Freitag, 5. September 2014

Vielleicht Künstler?

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Vielleicht wäre ich Künstler geworden. Denk Dir mal so was, Malou! Ich würde jetzt in einem dunkeln Atelier im Kreis 4 Zürichs unter Huren und Türken dahinvegetieren, würde mich notdürftig von Büchsenbohnen und kalten Buffets an Vernissagen ernähren, und mich an letzteren auch gelegentlich wieder mal richtig besaufen. Ich hätte vielleicht 2 oder 3 heisse Freundinnen, eine blonde, eine brunette und eine schwarze, wie ich wohl annehme, und ich würde mein kleines Harem notdürftig pflegen und zufrieden stellen mit viel Scherereien, zugegeben, und Streitigkeiten. Und daneben hätte ich in meinem Alter all meine Illusionen verloren über Kunst und den Idealismus. Ich würde mit Misstrauen beobachten, wie die jungen Künstler von den Behörden grosse Auftrage zugewiesen bekommen, und wie sie sich dann bei jenen bourgeoisen Ärschen noch mehr anbiedern und einschleimen. Widerlich! Vielleicht würde ich im Stillen immer noch nach meinem grossen Jahrhundertwerk gieren, jenem Bild, oder jener Statue, jenem Meisterwerk, welches endlich allen Menschen die Augen öffnen kann. Und von diesem zehrenden Leben wäre ich mit diesem Alter bereits heruntergekommen. Ich hätte meine Anfälle, meine Magenkrämpfe oder so, und trotzdem würde ich regelmässig meinen Dôle trinken und dazu Gitanes rauchen. Ach, ich würde mich langsam zugrunde richten und würde das alles noch geniessen. Ich wäre wie die Kerze, die an beiden Seiten brennt.

Ist es nicht schön, sich alternative Leben auszudenken? Frisch hat sich in der ‚Biographie’ mit diesen Fragen beschäftigt. Man kann sich damit sehr glücklich, oder aber - zweifellos - auch unglücklich machen. Ich selbst bin darüber eher glücklich. Ich meine, ich erlebe dabei die Weite des Lebens. Ich empfinde, wie gross die Möglichkeiten der Existenz eigentlich wären, und wie viel anders mein Lebenslauf auch hätte ausgehen können. Ich glaube, es macht irgendwie zufriedener mit dem, was man hat. Man fühlt sich dann so ordentlich und zufrieden in der Mitte all dieser wilden und abenteuerlichen Spuren und Wegzeichen in der weiten Landschaft. Man weiss sich auf einem ordentlichen, gesicherten Wanderweg, der zwar nicht wirklich irgendwo hin führt, aber zumindest sich nicht allzu gefährlich ausgibt. Und dazu trifft man auf dieser kleinen, gut ausgebauten Avenue jede Menge netter Menschen, die auch unterwegs zu sein scheinen, die aber auch nicht wirklich wissen, wohin der Weg führt. Das ist der wesentliche Unterschied: bei den Menschen auf dem Weg entscheidet der Weg über die Gehrichtung. Bei jenen, die eigenmächtig durch die wilde Natur gehen, entscheidet jeder selbst. Das macht ihn wohl wacher für die Situation. Vielleicht kommt er nicht wirklich an einem selbst gewählten Ziel an, aber mindestens er hat seinen Weg selbst gewählt. Er fühlt sich heroisch, denn er hat immer wieder den Eindruck, in einer Krisensituation zu sein, in einer Situation, die über Tod und Leben entscheidet. Und gerade das macht, dass er sich so lebendig fühlt. Wir hingegen wandern ruhig auf dem Strässchen wie auf einem Sonntagnachmittagspaziergang. Und jedes Kind weiss doch, wie langweilig Sonntagnachmittagspaziergänge sein können!! Und so ist es nicht erstaunlich, dass wir ein bisschen schläfrig dahin gehen und nicht wirklich wach zu sein brauchen. Das einzige, was wir benötigen, ist die Motorik der Beine. Und sie arbeitet bekanntlich routinemässig und völlig automatisch. Wir brauchen bloss zusehen, dass sich an den Füssen keine Blasen entwickeln!!

