Montag, 21. April 2014
Ostermontag
Liebe Malou
...
Wir hatten eher stille Ostern. Ich habe viel geschlafen und meine Ohrenschmerzen gepflegt. Am frühen Abend hatten wir ein gemeinsames Essen mit einem grossen Tisch, den S bereitet hat. Am Vorabend hatte ich ein bisschen mitgeholfen bei den Eiern. Na ja, ich habe sie schliesslich bloss aus dem kochendheissen Zwiebelschalensud gefischt, sie unter kaltem Wasser abgeschreckt, um sie zuletzt mit Fett etwas einzureiben. Und dazu habe ich den Herd geputzt. Ehrenwort! Dieser rote Sud war ziemlich penetrant. Neben Zwiebelschalen waren offenbar Schalen der roten Bete drin. Und dazu Salz. Die Eier sind den auch sehr schön geworden. S hat frische Pflanzenblätter mit alten Nylonstrümpfen auf der Schale fixiert und die Eier so in den Sud gelegt. Jetzt gibt es auf den rotbraunen Einer gelbe Pflanzenmuster, die ganz natürlich und hübsch organisch aussehen. Macht ihr das auch so?
---
Übrigens habe ich in einem Zeitungsartikel gelesen, dass die Sache mit dem Osterhasen eine protestantische Erfindung sei. Und die Eier sind nicht in erster Linie Fruchtbarkeitssymbol, wie man es immer behauptet hatte. Die Eier gab es um Ostern bloss deswegen, weil nach der Fastenzeit so viele Eier zur Verfügung standen. Und weil um Ostern ein Zinstag war wie jener an Martini im Herbst, und oft mit Materialien bezahlt wurde, kam es, dass man oft Eier dazu benutzte. Früher wurden nur die gesegneten Eier gefärbt. Die rote Färbung diente eben gerade dazu, sie von den übrigen Eiern zu unterscheiden. Gesegnete Eier galten als Glücksbringer. Sie wurden verschenkt oder irgendwo auch auf dem Dachboden aufgestellt zum Schutze des Hauses. Wie es zum Osterhasen kam, ist nicht ganz klar. Es gibt Vermutungen, dass es ein Brauch war, ein Osterbrot in Form eines Lammes zu backen. Und weil offenbar die Ohren zu lange und die Beine zu kurz schienen, sei man mit der Zeit auf den Hasen gekommen. Klingt ein bisschen fade, nicht wahr? Bestimmt gab es im Frühjahr auch viele junge Hasen. Und so sei es gekommen, dass man die farbigen Eier vor allem in protestantischen Gebieten dem Hasen zugeschrieben hat. Dabei ist aber jetzt doch merkwürdige, dass der protestantische Norden, Skandinavien eben, den Hasen nicht kennt. Vielleicht habt ihr auch nicht zu viele wild lebende Hasen? Oder doch?
Macht ihr auch das Spiel, indem ihr mit den Eiern gegeneinander schlagt. Ich glaube, das gibt es überall. Letzthin habe ich eine griechische Familie im Fernsehen gesehen, die das ebenso gemacht hat. Sie hatten auch nur rote Eier.
Morgen beginnt die Arbeit wieder. Ich könnte mir noch ein paar Tage frei nehmen. Aber es macht keinen Sinn, zuhause herumzusitzen und zu lesen. Ich habe einige Arbeiten, die ich bis Ende Monat gemacht haben muss. Und so will ich lieber zeitig dran gehen. Ich mag es nicht, zum Schluss unter Zeitdruck zu sein, wenn es an allen Ecken brennt.
