Freitag, 11. April 2014
Nur als Daily
Liebe Malou
Macht einen ziemlich wissenschaftlichen Eindruck, wie Du meine Mails
beantwortest ;-). Und dann bringst Du mich wieder in Verlegenheit, wenn Du
sagst, wie sehr ich Dein Leben bereichere. Das beruht alles auf
Beidseitigkeit, meine Liebe. Und ich lache vor mich hin, wenn ich daran
denke, wie erstaunt Du damals warst, als ich nach meinem Mail am nächsten
Tag schon eine Antwort haben wollte. Du warst amusiert und erstaunt, nicht
wahr? Ich glaube nicht, dass Du damals an ein Daily glauben konntest. Na ja,
ich wusste das auch nicht so genau, aber ich wusste, dass es nur als Daily
funktioniert. Wenn man eine Woche warten muss, wartet man nach einem halben
Jahr 3 Wochen, und im nächsten Jahr 2 Monate. Man wird dann wohl einfach
nicht richtig warm. Nun ja, ich denke, mir würde es so gehen.
....
Donnerstag, 10. April 2014
auch Rilke und Martin Walser
Liebe Marlena
---
Rilke war einer der ersten Proust Leser unter deutschen Schriftstellern. Schon 1913 soll er sich mit "In Swanns Welt" beschäftigt haben. Das ist plausibel, denn Rilke passt wohl zu Proust, ein Bruder im Geiste. Erst 1957 kam die vollständige Uebersetzung durch Eva Rechel-Mertens heraus. Und da bot sich den Deutschen die Beschäftigung mit Rilke. Es seien etliche gewesen: Benjamin, Hesse, Doderer, Koeppen, Arno schmidt.
Sehr eingehend hat sich Martin Walser mit Proust beschäftig. Er publizierte 1958 seine "Leseerfahrungen mit Marcel Proust". Walser anerkennt, dass es Proust gelinge, einen Gesellschftsroman par excellence zu schreiben. Und er fragt, welche Erzählweisen und welche Figurenbezeichnungen erforderlich sind, um aus Ausschnitten ein Symbol des Ganzen zu machen. Walser anerkennt in Porust den Porträitisten einer niedergehenden Epoche, der offenkundig bis heute nachahmenswerte Verfahren gefunden hat, gesellschaftliche Wirklichkeit so in einen Romantext zu integrieren, dass der Leser nicht durch gesellschaftskritische Absichten erdrückt wird. Wie "Muster in einnem Teppich" erscheinen Prousts Figuren im Gesellschaftstabelau. Diese Metapher ist nicht zufällig, wird doch der Begriff Text immer wieder mit Textur in Verbindung gebracht. Es drängt sich bei Proust auf, das Raffinnement seiner Textkonstruktionen zu analysieren. Sie sind hochartifizielle Produkte, die gleichzeitig den Anschein geben, unkonstruiert und natürlich zu sein. Darin liegt nach Walser Prousts Qualität: er bietet mehr als "ästhetische Konstruktion" mit der Leichtigkeit des lässig Hingeworfenen. Diese Leichtigkeit und Natürlichkeit ist feinste künstlerische List, die den Stoff des wirklichen Lebens gewissermassen ohne Verlust in die Kunst hinüberrettet. Die Textsituationen machen uns zu Lesern unseres eigenen Lebens. Es ist kunstvoll hergestellte Kunstlosigkeit, die den Zustand des Vgen und Uneindeutigen hervorruft. Walser meint "Proust schrieb ja keinen deutschen Entwicklungs- oder Bildungsroman, wo die Helden kaum zum Taschentuch greifen, ohne dass ihnen daraus ein Schicksal erwächst". Doch Walser hat auch Reserven mit der für Proustiens hochgelobten "wiedergefundenen Zeit". Proust sieht ja in der Erinnerung und im Kunstwerk ein Heilmittel gegen den Verlust und das Auseinanderdriften der Welt (de Botton erwähnt diese Intention auch). Dagegen wehrt sich Walser: "Die Vergangenheit als solche gibt es nicht. Es gibt sie nur als etwas, das in der Gegenwart enthalten ist, ausschlaggebend oder unterdrückt, dann als unterdrückte ausschlaggebend. (...) .. das, was man für wiedergefundene Vergangenheit hält, (ist) eine Stimmung oder Laune der Gegenwart, zu der die Vergangenheit eher den Stoff als den Geist geliefert hat." Die Recherche ist eine Konstruktion der Einbildung.
