(ungekürzt)
Ämne: Down Town heute
Datum: den 20 augusti
Liebe Marlena
Na
ja, wenn Odysseus einen Labtop gehabt haette, waere die Geschichte
nicht halb so melodramatisch herausgekommen. Stelle Dir vor, wie die
arme Penelope ihre Freier hingehalten hat, und das, obwohl sie nicht
wusste, ob und wann er kommt. Es ist die ewige Geschichte der Hausfrau,
die mit dem Nachtessen auf den Mann wartet, der einfach nicht von der
Arbeit loskommt. Mit Labtop wuerde sie vielleicht doch herausbekommen,
dass er drueben mit Circe in der Bar sitzt.
Ja, wir haben hier 6
Stunden Differenz. Aber mein Jetlag war eigentlich kaum spuerbar. Man
hatte mir gesagt, ich solle viel trinken. Und das tue ich unablaessig,
wenn ich hier bei meinen Bekannten bin. Und man soll am ersten Tag erst
um Mitternacht ins Bett. Auch das habe ich getan. Wir haben gestern noch
einen Spaziergang hier im East Village gemacht und die Bar besucht, die
sie jeden Abend besuchen. Sie kennen dort viele Leute und bekommen die
meisten Drinks gratis serviert, so dass sie bloss noch ein Trinkgeld
bezahlen. Ich habe bis 24h durchgestanden, obwohl von der Air Condition
her eine herbe Brise wehte. Und nachher hatte ich dann davon auch etwas
Kopfweh. Aber die Muedigkeit war staerker.
Heute habe ich Down Town
besucht. Das ist das Geldzentrum mit der Wallstreet, dem Ground Zero,
dem Finance Center, also eigentlich der unterste Zipfel der Insel. Man
sieht von dort schoen auf die Freiheitsstatue, die nicht muede wird, ihr
Corne mit Softice hoch zu halten. Ich bin mit der Ferry nach Staten
Island hinueber gefahren, um von dort eine schoene Sicht auf Manhattan
zu haben. Es war so, wie man es auf den Fotos sieht. Sie brauchen kaum
zu retouchieren - es sieht bei Sonnenuntergang einfach grandios aus.
Und als guter Katholik habe ich auch die Trinity Church besucht, die
gleich neben Ground Zero liegt. Sie ist ein neugotisches Kirchlein, wo
wir Europaer sofort uns zuhause fuehlen. Und auch das Kirchlein ist
wunderbar airconditioned. Und hinten, neben der Sakristei, gibt es auch
Erfrischungsraeume fuer uns Glaeubige. Ich habe mich ins Gaestebuch
eingeschrieben. Hinten, in der letzten Rubrik, wo man eine Mitteilung
eintragen konnte, kam ich ein bisschen in Verlegenheit. Und so dachte
ich, es wuerde einen sehr guten Eindruck machen, wenn ein Schweizer aus
der Schweiz "God save America" hinschreibt. Ich hoffe, die Amis werden
mir das nicht vergessen!
Es ist ziemlich warm in der Stadt, weil auch
die Luft feucht ist. Wenn ich Schweiss im Ruecken spuere, dann suche
ich eine von diesen riesigen Buchhandlungen. Sie sind nicht so kalt
conditioned wie andere Raeumlichkeiten, wahrscheinlich, weil sonst die
Buecher schimmeln wuerden. Bei angenehmer Fruelingstemperatur lese ich
dann ein oder zwei Kapitel aus Tolstois Krieg und Frieden. Dann bin ich
wieder auf Normaltemperatur. Es ist wirklich sehr angenehm. Und sie
haben riesige Ledersessel, dass man sich wie zuhause fuehlt.
