10/1-2012
Dienstag, 10. Januar 2012
Sonntag, 8. Januar 2012
Re: Horoskop
6 January 2008 16:17
subject 2008
Lieber ...,
Auch ich habe ein Horoskop für das Jahr 2008 gesehen und natürlich auch das deine gelesen und gestaunt. Es ist doch wirklich für dich geschrieben. Meinst du nicht auch? :-)
Also schicke ich es dir mit Übersetzung.
Voilà!
Du kannst mit vielen spannende Begegnungen rechnen
Du sehnst dich nach neuer Inspiration und das ist gerade was du bekommst im Jahre 2008.
Es wird viele Milieuwechsel, kurze Reisen und spannende Begegnungen mit Menschen geben. Alte Vorurteile verschwinden und werden durch durchdachte Ansichten ersetzt.
Du wirst schreiben
mehr als gewöhnlich. Es können Einsender, Briefe oder Artikel sein – oder sogar ein Buch. Studien sind auch ein lohnendes Gebiet. Mache alle Kurse die du bekommen kannst. Versuche auch Vorträge in verschiedenen Themen zu hören.
Deine Kontakte mit Freunden, Geschwistern und Nachbarn funktionieren ausgezeichnet. Du wirst oft mit Generosität begegnet und dein Bekanntenkreis wächst. Es ist schmeichelhaft, wenn Menschen, die dich früher nicht einmal beachtet haben, nun plötzlich Umgang mit dir suchen.
Dagegen gefällt es dir nicht besonders in grossen Gruppen. Nimm nicht fordernde (schwierige?) Engagements in Vereinen an. Es führt leicht zu zu viel Verantwortung.
In der Verwandtschaft gibt es einige Unklarheiten. Du entdeckst, dass jemand unehrlich gewesen ist, und es gilt dies auf eine besonnene Weise zu handhaben. Setze nicht Himmel und Hölle in Bewegung, versuche stattdessen zu verstehen wie andere denken.
Deine Kontakte funktionieren am besten im Mai und Oktober.
********************
Ich grüsse dich lieb und wünsche dir alles Gute für den Wochenanfang.
Ks in Qs
subject 2008
Lieber ...,
Auch ich habe ein Horoskop für das Jahr 2008 gesehen und natürlich auch das deine gelesen und gestaunt. Es ist doch wirklich für dich geschrieben. Meinst du nicht auch? :-)
Also schicke ich es dir mit Übersetzung.
Voilà!
Du kannst mit vielen spannende Begegnungen rechnen
Du sehnst dich nach neuer Inspiration und das ist gerade was du bekommst im Jahre 2008.
Es wird viele Milieuwechsel, kurze Reisen und spannende Begegnungen mit Menschen geben. Alte Vorurteile verschwinden und werden durch durchdachte Ansichten ersetzt.
Du wirst schreiben
mehr als gewöhnlich. Es können Einsender, Briefe oder Artikel sein – oder sogar ein Buch. Studien sind auch ein lohnendes Gebiet. Mache alle Kurse die du bekommen kannst. Versuche auch Vorträge in verschiedenen Themen zu hören.
Deine Kontakte mit Freunden, Geschwistern und Nachbarn funktionieren ausgezeichnet. Du wirst oft mit Generosität begegnet und dein Bekanntenkreis wächst. Es ist schmeichelhaft, wenn Menschen, die dich früher nicht einmal beachtet haben, nun plötzlich Umgang mit dir suchen.
Dagegen gefällt es dir nicht besonders in grossen Gruppen. Nimm nicht fordernde (schwierige?) Engagements in Vereinen an. Es führt leicht zu zu viel Verantwortung.
In der Verwandtschaft gibt es einige Unklarheiten. Du entdeckst, dass jemand unehrlich gewesen ist, und es gilt dies auf eine besonnene Weise zu handhaben. Setze nicht Himmel und Hölle in Bewegung, versuche stattdessen zu verstehen wie andere denken.
Deine Kontakte funktionieren am besten im Mai und Oktober.
********************
Ich grüsse dich lieb und wünsche dir alles Gute für den Wochenanfang.