Ich muss jetzt zurück auf mein langweiliges Strässchen und die Sitzung für Montag vorbereiten. Dann fahre ich nach Basel.
MlGuKusw

Mittwoch, 3. September 2014

Ja, etwas verändert


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Ja. Mein Wesen ist etwas verändert. Ich bin weicher geworden, das habe ich - so glaube ich - gesagt. Nun, ich war nie ein harter Typ, das liegt mir nicht. Aber mit der Zeit verhärtet man sich, im Beruf ohnehin, weil es manchmal wirklich hart zu und her geht, und in der Beziehung auch. Man wird auch ein bisschen trocken. Ich glaube, durch unsere Mauserei ist eine Art erotisches Sensorium in mir zurückgekehrt, das ich nicht mehr gekannt habe. Es verzaubert die Welt ein bisschen. Ich schaue die Menschen mit wärmeren Gefühlen an. Ich fühle mich ein bisschen lebendiger, auch grosszügiger, auch geduldiger. Ich habe mehr Freude an jungen Frauen und Mädchen, zu sehen, wie sie sich pflegen, wie sie wirken möchten. Ich habe ja keine Interessen, aber ich finde es schön, das zu sehen. Und ich glaube, ich habe es lange nicht mehr gesehen. Es ist ein kleiner, aber ein feiner Unterschied. Und ich bin sicher, das kommt von Dir, einerseits von unseren Gesprächen, aber auch von deiner feinen und noblen Art, die du hast. Es führt mich - alles in allem - dazu, dass ich auch etwas feiner und nobler bin. Ich habe dir doch von NN erzählt, die ich samstags in der Konsultation gehabt habe. Sie hatte die Haare rot gefärbt seit dem letzten mal. Nun, ich kenne sie ja nicht gut, habe sie höchstens 2 mal gesehen. Und doch habe ich sie darauf angesprochen, habe ihr ein Kompliment gemacht. Sie hat etwas scheu reagiert, aber man hat bemerkt, dass sie sich geschmeichelt fühlt. Und ich habe erwähnt, dass meine Töchter auch Haare färben und so weiter. So eine Einleitung in ein "Problemgespräch" hätte ich vor einem halben Jahr nie im Leben gemacht. Ich hätte schon bemerkt, dass die Haare gefärbt sind. Aber ich hätte wohl nicht darüber gesprochen. Und doch wissen wir, dass es den Menschen gut tut, wenn man gut über sie spricht.

*

Mach dir keine Gedanken wegen der Zeit, die ich für unsere Mails brauche. Ich brauche viel Zeit für irgendwelche Dinge. Das ist nicht das Problem. Das Problem sind eher meine Gedanken, die oft weg sind. Das ist vielleicht für meine Familie nicht immer fair. Aber ich bekomme das schon hin. Es ist eigentlich nicht so, dass ich weg bin, sondern eher so, dass du - diskret wie du bist - dabei bist, wenn ich es mir recht überlege. Und das ist eigentlich wunderschön. Das ist ein bisschen so, wie man es von den Engeln erzählt.

*

Du hast recht. Wir sollen die schönen Städte weiter fantasieren dürfen. Ich möchte auch nicht, ...

Dienstag, 2. September 2014

ROMA AETERNA



 
 
Liebe Marlena
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Du hast recht. Wir sollen die schönen Städte weiter fantasieren
dürfen. Ich möchte auch nicht, dass ich irgendwelche Regeln mache für
uns beide. Ich bin froh, wenn du mich korrigierst und mehr Einfluss
nimmst und Ideen vorschlägst. Vergiss nicht, die "maladi" ist deine
Erfindung und ich finde ihren Namen schön wie am ersten Tag. Und wenn
ich Regeln machen sollte, so heisst das auch nicht, dass du dich ihnen
fügen musst. Verstehtst du, dein Einfluss auf unsere Mausfreundschft
ist sehr wichtig. Vielleicht überhöre ich ab und zu etwas, weil du
leise und ruhig deine Sachen sagst. Vielleicht musst du manches
deutlicher sagen.

*

Ich möchte  dir ein Foto von Rom schicken. Ich habe es selbst
geknipst. Es zeigt das forum romanum, dh die ehemalige Kuhweide Roms,
wo man dann in den letzten paar Jahrhunderten all diese alten Sachen
ausgegraben hat. Es ist ein romantischer Ort und es ist ein schönes
Foto. Ich liebe es, auch wenn man absolut keine Personen darauf sieht.
Oder sieht man vielleicht doch. Ich weiss es nicht. Das Forum Romanum
ist wie der Eiffelturm für Paris, der Hyde Park für London oder
vielleicht Marlena für Stockholm ;--).