Ist doch lustig, Marlena, dass ich mich hier mit Romanen und Texten beschäftige, die ich selbst noch nie gelesen habe. Das, glaube ich, ist nun wiederum postmodern. Man erzählt, was andere erzählt haben, über Dinge, die erzählt worden sind. Und die Dinge sind hier Un-Dinge (wie Flusser schön sagt), eben Texte. Du merkst, Marlena, das interessiert mich irgendwie, die Frage, was ist ein Text, was ist ein Wort, und wie ist damit umzugehen. Ich habe dich ja schon gelegentlich ein bisschen genervt mit diesen Gedanken über den Text und den Nur-Text (Liebe oder Text, das ist hier die Frage ;--)). Du scheinst ja eher zu glauen, dass die Worte die Welt und ihr Geschehen abbilden, wiederzeigen, spiegeln sozusagen. Ich glaube eher, oder ich versuche es so anzuschauen, dass ich denke, die Worte schaffen erst die Welt und die Wirklichkeit. Alles ist also Text. Und wenn man dann, wie es heute geschieht, vom Buchzeitalter ins Bildzeitalter des Fernsehens hinübergleitet, muss man sich fragen, was so mit der Welt geschieht. Es muss eine Revolution im Gange sein.
Aber ich gebe Dir gerne zu, meine liebe Marlena, dass Frauen die realistischeren Menschen sind als Männer. Meistens, oder sagen wir gelegentlich.
Unter uns gesagt, liebe Marlena, ich glaube nicht, dass du meine Theoretisiererei besonders magst. Aber du drückst ein Auge zu. Das weiss ich, denn ich weiss, dass du ziemlich tapfer bist. Ach, das war jetzt alles ein bisschen ironisch und ein bisschen zärtlich gemeint. In vivo würde ich mich jetzt mit einem "lässig hingeworfenen Küsschen" verabschieden, einem der süssesten künstlichen Backwerke, die wir kennen.
Schreib mir, meine Liebe, ich möchte von Dir hören.
MMM
...
Mittwoch, 9. April 2014
Marcel Proust
...
Dank der Fussballmeisterschaften habe ich mein de Botton schon zu Ende gelesen. Und nun, was kann ich zum Schluss sagen. Ich glaube, Marlena, alles in allem, könnte ich dir dieses Büchlein empfehlen. Sicherlich weißt du natürlich mehr über Proust als ich es gewusst habe. Doch ich finde, de Botton führt auf geschickte und leicht lesbare Art und Weise in das Denken und die Literatur Prousts ein, und erwähnt daneben biographische Aspekte, die ja zum Verständnis der Literatur nicht absolut notwendig sind, aber oft eben doch erhellend. Er hat sein Projekt einfach und gut angepackt. Er baut es wirklich fast wie ein Ratgeber auf und gibt dann Proust das Wort. Und die Kapitel hören sich auch an wie zentralen Fragen des Lebensberaters: Wie man das Leben liebt? Wie man richtig liest? Wie man sich Zeit nimmt? Wie man erfolgreich leidet? Wie man Gefühlen Ausdruck verleiht? Wie man Freundschaften pflegt? Wie man in der Liebe glücklich wird? Er hat nichts ausgelassen, dieser gute Proust. Und offenbar war er nicht nur der Unglücksrabe, als den ich ihn anfangs angesehen habe. Die Theorie sozusagen, die sich aus seinen Ausführungen ergibt, finde ich ziemlich intelligent und sie hat was an sich. Vielleicht könnte man sie so zusammenfassen: der Wert des Lebens entsteht durch die Art der Erinnerung. In der Erinnerung entsteht dieses vergoldete Lebenskunstwerk. Und nicht etwas das reale Leben wäre schon so ein Kunstwerk. Das reale Leben ist voller Kompromisse und Unvollkommenheiten und Grautöne und auch Leiden. Aber die Erinnerung kann dann alles ins rechte Licht rücken