Mittwoch, 14. Mai 2014

italienisch im Himmel?



Lieber ...,
(...)
Ich habe mir gerade ein paar italienische Lehrbücher bestellt. Es war
nicht so leicht sie zu finden, denn sie sind schon an die 10 Jahre
alt. Bisher hatte ich sie mir in der Bibliothek geliehen aber ich
möchte sie gern selbst besitzen. Es ist ein wunderbarer Kurs.
Eigentlich stammt er von BBC und ist sehr intelligent gemacht. Ich
glaube, ich habe dir das schon mal erzählt. Ich habe mir auch schon die
Kassetten dazu besorgt, damit ich die richtige Aussprache lerne. Und
wozu das alles? Mein nächstes Leben möchte ich in Italien verbringen.
;-)))

Ich wünsche dir einen feinen Tag.
Mit lieben Gs und Ks in Qs
Malou

-------------

 Liebe Malou
(---)
Ja, in deinem nächsten Leben wirst du italienisch parlieren. Und wenn es kein zweites Leben gibt. Dann wirst du im Himmel auf italienische Weise herumlamentieren und palavern? Das stelle ich mir lustig vor. Überhaupt, sich den Himmel italienisch vorzustellen, führt bereits zu einem kleinen Lachanfall. Ja, ich glaube, die Italiener könnten den Himmel sehr gut übernehmen. Sie würden ihn mit ihrem Chaos bereichern. Ich würde mich dann auch sehr gerne an der Türe anstellen, schon nur wegen der vielen schönen Italienerinnen, respektive der dunkelhaarigen Engelein. So könnte ich mir den Himmel durchaus auch vorstellen. Und zu Mittag tragen die ehrwürdigen Erzengel grosse Schüsseln mit Spaghetti auf. Herrlich! Und herrlich auch die Tomatenflecken, die sich auf all den himmlischen, leuchtendweissen Hemden und Röcken ergeben. Wunderbar! Ich glaube, ein italienischer Himmel wäre prima. Und nach all dem Durcheinander und einem Schluck Chianti gäbe es eine himmlische Siesta.
Ich glaube, ich melde mich gleich an.
Ich wünsche dir einen schönen Tag
Liebe Gs und Ks
...

Nochmals Himmel

Liebe Malou
ja, mein letztes Mail hat mir die Idee geöffnet, dass man eigentlich eine empirische Studie machen könnte, wie sich die Menschen den Himmel vorstellen. Das wäre sozusagen eine Erforschung des Himmels. Und ich bin überzeugt, es gibt italienische Himmel, französische Himmel, deutsche Himmel und vielleicht sogar Schweizer Himmel. Bei uns hätte es Geranien vor den Fenstern! Und im Menueplan überdurchschnittlich viele Käsespeisen. Das wäre eine lustige Untersuchung für eine Doktorarbeit.
Liebe Grüsse

