Date: 6 March 2008 10:32
Subject: Turnschuhe und ähnliche Dinge
Liebe Malou
Merci für die Fortsetzung. Du
beschreibst deinen Alltag. So detailliert und abgerundet, wie noch nie
vorher. Inklusive P1 am Morgen. Merci Malou.
Liest du Zeitungen nur online? Das
versuche ich auch, aber ich mag es nicht recht. Meist drucke ich die
Artikel aus, damit ich dann etwas Papier in der Hand habe. Dieses
Papier passt doch dann besser zum Morgenkaffee. Diese Variante finde
ich atmosphärisch besser. Aber ich gebe gerne zu, dass sie auch
Nachteile hat. Insbesondere liegen bei mir, im Büro wie zuhause,
unzählige solcher Artikel und Reportagen und Studien herum. Ich
versuche zwar, jene Texte, die ich besonders gut finde, rot mit "sic"
zu markieren. "Sic" ist ein altes Bettler- und Hausiererzeichen. Damit
haben sie Haustüren braver Bürger mit Kreide markiert, um ihren
Mitbettlern zum signalisieren, dass man an dieser Adresse wohl ein
warmes Süppchen und einen Bissen harten Brotes bekommen kann. Und die
übrigen, dh. all jene ohne 'sic', die müsste ich dann eigentlich
wegwerfen. Und das tue ich eben nur sehr inkonsequent. Voilà!
Da fällt mir etwas Lustiges auf. Du
sagst, du schaust die Kulturbeilage von Svenska Dagbladet durch, um sie
erst später zu lesen. Ich glaube, dass ich sowas nicht tun kann. Wenn
ich einen interessanten Artikel sehe, muss ich ihn gleich lesen. Und
wenn ich ihn ungelesen beiseite lege, verliert sich mein Interesse ein
wenig. Ist das nicht merkwürdig. Erst, wenn ich den Artikel später
wieder und unerwarteterweise finde, dann ist das Interesse wieder hoch.
Ist das nicht merkwürdig? Ich muss irgendwie das Gefühl haben, es sei
eine Trouvaille. Solch gute Artikel lese ich dann durchaus zweimal,
mach mir manchmal Notizen dazu, oder unterstreiche zentrale Begriffe.
K hat einen Lieblingssessel. Finde
ich auch lustig. Nun ja, jeder hat vielleicht seine bevorzugte Ecke in
einem Wohnraum. Aber es erinnert mich an die alten Witze, die man im
Zusammenhang mit dem Haushund gemacht hat. Jedem neuen Gast musste man
signalisieren, welches der Stuhl, auf den er sich auf keinen Fall
niederlassen sollte, weil es ja nun eben der Platz des Hunde sei.
Dieses Privileg hatten Haushunde und Grossväter, notabene.
Und ihr macht jeden Tag einen 45
Minuten Spaziergang? Finde ich prima. Ist es immer diesselbe Runde,
oder wechselt ihr. Es geht durch den Wald und über Feld, nicht? Das ist
ja schon ein bisschen kantianisch? Weisst du, was ich damit meine? Der
grosse Philosoph Kant war bekannt dafür, täglich um dieselbe Zeit
seinen Spaziergang durch die Strassen von Königsberg und hinaus vor die
Stadt zu machen. Die Leute, sofern sie denn eine hatten, stellten ihre
Uhren danach. Und - wie mir gerade einfällt - Sigmund Freud war auch
ein solcher städtischer Wanderer. Ich dagegen habe mir in den letzten
Wochen angewöhnt, abends noch rasch einkaufen zu gehen. Der Laden beim
Bahnhof schliesst um 22h. So gehe ich zwischen 21h und 22h. Es ist ein
10 Minuten Spaziergang. Das Walken mit den Stöcken habe ich in der
kalten und nassen Jahreszeit unterlassen. Es ist schlecht für meine
Lunge. Ich kaufe Jogurt, vielleicht Käse und Brot, Früchte etc. Was man
eben so braucht.
Ich gratuliere zu den neuen
Joggingschuhen. Klar, gute Schuhe sind wichtig. Und heute gibt es
soviele Modelle zur Wahl, alle mit diesen modernen Textilien. Man kann
sich kaum mehr vorstellen, wie schwer und unbequem Schuhe einmal
gewesen waren. Hallo, und da kommt mir gerade eine uralte Erinnerung
hoch. In der Sekundarschule in Visp pflegten wir in der alten Turnhalle
der Gemeinde zu turnen. Sie war uralt und stand auf der anderen Seite
des Dorfes. Um sie zu erreichen, musste man durch die alten Gassen
gehen. Ich erinnere mich gut an dieses befremdliche Gefühl, das ich
immer wieder hatte, wenn ich durch diese ärmliche Gegend ging.