Ks in Qs
Horoskop
4 January 2008 19:29
subject Re: friday
Liebe Malou
Ich war krank in den letzten Tagen. Seit dem alten Jahr schon hatte ich diese Grippe mitgeschleppt, habe ständig Tee gesoffen und ein bisschen geschwitzt. Das sei, so sagt man, doch gut. Und heute nun bin ich eben zum Arzt gegangen, weil ich nicht wollte, dass alles noch auf die Lungen schlägt. ...
Und das gute an diesem Arztbesuch am Freitag Abend um 18h war ... du wirst es niemals erraten Malou. Im Wartezimmer habe ich diese Heftli angeschaut. Und in der Schweizer Illustrierten hat die Frau Bisset, eine bekannte und irgendwie engelschöne Horoskopistin, die Chancen fürs kommende Jahr vorausgeschaut. Ich habe bei den Skorpionen geschaut. Und dabei solltest du wissen, Malou, dass mein Arzt nicht nur auch ein Skorpion ist, sondern dass er gleich am gleichen Tag Geburtstag hat. ..
Nun aber dieses Horoskop von Frau Bisset, ich sage dir Malou, ich werde in 2008 alles überrunden und überholen und überfahren. Auch wenn ich nur 50% vom Horoskop glaube, es ist immer noch fantastisch. Noch 25% würden genügen, um blendend zu überleben. Alles wird exzellent laufen: Beruf, Karriere, Liebe, Gesundheit, Geld. Sie hat zwar Aussagen gemacht über die Quartale. So genau habe ich das alles natürlich nicht studiert. Aber alles in allem: beste Aussichten. Ich wollte dies dem Arzt in der Sprechstunde gleich unter die Nase reiben. Aber er war so trocken und ernst, dass ich es nicht wagte, so weit auszuholen mit meiner Krankheitsschilderung.
...
Ich habe deinen Christbaum gesehen. Er sieht sehr schön aus Malou. Er war der einzige Baum, den ich dieses Jahr gesehen habe. Nein, in Bern habe ich bei einer Einladung noch einen gesehen. Dessen Kerzen haben aber nicht gebrannt. Sonst sind wir eben in einem Alter, da man die Christbäume eher im Kopf als in der Stube brennen sieht.
Ich wünsche dir ein feines Wochenende Malou.
Liebe Gs und Ks
...
subject Re: friday
Liebe Malou
Ich war krank in den letzten Tagen. Seit dem alten Jahr schon hatte ich diese Grippe mitgeschleppt, habe ständig Tee gesoffen und ein bisschen geschwitzt. Das sei, so sagt man, doch gut. Und heute nun bin ich eben zum Arzt gegangen, weil ich nicht wollte, dass alles noch auf die Lungen schlägt. ...
Und das gute an diesem Arztbesuch am Freitag Abend um 18h war ... du wirst es niemals erraten Malou. Im Wartezimmer habe ich diese Heftli angeschaut. Und in der Schweizer Illustrierten hat die Frau Bisset, eine bekannte und irgendwie engelschöne Horoskopistin, die Chancen fürs kommende Jahr vorausgeschaut. Ich habe bei den Skorpionen geschaut. Und dabei solltest du wissen, Malou, dass mein Arzt nicht nur auch ein Skorpion ist, sondern dass er gleich am gleichen Tag Geburtstag hat. ..
Nun aber dieses Horoskop von Frau Bisset, ich sage dir Malou, ich werde in 2008 alles überrunden und überholen und überfahren. Auch wenn ich nur 50% vom Horoskop glaube, es ist immer noch fantastisch. Noch 25% würden genügen, um blendend zu überleben. Alles wird exzellent laufen: Beruf, Karriere, Liebe, Gesundheit, Geld. Sie hat zwar Aussagen gemacht über die Quartale. So genau habe ich das alles natürlich nicht studiert. Aber alles in allem: beste Aussichten. Ich wollte dies dem Arzt in der Sprechstunde gleich unter die Nase reiben. Aber er war so trocken und ernst, dass ich es nicht wagte, so weit auszuholen mit meiner Krankheitsschilderung.