Dienstag, 13. Mai 2014

mein Vis-à-vis


Liebe Marlena

Richtig, die zwei letzten Tage waren wild. Ich habe mich wirklich in den
Hintern gekniffen und versucht, die vielen Dinge, die hier herumliegen, zu
ordnen und soweit möglich zu erledigen. Man gewöhnt sich all zu leicht
ans Bummeln im Büro, denn es kommen tagtäglich soviele Informationen
und Broschüren und Berichte und Schreiben, dass man immerzu damit
verbringen könnte, sie zu lesen, sie zu überlegen und sie zu kommentieren
und zu überarbeiten. Und am Abend hat man alles in allem nichts getan,
oder man hat 9 Stunden gearbeitet, je nachdem, wie man die Sache
betrachtet.
Und wenn ich hier zum Fenster hinausschaue, dann sehe ich hinüber an ein
älteres Haus linkerseits. Früher war das eine traditionelle Wirtschaft, wie
wir es nannten, also ein Restaurant im traditionellen Stil, wenig Besucht,
und wenn, dann von eher einfachen und etwas merkwürdigen Gestalten.
Ein ehrbarer Bürger (gibt es so was noch heute?), ein ehrbarer Bürger
würde kaum ins Restaurant Schweizerhaus gehen. Denn alles schaute von
aussen etwas heruntergekommen aus. Aber dieser Name, Restaurant
Schweizerhaus ist um die rechte Ecke, zum Wasserturmplatz hin, mit klaren
altdeutschen Buchstaben immer noch gross an die Wand geschrieben. Die
Fenster sind mit hölzernen olivegrünnen Fensterläden ausgestattet, und auf
den Simsen stehen Kisten mit leuchtend roten Geranien. Sieht also nach
echtem Schweizer Volkstum aus. Doch auf der Seite zur Strasse wurde über
der alten Eingangstüre ein kleines Vordach an die Wand geklebt. Es ist
gewölbt, wie an einer Pagode. Rechts davon hängt ein Schild mit der
Aufschrift China Restaurant Guang Dong. Und an der Ecke ragt eine Art
Laterne in den Platz hinaus, nachts beleuchtet, mit der Inschrift Ziegelhof.
Das ist das Bier, das hier im Ort selbst gebraut wird. Du musst wissen, dass
für lange Jahre einige grosse Bierbrauereien sich die Schweiz aufgeteilt
haben. Da gab es Cardinal in der französischen Schweiz, auch im Wallis.
Feldschlösschen herrschte in der Gegend hier und im Raum Zürich vor.
Die Innerschweizer schworen auf Eichhofbier und die Bündner auf Callanda.
Bestimmt gab es noch zwei oder drei grössere Namen und daneben auch ein
paar lokale Untertropfen. Kurz und gut, du konntest blind durch die Schweiz
wandern und anhand des Geschmacks des Bieres bloss wusstest Du, in
welchem Raum du dich befandest. Natürlich hättest du dir dabei die Ohren
verschliessen müssen, denn anhand des Dialektes der Leute hättest du
deinen Standort noch viel genauer heraushören können.
Hier also mit einem breiten Baslerdialekt das Ziegelhof Bier. Es schmeckt
nicht so gut wie Cardinal, an welches ich mich in frühen Jahren meines
Lebens ohne grosse Widerstände und mit Hingabe gebunden habe.
Cardinal schmeckt einfach einmalig. Das mag damit zusammen hängen, dass
die Walliser Sommer so trocken und so heiss daherkommen. Denn, wenn
Hunger der beste Koch, dann ist Durst der beste Bierbrauer.

Doch ich war bei unserem Schweizerhaus vis à vis, und bei dessen
Multikulti-Fassade. Es ist zum Heulen, wenn du das siehst. Und dabei ist
das Restaurant heute besser geworden, als es damals, in den letzten Jahren
gewesen ist. Ich war etwa zweimal dort. Und neben anderen Chinesischen
Küchen schmeckt es eigentlich recht gut und differenziert.
Nun, weshalb ich Dir so ausführlich über mein Vis à vis erzähle, das hat
seinen Grund im ersten Stock. Dort ist, gleich rechts über dem
Pagodendächlein, ein Fenster. Linkerseits ist der Vorhang
zurückgeschlagen. Und dahinter steht ein Käfig mit Kanarienvogel oder
Wellensittich. Das Gitter glänzt golden im Sonnenlicht. Na ja, den Vogel
sehe ich nicht genau, dazu müsste ich ein Fernglas ins Büro mit bringen.
Ich meine, er sei blau, aber ich kann mich täuschen. Doch bin ich sicher,
dass sich dort tagein tagaus ein kleiner Wellensittich in der Sonne räkelt.
Die alte Frau besorgt ihm gelegentlich frische Luft, indem sie das Fenster
öffnet und eine Weile auf den Platz hinunter schaut. Die übrige Zeit überlässt
sie ihm die Sicht. Und wenn ich ihn sehe, dann denke ich an Euren Kaddaffi.

