Sonntag, 9. Februar 2014
Anno dazumal
Ämne: Epistel
Datum: den 19 März 2000
(ungekürzt)
Lieber ...!
Ich habe dich heute im Swisstalk verpasst - vielleicht nur mit Sekunden. Aber es macht nichts denn eigentlich hätte ich nur eine ganz kleine Weile mit dir chatten können.
Es ist Samstagnachmittag und wir haben heute nichts besonderes vor. Anna liegt nach mit ihrer Arbeit weil der Server zu langsam war und weil sie eben manchmal auch etwas Zeit zum studieren braucht. Ich möchte eigentlich dass sie sobald wie möglich damit aufhört aber sie ist so stolz Webmaster zu sein und hat wohl deshalb etwas Mühe sich davon zu trennen.
Ich liege auch mit meiner Arbeit nach... aber das ist eher normal. In diesem Beruf kann man immer noch etwas tun und es kommt vielleicht ein bisschen auf das Ambitionsniveau an. Die sehr heterogenen Klassen machen dass man immerzu selbst extra Material herstellen muss um die Studien zu erleichtern. Natürlich könnte ich nur 80 % arbeiten, aber wahrscheinlich würde ich genauso viel Zeit darauf legen aber mit nur 80 % Lohn. Deswegen zögere ich.
Aber genug davon jetzt.
Ich war eigentlich etwas erstaunt als ich sah dass Erich Kästner die Geschichte von dem schweigsamen Fräulein geschrieben hatte. (Sie steht in einer kleinen schon veralterten Anthologie, zusammengestellt für das Gymnasium). Eine andere kleine Geschichte aus demselben Buch ist "Ein alter Mann stirbt" von Luise Rinser. Sie ist traurig und schön und zeigt wie kompliziert das Verhältnis zwischen Eheleuten sein kann. Sie endet mit den Worten:
"Altersschwäche", schrieb der Arzt auf den Totenschein. Ich aber begriff, woran sie gestorben war, und mich schauderte davor, zu sehen, was für unheimliche Formen die Liebe annehmen kann."
Damit wäre ich wieder ganz unwillkürlich bei meinem Lieblingsthema gelandet ;-)
Heute werde ich einen stillen Abend im Kreis der Familie verbringen. Das wäre fast unmöglich gewesen bei meinen Eltern... Immer war etwas los und das Haus voller Gäste wenn wir nicht selbst wo eingeladen waren. Mein Onkel liebte es Menschen um sich zu haben, je origineller desto besser. Schauspieler, Sänger, Künstler und Weltenbummler ohne eigentlichen Beruf mengten sich zu unseren nahen Freunden. Es wurde gelacht, getanzt und gesungen bis in die späte Nacht. Ich hatte an solchen Abenden oft eine Kusine in meinem alter zu Besuch und wir schlichen leise die Treppe hinunter um einen flüchtigen Blick (?) von diesem heimlichen Leben der Erwachsenen zu bekommen.
Es ist komisch wie du mich wieder an Sachen denken lässt die ich glaubte längst vergessen zu habe. Manchmal kommt es mir vor als hättest du die Schleusen zu meiner Vergangenheit geöffnet und nun quellen die Erinnerungen nur so hervor.
Ich glaube nicht du sondern ich liege auf der Couch und ich erkenne die Gefahren dabei. :-)
Du meinst 2000 Km schützen uns gegen unerwünschte (?) Gefahren... Wir werden sehen..
Es ist inzwischen Sonntag geworden. Ich höre mein Lieblingsprogramm im Radio. Redakteure einiger der grössten Zeitungen unterhalten sich in amüsanter Form über die grossen Ereignisse der Woche. Man hat Leichen in der politischen Garderobe gefunden. Die U-bootkränkungen sind auf dem Weg ihre natürliche Erklärung zu erhalten. Das schwedische Militär hat nämlich heimlich (ohne das Wissen der Regierung?) mit der Nato zusammengearbeitet und die vermuteten russischen U-boote waren wahrscheinlich meistens amerikanische, die also die geheime Erlaubnis hatten dort zu operieren. Welch ein Doppelspiel des Militärs! Man musste ja sogar tun als ob man sie suchte und bekämpfte.