und das Leben als einzigartig und schön und ideal erstrahlen lassen. Und davon, Marlena, das muss ich zugeben, bin ich selbst nicht so weit entfernt. Ich könnte ja direkt Proustianer werden. Doch es gibt auch Aspekte an diesem Typen, die mir unsympathisch sind. Seine neurotische Lebensweise etwa, seine vielen Leiden, die er hatte. Es wimmelt offenbar in der Recherche von Leiden und Leidensgründen: seine Mutter, die Homosexualität, verhinderte Liebschaften, gescheiterte Theaterkarriere, Unverständnis der Freunde, Asthma, Nahrungsunverträglichkeiten, Verdauensprobleme, irgendwelche Komplikationen mit den Unterhosen, überempfindliche Haut, Angst vor Mäusen, Kälteempfindlichkeit, Höhenangst, Hustenanfälle, Angst vor Reisen, Flucht ins Bett, Lautempfindlichkeit. Es will gar nicht enden. Und Proust muss in dieser Hinsicht wirklich ein sehr eingeschränkter Mensch gewesen sein. Er erzählt offenbar in diesem Zusammenhang von Noah, der für ihn ein symbolisches Vorbild ist. Noah hat die Welt aus seiner Arche, also einem geschlossenen Raum wahrgenommen. Er hat sie in der Erinnerung wahrgenommen. Und Proust tut dasselbe von seinem Bett aus. Er hat offenbar meist im Bett gearbeitet. Das muss ziemlich unbequem gewesen sein.
Er war also absolut neurotisch und krankhaft. Und doch hat er seine Situation irgendwie intelligent genutzt und einige bemerkenswerte Erkenntnisse daraus gemacht. Virginia Woolf muss offenbar eine grosse Verehrerin Prousts gewesen sein. Sie habe ihn mit grossem Interesse gelesen, und sei ob dem Eindruck, den er auf sie gemacht habe, geradezu verstummt. Er muss ihr grosses Vorbild gewesen sein, und eigentlich wünschte sie zu schreiben wie Proust schreibt. Und offenbar treffen sie sich auch in der homosexuellen Ausrichtung, wenn ich bei Woolfe richtig orientiert bin.
Ich war froh, bei de Botton auch die Szene mit der Madeleine zu finden, denn darüber habe ich schon mehrmals gelesen, und ich wollte immer gerne wissen, was es damit auf sich hat. Ich kann dir die ganze Passage nochmals zitieren, dann kann ich sie gleich auch nochmals lesen:
"Was das Backwerk anbetrifft, so schildert Proust, wie sein erkälteter Erzähler an einem Winternachmittag zu Hause sitzt, als seine Mutter in sein Zimmer kommt und ihm vorschlägt, er solle, entgegen seiner Gewohnheit, eine Tasse Lindenblütentee zu sich nehmen. Er lehnt erst ab, besinnt sich aber aus unerfindlichen Gründen eines Besseren. Zum Tee lässt seine Mutter ihm eine Madeleine servieren, ein dickes, ovales kleines Sandtörtchen, das aussieht, als habe man es in der gefächerten Schale einer Jakobsmusschel gebacken (schön gesagt!!). Der verschnupfte Erzähler bricht, bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den traurigen folgenden, ein Stückchen ab, tunkt es in den Tee und trinkt einen Schluck, als etwas Seltsames geschieht:
,,In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack vermischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein Unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmolsen Missgeschicken, seine Kürze zu einem blossen Trug unserer Sinne geworden...Endlich fühlte ich mich nicht mehr mittelmässig, hilflos, sterblich. ,,