Wenn ich jetzt eine Kamera hätte, wie Du sie hast, dann würde ich Dir ein
Bild dieses Platzes schicken. Das hast du mal gewünscht. Und man sieht
wieder, wie sehr ich mit meinen Pflichten und Aufgaben weit abgeschlagen
im Rückstand liege. Ich tue mehr Dinge, die niemand von mir erwartet, als
dass ich jene Obliegenheiten wahrnehme, von denen alle denken, sie wären
meine Aufgaben. Das war schon so an der Universität. Ich habe immer die
Bücher gelesen, die nicht in aller Munde waren, während ich die offizielle
Pflichtlektüre oft meinen Kollegen überliess. Ich dachte mir, darüber würde
man ja dann ohnehin diskutieren, weil alle sie gelesen haben. Und so würde
ich auch noch in den Genuss dieser Information kommen. Du siehst, ich bin
Spezialist für Alternativprogramme, für Insider-Tipps, für
Ausnahmeerscheinungen und Abwegigkeiten.
*
Bob Dylan? Nun ja, ich hab ihn nicht vor Auge, aber er hat bestimmt mehr
Töne von sich gegeben als ich es getan habe.  Es ist in Persien aufgenommen
worden. Ich litt damals an der Teheraner Magenverstimmung, die jeden
befällt, der erstmals nach Teheran kommt und bei soviel Durst vielleicht mal
in der Not eine Cola mit Eis zu sich nimmt, oder rohen Salat kostet, was alte
Reiseprofis natürlich geflissentlich unterlassen.
Ich finde, Deine Reaktion auf das Bild war etwas knapp. Und dabei habe ich
nun beinahe ein Jahr lang nach einem Foto gesucht, und kürzlich hat mir
S zufällig dieses eine zugesteckt. Es ist ein Unikat sozusagen, ein
Einzelstück, die Ernte eines Jahres, und Du solltest Dir dessen bewusst
sein. Es ist praktisch nicht mehr als das vorhanden.
*
Jetzt muss ich wieder hinter die Dinge. Es gibt hier noch vieles zu tun.
Heute abend treffen wir die Reisegruppe. S hat ein Mail an alle
geschrieben und mich gefragt, wie sie denn die Anrede schreiben sollte. Ich
habe vorgeschlagen "liebe Angsthasen!". Doch das ist böse. Nein, wir können
sie schon verstehen. Jetzt geht es ums Finanzielle.
Mit einem lieben Gruss
...

Szenen einer Ehe


Ämne:  Backintown
Datum: den 4 mars 2004 20:46

Liebe Malou
Soeben sind wind wir aus dem Schwarzwald zurück. Es war ganz gut. Nach bloss 3 Tagen hat man den Eindruck, eine ganze Woche weg gewesen zu sein. Auf alle Fälle deuten die Kilos, die ich zugelegt habe, auf eine satte Woche.

(...)

Gerade finde ich eine Fotokopie eines Zeitungsartikels. Es ist ein Brief eines berühmten Mannes an seine Frau. Ich frage mich, ob Du herausfindest, wer das gewesen sein könnte?
Er sagt dabei:

A. Du sorgst dafür,
1.) dass meine Kleider und Wäsche ordentlich im Stand gehalten werden
2.) dass ich die drei Mahlzeiten im Zimmer (Unterstrichen) vorgesetzt bekomme
3.) dass mein Schlafzimmer und Arbeitszimmer stets in guter Ordnung gehalten sind, insbesondere, dass der Schreibtisch mir allein zur Verfügung steht.

B. Du verzichtest auf alle persönlichen Beziehungen zu mir, soweit deren Aufrechterhaltung aus gesellschaftlichen Gründen nicht unbedingt geboten ist. Insbesondere verzichtest Du darauf,
1.) dass ich zuhause bei Dir sitze
2.) dass ich zusammen mit Dir ausgehe oder verreise.