...
Ich habe deinen Christbaum gesehen. Er sieht sehr schön aus Malou. Er war der einzige Baum, den ich dieses Jahr gesehen habe. Nein, in Bern habe ich bei einer Einladung noch einen gesehen. Dessen Kerzen haben aber nicht gebrannt. Sonst sind wir eben in einem Alter, da man die Christbäume eher im Kopf als in der Stube brennen sieht.
Ich wünsche dir ein feines Wochenende Malou.
Liebe Gs und Ks
...
Freitag, 6. Januar 2012
Vorsätze für das neue Jahr
Ämne : 2002 zum ersten!
Datum : Wed, 2 Jan 2002 09:37:08 +0100
Liebe Marlena
Lass mich diesen Tag mit einem kleinen Mail an Dich anfangen. Es ist nach so
vielen freien Tagen nicht einfach, ins Büro zurückzukehren. Man hat einen
kleinen Geschmack gekriegt, was man mit dem Leben alles Schöne anfangen
könnte, wenn man zuhause in der warmen Stube den eigenen Launen nur zu
folgen braucht. Und jetzt kommt man hier in diese Papierwüste und alles
liegt und steht und lümmelt herum wie noch in den letzten Dezembertagen.
Man weiss gar nicht, wo beginnen. Und irgendwie scheint das gute Jahr
2002, dieses Badewannenjahr, schon a priori zu kurz und zu knapp
bemessen. Was wird es uns alles bringen, dieses Jahr. Heute ist es noch
jungfräulich und optimistisch. Aber das ist vielleicht blosse Naivität! Was
wird daraus? Und wie schaffen wir die vielen Anforderungen, die da
kommen? Man könnte sich beruhigen, sich gut zureden und sagen, dass
wir eines nach dem anderen nehmen sollten, wie es kommt. Sicherlich ist
das eine gute Strategie. Aber wo bleibt dann die Übersicht? Wer, wie der
Beamte am Schalter, sich nur mit dem vordersten Kunden beschäftigt, der
Übersieht die langen Schlangen und der Ärger, der sich hinten aufstaut. Also
sollte man sich auch mit dem Gesamten beschäftigen. Und wenn man das
Ganze sieht, dann kriegt man leicht den Bergkoller.
*
Hast Du Dir irgendwelche Ziele vorgenommen für das Badewannenjahr,
Marlena? Ich meine, hast Du gute Vorsätze, wie sie die meisten Menschen
am Silvester formulieren, um sie an Neujahr mehr oder weniger wieder
vergessen zu haben?
Von den "niederen" Sünden hast Du keine, soweit ich in diesen Dingen
informiert bin. Du rauchst nicht, du trinkst nicht, du brauchst nicht
Gewicht zu verlieren, Du bist nicht unordentlich, Du verzettelst Dich nicht
in irgendwelchen zweitklassigen Dingen. Hast Du denn wenigstens eine
interessante Todsünde, die es wert wäre, mit einem guten Vorsatz bekämpft
zu werden? Vielleicht fluchst Du gelegentlich, was ich mir zwar kaum
vorstellen kann. Ach, ich kann mir bei Dir keine respektable Sünde wirklich
vorstellen. Die katholische Weltanschauung hat sich bei Dir wirklich gut
eingenistet und Dir einen geradezu tadellosen Lebenswandel aufgegeben.
Was mich betrifft, so bin ich voller Sünden, der hohen wie der niederen.
Allerdings kenne ich mich im Sündenregister schlecht aus. Ich kann die
hohen schlecht von den niederen unterscheiden. Ich meine, sie sind mir
alle so ähnlich und oft auch so wenig distanzierungswürdig. Und doch
versuche ich, altmodisch wie ich bin, mir ein paar gute Vorsätze aufzugeben.
Schau mal, Marlena, ich versuche sogar, sie zu nummerieren, um das
spezifische Gewicht etwas zu erhöhen. Sie sollen doch sinken, und nicht
gleich mit dem Wasser davonschwimmen. Sie sollen sinken und fast wie
ein Anker einen gewissen Halt geben, mindestens wie eine Koje einen Ort
markieren.