Um wleche Sorte Madeleine handelte es sich? Um dieselbe, die seine Tante Léoinie jeden Sonntag in ihren Tee tunkte und dem Erzähler anbot, wenn er das Schlafzimmer in ihrem Haus in dem Provinzstädtchen Combray betrat, wo er als kleiner Junge mit seiner Familie die Ferien zu verbringen pflegte, und ihr einen guten Morgen wünschte. Der Erzähler kann sich, wie an so vieles aus seinem Leben, nur undeutlich an seine Kindheit erinnern, und das, woran er sich entsinnt, erscheint ihm reizlos und uninteressant. Was nicht heisst, dass seine Kindheit tatsächlich trist und öde war, sondern dass er sie einfach nur vergessen hat - und diese Erinnerungslücke schliesst jetzt die Madeleine. Durch eine Laune der Natur versetzt ein Stück Gebäck, das er seit seinen Kindertagen nicht mehr gegessen hat und mit dem sich daher auch keine späteren Assoziationen verbinden, ihn in seine Zeit in Combray zurück und erschliesst ihm eine Fülle köstlicher und ganz persönlicher Erinnerungen. Mit einem Mal erscheint ihm seine Kindheit weitaus schöner als zuvor, und mit neu gefundenem Staunen erinnert er sich an das alte graue Haus von Tante Léonie und mit dem Haus an ganz Combray und seine Umgebung, den Platz, auf den man ihn vor dem Mittagessen schickte, die Kirche, die Strassen, die Blumen in Léonies Garten und die Seerosen auf der Vivonne. Und dabei erkennt er den Wert dieser Erinnerungen, die ihm zu dem Roman inspirieren, den er schliesslich erzählen wird und der in gewissem Sinne einen einzigen langen kontrollierten "Proustschen Moment" darstellt, weil er über dieselbe Sensibilität und dieselbe sinnliche Direktheit verfügt.
Das Erlebnis mit der Madeleine heitrt den Erzähler auf, weil es ihm zu der Erkenntnis verhilft, dass nicht sein Leben mittelmässig war, sondern das Bild, das er sich in der Erinnerung davon gemacht hat. Dies ist eine der zentralen Proustschen Unterscheidungen und für ihn von ebenso grosser therapeutischer Bedeutung wie für den jungen Chardin-Betrachter (hier referiert do Botton auf eine frühere Episode eines jungen Mannes, der durch die Betrachtung von Chardins Bilder seine bescheidene Situation seines Elternhauses zu schätzen gelernt hat).
*
Soweit Proust. Ich glaube, ich bin diesem monumentalen Werk jetzt ein bisschen näher gekommen. Ich denke zwar nicht, dass ich es wirklich lesen werde - wann sollte ich auch - aber ich weiss jetzt besser, was es damit auf sich hat. Insofern war de Botton doch ziemlich informativ für mich. Wie ich vermutet habe. Der Anfang ist einnehmend, aber es hält sich einigermassen durch bis zum Schluss. Offenbar hat er sich eingehend mit Proust beschäftigt. Und er kann die zentralen Aspekte herausheben, das heisst klarer machen. Das ist ja nicht ganz einfach, angesichts der Tatsache, dass ich einer bin, der ich Proust noch nie gelesen habe. Das Büchlein de Bottons ist gehobene Unterhaltung. Walter hat schon sein Interesse angemeldet, und ich werde es ihm dann wohl ausleihen müssen. Oder soll ich es zuerst dir schicken, Marlena? Das würde ich so gerne, es dir geben, um dann mit dir darüber zu diskutieren und sehen, wie du es gelesen hast, was du daraus nehmen wirst. Das wäre doch echt schön. Und zur Diskussion würden wir einen Lindenblütentee trinken und eine Madeleine darin tunken, wie es sich für Proustianer gehört. Für einmal würden wir unseren Kaffee beiseite lassen, und in solch einen Lindenblütentee hineinbeissen wie in den sauren Apfel. ;--)
*
Kochsendungen
...
