Samstag, 5. Oktober 2013
Doch... noch.. (23:07)
Ämne: Doch... noch..
Datum: den 12 oktober 23:07
Lieber ...,
Jetzt endlich bin ich fertig.. nicht mit allem was ich hätte tun sollen, aber mit dem, was ich unbedingt muss.
Wir waren zu einem Spaziergang gefahren in den Wald, so 10 km von hier. Und wir hatten einen Korb mitgenommen, falls... Und wirklich.. wir haben unmengen von Pilzen gefunden. Solche, die man noch im späten Herbst finden kann wenn sogar schon Frost gelegen hat. Wir nennen sie "trattkantarell" (=Trichterpfifferlinge) und im Geschmack unterscheiden sich von anderen Pilzen so wie sich Wild (z.b. Elch) von gewöhnlichem Rindfleisch unterscheidet. D.h. die Pilze haben etwas Wildgeschmak und sind sehr gut in Saucen. Auch in einer Suppe können ein paar solche Pilze den Geschmak um einiges erhöhen.
Nun ja, es macht Spass sie zu entdecken denn man muss genau hinschaun um sie sehen zu können in den Mengen von gelben und braunem Laub und es macht auch Spass den Korb damit füllen zui können. Erst später kommt das Beschwerliche. Ein paar Stunden habe ich mit reinigen und anrichten der Pilze gebraucht. Und nun werde ich bald die kleinen Verpackungen in den Gefrierschrank legen.
Dann war da auch noch die WM-finale in Damenfussball. Beinahe hätten die kleinen Schwedinnen Gold gewonnen.. es war wirklich nicht weit davon. Ein Freistoss, der keiner hätte sein sollen, liess Deutschland das Siegertor schiessen. Ein solcher Verlust ärgert die Mannschaft doppelt. Aber sie waren sehr tüchtig und ich bin ganz stolz auf sie. :-)
*
Siehst du ..., ich schreibe über Pilze und über Fussball, wo ich doch eigentlich ein ganzes Mail mit Freude über deine Rückkehr füllen wollte. Ich kann dir eigentlich garnicht sagen wie sehr ich mich freue dich wiederzusehen ohne gegen alle Regel zu verstossen. Manchmal wird mir richtig bange, wenn ich sehe wie wichtig du in meinem Leben geworden bist.
*
Ach, wie lustig du die Leute am Strand beschreibst. Ich sehe sie vor mir, auch die dicken unförmlichen. Aber meist tun mir diese Leute leid, denn sie haben sich sicher nicht gewünscht solche Körper zu bekommen. Du bist lieb, wenn du mir ein paar extra Kilo erlaubst. Du darfst ruhig auch etwas zunehmen. Es ändert nichts an meiner Liebe zu dir. ;-) Eigentlich solltest du nun, wo du sicher schön braun bist, ein paar Fotos machen und mir eins davon schicken. Kannst du das tun? Ich würde mich sehr freuen. Vielleicht lege ich dir eins in Fotofolder was vorige Woche gemacht wurde als wir "Open house" hatten. Vielleicht... und eins von den vielen Pilzen. damit du mich ein wenig bemitleiden kannst.
*
Ja, es ist etwas still geworden um Anna Lindhs Mörder. Ich bin ganz sicher, dass sie den richtigen Mörder geschnappt haben aber vielleicht reichen die bisherigen Beweise nicht aus für eine Verurteilung. Er leugnet es getan zu haben. Seiner Mutter und ein paar Freunden hat er den Mord gestanden. Und nach dem Mord hat er sich sofort alle Haare abrasieren lassen und auch die Augenbrauen. Er war neulich nach psychiatrischer Behandlung entlassen worden. Und man sagt er hätte kurz vor dem Mord um psychiatrische Hilfe gebeten, war aber abgewiesen worden. Na ja, wenn er verurteilt ist, wird man sicher in den Medien von all dem erfahren. Normal kann er ja kaum sein. Wer kann so bestial eine junge Frau umbringen und normal sein?
*
Hatte ich dir geschrieben von dem jungen Chemipreisträger (Nobelpreis) der nicht glauben wollte, als ihm sein Assistent sagte er hätte den Nobelpreis bekommen. Dann ist er an den Computer gegangen und hat bei "Google" nachgesucht unter Nobelpreis und hat dort seinen Namen entdeckt. Es ist herrlich zu sehen, wie sehr sich die Leute freuen, wenn ihnen diese Ehre verliehen wird. Ich freue mich schon auf das schöne Nobelfest.
Ich glaube, das Buch "Der Junge. Eine afrikanische Kindheit" von dem Südafrikaner Coetzee über das Schicksal eines Kindes, wäre was für dich. Ich kaufe mir meistens ein Buch von dem Literaturpreisträger. Diesmal weiss ich aber nicht welches ich wählen soll.
*
Ach, ich denke Onkelchen hat sich sehr gefreut, dich wiederzusehen. Wenn er wüsste, wie schnell und gut du denkst.. und es freut mich, dass du auch ein wenig häuslich bist.
*
Es ist spät geworden. Werde sehen, ob ich die Bilder hier reinkriege. Dann leg ich sie in Fotofolder (bluffokatten). Ja, ich muss lachen über dein vergessenes Password. Das passiert mir fast jedes Jahr in der Schule. Wenn ich es kurz vor den Ferien austausche, dann kann ich mich garantiert nicht mehr daran erinnern im Herbst und muss den Support bitten mir eine neues machen zu dürfen.
*
So grüsse ich dich lieb, mein allerliebster Mausfreund, und wünsche dir einen guten Wochenanfang.
S+K
Marlena
Freitag, 4. Oktober 2013
Nur ganz kurz jetzt..
Ämne: Nur ganz kurz jetzt.. aber doch
Datum: den 12 oktober 08:29
Lieber ..,
Ich bin so glücklich dich endlich wiederzusehen. Schreibe dir sobald
ich dazu komme.
Ich umarme und heisse dich Willkommen zurück,
Marlena
----------
den 12 oktober 15:02
Re: ... aber doch ...