Wenn ich heute zum Fenster hinaus auf den Platz hinunter schaue, so finde ich ihn mehr oder weniger menschenleer. Die Tische und Stühle des Cafès stehen zwar draussen unter dem Schirm. Aber der Betrieb ist an Ostermontag geschlossen. Und gegenüber in der Drogerie haben sie die Sonnenstoren (die Markisen, wie das so schön heisst) heruntergelassen, als ob es schon Sommer wäre. Davor treiben die drei Bäume in einem zarten Grün. In ein oder zwei Wochen werde ich nicht mehr hindurch auf das Strassencafé sehen können. Dann wird es hinter dem Blättervorhang verschwinden, mindestens zum grossen Teil. Ich glaube, wenn ich mal in Pension sein werde, dann werde ich mich nach diesem Blick zurücksehnen. Ich habe mal eine Zeichnung davon gemacht. Aber ich weiss nicht, ob ich sie auch wirklich aufbewahrt habe.
Und jetzt muss ich noch ein bisschen hinter meine Dinge. Und abends will ich noch rasch bei meinen Eltern vorbei. Du hast bestimmt noch ein paar Tage Ferien, nicht wahr?
Ich wünsche Dir eine gute Zeit.
MalGuhsK
Freitag, 18. April 2014
Pasquale ?
date 5 April 2007 11:11
subject pasquale ?
Liebe Malou
Wie findest du meinen Bosch? Ist er nicht hübsch? Ich mag solche
Bilder, entweder von Bosch oder von Bruegel. Man schaut auf
die Welt, als ob man selbst der liebe Gott wäre. Gibt es denn ein
schöneres Gefühl als das des lieben Gottes? Und die Welt schaut
aus wie eine Puppenstube, mit diesen zerbrechlichen Kreatürchen,
die sich so total nicht an die 10-Gebote, die ich ihnen doch vor-
geschrieben habe, halten wollen. Und deshalb lasse ich sie ein
bisschen zappeln und schwitzen und schreien in der Hölle. Oder,
noch besser, in der Vorhölle. In der Vorhölle kommt zum Schmerz
und zur Hitze noch die Angst vor der Hölle. Das ist himmlich, nicht
wahr? Und wie sie kreischen! Und sich winden! Es ist ungefähr so
wie damals, als Kinder noch mit Maikäfern gespielt haben. Sie haben
sie hinaufklettern lassen bis zum Rand der Schachtel, um sie dann
jäh wieder hinunterzustossen. Sie haben sie auf den Rücken gelegt
und zappeln lassen. Ich glaube, der liebe Gott hat viel Freude und
Unterhaltung an seiner Welt. Er lässt uns gerne zappeln und leiden.
Daran hat er seine spezielle Freude, muss man meinen.
Ach entschuldige Malou, die Gedanken sind nicht sehr österlich.
Ostern ist doch die Frohbotschaft, die Himmelfahrt, Cape Canaveral
der Christenheit. Aber an Karfreitag darf man ein letztes Mal fasten.
Und dann kommt das Osterlamm, das Starkbier und die vielen vielen
Eier, organisch und schokoladisch. Hast du sie schon gefärbt? Und im
Zwiebelschalenwasser gekocht? So schaun sie am schönsten aus. In
verschiedenen Helligkeitsstufen. Und schliesslich mit einem
Butterpapier eingerieben, dass sie glänzen wie ein frisch gesalbter
Kinderpo.
Ich weiss noch gar nicht, was ich über Ostern tun werde. Vielleicht
arbeiten? Lesen? Musik hören?
Gestern abend war ich noch um 21h im Schützenmattpark. Es war
nicht mehr so dunkel wie im Februar. Damals hatte es ab und zu
schwarze Gestalten rund um die Bänklein. Ich glaube, es sind Fixer,
die dort ihre Küche haben. Ich habe ein paar Runden gedreht. Es tut
gut, so vor sich hin zu traben und den Gedanken nachzuhängen. Sie
flattern dann hinter einem her wie Boschs Fahne oben rechts auf
dem Bild. Und rundum leuchten die Fenster der hohen Häuser.
Man könnte sich der Illusion hingeben, man sei im Central Park.