Ja, Kochsendungen am Fernsehen sind meine Lieblings-Einschlafprogramme. Ich gebe zu, sie sind manchmal nicht ohne Reiz, unterhaltsam und ganz angenehm zum anschauen. Vor allem wenn man ein bisschen hungrig ist, wirken sie belebend auf die Seele. Und man kann wirklich Anregungen bekommen. Manchmal haben sie Tricks, wie man vermeidet, die Finger zu verbrennen, oder wie man den Geschmack von irgend einer verkochten Sauce doch noch auf ein Niveau bringt, dass man sie auch den liebsten Gästen noch vorsetzen kann. Den unbeliebten kann man ohnehin. Und die Sendungen geben den Eindruck, dass die Küche eigentlich ein wunderbarer Ort der Gerüche, der visuellen Reize und ein Hort des Gesprächs und der Unterhaltung ist. Hier in den deutschen Sendern sind es vor allem Männer, die Kochen. Es sind Profis. Es gibt sogar eine Sendung, da kochen zwei Köche gleichzeitig. Zwei Leute aus dem Publikum kaufen ein. Sie dürfen nur waren bringen, die weniger als 20 Euro kosten. Das ist gemeint für ca. 4 Personen. Und dann muss der Koch in Windeseile mit diesen verschiedenen Dingen (zB. 2 Tomaten, 4 Plätzchen Schweinefleisch, ein paar Pilze, Ananas, Artischocken, Granatapfel) ein Menue zusammenbrauen. Das braucht etwas Fantasie, diese heteroegenen Dinge so zuzubereiten, dass sie zusammen passen. Aber es sieht meist sehr schön und akrobatisch aus, wenn sie Zwiebeln hacken, Eier lufttig schwingen oder Omeletten zur Decke werfen. Und noch besser sieht es aus zum Schluss, denn auf die Dekoration des Tellers legen sie allerhöchsten Wert. Ein solches Gedeck sieht dann aus wie für ein königliches Gala. Doch wenn das alles bereit ist, wenn der Höhepunkt näher rückt, wenn mir das Wasser im Mund zusammenläuft und ich zur Gabel greife, um den ersten Bissen zu nehmen, dann ist die Sendung zu Ende..... Dann ist alles vorbei, und sie filmen den Applaus oder die dicke Moderatorin, die die nächste Sendung ankündigt. Und die Teller mit dem schönen Gericht steht auf dem Tisch und erkaltet. Eine Sünde!
Dann renne ich zum Kühlschrank und hole mir ein Stück Käse zum trockenen Brot.
Diese Sendungen sind sehr hübsch. Aber sie machen - kurz gesagt - unstillbaren Hunger. Und wer schon mag gerne unstillbaren Hunger.