Liebe Marlena
Ja, ich kann auch nur kurz.Meine Traktandenliste für Montag ist immer noch nicht bereit. Aber es wird sich schon geben.
*
In Sachen Lindh bin ich nicht ganz auf dem Laufenden. Hat man jetzt den Täter oder hat man ihn nicht? Ist es ein Psychotiker? Psychotiker sind natürlich im allgemeinen nicht gefährlich. Vielleicht nur, wenn sie einen Wahn haben. Na ja, es ist lange her, seit ich mich mit diesen Fragen beschärftigt habe. Damals war die Oeffnung der Psychiatrie in vollem Gange, und wir Studenten waren natürlich alle dafür. Man hat den Institutionen nicht viel gutes nachgesagt. Deshalb vielleicht.
*
Jetzt, wo ich ganze 14 Tage nicht im Büro gewesen bin, kaum mehr Schreibmaschine schreiben kann und all diese Unterlagen, Bücher und Papiere sehe, denke ich, dass ich doch einmal aufräumen sollte. Vielleicht sogar wegräumen. Aber dazu brauche ich 2 Tage. Vielleicht sogar zwei gute Tage. Und wer gibt mir zwei Tage? Ich werde sehen. Es ist vielleicht nicht gut, zuviel darüber zu reden, sonst bekommt mein Ubw noch den Eindruck, ich hätte die Arbeit schon gemacht.
*
Ich komme eben von Onkelchen zurück. S. ist zuhause geblieben, weil sie hustet und ihn nicht anstecken will. Er hat meine Kochkünste genossen. Na ja, es war alles ziemlich gut vorbereitet: Kartoffeln, gebratenen Lachs, Zuchetti,Tomatensalat mit Zwiebeln und zum Nachtisch eine superfeine Crème aus sauerem Rahm und Zwetschgenpuree. Es war alles i.o. Nichts in die Hose gegangen, was ja leicht hätte passieren können! Onkelchen meinte, er könne gar nicht begreifen, wie ein Akademiker sich in der Küche so geschickt anstellen kann. Und er fragte mich, ob ich auch so rasch denken könne, wie ich koche. Na ja, er wollte mir ein paar Komplimente machen. Es war wirklich alles schon vorbereitet.
*
Und jetzt muss ich endgültig dran. Vergib mir.
Mit lieben Krüssen
...
Datum: den 12 oktober 08:29
Lieber ..,
Ich bin so glücklich dich endlich wiederzusehen. Schreibe dir sobald
ich dazu komme.
Ich umarme und heisse dich Willkommen zurück,
Marlena
----------
den 12 oktober 15:02
Re: ... aber doch ...
Liebe Marlena
Ja, ich kann auch nur kurz.Meine Traktandenliste für Montag ist immer noch nicht bereit. Aber es wird sich schon geben.
*
In Sachen Lindh bin ich nicht ganz auf dem Laufenden. Hat man jetzt den Täter oder hat man ihn nicht? Ist es ein Psychotiker? Psychotiker sind natürlich im allgemeinen nicht gefährlich. Vielleicht nur, wenn sie einen Wahn haben. Na ja, es ist lange her, seit ich mich mit diesen Fragen beschärftigt habe. Damals war die Oeffnung der Psychiatrie in vollem Gange, und wir Studenten waren natürlich alle dafür. Man hat den Institutionen nicht viel gutes nachgesagt. Deshalb vielleicht.
*
Jetzt, wo ich ganze 14 Tage nicht im Büro gewesen bin, kaum mehr Schreibmaschine schreiben kann und all diese Unterlagen, Bücher und Papiere sehe, denke ich, dass ich doch einmal aufräumen sollte. Vielleicht sogar wegräumen. Aber dazu brauche ich 2 Tage. Vielleicht sogar zwei gute Tage. Und wer gibt mir zwei Tage? Ich werde sehen. Es ist vielleicht nicht gut, zuviel darüber zu reden, sonst bekommt mein Ubw noch den Eindruck, ich hätte die Arbeit schon gemacht.
*
Ich komme eben von Onkelchen zurück. S. ist zuhause geblieben, weil sie hustet und ihn nicht anstecken will. Er hat meine Kochkünste genossen. Na ja, es war alles ziemlich gut vorbereitet: Kartoffeln, gebratenen Lachs, Zuchetti,Tomatensalat mit Zwiebeln und zum Nachtisch eine superfeine Crème aus sauerem Rahm und Zwetschgenpuree. Es war alles i.o. Nichts in die Hose gegangen, was ja leicht hätte passieren können! Onkelchen meinte, er könne gar nicht begreifen, wie ein Akademiker sich in der Küche so geschickt anstellen kann. Und er fragte mich, ob ich auch so rasch denken könne, wie ich koche. Na ja, er wollte mir ein paar Komplimente machen. Es war wirklich alles schon vorbereitet.
*
Und jetzt muss ich endgültig dran. Vergib mir.
Mit lieben Krüssen
...
Sumsumsum
den 11 oktober 2003 18:24
Sumsumsum
Hallo meine liebe Marlena
Ach, wie schön, soviele Mails in der Box zu finden, und alle voller Sehnsucht. Ach, es ist so köstlich wie ein Sahnedessert.
Ich weiss gar nicht, wo anfangen. Ich habe alle Deine Mails rasch überflogen und muss sie in den nächsten Tagen noch genauer lesen. Aber heute, als uns A. vom Flughafen abgeholt hatte, sind wir dann zusammen ins Büro gefahren. Ich sollte ja doch noch meine Sitzung vom Montag vorbereiten und habe keine Ahnung, was in der Zwischenzeit gelaufen ist. Aber als ich hier im Büro war, habe ich mein Passwort nicht mehr gewusst. A. wollte ein paar Dinge der Universität kopieren, aber ich konnte einfach dieses Wort nicht finden. Ich wusste, mit welchem Anfangsbuchstaben es beginnt. Und am Schluss steht eine 5. Die hatte ich einfach so beigefügt, weil das Wort etwas kurz ist. Und irgenwo in der Mitte des Wortes sollte ein Q sein. Darauf war ich besonders stolz, denn Q ist ein seltener Buchstabe, und jeder Knacker würde damit seine Probleme haben ;--). Ich hatte ein Wort im Kopf, aber das war so kurz, dass ich es wieder verwarf. Kurz und gut, ich konnte mein Gehirn hier im Büro nicht öffnen.