1. Ich will in diesem Badewannenjahr meine spirituelle Haltung wachsen
lassen. Das hört sich geheimnisvoll, wenn nicht gar pathetisch an, nicht
wahr? Damit meine ich vielleicht etwa folgendes: ich möchte mich in diesem
merkwürdigen Jahr 2002 nicht von all diesen kleinen alltäglichen Dingen
treiben lassen. Ich will unterscheiden, was wichtig und was nebensächlich
ist. Ich möchte mich auf die grossen Spielzüge konzentrieren, auf die
Strategien eigentlich, und auch meinen Mitmenschen diese Haltung
mitteilen. Nicht gleich auf jede Kleinigkeit stürzen. Nicht zu sehr in Eile.
Überlegt und heiter an die grösseren Dinge herangehen. Wissen, dass es -
neben dem kurzfristigen Misslingen - längerfristig immer auch noch
durchaus Gewinn und Erfolg gibt. Wissen, dass den Dingen Zeit zusteht,
dass sie Zeit brauchen. Wissen, dass sich vieles selbst in Wohlgefallen auflöst.
Nichts ist mir so zuwider wie eine sture, unflexible und engstirnige
Haltung. Ich glaube nicht, dass ich viel davon an mir hätte. Und dennoch
möchte ich noch weiter davon weg kommen. Ich möchte grosszügig denken
und fühlen. Ich möchte gerade auch gegenüber jüngeren Menschen und
Mitarbeitern ein grosszügiges Wohlwollen in sie und ihre Geschäfte investieren.
Eigentlich möchte ich philosophisch leben. Ich möchte wie die alten
Milesier und Pythagoreer das Denken auf mein alltägliches Leben wenden
und mit meinem Stil zeigen, dass es einen umfassenderen Horizont gibt als
den bloss alltäglichen. Ich will zeigen, dass ich meine Absichten mit Macht
in mir selbst unterstützen kann, wie es die Sophisten vorgelebt haben. Ich
will wie Sokrates erfahren lassen, dass Kontakt und Dialog mit anderen
Menschen viele Dinge in ein Licht der Selbstverständlichkeit und der
Lösbarkeit taucht.
Natürlich will ich mit Aristoteles auch meine Klugheit ausbilden und in
freundschaftlichem Verhältnis zu den Dingen entscheiden. So irgendwie hat
sich doch auch Rilke geäussert? Ich will bessere Freundschaften entwickeln.
Das ist wohl eines der wichtigsten Elemente des schönen Lebens, wie Du es
immer wieder andeutest. Ich will, wie die Kyniker, an mir arbeiten, mich
in den Äusserlichkeiten des Lebens beschränken und damit eine
Selbstmächtigkeit erreichen, die mich von Abhängigkeiten löst. Aber ich
will bestimmt nicht ohne Lust leben. Nein, ich will mit Epikur meine Lüste
klug und gut wählen und mit einer gewissen Sparsamkeit geniessen. Die
Dosierung macht den Gewinn, vor allem der Verzicht, der Aufschub, die
Mässigung. Auch sogar Unlust kann spätere Lust erhöhen, deshalb darf
man sie nicht bloss anklagen. Ich will wie die Stoiker meine Seele nicht zu
sehr von jenen Gedanken und Ereignissen befallen lassen, die ich nicht in
eigener Hand habe. Die Wahl meiner Vorstellungen macht frei gegenüber
den widerlichen Stürmen des Lebens.