Norwegen hat eine neue Regierung gebildet, mit dem jüngsten und schönsten Staatminister je. Er ist erst 41 Jahre alt und nach einer Rundfrage hat es sich gezeigt dass fast alle Frauen ihn sehr gern als den Vater ihrer Kinder oder als ihren heimlichen Liebhaber sehen würden.
Man spricht auch viel von unserer Alkoholpolitik. Die EU will dass sich Schweden dabei dem übrigen Europa anpassen soll. Wir haben sehr hohe Steuern und der Staat würde viel Geld verlieren wenn wir die Möglichkeit hätten diese Getränke im Ausland zu kaufen.
Thema "unheimliche Geliebte".. Diese Woche haben wir die Erlaubnis erhalten unsere Schokolade als Schokolade bezeichnen zu dürfen (obwohl sie nicht den Qualitäts-forderungen der EU entspricht). Freue dich also dass du bei dir das beste geniessen kannst.
Und schliesslich diskutiert man die Arbeitszeit. Während andere Länder diese reduzieren, ist sie bei uns in den letzten Jahren gestiegen. Auch in meinem Beruf merkt man davon. Früher hatte man 6-7 Klassen, heute 9 - 11.
Zu Goethes Faust möchte ich dir sagen dass ich die Gründgens-Inszenierung des Düsseldorfer Schauspielhauses ( Deutsche Grammophongesellschaft, Literarisches Archiv) besitze. Wenn du das einmal gehört hättest, würde dir der Faust auch gefallen. Es ist mit Schauspielern wie Paul Hartman, Gustaf Gründgens und schliesslich Käthe Gold als Gretchen. Es ist ganz einfach einmalig. Ich habe übrigens die Universität mit dieser Vertönung bereichert (sicher zu grosser Freude aller Deutschstudierenden). Denn es nur zu lesen kann nie dasselbe sein.
Was könnte ich dir sonst noch erzählen? Mein Leben ist zeitweise ziemlich uninteressant und manchmal träume ich davon es radikal zu ändern. Möchte eine Zeit in die Welt hinaus, neue Milieus erleben... aber ich habe einen "husband" (dieses komische Wort :-), der mich ans Haus bindet und so werde ich wohl alle diese Träume weiterhin nur in meiner Fantasie ausleben können. Manchmal stelle ich mir einen Tag mit dir in Paris vor und was wir alles tun würden. Natürlich gehen wir auf derselben Strassenseite. Du legst sogar dabei deinen Arm um meine Schulter (vielleicht nur weil du von dem vielen Wandern müde geworden bist und mich als Stütze benutzen willst ;-) Aber es ist trotzdem schön und du erzählst mir so viel von dem ich noch nichts gewusst habe. Ich werde fast krank vor Sehnsucht wenn ich daran denke....
Ich liebe Paris. Es ist mit meiner Jugend verbunden genau wie das Wallis mit deiner.
Du sprichst von Musik. Ich glaube Musik spielt in meinem Leben dieselbe Rolle wie die Malerei in deinem. Sie tröstet mich, begeistert mich und ich hole Kraft daraus. Ob ich selbst ein Instrument spiele? So möchte ich es nicht nennen :-) Aber Klavier und Gitarre habe ich gelernt. Mein Onkel, der Geige spielte, wollte dass ich auch dieses Instrument lernen sollte, aber es gibt Grenzen ;-) Gitarre habe ich gelernt um mich selbst beim Singen zu begleiten. Sicher sind einige der Chansons von denen du sprichst auch auf meinem Repertoire gewesen. In meiner Jugend bin ich manchmal aufgetreten und in der Schule musste ich immer solo singen bei verschiedenen Anlässen. Leider auch zu Hause in der Familie. Dabei fühlte ich mich meistens wie ein dressierter Affe ;-) und zum Schluss weigerte ich mich es zu tun.
Da neigt sich die Stunde und rührt mich an
mit klarem, metallenem Schlag:
mir zittern die Sinne. Ich fühle, ich kann -
und ich fasse den plastischen Tag
.....
Das werde ich nun auch tun.
Lass es dir gut geh'n
Love
Marlena
PS Ich füge ein neues Bild von Visp bei.
Samstag, 8. Februar 2014
Gute Besserung, chéri!
Ämne: Gute Besserung, chéri!