Beidseitig des Weges standen Steinmauern. Sie schützten die Gärtchen
der Visper. Die Gassen selbst waren eng und ein bisschen düster. Man
ging beim Schuhmacher vorbei. Dessen geistig behinderter kleiner Sohn
sass vor dem Laden auf dem Mäuerchen in der Sonne und lallte vor sich
hin. Gleich ein paar Schritte weiter der Schreiner, der eine alte
Scheune zur Werkstatt umgebaut hatte. Dazwischen und daneben kleine
Ställe. Darin hörte man das unbestimmte Geräusch von Schafen, oder
vielleicht da und dort ein Kühlein. Verschiedenste Gerüche lagerten in
diesen Gassen. Auf dem Asphalt Kuhdreck. Ein bisschen Unordnung, aber
nicht zuviel. Frauen mit hochgekrempelten Ärmeln, Kopftuch und Schürze
kamen einem entgegen. Sie machten offensichtlich die Arbeit im Stall,
während ihre Männer in der Lonza arbeiteten. Oben dann bei der 'Müüra'
der Brunnen, wo sie die Tiere zu tränken pflegten. Und dahinter der
Platz, der heute ein Autoparkplatz ist. Damals war er nicht asphaltiert
gewesen. Und irgendeinmal an einem Markttag im Herbst, vielleicht ist
es Martini? - fand dort der grosse Schafmarkt statt. Die Walliser sind
grosse Schafliebhaber. Und sie haben eine eigene Rasse, die Walliser
Schwarznase.
Nun aber, dort oben, bei der Müüra
stand diese alte Turnhalle gleich neben dem Pausenplatz der
katholischen Schule. Sie wirkte verwittert und düster, eine Mischung
aus Theatersaal und Kaserne. Und gleich im Eingangsraum, also im
Gang gab es links und rechts ein Bänklein und Haken, wo man sich
umziehen musste. Dort war es kalt im Winter, denn jedesmal, wenn sich
die schwere Eingangstüre öffnete, ging ein frischer Luftzug durch den
Raum. Die Bänke waren kalt. Der Boden war kalt. Und eben, meine
sperrigen Turnschuhe waren ebenso kalt. Ich hasste diese Situation und
dieses Gefühl der kurzen Turnhose und des kühlen Lüftleins rund um die
nackten Beine. Es war mir alles so fremd und ärmlich und eckig und
düster. Ich hatte auch dort den Eindruck, in einen falschen
Schwarzweiss-Film geraten zu sein. Siehst du Malou, all diese
Erinnrungen und Gefühle hängen mit einem dünnen Faden an meinen
damaligen Turnschuhen. Die waren ein bisschen zäh, passten nur so
ungefähr an die Füsse und sahen bei allen genau gleich aus. Es hatte
damals vielleicht zwei Modelle gegeben. Und eines davon war völlig
unmöglich. Schuhe kaufte man in Visp beim Zerzuben, gleich vor dem
Bahnhof. Er hatte alles, was Füsse sich wünschten. Aber damals waren
Füsse eben noch fast wunschlos. Ich betrachtete lieber die Schaufenster
von Zerzuben. Dort sah man diese schönen glänzenden
Eishockey-Schlittschuhe. Daneben ganze Ausrüstungen in den besten
Farben: Schienbein-Schoner, Tiefschutz, Brustschutz, Handschuhe. Und
natürlich jede Menge Eishockey-Stöcke. Das waren unsere Wünsche. Aber
die Stöcke, die waren nun mal das allerwichtigste und kamen vor all den
Ausrüstungssachen, die waren teuer. Ich glaube, ich habe bei Zerzuben
nie einen Stock gekauft. Ich habe sie immer von Kollegen bekommen. Und
sie hatten sie von den Spielern der ersten Mannschaft. Es gab Stöcke
für Links- und solche für Rechtshänder. Ich war als Rechtshänder, wie
Richard Truffer von der damaligen ersten Mannschaft, ein Exot. Richard
Truffer - nebenbei gesagt - war ein einfaches Gemüt. Er kam mit seinen
Brüdern, alle in der 1. Mannschaft, aus einem kleinen Nachbardorf und
wurde schliesslich Polizist. Das war schon eine beachtliche Karriere.
Es kursierte der Witz, dass Richard bei der Aufnahmeprüfung in
Sitten hätte rechnen müssen. Er sei dann vom Unterwallis zurückgekehrt
und habe gross angegeben, weil er die Prüfung bestanden habe. Sie sei
nicht allzu schwer gewesen. In Mathematik hätte man ihm die Aufgabe 4 +
3= ? gestellt. Sofort hätte er natürlich 8 gesagt. Die Kollegen lachten
und meinten, 4+3 mache doch niemals 8. Richard brüstete sich noch eine
Spanne mehr und meinte, das möge schon sein, aber er sei mit seinem
Resultat dem richtigen Ergebnis am nächsten gekommen.
Soweit der Rechtshänder Richard
Truffer, Mittelstürmer der ersten Mannschaft des EHC Visp, die damals
sogar Schweizermeister geworden waren. Insider behaupteten zwar,
Richard hätte kaum das Schlittschuhlaufen beherrscht. Und das ist
richtig. Oft ist er auf dem Eis wie ein Handballer herumgelaufen, mehr
gerannt als wirklich gegleitet. Ach ja Malou, schau mal die alten
Zeiten. Es kommt mir alles hoch.
Und weisst du, was ich sehe. Auf
dem Dach gegenüber ein Taubenpaar. Sie tänzeln in der Sonne, drehen
sich um die eigene Achse. Das muss das Vorspiel sein. Stelle dir vor
Malou, auf dieser Höhe über der Strasse, in luftiger Höhe, Liebe zu
machen. Na ja, sie machen eigentlich nur Quickies, wie man so sagt!
Nun sind meine Gedanken völlig vom Weg abgekommen. Ich muss an die Arbeit.
Wünsche dir einen schönen Tag.
Liebe Gs und Ks
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