Ich will - vielleicht wie Michel de Montaigne - das Leben als
experimentellen Weg sehen, und mich von eigenen Erfahrungen und
Überlegungen führen lassen. Ich will mich diesem Experimentum in vivo
bewusst und immer wieder aussetzen, um mich selbst voll zu machen von
Leben. Aber ich will, bei alledem, auch skeptisch bleiben gegenüber dem
Wissen, gegenüber Begriffen und gegenüber der Gegenwart, wie es mir ja
Marlena immer wieder signalisiert. Es gibt keine Regeln, es gibt keine
Rezepte. Es gibt letztlich nur so etwas wie die Plausibilität. Das ist ein
lustiges Wort, kommt vom Lateinischen PLAUDO, PLAUSI, PLAUSUM
was "klatschend schlagen, stampfen", dann soviel wie "Beifall klatschen,
Beifall spenden" meint. Plausibilität ist - nach meinem Verständnis - eine
generelle Zustimmung, das Gute und das Schöne in einem. Plausiblität heisst
dann so viel wie Zustimmungswürdigkeit. Wir sagen auch Bejahung, also
eine allgemeine affirmative Haltung. Erst diese Affirmation macht ja doch
aus dem Leben das Leben.
*
Ach, Du siehst, meine guten Vorsätze sind etwas schwerfällig und kommen
daher wie eine lange Kolonne vor dem Schalter des Beamten. Aber sie sind
ja doch nur Aspekte des einen und alles. Vielleicht ist das erste und
grundsätzliche wirklich das Allgemeine. Das Grosse. Im Allgemeinen gehen
all die kleinen Dinge auf und finden sich wieder. Rilke ist immer so schön
und allgemein, dass er uns, wie mit einer grossen transparenten Schleppe,
mit sich und seiner Plausiblitität nimmt.
*
Mittlerweile ist es schon bald 0900h. Der Tea Room gegenüber ist
geschlossen. An der Kurve, der zweite Tea Room, ist auch ohne Licht.
Vielleicht habe ich mich im Datum vertan? Vielleicht ist heute noch ein
Feiertag, und niemand geht zur Arbeit? Es gibt auch wenig Menschen auf der
Strasse. Wahrscheinlich liegen die meisten noch im Bett und strecken sich in
der wohligen Wärme aus. Doch gegenüber, auf zwei Stöcken, brennen in den
Büros die Lichter. Und den Pfarrer Christ habe ich auch vorbei gehen sehen.
Er geht bestimmt nicht einen Schoppen trinken zu dieser Stunde, sondern in
sein Büro hier in der Nähe. Ich werde mir rasch ein kleines Frühstück holen
und schauen, ob die übrigen Geschäfte offen sind. Gegenüber am
Wasserturmplatz ist die grosse Drogerie durchaus offen und bietet wie eh
und je Alka Seltzer an für alle, die vom Silvester her noch etwas Kopfsausen
haben.
*
In der Tat, nicht alle Läden sind heute offen. Und viele Büros geschlossen.
Ich denke, auch die Verwaltung hat eigentlich noch einen freien Tag.
Kein Mensch geht an diesen Tagen irgendwelche Formulare holen oder
Beschwerden anbringen. Nein, ich glaube, ich kann mir hier einen wirklich
gemütlichen Vormittag machen. Und das schöne, kalte Wetter unterstützt
mich in meinem Vorhaben.
Ich wünsche Dir einen ebenso gemütlichen und lockeren Vormittag, um die
guten Vorsätze wirklich mittels Nägeln mit Köpfen im Alltag zu installieren.
Mit einem lieben und schönen ersten Gruss aus der Doppelwanne
...
Datum : Wed, 2 Jan 2002 09:37:08 +0100
Liebe Marlena
Lass mich diesen Tag mit einem kleinen Mail an Dich anfangen. Es ist nach so
vielen freien Tagen nicht einfach, ins Büro zurückzukehren. Man hat einen
kleinen Geschmack gekriegt, was man mit dem Leben alles Schöne anfangen
könnte, wenn man zuhause in der warmen Stube den eigenen Launen nur zu
folgen braucht. Und jetzt kommt man hier in diese Papierwüste und alles
liegt und steht und lümmelt herum wie noch in den letzten Dezembertagen.