Aber das ist nicht nötig. Der Schützenmattpark ist auch gut genug.
Ostern heisst in italienisch 'pasquale', nicht wahr? Ich sehe schon,
...
Ich wünsche dir und deinen lieben schöne Ostern Malou. Ich hoffe, ihr
habt eine gute Zeit. Und hoffentlich findet ihr alle Eier wieder, die
ihr versteckt. ...
Liebe Gs und Ks
Donnerstag, 17. April 2014
Donnerstag Abend
Ämne: Re: Gründonnerstag
Datum: den 17 april 23:17
Lieber ...,
(...)
Wieder ist ein Tag vergangen. Sie gehen immer schneller. :-) Morgen wollen wir unseren Ausflug an den Vogelsee machen. Aber es soll etwas kälter werden, vielleicht auch bewölkt, bevor dann ab Samstag die richtige Wärme kommt. Bis zu 20 Grad hat man uns versprochen.
*
Ich lese weiter in dem Buch. Es ist sehr interessant und die Herren diskutieren viel über filosofische Gedanken und Literatur. Kirkegaard, Nietzsche u.a. und natürlich auch viele schwedische Schriftsteller, von denen mehrere zu ihrem engen Freundenkreis gehören. Tingsten, Ekelöf, Aurell.. Aber diese Namen sagen dir nichts. Manchmal unterhalten sie sich über Leute, die ich noch gekannt habe. D.h. nicht persönlich, aber doch so nahe dass ich einen Eindruck von ihrem Wesen bekommen habe. Und es ist lustig zu sehen, wie ihre Worte mit meinen Eindrücken stimmen.
Was mich ein wenig stört ist, dass Knut J. seinen Freund Ingemar Hedenius so sehr bewundert und zu ihm aufschaut, dass er mir oft servil vorkommt. Habe den Eindruck, dass er eigentlich nicht frei seine Meinung sagt, wenn er ahnt dass der andere anders denken könnte. Und wenn er was sagt, dann entschuldigt er sich nachher fast. und macht sich etwas lustig über seine eigenen Gedanken. Aber sie sind noch nicht allzu lange Freunde und vielleicht braucht er noch ein wenig Zeit um zu wagen ganz sich selbst sein. Wie ich verstehe, so trinken die Herren auch ziemlich viel, wenn sie ihre Familientreffen haben und dann läuft ihre Zunge vielleicht doch etwas mehr Hemmungslos.
Ingemar Hedenius wohnte in Uppsala. So erfährt man auch viel über das kulturelle Leben und über die Intrigen an der Universität, besonders zwischen der Philosophischen und der theologischen Fakultät. Knut wohnte in Lidingö, ein schöner Teil von Stockholm, wo überwiegend reiche und vornehme Leute wohnen. Auch dieses Milieu kenne ich ein wenig, da ich in meiner Schulzeit manchmal bei einer Freundin dort zu Besuch war.
Wie du siehst, macht es mir Spass, diesen Briefwechsel zu lesen und ich bin schon neugierig auf die späteren Briefe, die dann auch zu ”meiner” Uppsalazeit geschrieben sind.
*
Ich muss dies nun leider gleich absenden. Grüsse dich lieb und wünsche dir einen
schönen Karfreitag.
Marlena
Re: Gründonnerstag
den 17 april
Re: Gründonnerstag
Liebe Marlena
Noch immer sitze ich im Büro. Ich bin nochmals zurückgekehrt, um die Sache mit der Neuanstellung zu regeln. ---
Und dann wollte ich über diese Tage einen kleinen Artikel schreiben über die Entzifferung des menschlichen Genoms. Politiker und Wissenschafter haben das kürzlich lauthals gefeiert als Meilenstein der Geschichte und Versprechen für eine gesündere Menschheit in Zukunft. Das klang alles etwas blauäugig, wie wir sagen. Wenn man denkt, wie viele Probleme daraus entstehen. Ich muss diese neuen Fakten für mich ein bisschen verarbeiten, und am besten geht das, wenn ich darüber schreibe. Und natürlich muss ich Vorsicht geben, dass ich nicht zu pessimistisch bleibe. Für junge Leute ist die Meldung sicher ein Versprechen auf eine bessere Zukunft, auch wenn wir alle wissen, dass die Vergangenheiten stets besser waren, auch die vergangenen Zukünfte. Man liest grosse Dinge über diese Genom-Geschichte.