C. Du verpflichtest Dich ausdrücklich, im Verkehr mit mir folgende Punkte zu beachten:
1.) Du hast weder Zärtlichkeiten von mir zu erwarten, noch mir irgendwelche Vorwürfe zu machen
2.) Du hast eine an mich gerichtete Rede sofort zu sistieren, wenn ich darum ersuche
3.) Du hast mein Schlaf- bzw. Arbeitszimmer sofort ohne Widerrede zu verlassen, wenn ich darum ersuche

D. Du verpflichtest Dich, weder durch Worte noch durch Handlungen mich in den Augen meiner Kinder herabzusetzen.

Voilà! Das ist ein scharfes Bombardement, Szenen einer Ehe.
Ach, was sind wir doch glückliche Menschen!

Mit lieben Gs und Ks
...


--------------

Ämne: RE: backintown...
Datum: den 4 mars 2004 22:30

Lieber ...,
(...)
 Ach ja, dieser schreckliche Text, den du geschickt hast. Zuerst wollte ich sagen: Wie kannst du wissen, was mein Mann von mir verlangt.. ;-)) Aber weisst du, es ist ein grausamer Text und ich hoffe, dass es heutzutage keine Frau mehr gibt, die bei einem solchen Mann bleiben würde. Nein, ich kann wirklich nicht raten wer es ist. Hoffentlich nicht jemand, den ich bis jetzt bewundert habe. Das wäre schlimm.
Lass mich dich nur noch schnell umarmen. Ich bin so froh, dass du wieder hier bist.
Mit lieben Gs und Ks,
Malou

Montag, 12. Mai 2014

Woher kam es?


Ämne: RE: Do-Mo

Liebe Malou
...
Bei uns ist der Frühling durchgebrochen. Der gestrige Tag war ziemlich warm und ich war abends durstig, ohne zu wissen, woher das eigentlich kam. Und viele leiden schon an Heuschnupfen. Und auf der Strasse siehst Du die Jungen ziemlich intensiv küssen. Es wird jedes Jahr intensiver und sie werden jedes Jahr jünger! Nun ja, ich kann mich eigentlich noch ziemlich gut an jene Zeit erinnern. Und wahrscheinlich hat auch uns der Frühling damals das Blut in Wallung gebracht. Wir hatten uns niemals erlaubt, auf der Strasse zu küssen. Aber man stand doch stundenlang an irgend einer Ecke und schäkerte herum. Und man war gut drauf und wusste nicht mal so echt, woher das alles kam. War es vielleicht das schöne Wetter? Und die Erwachsenen, die vorbeigingen, schauten mit einem gewissen Verständnis hin. Wussten sie vielleicht, woher das kam, dass man sich so gut fühlte? Na ja, gelegentlich schauten sie auch eher kritisch. Die wussten bestimmt, woher das kam.

Ach, Du siehst, ich verstehe sie schon, die Jungen. Und in kurzen Momenten, wie in Rilkes Gedicht vom Panther, sehe ich einen kurzen Moment zwischen den Stäben meines Käfigs durch und fühle ein kleines Stechen, welches man Neid nennen könnte.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lGuK


Nicht mehr Rilke

Lieber  ...,

Gerade heute habe ich ein Buch gekauft, mit einer Auswahl der "schönsten Gedichte" der Welt. Und darin habe ich dann besonders diejenigen (wenige) von Rilke angeschaut, und wie sie in Übersetzung klingen. Dazu möchte ich nur sagen: Das ist nicht mehr Rilke.
Rilkes Grösse liegt neben den tiefen Gedanken auch besonders in dem Reim und in der Musikalität der Sprache.


                      Der Panther

Sein Blick ist vom vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein groser Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf - dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille --
und hört im Herzen auf zu sein.
                                                     Rainer Maria Rilke



Beispiele von Übersetzungen des Gedichtes  hier.

das kleine Büchlein


Re: Tagebuch..