Ja, Kochsendungen am Fernsehen sind meine Lieblings-Einschlafprogramme. Ich gebe zu, sie sind manchmal nicht ohne Reiz, unterhaltsam und ganz angenehm zum anschauen. Vor allem wenn man ein bisschen hungrig ist, wirken sie belebend auf die Seele. Und man kann wirklich Anregungen bekommen. Manchmal haben sie Tricks, wie man vermeidet, die Finger zu verbrennen, oder wie man den Geschmack von irgend einer verkochten Sauce doch noch auf ein Niveau bringt, dass man sie auch den liebsten Gästen noch vorsetzen kann. Den unbeliebten kann man ohnehin. Und die Sendungen geben den Eindruck, dass die Küche eigentlich ein wunderbarer Ort der Gerüche, der visuellen Reize und ein Hort des Gesprächs und der Unterhaltung ist. Hier in den deutschen Sendern sind es vor allem Männer, die Kochen. Es sind Profis. Es gibt sogar eine Sendung, da kochen zwei Köche gleichzeitig. Zwei Leute aus dem Publikum kaufen ein. Sie dürfen nur waren bringen, die weniger als 20 Euro kosten. Das ist gemeint für ca. 4 Personen. Und dann muss der Koch in Windeseile mit diesen verschiedenen Dingen (zB. 2 Tomaten, 4 Plätzchen Schweinefleisch, ein paar Pilze, Ananas, Artischocken, Granatapfel) ein Menue zusammenbrauen. Das braucht etwas Fantasie, diese heteroegenen Dinge so zuzubereiten, dass sie zusammen passen. Aber es sieht meist sehr schön und akrobatisch aus, wenn sie Zwiebeln hacken, Eier lufttig schwingen oder Omeletten zur Decke werfen. Und noch besser sieht es aus zum Schluss, denn auf die Dekoration des Tellers legen sie allerhöchsten Wert. Ein solches Gedeck sieht dann aus wie für ein königliches Gala. Doch wenn das alles bereit ist, wenn der Höhepunkt näher rückt, wenn mir das Wasser im Mund zusammenläuft und ich zur Gabel greife, um den ersten Bissen zu nehmen, dann ist die Sendung zu Ende..... Dann ist alles vorbei, und sie filmen den Applaus oder die dicke Moderatorin, die die nächste Sendung ankündigt. Und die Teller mit dem schönen Gericht steht auf dem Tisch und erkaltet. Eine Sünde!
Dann renne ich zum Kühlschrank und hole mir ein Stück Käse zum trockenen Brot.
Diese Sendungen sind sehr hübsch. Aber sie machen - kurz gesagt - unstillbaren Hunger. Und wer schon mag gerne unstillbaren Hunger.
Dienstag, 8. April 2014
Wohlan denn, Herz..
Liebe Malou
Eine Kollegin hat mir ein Hesse-Gedicht herausgeschrieben.
Ich glaube, das könnte dir auch gefallen. Es formuliert das
moderne Lebensgefühl, das wir mit der sogenannten
Selbstverwirklichung in Zusammenhang bringen. Und
klingt für mich einigermassen aktuell.
"Wir wollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!"
Mit lieben Gs und Ks
...
Meine unheimliche Geliebte
...
Dass der Sündenfall Evas und Adams eine Falschmeldung sei, das habe ich schon immer vermutet. Aber ist es nicht so, dass uns Falschmeldungen im Leben meist mehr beschäftigen als alles andere? Warum denn sollte uns der liebe Gott in einen solchen Hinterhalt laufen lassen? Ist er heimtückisch und böswillig? Oder gar neidisch? Dieser liebe Gott hat es von Anfang an darauf angeleg, davon bin ich überzeugt. Und dann hat er die Verantwortung auf uns arme Menschen abgewälzt. Aber das ist nicht sosehr das Thema der Geschichte!
*
Du fragst nach meinen unheimlichen Geliebten. Nun ja, ich habe eine, aber ich weiss nicht, ob ich sie dir verraten soll und kann. Vielleicht wirst du neidisch, wie du angesichts unserer hübschen, blauäugigen und blonden Psychologin neidisch werden wolltest. Es ist doch – haben wir das Thema nicht schon behandelt? – es ist lebensgefährlich, mit Geliebten über andere Geliebte zu diskutieren. Das endet im Streit, soviel kann man sich vorstellen, wenn nicht gar im Totschlag. Doch vielleicht kann ich dir meine unheimliche Geliebte verraten, denn du bist ja sehr diskret, Marlena. Wahrscheinlich wird sie es mir verzeihen, wenn ich mit dir über sie spreche, obwohl das sonst und im allgemeinen als respektlos gilt. Vielleicht verzeiht sie mir, weil du ja nicht gerade in der nächsten Strasse wohnst. Ich habe dir überigens schon einmal von ihr erzählt. Vielleicht hast du es wieder vergessen, vielleicht möchtest du nicht gerne hören, wie schwach ich bei ihr werden kann, wie hingerissen ich bin in ihrer Anwesenheit, wie ich mich verliere, wenn ich an sie denke, oder gar, wenn sie physisch anwesend ist. Ich bin wirklich sehr leidenschaftlich ihr gegenüber. Und ich kann es kaum ändern. Ich vergesse mich regelmässig, Immer wieder werde ich von neuem schwach. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin ...". Irgendwie bin ich ihr total ausgeliefert. Und das, ohne dass sie viel tun muss. Ihr Geruch, ihr feines Parfum, ihre zarte Erscheinung, das genügt und ich bin weg, vergesse alle meine Prinzipien und guten Vorsätze. Das kannst du dir nicht vorstellen, Marlena. Ich kann mich nicht zurückhalten. Ich bin an sie gekettet wie ein Sklave, um es einmal so zu sagen. Ich leide, wenn sie nicht da ist. Ich bin unglücklich, wenn sie fehlt. Ich vegetiere dahin ohne sie.