Ein Journalist zitiert jenen Gedankengang Freuds, wonach die Menschheit in der Vergangenheit drei schwere Kränkungen hat erleben müssen: 1. Das kopernikanische Weltbild, d.h. die Einsicht, dass unsere Erde nicht das Zentrum unserer Welt sei. 2. Die Einsicht Darwins, dass wir Menschen mit aller Kreatur verbrüdert und verschwistert sind, dass, mit anderen Worten, zwischen den Affen und den Menschen nur ein gradueller Unterschied bestehe, na ja, phänotypisch ein ziemlich grosser gradueller, aber genotypisch ein Unterschied von 1 oder 2%. 3. Schliesslich die Einsicht Freuds, dass nicht das Ich, sondern das Unbewusste ES Herr in unserem Haus sei.
Nun läuft aber die Entzifferung des menschlichen Genoms auf die Beleidigung Darwins hinaus. Mit den genetischen DNS Untersuchungen lässt sich empirisch die Verwandtschaft des Menschen mit allen Tierarten feststellen. Sogar der Vatikan hat zugegeben, dass an der These einiges dran sein könnte. Wir haben hier in Zoo Basels einen bekannten Verhaltensforscher, der sich auf Schimpansen spezialisiert hat. Er behauptet, dass das genetische Material zwischen Mensch und Schimpanse sich nur in 1% Unterscheide. Die 99% des genetischen Materials ist gemeinsam. Sie sind - mit anderen Worten - unsere kleinen Brüder.
Die Entzifferung des Genoms wird von einem Wissenschafter als vergleichbar mit der Erfindung des Rades oder mit der Mondlandung gefeiert. Nun ja, nun ist allerdings das Rad und die Mondlandung nicht leicht zusammen zu bringen.
Du siehst, ich bin in dieser Genom Geschichte tief verwickelt. Aber es ist natürlich zur Zeit ein grosses Thema, und die Klon-Versuche, sogar jene von Menschen, hat grosse Diskussionen provoziert. Es werden da noch wilde Zeiten auf uns zukommen. Der deutsche Philosoph Slooterdyk hat vom 'Menschenpark' gesprochen, ein grässlicher Begriff, der viel Unruhe gestiftet hat.
Ich wünsche Dir trotzdem schöne Ostern.
Mit lieben Grüssen
...
Gründonnerstag
Ämne: Gründonnerstag
Datum: den 17 april
Lieber ...,
Alle deine Mails sind in meinem Gechmack, das weisst du doch. Das vorige war ja auch kein Mail, sondern nur ein kleiner Gruss.
Ich geniesse die Sonne auf der Terrasse heute. Es ist etwas windig - Nordwind der eigentlich ziemlich frisch ist - aber trotzdem spüre ich die wärmenden Strahlen auf der Haut. Und wenn ich die Augen schliesse, kann ich mir vorstellen, dass statt Acker und Felder ein grosser See vor mir liegt. :-)
Ich sehe, du wirst keine Probleme haben auch im hohen Alter das Leben zu geniessen. Ich hoffe du wirst mir helfen dasselbe zu tun.