Lustig lustig. Und dann kam mir die Erinnerung, dass man mittels Trance Vergessenes zurückholen kann. Allerdings hatte ich das neue Passwort gleich vor meinen Ferien geändert und wahrscheinlich nur ein- oder zweimal gebraucht. Es konnte sich unmöglich tief in meinem Gedächtnis eingebrannt haben, höchstens leicht angekratzt. Nachdem A. auf den Zug nach Basel gegangen war, beförderte ich mich also in eine wackelige Trance. Irgend etwas in mir wiederholte immerzu dieses eine kurze Wort. Ich versuchte nach anderen zu suchen. Das sollte man nicht in Trance, denn Trance funktioniert eigentlich ohne Anstrengung. Anstrengung stört bloss. Aber mein Kopf lehnte immer wieder dankend ab bei diesem einen Wort. Schliesslich probierte ich das Wort, es blieb mir ja nichts übrig, fügte eine satte 5 bei, und siehe da: die Überschwemmung auf dem Wasserturmplatz war perfekt und die Tauben in heller Aufregung. Sie fingen an, italienisch zu gurren.
Ach, die 14 Tage Hochsommer taten gut. Und hier weiss ich wirklich nicht, was ich Dir zuerst erzählen sollte. Wir gingen schon morgens um 9h an den Strand und blieben bis 17h. S. kam zwar morgens etwas später, ging oft noch in die Massage, und abends ging sie in die Gymnastik (wie heisst das, diese Uebungen mit Musik?). Ich las viel, war oft im Wasser und ging kilometerweise dem Strand entlang. Manchmal zeichnete ich Leute. Das Strandleben wäre wirklich ein Ding für einen guten Cartoonisten. Es gab da eine deutsche Familie. Ich nannte sie die Elefantenfamilie. Sie war wirklich kolossal schwer und hässlich, dass man ihnen eigentlich eine extra Gebühr für Schwertransport hätte auferlegen sollen. Und so ziemlich nackt herumzugehen, ach, das kann ich Dir gar nicht schildern, wie hässlich das aussieht. Es sieht so sackartig aus, so herunterhängend und triefend. Es sind effektiv die Schweine, die einem dabei in den Sinn kommen. Leider erregten meine Zeichnereien Aufsehen, und die Leute schlichen sich von hinten an, um zu sehen, was ich derzeit in Arbeit hatte. So was mag ich gar nicht. Deshalb beschränkte ich mich mehr und mehr auf blutleere Lektüre und sachliche Notizen. Sie hatten ein gutes Sonnendach. So konnte ich es am Strand aushalten. Und ich benutzte wenig Sonnencreme. Das mag ich nämlich auch nicht besonders.
Wir waren in Side. Vielleicht findet man darüber etwas im Internet. Der Flughafen ist Antalya. Es ist eine schöne Gegend, und - wenn ich mich recht erinnere, soll Darius, der Perserkönig, seine Flotte im Hafen von Side stationiert haben, als er gegen die Griechen, dh. den delischen Bund loszog ... und dann ja, zweimal wie wir wissen, eine Schlappe einstecken musste. Du siehst, wir waren im Zentrum der Weltgeschichte!! Ist allerdings 2500 Jahre her.
Es gibt einige antike Ruinen und Gebäude in jener Gegend. Wir waren aber zu faul, herumzureisen, um sie uns anzuschauen. Na ja, eigentlich reservierten wir einen Regentag für so etwas. Aber leider hat es dann nie geregnet.
*
Es gab nur einen einzigen PC in einem kleinen Büro beim Hotel. Aber es war immer geschlossen. Wahrscheinlich funktioniert das Büro nur in der Hochsaison? Ich hätte zu gerne ein kleines Lebenszeichen geschickt und gewusst, was unsere Aktien tun. Aber es sollte nicht sein. Abends, wenn S. in die Gymnastik ging, schaute ich ein bisschen Fernsehen, so zwischen Dusche und Haaretrocknen. Da sah ich die Nobelpreisverkündungen. Gestern war es dann ja die Perserin.
*
Ich muss schnell was besorgen und beende das Mail später
bis dann ein Kuss voller Sonne
Ruedi
Ich bin zurück. Hat eine gute Weile gedauert. Na ja, ich bin auch noch etwas in Basel herumgeschlendert. Sie scheinen heute Abend einen Fussballmatch zu haben: Irland gegen die Schweiz. Man kann fast nicht glauben, wie viele Fans, grüne und rote, die Stadt verstopfen. Für die Kneipen scheint es ideal zu sein. Und auch für die Polizeit und die Wischkolonnen gibts Zusatzarbeit. Ich mag das nicht sonderlich, aber insgesamt ist es gut für den Lokalpatriotismus.