Ich sag es dir, Marlena, es ist Arni, meine kleine unheimliche Geliebte. Sie ist wunderhübsch, gepflegte Erscheinung, charmant, jederzeit bester Laune, und erotisch wie nur eine Geliebte erotisch sein kann. Arni, das ist ihr Name. Ich denke an sie beim Einschlafen am Abend. Und morgens ist sie die erste in meinen Vorstellungen vom kommenden Tag. Sie geht mir kaum aus dem Sinn, meine kleine Arni. Arni kommt aus einer grossen Familie. Sie hat mehrere Geschwister. Aber unter ihnen ist sie die besonderste und einzigartigste. Meine Frau ist teuflisch eifersüchtig, wenn sie merkt, dass ich an Arni denke. Sie verspricht mir alles, um meine Sinne von ihr abzubringen. Aber sie schafft es nicht oft, höchstens gelegentlich, und wenn, dann nur mit sehr viel Anstrengung.
Arni
Aber immer, wenn ich meine schöne Zeit mit Arni gehabt habe, nach dem Climax sozusagen, immer dann muss ich mir die Zähne putzen. Denn – sicherlich hast du es längst erraten – Arni pflegt meine Karies und ist meine Lieblingsschokolade, Milch, ohne Nüsse oder irgend etwas. Arni pur sozusagen.
Montag, 7. April 2014
Onkelchen erzählt
Bilder ok, merci mein Schatz
Liebe Marlena
Mein Fyrklöver
Am Sonntag abend fahren S und ich zu einem Onkel in L.. Jeden Sonntag tun wir das. Unser Onkel ist jetzt 92 Jahre alt. Vor 2 Jahren ist seine Frau gestorben. Und nun lebt er alleine in seinem schönen Haus direkt unterhalb des alten Schlosses, von dem du mir die Fotos geschickt hast. S bereitet eine schöne Mahlzeit vor, ich decke ordentlich den Tisch und öffne die Vorhänge, damit man zu fortgeschrittener Stunde frei aus dem grossen Fenster hinunter auf die Lichter der Stadt sehen kann. Man hat von hier oben eine wunderbare Aussicht auf die Ortschaft, weit hinten auf die Jurahügel und auf die untergehende Sonne. Und der alte Onkel geht mit kleinen schlurfenden Schrittchen in den Keller und holt eine schöne Flasche Yvorne. Und so essen wir zusammen am Sonntag Abend und wir plaudern ein bisschen. Am liebsten isst er gebratenen Lachs, ein bisschen Gemüse, voraus einen knackigen Salat und dazu den goldenen Yvorne, einen Weisswein aus dem Wadtland.
...
Mit
Onkel K also sitzen wir sonntags zum Nachtessen zusammen, und er kommt
ins Erzählen. Und er hat viel zu erzählen aus diesem Jahrhundert, das er
fast ganz und von A bis Z miterlebt hat. Sein Gedächtnis ist noch
wunderbar intakt. Und er war immer ein guter Plauderer und Erzähler
gewesen. Mit ihm hatte ich mich stets bestens unterhalten, wie ich das
mit meinem Vater nie gekonnt habe. Mein Vater ist ein technischer
Mensch. Ihm fliessen die Gedanken nicht. Aber K. ist ein wunderbarer
Erzähler mit einem fantastischen Erinnerungsvermögen für Geschichten und
Episoden.