Datum: den 1 november 05:06
Lieber ...,
Danke, mein Liebling, dass du mir so schnell geantwortet hast. Ich war wirklich sehr besorgt um dich, denn ich glaube nicht dass du ein Mensch bist der seine Termine einstellt wenn es nicht dringend nötig ist.
Du tust mir leid, mein lieber Mausfreund und ich hoffe nur dass du dich nun auch wirklich schonst und nicht das Bett verlässt bevor du wieder frisch und munter bist. Ach, munter bist du ja sogar jetzt, wo es dir nicht gut geht. Ich habe herzlich lachen müssen darüber wie du deine Symptome beschreibst. Ganz im Sinne von Proust, möchte ich sagen. Beim herumstöbern in meinen Papieren habe ich das kleine Büchlein wieder gefunden und bin darin hängengeblieben, an der Stelle wo er einem Schriftsteller vorwirft, dass er seine Gedanken nicht originell genug formuliert. Ich werde noch ein wenig weiterlesen wenn ich heute nach Hause komme. Bin im Moment in meinem Büro und hier ist es so menschenleer wie sonst nur bei einer Hochmesse in der Schwedischen Kirche. Das Zimmer wo der PC steht ist etwas kahl und inspiriert kaum zum Schreiben aber wenn ich an dich denke sehe ich es nicht mehr.
*
Ich muss mich wohl etwas schämen, dass ich so schlecht in der Wirklichkeit verankert bin und sogar den Allerheiligentag eine Woche früher verlege. Oder vielleicht ist es das Alter? ;-) Heute scheinen die meisten Lehrer kompensationsfrei zu sein und von morgen an bis Montag sind wir alle frei.
Der Kurs Montag und Dienstag war wirklich sehr gut. Wir drei "Damen" waren wohl nicht die diszipliniertesten Schüler aber wir haben fleissig gelernt und nun kann ich sogar ein Bildspiel herstellen am PC. Zu Mittag haben wir in einem kleinen Restaurant in der Nähe gegessen. Es hatte gute "Husmanskost", wie wir es nennen, und war bis zum letzten Platz besetzt. Da hat A-M, die Psychologin erzählt, dass sie eine Kusine in St. Gallen hat die mit einem Schweizer verheiratet ist. Du verstehst sicher, dass ich sehr aufmerksam zugehört habe. ;-) Wenn ich ihr glauben darf sind die Schweizerinnen den Schwedinnen nicht sehr ähnlich. Sie hat sie mir ungefähr so beschrieben wie einst der Visper (nicht zu ihrem Vorteil). Aber man soll nicht generalisieren. Sie sind sicher sehr liebe treue "Hausmütterchen" :-) Und hier gibt es auch alle Sorten.
*
Ach, Schatz, ich versuche mir dich vorzustellen, wie du in deinem Bett liegst. Es tut fast weh dass ich nicht zu dir gehen kann und dich ein wenig pflegen darf. Ich würde dir warme Getränke ans Bett bringen und es auch mit etwas healing versuchen. Dann, wenn du nicht zu müde bist, würde ich dir ein paar Passagen von Rilke vorlesen oder vielleicht über Proust diskutieren.. Das letzte kleine Gedicht von Rilke, das ich dir geschickt habe, hast du sicher erkannt. Hoffentlich hast du deinen Laptop zu Hause, damit ich dich wenigstens mit meinen Mails erreichen kann.
Heute ist ein schöner sonniger Tag hier und ich werde versuchen etwas an die frische Luft zu gehen. Die letzten Tage war es so grau und dunkel dass ich sie am liebsten verschlafen hätte. Und dann noch dazu zwei Tage ohne Lebenszeichen von meinem geliebten Mausfreund. Es war nicht leicht.
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Ich habe gerade meine Mailbox hier geöffnet. Du hast recht, man ist dauernd überwacht. Natürlich war sie schon wieder voll von Post, solche die ich lieber erst später entdeckt hätte mit neuen Konferenzen (nach Arbeitszeit) nächste Woche. Die Tatsache, dass man immer erreichbar sein muss, finde ich schrecklich. Aber zum Glück habe ich mir noch kein Handy gekauft. Das wäre sicher noch ein Stressfaktor.
*
So, mein Liebling. Ich werde mich nun wieder ins "real life" begeben. Hoffentlich geht es dir bald wieder besser. Das ist das wichtigste.