Gestern hörte ich ein Radioprogramm über DR.Phil Man hat verschiedene schwedische Psychologen, vor allem Jugend- und Kinderpsychologen, gefragt was sie von ihm halten. Ich hatte erwartet, dass sie ihn ein wenig als Charlatan bezeichnen würden und sich kritisch über ihn äussern würden. Aber keineswegs. Zwar fanden sie seine Art etwas auktoritär aber sie bewunderten ihn sehr. Eine Psychologin sagte, dass sie immer seine Programme sieht und wenn sie es nicht kann dann nimmt sie sie auf Video auf. Ja, ich glaube wirklich, sie versuchen es ihm nachzumachen. Ich war wie gesagt ziemlich überrascht über die Reaktion dieser Psychologen.
*
Überall in den Zeitungen liest man über den Film "Hours" und was damit zusammenhängt. Ich werde dir noch mehr davon schreiben, wenn ich mehr Zeit habe.
Jetzt grüsse ich dich lieb und wünsche dir einen schönen Gründonnerstag.
Marlena
Mittwoch, 16. April 2014
kleine Gewitter - Reisen - verlorene Solidarität
Ämne: mimo
Datum: 08:56
Liebe Marlena
Ich bin bei der Arbeit, wie Du angedeutet hast, bei meiner Pflicht. Ich
schreibe frühmorgens mein Mail, weil ja später nicht mehr sicher ist, ob ich
überhaupt noch Zeit habe. Heute bin ich den ganzen Tag ausserhalb L...
Ist das Mail, das ich schreibe Pflicht? Ich glaube, die Frage hängt zusammen
mit der Frage der romantischen Liebe. Wie soll ich das beantworten?
Für mich ist das Mail im Moment Vorspiel zum Tag. Es ist schön, wenn man den
Tag mit einem kleinen Vergnügen anfangen kann. Wenn ich so um 07h ins Büro
komme, leere ich erst mein Mailbox, dann gehe ich kurz die Zeitung durch,
überblicke die Aktienkurse vom Vortag und gehe dann in mein Privatmail, um
Dich da aus der Gefangenschaft herauszuholen.
Und wenn ich Dein Mail gelesen habe, mächte ich am liebsten gleich
antworten. Das wäre am einfachsten und am spontansten. Wenn ich Dein Mail
liegenlasse, kann ich nicht mehr so direkt darauf reagieren. Du verstehst,
was ich meine.
Früher hatte ich die Mails am Abend geschrieben. Das waren dann wohl eher
Tagesrückblicke, Tagesreste, wie die Psychoanalyse zu sagen pflegt, und
ähnliche kleine Überreste. Weil ich im Moment versuche, abends etwas früher
heimzukommen, habe ich meinen Tag umgestellt. Zur Zeit hast Du also die
Morgenpost, nicht den Abendkurier. Alles klar?
Romantische oder nicht-romantische Liebe? Ich glaube, es ist die Art,
welchen Stellenwert man den Gefühlen gibt. Wenn man sagt, alles sei von
Gefühlen getragen, Gefühlen wären sozusagen der Grundinstinkt des Menschen,
dann haben wir Gefühle als Wahrnehmungsinstrument, als Konstruktionsprinzip
der Welt. Und wenn man dagegen behauptet, Gefühle seien zwar ubiquitär, aber
sie seien auch wechselhaft und unzuverlässig, so hält man mehr nach dem
Verstand, den man für konstanter und für objektivistischer hält. Gefühle
sind dann nur mehr kleine Gewitter, die dazwischen treten, die zeitweise
unsere Sicht etwas trüben, die natürlich auch ein wenig Farbe ins Leben
bringen, die aber doch bestimmt nicht die Hauptsache sind im Leben.
Ich glaube, dass es katastrophal wäre, wenn die Gefühle die Welt regieren
würden. Das wäre horrend, das reine Unglück und Chaos. Ich glaube, dass es
gut ist, wenn man versucht, die Vernunft aufrecht zu halten, auch wenn man
heute sieht, dass es nicht die Vernunft gibt, sondern offensichtlich
verschiedene Spielarten, die ja vielleicht letztlich von Gefühlen und
subjektiven Motivationen gefärbt sein mögen. Aber die Gefühle sind
gewissermassen das individuelle Prinzip, die Vernunft das kollektive. Kann
man das sagen? Es würde dem widersprechen, was ich im letzten Mail behauptet
habe, nämlich dass die Gefühle in der Demokratie das gesellschaftliche
Zement sei, der Zusammenhalt.