Im
Finance Center habe ich einen Kaffee getrunken. Es gibt dort einen
schoenen Wintergarten mit 16 Palmen. Der Starbucks Kaffe wurde mir in
einem XL/Becher gereicht, gut ein Viertel Liter. Und dann stuelpen sie
ueber den Becher so einen Deckel, damit man wie ein Baby daran saugen
kann. In der Schweiz nennen wir sowas Schoppen. Ich musste das Gebraeu
allerdings in einem kleinen Laboratorium gleich neben der Theke noch
nachkorrigieren. Dazu habe ich reichlich Zucker und Milch beigegeben.
Es
gibt viele schoene Frauen in NY. Der Grossteil sind Latinas, also wohl
von Mittel/ und Suedamerika. Die Amerikanerinnen selbst sind nicht so
besonders, meist unelegant und etwas massig. Aber ein paar sind dann, um
den Duchschnitt zu heben, wirklich Klasse. Ich war abends noch rasch in
den Central Park gefahren. Dort hat ein Zeichner mit Kohle eine junge
Frau portraetiert. Und natuerlich hat sich hinter seinem Ruecken eine
Traube gebildet. Ich glaube, es waren zwei Schwedinnen, die neben mir
standen. Sie waren jung, huebsch und und unschuldig, also suess. Der
Zeichner hat ueberigens seine Kohle mit dem Pinsel aufgetragen. Ich
glaube, er mischt Kohlestaub mit einer Fluessigkeit, vielleicht
Terpentin. Und dann kann er damit arbeiten wie mit Schuhwichse. Er hat
das Gesicht gut getroffen, nach meinem Geschmack einfach zu sehr sich
mit kleinen Nuancen und Details beschaeftigt. Aber die Leute moegen es
ja, wenn das Bild fotoaehnlich rauskommt.
Ich hatte mir eigentlich
vorgenommen, heute auch ab und zu ein bisschen zu zeichnen, oder
skizzieren. Aber es gab soviel zu sehen, ich habe das schlicht
vergessen. Und beim Sitzen war ich - wie gesagt - mit der Ueberdosis
Kaffee beschaeftigt.
Morgen will ich die Villages besuchen: Greenwich
Village, Eastern Village, SoHo. Das ist alles hier in der Naehe und
bildet den mittleren Teil Manhattans. Hier gibt es keine hohen Gebaeude,
sondern oft noch die alte Grundstruktur, also Backsteingebaeude mit
diesen Eisentreppen und Feuerleitern, wie man sie in den Filmen sieht.
Ueberigens erinnert mich die Strasse, in der ich wohne, an jene, die man
gleich anfangs im Film Mrs Dalloway sieht. Und mein Gastgeber hat mir
erzaehlt, dass diese 9th Street oft gesperrt bleibt, weil man Filme
dreht. Die Polizei habe eine eigene Abteilung, die damit beschaeftigt
ist.
*
Und Du bist buehnenhungrig, "schulgeil" wuerden wir hier -
etwas grob - vielleicht sagen. Das zu hoeren hat mir gefallen. Das zeigt
Deine Energie. Das ist "die Angst des Torwarts vor dem Elfmeter",
wuerde Handke es formulieren. Aber es ist doch gut, dass Du etwas zu tun
hast, was Dich in Schuss haelt, nicht wahr? Du bist ja doch eine
Vollblutlehrerin. Ich glaube, Du gehst in Deinem Beruf sehr gut auf. Und
das weisst Du auch, obwohl es - wie in jedem Job - einiges zu beklagen
und zu bemaengeln gibt.
*
So ist das doch ein ziemlich
ausfuehrliches Mail geworden. Das hatte ich eigentlich nicht geplant.
Aber meine Gastgeber sind auf Tour. Sie treffen sich mit ihren Freunden
in den Bars. Und so sitze ich hier allein in Bs. Arbeitszimmer und
trinke das Reservoir an Wasser im Kuehlschrank leer.
*
Ich wuensche Dir einen allerbesten Arbeitsanfang und eine gute Zeit.
Mit allerliebsten Gruessen aus der Ferne
...