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S.O.S
Ämne: S.O.S
Datum: den 31 oktober 10:13
Wie geht es dir, ...??? Bitte lass mich von dir hören, ich mache mir Sorgen um dich.
Liebe Grüsse
Marlena
Ämne: Re: S.O.S
Datum: den 31 oktober 20:24
Liebste Marlena
Ich könnte Deinen Schutz doch sehr gut brauchen. Ich bin wieder krank. Heute war ich beim Arzt. Er sagt, vor nächsten Montag soll ich auf keinen Fall anfangen zu arbeiten.
Ich habe etwas Frostfieber, Ohrenschmerzen, Husten wie eine Jagdhundemeute und Durst wie eine Herde Walliser Braunvieh.
Habe Geduld Wenn ich kann, schreibe ich wieder.
Mit einem lieben Gruss
...
Freitag, 7. Februar 2014
Minimail
Ämne: Minimail
Datum: den 30 oktober
Lieber ...,
Ich bin zurück von meinem IT-kurs. Es war fabelhaft. Wir drei Kolleginnen hatten einen eigenen Lehrer zu unserer Verfügung und konnten in Ruhe das lernen, was uns am wichtigsten schien, nämlich ”First Class”. Nun können wir direktkontakt mit unseren Klassen haben auch wenn wir zu Hause sind, ihnen Aufgaben zusenden, ihre Antworten entgegennehmen und korrigieren.. es gibt da so viel Möglichkeiten jedem persönlich zu helfen, da ja fast alle ja auch Internetanschluss zu Hause haben.
Aber nicht nur der Kurs war gut. Wir haben auch sonst einen schönen Tag miteinander verbracht und beschlossen zusammen etwas für unsere Gesundheit, oder lass uns sagen unser körperliches Wohlbefinden zu tun.
Die eine hat meine Französischschüler in Deutsch. Wir arbeiten oft zusammen und verstehen uns sehr gut. Die andere unterrichtet in Psychologie und wir treffen uns eigentlich meistens nur beim ”fredagskaffe”, aber dann freue ich mich immer sie zu sehen, denn sie ist sehr offen und spontan, die Sorte von Menschen die ich am liebsten mag :-) Morgen fahren wir noch einmal hin und diesmal werden wir u.a. lernen, mit einem Scanner umzugehen. Ich habe die Absicht einen zu Weihnachten zu kaufen.
*
Und du mein Schatz? Wie hast du deinen Tag verbracht? Fühlst du dich wieder etwas besser?
Ich schicke dir dieses kleine Minimail nun ab. Glaube dass ich heute morgen in der Eile vergessen habe das andere zu unterschreiben.. sorry!
Mit einem lieben Gruss und Kuss
Marlena
Re: Turm zu Babel ?
Ämne: Re: Turm zu Babel ? Nee, das nicht
Datum: den 30 oktober 00:58
”Der Tod ist gross
wir sind die seinen
Wenn wir uns mitten
im Leben meinen
wagt er zu weinen
mitten in uns”
Heute ist Allerheiligen und überall in ganz Schweden gehen Leute auf den Friedhof und zünden Lichter an auf den Gräbern. In ein paar Tagen werde ich hingehen. Zwei von meinen nächsten Kollegen, mit denen ich gut befreundet war, liegen dort fast nebeneinander begraben. Beide unterrichteten auch in Französisch und durch viele Jahre hindurch arbeiteten wir nahe zusammen. Sie, nur ein paar Jahre älter als ich, musste allzufrüh sterben an Krebs und ich möchte jetzt noch weinen wenn ich an die letzten Monate ihres Lebens zurückdenke. Wir wussten alle, dass es keine Hoffnung für sie gab und es war sehr traurig. Der andere Kollege war kaum ein Jahr in Rente als er krank wurde. Er war ein wirklich guter Kollege gewesen. Wir verstanden einander und hatten dieselben Ideen. Er war eine Kulturpersönlichkeit, u.a. der Dirigent des Männerchores, ein durchaus kultivierter Mensch, warm und generös. Gerade als seine Frau auch in Rente ging musste er sterben. Sie hatten sich beide so auf die kommenden Jahre gefreut wo sie endlich frei sein würden und viele Pläne verwirklichen wollten.
An einem Tag wie heute stellt man sich viele Fragen...