Kurz und gut, ich weiss es nicht so genau. Ich wünschte mir seit langer
Zeit, mal eine Vorlesung über die Romantik zu hören. Ich habe das Gefühl,
dass sie für unser Weltverständnis in unserer heutigen modernen Zeit eine
besonders wichtige Zeitphase gewesen war. Und vielleicht ist es so, dass
alles, was vor der Romantik war, deutlich weiter entfernt und viel älter
erscheint, wenn wir (geschichtlich) zurückblicken. Im Grunde muss man sagen,
das Romantische sei das Moderne.
*
Es ist wirklich beneidenswert, wie oft K reisen kann. Ich habe oft den
Wunsch, zu reisen. Aber ich glaube, ich reise gerne in Gedanken. Die
Unanehmlichkeiten des wirklichen Reisens: die schweren Koffer, die Hetzerei
wegen der Termine, die Umstände mit den Tickets, die Engnisse im Flugzeug,
die Witterungsverhältnisse (zu deutsch: das schlechte Wetter), die fehlende
Orientierung, die unbequemen Hotelbetten, die Diebe überall, die müden
Beine, die verlorenen Stunden durch Umherirren in einer fremden Stadt, die
langweiligen Wartezeiten etc. etc., das alles zusammengenommen ist doch
einigermassen beschwerlich. Und wie schön ist dagegen die Gedankenreise. Sie
ist luftig leicht und man kann wirklich alles erleben, was man gerne erleben
möchte. Und wenn man, nach wirklich grosser Reise wieder zurückkehrt, ist
man ausgeruht und voller Erlebnisse. Ich glaube, ich bin auch etwas bequem
geworden. Und natürlich ist es immer auch ein Aufwand, wenn man mit mehreren
Personen reist, die Kompromisse zu finden. Wer will was sehen? Sollen wir
jetzt essen oder noch nicht essen? Ist dieses Hotel gut genug oder genügt es
nicht? Es ist immer ein hin und her und auf unserem bürgerlichen Niveau
ziemlich kompliziert geworden. Als Clochard zu reisen wäre bedeutend
einfacher. Ich glaube, das würde ich gerne tun. Trampen haben wir das früher
genannt.
*
Na ja, die Solidarität geht überall verloren, nicht nur bei den Lehrkräften.
Ich erzähle Dir ein Beispiel: früher, vor etwa 15 Jahren, als ich wie heute
manchmal mit dem Zug zur Arbeit fuhr, war es üblich, dass die Menschen sich
am Morgen auf dem kleinen Bahnhof gegrüsst haben. In dem kleinen Ort haben
sich alle mehr oder weniger gekannt. Auf dem Bahnhof stand man in Gruppen
zusammen und man hat diskutiert, über irgend etwas, das Wetter vielleicht,
die Politik, Fussball oder was immer. Heute gibt es frühmorgens auf den
Bahnhöfen diesen Gratisanzeiger genannt 20 Minuten. Schon der Titel der
Zeitung ist doof. Und all die Menschen holen sich am Morgen eine solche
Zeitung und lesen darin, was sie von den Fernsehnachrichten des Vorabends
ohnehin schon wissen. Jeder steigt für sich ein und liest. Es gibt kein
Gespräch mehr. Die Leute wissen gar nicht mehr, wie und über was man
miteinander im öffentlichen Raum spricht.
Es sieht alles ein bisschen triste aus.
*
Aber wir wollen nicht klagen. Und ich habe meine Préludes damit beendet.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
...
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