Liebe Marlena
Das Wetter läuft jetzt endgültig auf den Sommer zu. Es ist warm und angenehm. Von hier oben, meinem Büro, sehe ich, wie sich unten auf dem Platz die Kleidung der Menschen ändert. Jetzt gehen sie wieder in Shorts und Tschirts um. Es ist doch erstaunlich, wie sehr sich Erwachsene immer mehr kleiden wie Kinder. Das kommt wohl von der sogenannten Freizeitgesellschaft, denn in der Freizeit schwinden die Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern. An der Spielzeugeisenbahn liegen die Söhne ebenso auf dem Bauch wie die Väter.
*
Ich habe ein wunderschönes Büchlein, das ich gerade lese. Das wollte ich längst tun, ist mir auch schon von vielen Seiten empfohlen worden. Doch erst gestern habe ich es zufällig im Laden entdeckt. Wahrscheinlich eine Wiederauflage. Und ich empfehle es Dir, Marlena, entweder um es selbst zu lesen, oder aber K unterzuschieben, als Vorbereitung für seine Portugal-Reise. Autor ist Antonio Tabucchi, ein Italiener, Professor für portugiesische Sprache und Literatur. Der Titel heisst "Erklärt Pereira...". Ich gebe Dir den Klappentext:
"Portugal unter Salazar. Pereira, ein in die Jahre gekommener, bequem gewordener Lokalreporter, redigiert die Kulturseite einer kleinen regimetreuen Lissabonner Abendzeitung. Pereira kümmert die Politik nicht, bis er eines Tages einen jungen Mann kennenlernt, den er als freien Mitarbeiter für die Zeitung gewinnen will und der sich als Widerstandskämpfer erweist. Der Ästhet Pereira wird immer mehr in das Treiben von Monteiro Rossi und seiner schönen Freundin Marta verwickelt .."
"Das Wunderbare an Tabucchis Parabel ist, dass sie eine moralische Geschichte erzählt, ohne eine Moral von der Geschichte zu haben. Ein Denk-, Spiel- und Rätselstück, wie Tabucchis frühere Bücher - nu mit mehr Bodenhaftung."(Die Wochenppost)
"Ein Glanzstück .... wunderbar schwebend erzählt, als bedürfe es dazu keiner Mühe und Kunstfertigkeit." (Rheinischer Merkur)
Ich habe vor knapp einem Jahr die Verfilmung gesehen, mit Marcello Mastroiani in der Hauptrolle. Das ist einer der wenigen Fälle, wo ich das Buch schätze, obwohl ich den Film schon gesehen hatte. Allerdings wusste ich damals noch nicht, dass die Geschichte von Tabucchi geschrieben worden war. Der in der südlichen Sommerhitze schwitzende Matroiani hat mir einfach gefallen. Und vielleicht noch ein bisschen die altmodische Kleidungen der Leute. Der Roman spielt zur Zeit des spanischen Bürgerkrieges, zu Zeiten also, da es auch in Europa noch Diktaturen gab. Das Büchlein ist die 10. Auflage erschienen, sehe ich gerade, also sehr erfolgreich. Und Pereira sitzt in jenen berühmten Cafés Lissabons herum, schwitzt, schnauft und trinkt Limonade. Oder er spricht zuhause ans Bild seiner verstorbenen Frau, entschuldigt sich, dass er zu spät kommt, rapportiert ihr den vergangenen Tag. Ich glaube, wenn ich selbst schreiben könne, würde ich sowas in diese Richtung schreiben. Ich meine vom Ton her, und von der Philosophie. Der Roman hat wirklich eine vibrierende Athmosphäre, die mir sehr liegt. Sie flackert so ein bisschen zwischen Leben und Tod.
*