*
Also, wie gesagt, täglich Bürostunden am Strand von etwa 9.00h bis 17.00h, mit einer kurzen Mittagspause zwischen 13.00h und 14.00h ungefähr. Das Leben am Strand ist ziemlich unterhaltsam. Nach 3 Tagen kennt man das Quartier, die Nationalitäten, die Wasserscheuen und die Sonnenhungrigen, die Grossbusigen und die Dickbäuche, die Jungverliebten und die Sprachlosen. Es ist ein merkwürdiges Biotop, das da ziemlich in Reih und Glied an der Sonne bratet. Na ja, im Hotel hab es einige Aktivitäten, um die schweren Leiber von den Sonnenliegen hochzukriegen, zum Beispiel zum Voleyball, zum Boccia oder Darts, zum Kaffee mit Kuchen um 16h oder eben zum Fitness um 17h. Du siehst, wer aktiv war, hatte einen vollen Terminkalender. Ich beschränkte mich auf das grosse Buffet am Mittag. Das war ausgezeichnet und pittoresk. Die Küche war eine Mischung aus Middle East und Europa. Da gab es Dinge, die man auch im Iran finden kann. Und andererseits liessen sich von deutscen Patrioten auch ohne Probleme Bratkartoffeln oder Frikadellen ausgraben. Ich suchte, wenn immer möglich, Fisch, denn das ist doch für eine Region wie die Türkei ein Grundnahrungsmittel. Und oft fand ich ganz köstliche Fischgerichte. Dazu bevorzugte ich dieses eingedickte Yoghourt mit Knoblauch und fein gehackten Gurken. Es schmeckt sahnig wie Maionnaise, hat aber nicht halb soviel Kalorien. Trotzdem habe ich etwa 3 kg zugelegt, schätze ich. Ungefähr soviel, wie der SMI der Schweizerbörse verloren hat! Das Essen war immer sehr gut, mit einem ausgedehnten Dessertbuffet zu jeder Mahlzeit. Aber nach 14 Tagen kommt einem manches etwas bekannt vor, das ist nicht zu vermeiden. S hatte bald einmal Beziehungen zur Küche etabliert - sie verstand sich mit den Türken bestens - und man erfüllte uns da und dort Spezialwünsche. Neben dem Buffet (!) haben mich vor allem die Türken selbst erstaunt. Ich hatte einen Menschenschlag erwartet von - sagen wir - einem Durchschnitt zwischen Süditaliener und Perser. Aber, wie soll ich Dir das schildern, sie waren allesamt sonnige Deutsche. Ich will damit sagen, sie sind organisatorisch gut, sehr pflichtbewusst und fleissig, und haben dazu den südlichen Charme, den wir bei den Italienern schätzen. Ich bin wirklich positiv überrascht. Die meisten haben ganz gut Deutsch gesprochen. Und darin liegt vielleicht auch ein Teil der Erklärung: viele von ihnen waren schon in Deutschland und deshalb einigermassen assimiliert. Nicht die Deutschen assimilieren sich dort unten an die Türken, sondern umgekehrt. Aber diese Türken haben mich wirklich verblüfft. Süditaliener sind etwas faul, nicht wahr, bequem, trödelnd. Das sind die Türken dort unten gar nicht. Sie sind prompt, speditiv und immer ein Lächeln im Gesicht. Die Perser sind etwas schmeichlerisch, doppelbödig, allzu indirekt und superdiplomatisch. Die Türken sind ziemlich direkt, aber ganz und gar höflich. Na ja, vielleicht kenne ich noch nicht alle Türken. Aber diejenigen, die ich gesehen habe - es waren zumeist junge Männer zwischen 20 und 30 - haben mich durchaus überzeugt. Bestimmt sind sie für ihre Tätigkeit im Tourismus auch geschult. Aber all das, was sie gezeigt haben, das kann man nicht bloss mit Schulung hinkriegen. Die Schweizer in unseren Skistationen könnten sich davon ein Stück abschneiden! Und für Frauen sind Türken durch und durch angenehm. Sie sind charmant, zuverlässig, aber keinesfalls anzüglich. Sie würden einer Frau nicht zu nahe treten. Das verwehrt ihnen der Islam. Du siehst, ich bin voll der guten Worte. Und dabei bin ich nicht mal eine Frau.
*
Gut, dass Du ein paar Kilos zugelegt hast. Das steht Dir bestimmt. Schick mir ein Foto, wenn Du hast. Dort unten am Strand gab es etliche Frauen, die im einteiligen Dress umhergingen. Und man hätte eine ganze Busologie entwickeln können: von den kleinsten, dürren Zäpfchen bis zu den glockenschweren oder auch duvetflachen Vorbauten. Es gab für jeden was. Lustig dabei, dass junge Frauen kaum barbusig herumgehen. Es sind die ÜVIS, die Über-vierzig-Jährigen, die so freizügig lustwandeln. Und manchmal tun sie es, wie oben erwähnt, gegen den guten Geschmack.
*
Ab und zu hatte ich den Eindruck, ich hörte Schwedisch. Im Hotel eher selten, aber auf dem Flughafen Antalya auf jeden Fall. Es gab in der Tat auch direkte Flüge von und nach Stockholm. Na ja, ihr Hungerleider in Sachen Sonne, viele von Euch scheinen einmal im Jahr eine kleine Aufback-Aktion zu schätzen.
*
Ach, es ist gut, wieder mit Dir Marlena plaudern zu können. Auch ich habe Dich vermisst. Aber natürlich hatte ich auch gedacht, dass meine Placebo-Effekte steigen würden nach einer so langen Abstinenz von 14 Tagen ;--)
Trotzdem .--( muss ich jetzt aufhören und an meine Sitzung gehen. Es gibt bestimmt noch viel zu lesen und zu überlegen.
Ich wünsche Dir ein fantastisches Wochenende
mit lieben Grüssen und Küssen
...
Sumsumsum
Hallo meine liebe Marlena
Ach, wie schön, soviele Mails in der Box zu finden, und alle voller Sehnsucht. Ach, es ist so köstlich wie ein Sahnedessert.
Ich weiss gar nicht, wo anfangen. Ich habe alle Deine Mails rasch überflogen und muss sie in den nächsten Tagen noch genauer lesen. Aber heute, als uns A. vom Flughafen abgeholt hatte, sind wir dann zusammen ins Büro gefahren. Ich sollte ja doch noch meine Sitzung vom Montag vorbereiten und habe keine Ahnung, was in der Zwischenzeit gelaufen ist. Aber als ich hier im Büro war, habe ich mein Passwort nicht mehr gewusst. A. wollte ein paar Dinge der Universität kopieren, aber ich konnte einfach dieses Wort nicht finden. Ich wusste, mit welchem Anfangsbuchstaben es beginnt. Und am Schluss steht eine 5. Die hatte ich einfach so beigefügt, weil das Wort etwas kurz ist. Und irgenwo in der Mitte des Wortes sollte ein Q sein. Darauf war ich besonders stolz, denn Q ist ein seltener Buchstabe, und jeder Knacker würde damit seine Probleme haben ;--). Ich hatte ein Wort im Kopf, aber das war so kurz, dass ich es wieder verwarf. Kurz und gut, ich konnte mein Gehirn hier im Büro nicht öffnen.