Man weiss gar nicht, wo beginnen. Und irgendwie scheint das gute Jahr
2002, dieses Badewannenjahr, schon a priori zu kurz und zu knapp
bemessen. Was wird es uns alles bringen, dieses Jahr. Heute ist es noch
jungfräulich und optimistisch. Aber das ist vielleicht blosse Naivität! Was
wird daraus? Und wie schaffen wir die vielen Anforderungen, die da
kommen? Man könnte sich beruhigen, sich gut zureden und sagen, dass
wir eines nach dem anderen nehmen sollten, wie es kommt. Sicherlich ist
das eine gute Strategie. Aber wo bleibt dann die Übersicht? Wer, wie der
Beamte am Schalter, sich nur mit dem vordersten Kunden beschäftigt, der
Übersieht die langen Schlangen und der Ärger, der sich hinten aufstaut. Also
sollte man sich auch mit dem Gesamten beschäftigen. Und wenn man das
Ganze sieht, dann kriegt man leicht den Bergkoller.
*
Hast Du Dir irgendwelche Ziele vorgenommen für das Badewannenjahr,
Marlena? Ich meine, hast Du gute Vorsätze, wie sie die meisten Menschen
am Silvester formulieren, um sie an Neujahr mehr oder weniger wieder
vergessen zu haben?
Von den "niederen" Sünden hast Du keine, soweit ich in diesen Dingen
informiert bin. Du rauchst nicht, du trinkst nicht, du brauchst nicht
Gewicht zu verlieren, Du bist nicht unordentlich, Du verzettelst Dich nicht
in irgendwelchen zweitklassigen Dingen. Hast Du denn wenigstens eine
interessante Todsünde, die es wert wäre, mit einem guten Vorsatz bekämpft
zu werden? Vielleicht fluchst Du gelegentlich, was ich mir zwar kaum
vorstellen kann. Ach, ich kann mir bei Dir keine respektable Sünde wirklich
vorstellen. Die katholische Weltanschauung hat sich bei Dir wirklich gut
eingenistet und Dir einen geradezu tadellosen Lebenswandel aufgegeben.
Was mich betrifft, so bin ich voller Sünden, der hohen wie der niederen.
Allerdings kenne ich mich im Sündenregister schlecht aus. Ich kann die
hohen schlecht von den niederen unterscheiden. Ich meine, sie sind mir
alle so ähnlich und oft auch so wenig distanzierungswürdig. Und doch
versuche ich, altmodisch wie ich bin, mir ein paar gute Vorsätze aufzugeben.
Schau mal, Marlena, ich versuche sogar, sie zu nummerieren, um das
spezifische Gewicht etwas zu erhöhen. Sie sollen doch sinken, und nicht
gleich mit dem Wasser davonschwimmen. Sie sollen sinken und fast wie
ein Anker einen gewissen Halt geben, mindestens wie eine Koje einen Ort
markieren.
1. Ich will in diesem Badewannenjahr meine spirituelle Haltung wachsen
lassen. Das hört sich geheimnisvoll, wenn nicht gar pathetisch an, nicht
wahr? Damit meine ich vielleicht etwa folgendes: ich möchte mich in diesem
merkwürdigen Jahr 2002 nicht von all diesen kleinen alltäglichen Dingen
treiben lassen. Ich will unterscheiden, was wichtig und was nebensächlich
ist. Ich möchte mich auf die grossen Spielzüge konzentrieren, auf die
Strategien eigentlich, und auch meinen Mitmenschen diese Haltung
mitteilen. Nicht gleich auf jede Kleinigkeit stürzen. Nicht zu sehr in Eile.
Überlegt und heiter an die grösseren Dinge herangehen. Wissen, dass es -
neben dem kurzfristigen Misslingen - längerfristig immer auch noch
durchaus Gewinn und Erfolg gibt. Wissen, dass den Dingen Zeit zusteht,
dass sie Zeit brauchen. Wissen, dass sich vieles selbst in Wohlgefallen auflöst.
Nichts ist mir so zuwider wie eine sture, unflexible und engstirnige
Haltung. Ich glaube nicht, dass ich viel davon an mir hätte. Und dennoch
möchte ich noch weiter davon weg kommen. Ich möchte grosszügig denken
und fühlen. Ich möchte gerade auch gegenüber jüngeren Menschen und
Mitarbeitern ein grosszügiges Wohlwollen in sie und ihre Geschäfte investieren.