Beispielsweise erzählte er von seiner Zeit, da er als junger Mann im marokkanischen Fes, in Nordafrika gearbeitet hatte. Es muss kurz nach dem ersten Weltkrieg gewesen sein. Und Nordafrika war zu jener Zeit für Europäer, umso mehr für Schweizer ausserhalb der Grenzen der bekannten Welt, ausserhalb der Landkarte. Für ein Jahr hatte er in Fes eine Confiserie geführt und Erfahrungen mit Arbeitern aus dem Maghreb gesammelt. Und oft soll die Kinderfrau mit ihrem kleinen Zögling Hassan in das Geschäft gekommen sein, um einzukaufen. Hassan, der spätere König Hassan II. von Marokko, der damals ein kleiner Junge gewesen war, wollte in der Backstube das Feuer sehen. Kurt musste den Ofen öffnen und er warf eine handvoll (vielleicht heute Hand voll?) Salz in die Glut, so dass die Flammen aufwallten und emporschlugen. Der kleine Hassan soll jedes Mal wieder von neuem von diesem Spektakel begeistert gewesen sein.
Und
er erzählt von seiner Elisabeth, mit der er ein Leben lang gemeinsam
dieses Geschäft in L. geführt hatte und die immer eine etwas
eigensinnige Frau gewesen war. Er sagt, und das fand ich rührend, er
sagt, dass er sich heute besser mit ihr unterhalten könne, da sie
gestorben sei. Früher seien sie immer wieder in Streit geraten, weil
Elisabeth partout auf ihre Meinung zu beharren pflegte. Aber heute, da
sie tot ist, sei das alles viel leichter und besser geworden. Sie sei
jetzt umgänglicher.
Es ist schön zu hören, wie zwei Menschen zusammen in Loyalität und Liebe gelebt haben, und zu hören, wie relativ Liebe im praktischen Alltag ist. Wir jüngeren Generationen halten die Liebe für eine rein romantische, rein gefühlsmässige Angelegenheit. Doch früher war das primäre Ziel der Ehe die nackte materielle Existenz und das oekonomische Überleben. Gerade die höheren gesellschftlichen Kreise haben nicht aus Liebe geheiratet, sondern um die Interessen ihrer Familien zu wahren. Wenn sich daraus Liebe ergeben haben sollte, so war es ein Glücksfall.
Es ist schön zu hören, wie zwei Menschen zusammen in Loyalität und Liebe gelebt haben, und zu hören, wie relativ Liebe im praktischen Alltag ist. Wir jüngeren Generationen halten die Liebe für eine rein romantische, rein gefühlsmässige Angelegenheit. Doch früher war das primäre Ziel der Ehe die nackte materielle Existenz und das oekonomische Überleben. Gerade die höheren gesellschftlichen Kreise haben nicht aus Liebe geheiratet, sondern um die Interessen ihrer Familien zu wahren. Wenn sich daraus Liebe ergeben haben sollte, so war es ein Glücksfall.
Und
dabei fällt mir bei K. und E. die schöne Geschichte von Philemon und
Baucis ein, die man in Ovids Metamorphosen finden kann. Die alten und
armen Eheleute Philemon und Baucis haben sich mit der gastlichen
Aufnahme von Jupiter und Merkur (waren es diese beiden?) einen Wunsch
verdient. Und sie wünschten sich, dass keiner den anderen überlebe, dass
keiner das Schicksal zu ertragen habe, den Tod des andern betrauern zu
müssen. Dieser Wunsch wurde ihnen gewährt und sie sind beide in je einen
Baum verwandelt worden, die in naher Nachbarschaft noch heute beisammen
stehen sollen.
Ich danke dir für die ...
(R)
Ich danke dir für die ...
(R)
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