Lustig lustig. Und dann kam mir die Erinnerung, dass man mittels Trance Vergessenes zurückholen kann. Allerdings hatte ich das neue Passwort gleich vor meinen Ferien geändert und wahrscheinlich nur ein- oder zweimal gebraucht. Es konnte sich unmöglich tief in meinem Gedächtnis eingebrannt haben, höchstens leicht angekratzt. Nachdem A. auf den Zug nach Basel gegangen war, beförderte ich mich also in eine wackelige Trance. Irgend etwas in mir wiederholte immerzu dieses eine kurze Wort. Ich versuchte nach anderen zu suchen. Das sollte man nicht in Trance, denn Trance funktioniert eigentlich ohne Anstrengung. Anstrengung stört bloss. Aber mein Kopf lehnte immer wieder dankend ab bei diesem einen Wort. Schliesslich probierte ich das Wort, es blieb mir ja nichts übrig, fügte eine satte 5 bei, und siehe da: die Überschwemmung auf dem Wasserturmplatz war perfekt und die Tauben in heller Aufregung. Sie fingen an, italienisch zu gurren.
Ach, die 14 Tage Hochsommer taten gut. Und hier weiss ich wirklich nicht, was ich Dir zuerst erzählen sollte. Wir gingen schon morgens um 9h an den Strand und blieben bis 17h. S. kam zwar morgens etwas später, ging oft noch in die Massage, und abends ging sie in die Gymnastik (wie heisst das, diese Uebungen mit Musik?). Ich las viel, war oft im Wasser und ging kilometerweise dem Strand entlang. Manchmal zeichnete ich Leute. Das Strandleben wäre wirklich ein Ding für einen guten Cartoonisten. Es gab da eine deutsche Familie. Ich nannte sie die Elefantenfamilie. Sie war wirklich kolossal schwer und hässlich, dass man ihnen eigentlich eine extra Gebühr für Schwertransport hätte auferlegen sollen. Und so ziemlich nackt herumzugehen, ach, das kann ich Dir gar nicht schildern, wie hässlich das aussieht. Es sieht so sackartig aus, so herunterhängend und triefend. Es sind effektiv die Schweine, die einem dabei in den Sinn kommen. Leider erregten meine Zeichnereien Aufsehen, und die Leute schlichen sich von hinten an, um zu sehen, was ich derzeit in Arbeit hatte. So was mag ich gar nicht. Deshalb beschränkte ich mich mehr und mehr auf blutleere Lektüre und sachliche Notizen. Sie hatten ein gutes Sonnendach. So konnte ich es am Strand aushalten. Und ich benutzte wenig Sonnencreme. Das mag ich nämlich auch nicht besonders.
Wir waren in Side. Vielleicht findet man darüber etwas im Internet. Der Flughafen ist Antalya. Es ist eine schöne Gegend, und - wenn ich mich recht erinnere, soll Darius, der Perserkönig, seine Flotte im Hafen von Side stationiert haben, als er gegen die Griechen, dh. den delischen Bund loszog ... und dann ja, zweimal wie wir wissen, eine Schlappe einstecken musste. Du siehst, wir waren im Zentrum der Weltgeschichte!! Ist allerdings 2500 Jahre her.
Es gibt einige antike Ruinen und Gebäude in jener Gegend. Wir waren aber zu faul, herumzureisen, um sie uns anzuschauen. Na ja, eigentlich reservierten wir einen Regentag für so etwas. Aber leider hat es dann nie geregnet.
*
Es gab nur einen einzigen PC in einem kleinen Büro beim Hotel. Aber es war immer geschlossen. Wahrscheinlich funktioniert das Büro nur in der Hochsaison? Ich hätte zu gerne ein kleines Lebenszeichen geschickt und gewusst, was unsere Aktien tun. Aber es sollte nicht sein. Abends, wenn S. in die Gymnastik ging, schaute ich ein bisschen Fernsehen, so zwischen Dusche und Haaretrocknen. Da sah ich die Nobelpreisverkündungen. Gestern war es dann ja die Perserin.
*
Ich muss schnell was besorgen und beende das Mail später
bis dann ein Kuss voller Sonne
Ruedi
Ich bin zurück. Hat eine gute Weile gedauert. Na ja, ich bin auch noch etwas in Basel herumgeschlendert. Sie scheinen heute Abend einen Fussballmatch zu haben: Irland gegen die Schweiz. Man kann fast nicht glauben, wie viele Fans, grüne und rote, die Stadt verstopfen. Für die Kneipen scheint es ideal zu sein. Und auch für die Polizeit und die Wischkolonnen gibts Zusatzarbeit. Ich mag das nicht sonderlich, aber insgesamt ist es gut für den Lokalpatriotismus.