Ich küsse dich, meine Mausgeliebte, schwesterliche.

Dass du mich vom Schwesterchen weglocken möchtest, finde ich absolut
süss. Ich hoffe, ich weiss, was du meinst. Das tröstliche am
Schwesterchen ist einfach, dass du es lebenslang sein wirst. Da wirst
du mich auch verstehen. Aber wir legen es ein bisschen in den
Hintergrund.

Also einen leidenschaftlichen KKK, vielleicht so, dass dir die Luft wegbleibt?

Gruss von deinem
...

Donnerstag, 28. August 2014

Tod eines Mitarbeiters


                   "ich staune darüber, wie sehr tote Seelen Macht über uns haben"

Liebe Marlena

(---)

Am Freitag haben wir ein kleines Bürofest organisiert. Ein ehemaliger Mitarbeiter hat eine schöne Stelle am Waldrand ausfindig gemacht. Er organisiert Tische und Bänke und wird zusehen, dass wir einen Grill und ein Feuer zur Verfügung haben werden. Ich habe mich bereit erklärt, die Getränke zu organisieren.
Doch vorher kommen wir in der Kirche zusammen, um unseres Mitarbeiters zu gedenken, der Ende Juli verstorben ist. Ich glaube, ich habe Dir davon erzählt. Ein ehemaliger Kollege spielt auf der Orgel. Ich soll unseren lieben Hans mit Worten würdigen. Und sein Freund wird auch noch ein paar Dinge sagen.
Es ist merkwürdig, was geschieht. Seit ich mich mit unserem Hans beschäftige, kommt er mir immer näher. Er war gebürtiger Oesterreicher und kam aus der Nähe Tirol. Und die letzte Woche habe ich versucht, mehr über ihn in Erfahrung zu bringen. Ich habe mit seinem Chef gesprochen. Und ich werde versuchen, nächstens noch mit seinem Freund Kontakt aufzunehmen.
Aber alles in allem staune ich darüber, wie sehr tote Seelen Macht über uns haben. Ich versuche, ihn zu verstehen, und ich merke dabei, dass er mir näher gestanden hat, als ich es je bemerkt hatte. Ach, das ist schwierig zu erklären.
Hans war ein guter Psychologe, aber er war schwach in Administration. Ich meine, er hat viele Probleme verursacht, weil er oft die administrativen Dinge nicht berücksichtigt hat, die notwendig gewesen wären. Sein Chef oder ich selbst hatten immer wieder Probleme deswegen. Das hat mich nicht sonderlich geärgert, aber ich hatte Angst, dass einmal ein Skandal entstehen könnte. Das wollte ich natürlich vermeiden.
Doch heute, da Hans tot ist, denke ich, er war wirklich ein sehr menschenfreundlicher Typ. Oder müsste man sagen „human“? Und die Tatsache, dass er alle administrativen Dinge vernachlässigt hat, finde ich im Nachhinein geradezu sympathisch. Es betont seine Menschlichkeit. Und wenn ich die Briefe nachlese, die er geschrieben hat, sehe und höre ich, wie poetisch und sensibel er war. Das wusste ich eigentlich schon immer. Aber heute fällt es stärker ins Gewicht.
Kurz und gut: ich versuche, einige Gedanken zu formulieren, die ich in der Kirche vor Mitarbeitern, vor Geschwistern und Freunden von Hans sagen könnte. De mortuis nihil nisi bene. Das ist mir klar. Aber es fällt mir nicht schwer, Gutes zu sagen. Es fällt mir erstaunlich leicht!!

Im Hintergrund läuft der Fernseher mit einem spanischen Programm. Das heisst viel Musik und dramatische Posen, wie es die Spanier lieben. Sie haben manches gemeinsam mit den Persern. Die Islamische Kultur ist seit dem Mittelalter in Spanien eingedrungen.