Sonntag, 11. Mai 2014

gestillte Unruhe


Liebe Malou
---
Gestern hatten wir unser Weekly. Und W. hat mich überrascht und mir - vielleicht zum Abschied - ein Buch gebracht. Du wirst es kaum glauben, es ist das Buch der Unruhe von Pessoa. Ich hatte ihn im Verdacht, dass er es bei sich habe. Ich hatte zwar keine Erinnerung, dass ich es ihm ausgeliehen hätte. Und ich habe es ihm auch nicht ausgeliehen. Die Ausgabe, die er brachte, hatte er im Internet gefunden. Er findet alles im Internet. Und ich finde nicht mal ein kleines Büchlein in meinen vier Wänden. Kurz und gut: die Ausgabe ist hübsch und mit einem harten Deckel, während die meinige nur ein kleines Taschenbuch ist. Und diese hier ist illustriert von einem portugisischen Zeichner. Das mag ich. Was denkst Du heute von Pessoa? Bestimmt hast Du im Norden lange Sommerabende diesen merkwürdigen Gedanken nachgehängt. Na, ist er nicht merkwürdig und poetisch zugleich. Eine Kombination, die ich irgendwie schätze. Obwohl, das muss ich sagen, ich mit Pessoa nicht gerne eine Zweizimmer-wohnung teilen wollte. Er würde bestimmt seine Frühstückseier anbrennen lassen. Und wenn es an der Türe klingelt, hinge er irgendwelchen merkwürdigen Gedanken nach und würde die Klingel überhören. Nein, für den Alltag wäre er mir zu ätherisch.

Aber ist süss, dass Walo - wie ich ihn nenne - mir dieses Buch geschenkt hat. Er meinte, er könnte meine Unruhe nicht mehr ansehen, die ich habe, weil ich mein Buch nicht finde. Ich habe ihm dann als Revanche ein kleines Büchlein von Tabucchi gegeben, von dem ich Dir auch schon erzählt habe. Es ist - glaube ich - ein kleiner Krimi und Walo liebt Krimis über alles. So hatte ich neben der spendefreudigen Personalchefin sogar abends noch eine kleine Überraschung. Das Leben zeigt manchmal wirklich Lichtblicke, nicht wahr?

Samstag, 10. Mai 2014

"Zerstörer"


9 January 2007 17:48

Lieber ...,

Du kannst dir garnicht vorstellen welch merkwürdiges und genussvolles
Gefühl es ist diesen Dokumentzerstörer zu betätigen. Dabei wünsche ich
man könnte dasselbe mit einigen Erinnerungen tun. Und so ist es ja
fast auch. Einiges, was ich nun auf Papier wiederfinde und ins
Gedächtnis zurückhole, wird dann für immer ausgelöscht sein. Und es
rasselt so herrlich... :-)  Ich habe den Eindruck, dass ich ein wildes Tier
füttere.
...

10 January 2007 12:40
 
Liebe Malou

Ja, du lobst deinen Shredder. Und du weisst vielleicht nicht, dass ich
in einem ähnlichen Fahrwasser treibe. Ich muss ja doch zuhause
aufräumen. Und ich muss im Büro aufräumen. Und damit meine ich jetzt
nicht bloss, die Dinge in Ordnung bringen, sondern recht eigentlich
sichten und nur die wichtigsten Dinge behalten. Wirklich nur die
allerwichtigsten. Und welche sind die Wichtigsten?
Es ist einfach enorm, wie man mit der Zeit an diesen Dingen hält und
immer das Gefühl hat, man könne dieses oder jenes noch brauchen. Nein,
ich muss wirklich radikale Häutungen vornehmen. Ich brauche eine neue
Haut. Es geht nicht anders. All das Zeug wiegt so schwer. Ein leeres
Büro wäre eine Wohltat. Ich kann mir schon gar nicht mehr vorstellen,
wie das aussehen würde.

Deshalb beneide ich dich ein bisschen um deinen "Zerstörer", auch wenn
das Wort ganz kriegerisch und eben zerstörerisch klingt. Es klingt
unheilvoll. Destruktiv. Shredder ist doch besser als Wort.

Heute haben wir hier nahezu Frühlingswetter. Es riecht so wie rund um
die Fasnachtszeit. Aber es ist warm, um die 15° habe ich gehört.
Irgendwie ist es schade, dass es keinen richtigen Winter mehr gibt.
Und das nicht wegen des Winters, sondern wegen des Sommers. Man
schätzt doch den Frühling ganz anders, wenn man lange auf ihn gewartet
hat. Nein, es ist ganz unheilvoll mit diesen neuen Temperaturen.

Und jetzt willst du mir Standard-Tagebuch schicken. Ein Commouniquée??

Mit lieben Gs und Ks und im Qs Umfang
...