*
Also, wie gesagt, täglich Bürostunden am Strand von etwa 9.00h bis 17.00h, mit einer kurzen Mittagspause zwischen 13.00h und 14.00h ungefähr. Das Leben am Strand ist ziemlich unterhaltsam. Nach 3 Tagen kennt man das Quartier, die Nationalitäten, die Wasserscheuen und die Sonnenhungrigen, die Grossbusigen und die Dickbäuche, die Jungverliebten und die Sprachlosen. Es ist ein merkwürdiges Biotop, das da ziemlich in Reih und Glied an der Sonne bratet. Na ja, im Hotel hab es einige Aktivitäten, um die schweren Leiber von den Sonnenliegen hochzukriegen, zum Beispiel zum Voleyball, zum Boccia oder Darts, zum Kaffee mit Kuchen um 16h oder eben zum Fitness um 17h. Du siehst, wer aktiv war, hatte einen vollen Terminkalender. Ich beschränkte mich auf das grosse Buffet am Mittag. Das war ausgezeichnet und pittoresk. Die Küche war eine Mischung aus Middle East und Europa. Da gab es Dinge, die man auch im Iran finden kann. Und andererseits liessen sich von deutscen Patrioten auch ohne Probleme Bratkartoffeln oder Frikadellen ausgraben. Ich suchte, wenn immer möglich, Fisch, denn das ist doch für eine Region wie die Türkei ein Grundnahrungsmittel. Und oft fand ich ganz köstliche Fischgerichte. Dazu bevorzugte ich dieses eingedickte Yoghourt mit Knoblauch und fein gehackten Gurken. Es schmeckt sahnig wie Maionnaise, hat aber nicht halb soviel Kalorien. Trotzdem habe ich etwa 3 kg zugelegt, schätze ich. Ungefähr soviel, wie der SMI der Schweizerbörse verloren hat! Das Essen war immer sehr gut, mit einem ausgedehnten Dessertbuffet zu jeder Mahlzeit. Aber nach 14 Tagen kommt einem manches etwas bekannt vor, das ist nicht zu vermeiden. S hatte bald einmal Beziehungen zur Küche etabliert - sie verstand sich mit den Türken bestens - und man erfüllte uns da und dort Spezialwünsche. Neben dem Buffet (!) haben mich vor allem die Türken selbst erstaunt. Ich hatte einen Menschenschlag erwartet von - sagen wir - einem Durchschnitt zwischen Süditaliener und Perser. Aber, wie soll ich Dir das schildern, sie waren allesamt sonnige Deutsche. Ich will damit sagen, sie sind organisatorisch gut, sehr pflichtbewusst und fleissig, und haben dazu den südlichen Charme, den wir bei den Italienern schätzen. Ich bin wirklich positiv überrascht. Die meisten haben ganz gut Deutsch gesprochen. Und darin liegt vielleicht auch ein Teil der Erklärung: viele von ihnen waren schon in Deutschland und deshalb einigermassen assimiliert. Nicht die Deutschen assimilieren sich dort unten an die Türken, sondern umgekehrt. Aber diese Türken haben mich wirklich verblüfft. Süditaliener sind etwas faul, nicht wahr, bequem, trödelnd. Das sind die Türken dort unten gar nicht. Sie sind prompt, speditiv und immer ein Lächeln im Gesicht. Die Perser sind etwas schmeichlerisch, doppelbödig, allzu indirekt und superdiplomatisch. Die Türken sind ziemlich direkt, aber ganz und gar höflich. Na ja, vielleicht kenne ich noch nicht alle Türken. Aber diejenigen, die ich gesehen habe - es waren zumeist junge Männer zwischen 20 und 30 - haben mich durchaus überzeugt. Bestimmt sind sie für ihre Tätigkeit im Tourismus auch geschult. Aber all das, was sie gezeigt haben, das kann man nicht bloss mit Schulung hinkriegen. Die Schweizer in unseren Skistationen könnten sich davon ein Stück abschneiden! Und für Frauen sind Türken durch und durch angenehm. Sie sind charmant, zuverlässig, aber keinesfalls anzüglich. Sie würden einer Frau nicht zu nahe treten. Das verwehrt ihnen der Islam. Du siehst, ich bin voll der guten Worte. Und dabei bin ich nicht mal eine Frau.
*
Gut, dass Du ein paar Kilos zugelegt hast. Das steht Dir bestimmt. Schick mir ein Foto, wenn Du hast. Dort unten am Strand gab es etliche Frauen, die im einteiligen Dress umhergingen. Und man hätte eine ganze Busologie entwickeln können: von den kleinsten, dürren Zäpfchen bis zu den glockenschweren oder auch duvetflachen Vorbauten. Es gab für jeden was. Lustig dabei, dass junge Frauen kaum barbusig herumgehen. Es sind die ÜVIS, die Über-vierzig-Jährigen, die so freizügig lustwandeln. Und manchmal tun sie es, wie oben erwähnt, gegen den guten Geschmack.
*
Ab und zu hatte ich den Eindruck, ich hörte Schwedisch. Im Hotel eher selten, aber auf dem Flughafen Antalya auf jeden Fall. Es gab in der Tat auch direkte Flüge von und nach Stockholm. Na ja, ihr Hungerleider in Sachen Sonne, viele von Euch scheinen einmal im Jahr eine kleine Aufback-Aktion zu schätzen.
*
Ach, es ist gut, wieder mit Dir Marlena plaudern zu können. Auch ich habe Dich vermisst. Aber natürlich hatte ich auch gedacht, dass meine Placebo-Effekte steigen würden nach einer so langen Abstinenz von 14 Tagen ;--)
Trotzdem .--( muss ich jetzt aufhören und an meine Sitzung gehen. Es gibt bestimmt noch viel zu lesen und zu überlegen.
Ich wünsche Dir ein fantastisches Wochenende
mit lieben Grüssen und Küssen
...
Sehnsucht
Ämne: SSSSSS
Datum: den 8 oktober 17:07
Lieber ...,
Ist es wirklich möglich, dass du keinen Computer findest an dem du mir ein Lebenszeichen schicken kannst? Oder lassen dich deine drei Frauen nicht aus dem Auge? Nun ja, ich kann es verstehen, wenn ich mir die Situation vorstelle. Ich hoffe nur, dass du sehr bald zurück bist in der Schweiz. Wahrscheinlich wirst du dann vom Stuhl geschwemmt werden von meiner Mailflut.. sicher wird der ganze Wasserturmplatz unter Wasser stehen.. und die Tauben werden sich wundern wieso sie plötzlich in Venedig sind.
*
Ein Mittwoch ist zu Ende. Schon wenn die Schultür hinter mir zufällt spüre ich die herrlich frische Luft und kann ausatmen.. sogar einatmen. Und heute ist noch dazu der Himmel blau und die Luft angenehm frisch. Und wenn ich nach Hause komme freue ich mich über die Rosen, die so schön leuchten am Eingang. Es ist ein besonderes Licht zu dieser Jahreszeit und die Luft ist ganz klar. Als ich in meiner ersten Stunde zum Fenster hinaus blickte, habe ich gewünscht, dass ich meine Kamera dabei gehabt hätte. Die Erde war noch frostig, aber die Sonne schien auf das bunte Laub der Bäume, die in allen Farben leuchteten. Ach, es war traumhaft schön.
Die Schüler waren fleissig. Es ist eine wunderbare Klasse und wenn auch nicht alle Genies sind in der französischen Sprache, so sind sie jedenfalls alle sehr liebe sympatische Leute, die sich bemühen gut zu werden.