*
Danke für dein liebes Mail. Es hat mich sehr gefreut. Du hast recht, chéri. Unsere Rollen sind ein wenig umgekehrt in letzter Zeit. Und was macht es schon. Ich schreibe dir für mein Leben gern und so lange du meine Mails gern liest werde ich dir weiterhin schreiben. Du verstehst mich so gut, mein Schatz, und ich überlasse dir mit Vertrauen die Aufgabe den Turm wieder sicher zu machen. Du bist doch der Architekt von uns beiden und weisst sicher genau wie solche Risse entstehen und was man tun muss damit sie nicht grösser werden.
Deine Gesundheit beunruhigt mich im Moment mehr als unser Turm. Vielleicht hast du Kummer von dem du nicht sprechen willst, aber sicher ist es auch ein Mangel an verschiedenen Nahrungsstoffen, der dich energielos und anfälliger macht. Wenn es stimmt, dass du fast nichts isst zu Mittag dann fehlen dir bestimmt viele wichtige Minerale, Spurelemente und Vitamine. Sowas zeigt sich meistens erst nach ein paar Monaten. Versuche es doch einmal mit ”Gericomplex”. Wenn es so ist, wie ich glaube, dann wirst du in spätestens 14 Tagen ganz unerträglich munter sein. Ich bin nicht viel für Tabletten aber diese kenne ich und ich kann dir garantieren dass sie dich wieder munter machen und sogar glücklich. :-) Liebling, versprich mir dass du es probieren wirst.
*
Ich komme heute nicht mehr ins Internet und werde nun dies auf eine Diskette legen und morgen von meinem Kursort absenden. Hoffentlich kann ich dann noch ein paar Zeilen dazuschreiben.
In Gedanken umarme ich dich und küsse dich zärtlich gute Nacht.
*
..hab ein wenig Geduld
Ämne: Turm zu Babel ? Nee, das nicht
Datum: den 29 oktober 13:53
Liebe Marlena
Dein Mail ist nicht so komisch, wie Du sagst, sondern schön gefasst, wie ich finde, und echt poetisch. Ich finde es zauberhaft, wie Du die Fragen in den Raum stellst. Es ist sehr zart, ja zärtlich und auch behutsam.
Ach unser Turm! Steht er so schief? Hat er solche Risse? Und Du meinst, er eigne sich bloss noch für gelegentliche Wallfahrten? Nein, meine Liebe, das finde ich nicht. Und ich glaube auch nicht, dass wir bei irgendwem Fehler suchen müssen. Fehler sind ja nicht besonders nützlich. Also, weshalb sollte man sie suchen, gar finden?
Ich kann Dir nur beschreiben, wie es für mich ist. Du meinst, dass ich zuviel arbeite. Das glaube ich eigentlich nicht. Aber ich bin in der letzten Zeit ziemlich unkonzentriert bei meiner Arbeit. Ich zögere, die wichtigen Aufgaben anzupacken. Ich lasse mich von vielen kleinen Fragen und Dingen, Telefonaten, Terminen etc. etc. ablenken. Ich ärgere mich über diese dumme Computerisierung. Ich fühle mich irgendwie müde und ohne Energie. Ich werde leicht krank, wie ich bemerkt habe. Irgendwie habe ich im Moment nicht die nötige Widerstandskraft. Und das geht nun schon einige Zeit so. Die Ferien in Persien waren nur eine kleine Pause. Es hatte alles schon vorher angefangen.
Vielleicht findest Du, meine Mails seien nicht mehr so begeistert und gefühlvoll und lange wie am Anfang? Ich hatte kürzlich auch den Eindruck, dass Du es im Moment bist, der sich für unseren Turm einsetzt, und weniger ich. Du hast Dich sehr bemüht und hast sehr liebe Mails geschrieben. Das habe ich wohl bemerkt. Ich habe es genossen, aber ich konnte nicht so richtig mitziehen.
Ach Marlena, mach Dir nicht zuviel Sorgen und hab ein wenig Geduld mit mir. Was soll ich denn tun, bevor es zu spät ist? Sag es mir, und ich werde es tun. Aber das meinst Du wohl nicht. Du wirst sagen, das sei meine Sache, herauszufinden, was nötig ist. Marlena, es wird bestimmt wieder aufwärts gehen. Ich glaube, man kann nicht dauernd in Hochstimmung leben. Manchmal gibt es einfach Flauten und Ebben und fade Zeiten. Und irgendwie muss ich hier in meiner Arbeit wieder den richtigen Rhythmus finden. Und schliesslich geniesst man die neuen Höhepunkte umso mehr.