Ist das Leben nicht merkwürdig? Ich habe mir nie vorgestellt, dass es so wechselhaft und gelegentlich so dramatisch sein kann. Ich kann es kaum in Worte fassen. Und ich hätte mir nie vorgestellt, dass mich der Tod eines meiner Mitarbeiter so traurig machen könnte. Es ist schliesslich nicht zufassen. Ich habe in den Akten ein altes Foto von Hans gefunden. Da sieht man ihn mit knapp 30 Jahren. ... Hans neigt sich schräg ins Bild hinein, und sein optimistischer Blick verrät, dass er sich zutraut, alle Probleme dieser Welt zu lösen. Ach, ich weiss, wie es damals war, nach den 68er Jahren. Und jetzt ist er tot, unser armer Hans.
Wenn ich diese Zeiten zu überblicken versuche, werde ich ziemlich melancholisch. Es erinnert mich an Baudelaire und sein hochempfindliches Sensorium für die Vergänglichkeit. Man sollte fähig sein, das Leiden in Worte zu fassen. Das kann ich leider nicht.

Es gibt ein kleines Gedicht von Rilke, das mir immer durch den Kopf geht:

Der Tod ist gross.
Wir sind die Seinen
Lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Du wirst es kennen. Rilke hat viel über den Tod nachgedacht. Er war ein Existenzialist avant la lettre. War nicht Rilkes Mutter Oesterreicherin. Ich glaube, dass sie nach der Scheidung mit ihrem Sohn nach Oesterreich zurückgekehrt ist. Ist das so?

Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende
Mit lieben Grüssen

Dienstag, 26. August 2014

Blick durchs Fenster



heute Abend




"Somewhere over the rainbow..."




Montag, 25. August 2014

beim TÜV


Date 2 October 2006 10:05
subject :-)))



Ach, ...,
Ich kann es kaum glauben. Ich bin zum TÜV gefahren mit der festen
Überzeugung, dass ich mindestens 2-3 teure Dinge zu reparieren hätte
und sofort Fahrverbot bekommen würde. Bin seit mehr als einem Jahr
nicht mehr in einer Werkstatt gewesen. Aber die Kontrolle ging gut und
als ich am Ende zum bezahlen kam, sagt der Mann "Jetzt hattest du
Glück im Pech, dein Abgassystem ist nicht in Ordnung, aber ich habe
vergessen es aufzuschreiben". Sag, ist so was denn überhaupt
möglich???
Und ich versicherte ihm auf Ehre und Gewissen, dass ich etwas dagegen
tun werde. Das hatte ich übrigens längst vor, denn ich will
schließlich nicht, wenn ich meinen Wagen starte, die Aufmerksamkeit
aller Leute auf mich ziehen..wie ein "raggare". Komisch, dieses bei
uns gewöhnliche Wort finde ich weder in meinem deutschen noch
englischen Wörterbuch, aber man gibt eine Erklärung:
"member of a gang of youths who ride about in big (usually old) American cars"
Jetzt lachst du wohl.. ?

Kommst du noch einmal bevor du in den "Garten Eden" gehst? Ach, ich hoffe sehr..

So lasse ich dich wieder und wünsche dir alles Gute für die kommende Zeit.
Alles Liebe
Malou

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date Mon, Oct 2, 2006 at 2:51 PM
subject Re:



Liebe Malou
Ach, mein liebes Engelchen. Ich glaube auch, dass du auf
die Abgase achten solltest. Schliesslich ist die Luft das Medium,
worin sich Engel und Schutzengel hauptsächlich bewegen. Und wenn sie
allzu trüb wird, ich weiss nicht, ob ihnen das gut tut.
...

Es gibt Tage...


Lieber ...,
Es gibt Tage, wo ich immer noch traurig bin. Es ist kein Dauerzustand,
aber es überfällt mich plötzlich, wenn ich garnicht bereit bin. Dann
fällt mir alles schwer. Ich habe keine Lust zum lesen und also keinen
Zugang zu einem alternativen Leben. Zwar möchte ich dir auch dann
Mails schreiben, aber ich weiss, dass ich sie nicht absenden werde,
denn ein trauriger Schutzengel ist nicht was du brauchst.

Das wollte ich dir eigentlich nur sagen, damit du verstehst, wenn
meine Mails etwas kurz sind.

Ich wünsche dir einen schönen Tag.

MlGuK
Marlena