Morgen bekommen wir Besuch in unseren Deutschstunden von den Besuchern aus Deutschland. Ein Lehrer und fünf Schüler. Wir werden es ausnützen mal mit Eingeborenen zu sprechen und so lasse ich meine Schüler die Besucher interviewen in kleinen Gruppen, damit sie alle zu Wort kommen.
Langweile ich dich?
*
Was kann ich dir noch berichten? Vielleicht, dass wir täglich von neuen Nobelpreisträgern erfahren. Hast du gesehen, wer den Literaturpreis bekommen hat dieses Jahr?
Ein äusserst scheuer Südafrikaner, von dem man kaum gedacht hätte, dass er zu dem Nobelfest auftauchen wird. Er geht nie selbst seine Preise abholen und lässt sich auch nicht interviewen. Aber er hat schon gesagt, dass er "most likely" kommen wird. Sicher hast du schon über ihn gelesen. Wenn nicht, dann schau hier: http://www.onlinekunst.de/nobelpreise/coetzee.html
Es soll eine gute Wahl sein, denn er ist ein Schriftsteller, den man wirklich liest und auch ohne grosse Mühe lesen kann. Ich kenne ihn leider nicht aber bin doch neugierig geworden auf seine Bücher. Und du? Hast du schon was von ihm gelesen?
*
Jetzt werde ich mir gleich etwas zu essen machen. Habe es nicht einmal geschafft lunch zu essen. Nur Kaffee und Kuchen, den jemand für die heutige Konferenz gebacken hatte.
Ich grüsse dich lieb und sehnsuche dich... immer wieder..
Marlena
Donnerstag, 3. Oktober 2013
Voller Tag
Ämne: Voller Tag..
Datum: den 16 september 23:01
Lieber ... ,
Es freut mich zu hören, dass du NY so sehr geschätzt hast, dass du dich sogar zurücksehnst. Ich hatte geahnt, dass es so kommen würde. Nun ja, deinen Flirt mit der jungen Ärztin hatte ich nicht vorausgesehen, aber auch das freut mich, denn ich weiss aus Erfahrung, dass die schönsten Erinnerungen an Reisen immer irgendwie mit Menschen verknüpft sind - dazu rechne ich auch ganz kurze rasche Begegnungen mit anderen Menschen. Ich kann mir sehr wohl vorstellen, dass du einen Roman darüiber schreiben könntest. Ich hatte auch eine ähnliche Idee mit Paris. "Elf Stunden mit Guy", sollte die Geschichte heissen und einen schönen Tag in Paris schildern, der oben am Montmartre und spät am Abend in Pigalle endete. Aber auch ganz zufällige kleine Gespräche mit fremden Leuten bleiben in der Erinnerung. Einmal kam ein kleiner Nachbarjunge auf mich zu und sagte: "Eh, Marlena, j'aime bien la façon, dont tu prononces l'e à la fin des mots." Ich fand es so lieb, diese kleine Liebeserklärung von einem 8-jährigen Kind. Ich war wohl kaum 19 und wusste nicht einmal dass ich ein "e" am Ende der Wörter aussprach. Ich hatte damals erst ein Jahr Französisch gelernt.
*
Es ist schön nochmals ein Mail von dir zu erhalten. Irgendwie fühlte ich fast, dass noch eins kommen würde. Kannst du das verstehen? Und am Anfang formulierst du dich so lustig, dass ich wieder ganz verzaubert bin. Ich liebe deine Reflexionen.
Ja, natürlich ist es ein anderes Bild von dir, das ich gesehen habe. Ich wusste nicht, dass du noch ein grosses Bild kopiert hast. Und ich sehe natürlich ein, dass deine künstlerische Begabung ebenso gross sein muss, wie deine literarische. Ja, du musst schreiben, .... Und ich möchte deine Simone sein, die aufpasst dass du "natürlich" schreibst und dich nicht in ein "Muster" zwingst. Dein Buch sollte so geschrieben sein, wie deine Mails an mich. Ich würde gern ein Buch machen aus deinen schönen Mails. Aber weisst du, es sind schon tausende. Manchmal finde ich ein richtig altes und ich bin ganz fasziniert wenn ich es lese. Es tut fast weh.
*
Ich muss nun die Nachrichten ansehen. Man hat heute den Mörder von Anna Lindh festgenommen. Und weisst du, es hat schon jetzt in der NZZ gestanden. Das hat mich ein wenig überrascht. Übrigens soll er sich zeitweise in der Schweiz aufgehalten haben.
Wünsche dir Gute Nacht und einen schönen Tag morgen,
Marlena
Ich habe Apfelmus gekocht und bin dann ein paar Stunden bei M gewesen. Deshalb "voller Tag".
Politik again
den 16 september 15:20
Politik again
Liebe Marlena
Hier ein kurzer Zwischengruss. Gerade bin ich von Basel zurückgekommen. Ich hatte eine Sitzung mit meinen Leuten. Wir haben herrliches Herbstwetter, und man möchte am liebsten vor sich hin wandern und die Gedanken hinter sich am Boden nachziehen. Wie eine wunderbare farbenfrohe königliche Schleppe, die im Herbstlaub raschelt.
*
Was die Abstimmung betrifft, so hast Du bestimmt Deiner sozialen Stellung konform entschieden. Ich habe jüngst eine Untersuchung in der Schweiz gelesen (überflogen), die sozusagen eine Abstimmungsgeographie der Schweiz macht. Gewisse Wohnformen und Wohnregionen entsprechen bestimmten Mentalitäten, die wiederum in politischen Meinungen sich kundtun. Städtische Bevölkerung sind überdurchschnittlich häufig Singles, also gut ausgebildete und aufgeschlossene Leute. Konservative Leute sind, soweit materiell gut gestellt, eher Bewohner der Einfamilienhäuser im Grünen vor der Stadt und wählen mit Vorliebe SVP, dh. etwas fremdeiskeptisch, für law and order, und freundlich für begüterte Leute. Es war ganz interessant. Und im Fernsehen habe ich kurz eine Karte gesehen, wie Schweden betreffend Euro abgestimmt hat. Eigentlich nur Stockholm und im Süden ein kleiner Landstrich waren für die Einführung des Euro. Um die pointierte Folgerung aus meinen Beobachtungen zu ziehen, muss ich Dir sagen, Marlena: Du hast zwar richtig abgestimmt, Du lebst aber am falschen Ort. Als moderner Single mit guter Ausbildung müsstest Du in der Region Stockholm leben, dann könntest Du ungeniert mit dem Euro liebäugeln ;--) Aber wo Du heute lebst, halte Dich gefälligst an die gute alte Krone.