*
Aber ich habe Freude, weil Du mir den Eindruck gibst, Du wenigstens seist im Moment munter und wohlauf. Und dieses Mail, obwohl es vielleicht nicht nur fröhlich geraten ist, hat sehr viel Charme. Und damit, meine Liebe, kannst Du mich jederzeit erwärmen. Auf jeden Fall hat es mich sehr gerührt. Und wenn Du mir noch genauer beschreiben kannst, worin für Dich die Schiefe und die Risse bestehen, dann bin ich Dir dankbar. Ich will nicht, dass der Turm verkommt.
Ich würde Dich fürs Leben gerne umarmen jetzt, Marlena.
Mit langen und zarten Küssen
Donnerstag, 6. Februar 2014
Wieder "im Strumpf"???
Ämne: Wieder "im Strumpf"???
Datum: den 28 oktober 15:50
Lieber ...,
Du behauptest ganz prompt, dass unser Turm fest dasteht. Aber komm doch mal auf meine Seite herüber und schau dir das Ding von hier an, also an der Nordseite. Siehst du denn nicht den Riss dort? Und siehst du nicht dass er immer mehr schief steht? Ich weiss nicht wie es so gekommen ist. Vielleicht habe ich mal etwas falsch gemacht und jetzt wage ich kaum weiterzubauen. Wir können den Turm natürlich so stehn lassen. Dann wird wahrscheinlich nichts damit passieren und wir können ihn als ein Monument über vergangene Zeiten betrachten und vielleicht ab und zu eine Wallfahrt dorthin machen. Aber wie sollen wir ohne Turm jemals den Himmel erreichen? Ich bitte dich, Liebling, tu was bevor es zu spät ist.
*
Weisst du, ich glaube du arbeitest ein bisschen zu viel. Du solltest dich auch ein wenig mehr schonen. Einen Tag hast du dich ausgeruht und schon denkst du an Pferde stehlen und willst auf Tischen tanzen. ;-) Tu es, Schatz! Ich werde dir dabei zusehen. Aber wenn du die Welt erobern gehst möchte ich dabeisein. Das möchte ich mit dir tun. Die innere sowohl wie die äussere Welt. :-)
*
Ich habe heute Nachmitag einen Dokumentärfilm im Fernsehen gesehen. Es handelte von einem Mädchen aus Teheran, nun schon eine junge Frau. Sie war als kleines Kind von einem schwedischen Paar adoptiert worden und besuchte zum ersten Mal ihre Mutter, die sie vor kurzem wiedergefunden hatte. Ich wollte es mir eigentlich nur ansehen weil ich auf das Leben im Iran neugierig war und mein Interesse galt vor allem den verschiedenen Milieus die du mir in deinen Mails schon nahe gebracht hattest. Und dann während der Sendung erinnerte ich mich plötzlich an Dinge aus meinem eigenen Leben, an die ich wirklich nie mehr gedacht hatte und ich fühlte einen Schmerz den ich mir schwer erklären konnte und der mich überraschte. Aber vielleicht war es auch nur Mitgefühl mit dem Mädchen im Film.
Ach, ich wollte doch einen fröhlichen Brief schreiben... und schau dir das mal an.. Wenn du nun hier wärest würden wir unsere Flasche Bordeaux öffnen und dazu essen wir ein wenig von deinem guten Käse (ich habe übrigens auch ein paar unten im Kühlschrank) und dann würden wir uns unterhalten bis spät in den Morgen. Du würdest mir von dir erzählen, von Freud und Leid in deinem Leben und dann würden wir die Zeit vergessen.. Zeit und Raum.. :-)
*
Es ist so still geworden im Haus. Muss mal nachsehen was unten los ist. Ach ja, der Krimi. Es ist eine Serie, die Anna und K zusammen sehen. So kann ich ins Internet gehen und mein
komisches Mail absenden.
Wünsche dir noch einen schönen Sonntag und gute Besserung.
Ich sehnsuche dich und küsse dich zum Abschied,
Marlena
IT, mein Schatz, bedeutet Informationstechnik.
Heute hatten wir ein paar Schneeflocken.. aber nur ganz wenige..
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