kg, etwas angegraute Haare, blaue Augen, ohne Bart oder Schnauz (das mag meine Frau absolut nicht), nicht unsportlich, aber auch nicht sonderlich athletisch. Ich glaube, ich habe das Gesicht eines Praktikers, auch die Hände überigens, während ich doch sehr gerne ein philosophischer und artistischer und wohl auch theoretischer, dh. kontemplativer Mensch wäre, und auch wirklich ein bisschen bin? Oder etwa nicht? Es ist nicht lange her, da hat man mich auf einer grossen Einladung in einer schriftlichen Porträtierung als Gentleman tituliert. Die Freundin, die das geschrieben hatte, ist wirklich besonders hübsch und adrett. Wenn so eine Frau was sagt, hört man immer etwas genauer hin. Ich nenne sie Schneewittchen, in ihrer auffallenden Erscheinung mit ihrem hellen Teint und den schwarzen, wirlich sehr langen Haaren. Auch dieses „Gentleman" hat mich einigermassen schockiert. Obwohl das ja in meinem Alter kein schlechter Job ist. Gentleman hat auch den Aspekt des Charmeurs, wie es dein Onkel offenbar hatte. Ich glaube nicht, dass ich davon allzu viel habe, obwohl ich mir das wünschte. Charmeur wäre ich heute nicht ungern. Vielleicht bin ich auf dem Weg dazu? Vielleicht kann ich es dir gegenüber lernen?
Ich glaube nicht, dass du mich dir nach all diesen Erläuterungen vorstellen kannst, wie ich am Fenster stehe und hinunter auf den Turmplatz schaue. Wenn wir also nun die Champs Élysées hinauf (oder hinunter, wie haben wir nun schon entschieden?) gehen würden, so müsstest du dich meiner nicht schämen. Aber es wäre auch nicht so, dass sich die Leute nach mir umdrehen würden. Wie sollten sie auch? Sie würden sich wohl eher nach dir umdrehen!
Habe ich dieses leidige Thema einigermassen bewältigt? Und dabei wäre alles mit einem blossen Foto so leicht erledigt gewesen! Gib mir doch deine Postadresse, ich suche in der Zwischenzeit ein Foto von mir heraus. Ich habe nämlich keines auf Lager. Weil ICH in der Familie meist die Fotos mache, bin ich sehr selten auf dem Bild, reklamiert meine Frau immer wieder. Ich glaube, du hast ein Recht darauf, und obwohl ich wirklich kein Beau bin, mal zu sehen, wie ich bin. Damit du nicht später schwer enttäuscht bist, wie du ja gesagt hattest!! Früher hatte mich ein Mädchen mal bel-ami genannt. Das war aus irgend einem Balzac Roman, oder nicht, und ich glaube, sie hat es als Kompliment gemeint?
Du siehst, ich muss in diesem Indizienprozess alles suchen, was ich finde!! Und vor allem suche ich meine Indizien in der Vergangenheit, wie dir sicherlich aufgefallen ist. Das ist schon sehr vielsagend, nicht wahr? Schick mir deine Adresse. Du kannst sicher sein, dass ich sie diskret verwahre. Ich werde nicht plötzlich vor deiner Türe stehen, das nun sicherlich nicht! Ich hatte schon lange ein Foto im Sinn, dass ich dir schicken würde. Es ist meine ganze Familie vor dem Hintergrund meines Rubens-Bildes, inklusive ich, allerdings einige Jahre alt, wie man an den Kinder am raschesten bemerkt. Ich hoffe, ich finde es irgendwo.
Ich glaube, das war es für heute. Ich danke dir für deinen schönen Brief.
Mit einem lieben Gruss
Samstag, 2. April 2016
Fortsetzung: 1. April
Se non é vero, e ben trovato!
Bevor dein Schock total wird, möchte ich dich vorsichtig darauf hinweisen, dass das dieses erste Mail von heute ein Aprilscherz (APRIL-SCHERZ) ist. Habe ich heute morgen gerade noch rechtzeitig bemerkt, dass 1. April ist. Und so habe ich mir gedacht, ich könne dich etwas aufheitern. Hast du was bemerkt? Hast du geglaubt? Stell dir vor 135cm, das wäre ja grässlich. Ich würde bei der Eisenbahn glatt mit einer Kinderfahrkarte durchgehen! Und ich würde im Alkohol enden, wie Toulous.Lautrec. Und der bei Grass hiess Oskar Mazareth (weiss nicht, wie sich das schreibt?), jetzt fällt es mir gerade wieder ein. Der war ja auch nicht gerade der glücklichste. Also, liebe Marlena, ich dreh mich jetzt von 75 wieder auf 100%, wenn du erlaubst.
*
Wie weit bist du mit der Arbeit? Trinken wir einen kurzen Kaffee zusammen und dann erzähle? Mélange, wenn du willst, wie in Wien.
Freitag, 1. April 2016
Geständnis
Lieber ...!
...
Du fragst nach meiner Grösse. Also gut: wenn wir die Champs-Elysées
hinuntergehen dann ist es bequem für dich deinen Arm um meine
Schulter zu legen. Du musst ihn nicht hinaufstrecken. Ich finde es
schön bei solchen Gelegenheiten dass du etwas grösser bist als ich.
Dass die Schwedinnen 1.80 wären stimmt wirklich nicht, eher
zwischen 1.65 - 1.75
Liebe Marlena
Nein, eigentlich wollte ich so genau von dir wissen, wie gross du bist, nun ja, wie soll ich dir das sagen, weil ich selbst eher klein bin. Ich habe vielleicht mal eine Grösse gesagt, aber ich muss dich enttäuschen, ich kann wohl nicht auf deine 175 oder so hinaufreichen. Meine kleine Statur hat es eben gemacht, dass ich gelernt habe, mich schriftlich auszudrücken. Mündlich komme ich bei den Leuten schlecht an. Sie nehmen mich nicht ernst. Verstehtst du, Marlena, mit 135 spricht man aus der Froschperspektive. Da muss jedes Argument doppelt genäht sein, da sollte jeder Sactz sitzen. Also, höchstens beim Sitzen könnte ich Dir meinen Arm um die Schulter legen. Denn was mir an Länge fehlt, fehlt vor allem an den Beinen. Das ist ein bisschen wie bei Toulouse-Lautrec, oder bei diesem kleinen Kerl da in Grass' Blechtrommel, wie hiess er schon. Allerdings trage ich keine Trommel herum, da kann ich dich beruhigen, meine liebe Marlena, und ich zersinge auch nur in Ausnahmefällen Gläser.. Du musst dir auch vorstellen, welches Bild wir auf der Champs Elysees abgeben würden!! Du in deiner ganzen wunderschönen Statur und ich daneben wie ein Mickey Mouse, in kleinen rasanten Schrittchen. Die Passanten würden sich doch nach uns umdrehen. Manchmal wollen si sogar Autogramme von mir. Da gehen wir doch lieber gleich in eines dieser Nobelrestaurants und ich lass mir einen Hochstuhl kommen. Meist haben sie ja diese Stühle für die Kinder. Die sind zwar etwas eng, aber meist komme ich ganz gut hin. Und wenn meine Beine erst einmal unter dem Tisch sind, dann sieht man mir das kaum mehr an. Dann müsstest du dich nicht mehr genieren.
Das meine liebe Marlena, wollte ich dir heute, speziell heute, noch kurz sagen.
Ich hoffe, du magst mich trotzdem als Mausfreund??
Mit einem schönen Gruss
...
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