Ich glaue, die Schweden haben viele Aehnlichkeiten mit den Schweizern. Nur dass uns diese wunderschönen blauen Augen fehlen, die neben dem blonden Haar so markant zum Vorschein kommen!
Mit einem schönen Gruss
...
NYC u.a.m
den 16 september 08:21
Re: NYC u.a.m.
Liebe Marlena
Es gibt keinen Grund, meine Morgenmails zu beneiden. Es ist bestimmt um vieles besser, am Abend lyrische Mails schreiben zu können. Und ich erinnere mich mit Vergnügen an NY, wo ich abends zwischen 18h und 20.00h Uhr meinen kleinen Kaffee brauen und am Computer meine Mails schreiben konnte. Dazu habe ich literweise Wasser getrunken, denn es war sehr warm, und weil ich während des Tages etwas kurz gehalten war, habe ich abends zuhause alles nachgeholt. Es war wirklich sehr schön. Und das schönste dabei war, dass es kaum Zeitgrenzen gab. Ich meine, ich musste jeweils morgens erst um 10h im NLP Center sein. Und Abends war um 17.00 Uhr bereits Feierabend. Stell Dir ein solches Leben vo!. Man spaziert wirklich locker hinüber zum Boradway, geht noch eine halbe oder zwei Stunden in The Strand, diesen grossen Buchladen, wo die Exemplare tonnenweise herumliegen und an den Wänden bis zur Decke stehen. Dann vielleicht in der Abendsonne hinunter, an der gotischen Kirche vorbei, die irgendwie feierlich aussieht. Man hat gerade einen Teil renoviert, und er war eingerüstet. Dann hinüber auf die 4th Avenue, die einen ganz anderen Eindruck macht. Hier hatte man schon den Eindruck, in einer Kleinstadt - um nicht Dorf zu sagen - zu sein. Dort stand in der Nähe Astor Square, wo ich immer die Untergrund verliess, dieses grosse und hübsche Haus, von dem ich kürzlich im Fernsehen vernahm, dass es eine Architekturschule sei und Cooper Union heisst. Die Coopers waren in alten Zeiten einmal die Küfer, also jene Handwerker, welche die Holzfässer mit den Metallkufen hergestellt hatten. Dieses Haus war mir immer aufgefallen, als ich daran vorbeiging. Auf dem Stadtplan war es auch mit Cooper Union angeschrieben. Aber ich wusste natürlich nicht, dass es die Architekturschule New Yorks war, wo u.a. Liebeskind studiert hatte. Beim Astor Place trat man ins East Village ein. Dort, in der 8th Strasse, die eigentlich St Marks Place heisst, und in der 9th, wo ich wohnte, war abends so viel Leben. Es waren vor allem junge Leute, die dort herumwaren. Und das fing gleich nach Arbeitsschluss an. Sie hatten diese sog. "happy hour", während der man gleich nach der Arbeit seinen Drink zum halben Preis haben konnte.
---
Auch mit B hatte ich einige lustige Gespräche. Ich kannte ihn vorher kaum, nur seinen Vater, der mit mir zusammen im Club ist und lange Jahre Schulinspektor im Kanton gewesen war. B ist ein Musik-Freak. Und in seinem Büro mit dem Computer steht sehr viel Elektronisches herum. Es ist ein wirkliches elektronisches Laboratorium, und ich musste mir gut überlegen, wo ich jeweils meine Kaffeetasse abstellte. Aber ich glaube, wenn er mit diesen Apparaten heute arbeiten will, so sind sie nicht mehr auf dem neuesten Stand. B ist stolz, in NY zu leben. Und ich glaube, er hatte ziemlich harte Zeiten. Er erzählte mir, wie er den ersten New Yorker Winter überlebt hat, der so kalt war, dass er alle seine Pullovers und Jacken angezogen hatte, und immer wenn er wieder nach draussen ging, nochmals zurückkehrte, und nochmals etwas darüber anzog. Er kennt viele Leute dort im Village. Aber es sind viele davon kleine Leute, mindestens jene, die er mir vorgestellt hatte. Zwischendurch erzählte er auch von einigen bedeutenden, etwa Pippilotti Rist, jener berühmten jungen Schweizer Video-Künstlerin, die früher einmal mit Musik angefangen hatte.
Natürlich lag viel am schönen Wetter, dass New York für mich einen solch positiven Eindruck gemacht hat. Am letzten Sonntag konnte ich NY im Regen erleben. Und das war schon was anderes. Allerdings kann man sich bei solchem Wetter in die grossen Kaufhäuser und in die vielen Stockwerke verkriechen. Da lebt man dann in einer künstlichen Welt.
Du siehst, Marlena, ich könnte einen Roman schreiben über NY. Und ich möchte wieder hinfahren. Eine solche Reaktion hatte ich noch kaum bei einem Stadtbesuch. NY war mein zweiter Frühling.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...
PS: Diesmal hatte ich nicht mein Bild gemeint, das Du auf dem Foto siehst. Das ist eine allegorische Darstellung des Friedens von Rubens. Aber jenes, das ich hier gemeint hatte, ist eine Darstellung des Höllensturzes. Die Darstellung sovieler nackter Menschen, die so schön arrangiert - als ob sie in einer Filmszene wären - in die Tiefe stürzen, ist wirklich ein bisschen schauerlich. Das Bild ist sehr gross. Ich habe sonst kaum ein Bild von solchen Massen gemacht, etwa 2 x 1.5m.
Abonnieren
Posts (Atom)