Eigentlich möchte ich philosophisch leben. Ich möchte wie die alten
Milesier und Pythagoreer das Denken auf mein alltägliches Leben wenden
und mit meinem Stil zeigen, dass es einen umfassenderen Horizont gibt als
den bloss alltäglichen. Ich will zeigen, dass ich meine Absichten mit Macht
in mir selbst unterstützen kann, wie es die Sophisten vorgelebt haben. Ich
will wie Sokrates erfahren lassen, dass Kontakt und Dialog mit anderen
Menschen viele Dinge in ein Licht der Selbstverständlichkeit und der
Lösbarkeit taucht.
Natürlich will ich mit Aristoteles auch meine Klugheit ausbilden und in
freundschaftlichem Verhältnis zu den Dingen entscheiden. So irgendwie hat
sich doch auch Rilke geäussert? Ich will bessere Freundschaften entwickeln.
Das ist wohl eines der wichtigsten Elemente des schönen Lebens, wie Du es
immer wieder andeutest. Ich will, wie die Kyniker, an mir arbeiten, mich
in den Äusserlichkeiten des Lebens beschränken und damit eine
Selbstmächtigkeit erreichen, die mich von Abhängigkeiten löst. Aber ich
will bestimmt nicht ohne Lust leben. Nein, ich will mit Epikur meine Lüste
klug und gut wählen und mit einer gewissen Sparsamkeit geniessen. Die
Dosierung macht den Gewinn, vor allem der Verzicht, der Aufschub, die
Mässigung. Auch sogar Unlust kann spätere Lust erhöhen, deshalb darf
man sie nicht bloss anklagen. Ich will wie die Stoiker meine Seele nicht zu
sehr von jenen Gedanken und Ereignissen befallen lassen, die ich nicht in
eigener Hand habe. Die Wahl meiner Vorstellungen macht frei gegenüber
den widerlichen Stürmen des Lebens.
Ich will - vielleicht wie Michel de Montaigne - das Leben als
experimentellen Weg sehen, und mich von eigenen Erfahrungen und
Überlegungen führen lassen. Ich will mich diesem Experimentum in vivo
bewusst und immer wieder aussetzen, um mich selbst voll zu machen von
Leben. Aber ich will, bei alledem, auch skeptisch bleiben gegenüber dem
Wissen, gegenüber Begriffen und gegenüber der Gegenwart, wie es mir ja
Marlena immer wieder signalisiert. Es gibt keine Regeln, es gibt keine
Rezepte. Es gibt letztlich nur so etwas wie die Plausibilität. Das ist ein
lustiges Wort, kommt vom Lateinischen PLAUDO, PLAUSI, PLAUSUM
was "klatschend schlagen, stampfen", dann soviel wie "Beifall klatschen,
Beifall spenden" meint. Plausibilität ist - nach meinem Verständnis - eine
generelle Zustimmung, das Gute und das Schöne in einem. Plausiblität heisst
dann so viel wie Zustimmungswürdigkeit. Wir sagen auch Bejahung, also
eine allgemeine affirmative Haltung. Erst diese Affirmation macht ja doch
aus dem Leben das Leben.
*
Ach, Du siehst, meine guten Vorsätze sind etwas schwerfällig und kommen
daher wie eine lange Kolonne vor dem Schalter des Beamten. Aber sie sind
ja doch nur Aspekte des einen und alles. Vielleicht ist das erste und
grundsätzliche wirklich das Allgemeine. Das Grosse. Im Allgemeinen gehen
all die kleinen Dinge auf und finden sich wieder. Rilke ist immer so schön
und allgemein, dass er uns, wie mit einer grossen transparenten Schleppe,
mit sich und seiner Plausiblitität nimmt.
*
Mittlerweile ist es schon bald 0900h. Der Tea Room gegenüber ist
geschlossen. An der Kurve, der zweite Tea Room, ist auch ohne Licht.
Vielleicht habe ich mich im Datum vertan? Vielleicht ist heute noch ein
Feiertag, und niemand geht zur Arbeit? Es gibt auch wenig Menschen auf der
Strasse. Wahrscheinlich liegen die meisten noch im Bett und strecken sich in
der wohligen Wärme aus. Doch gegenüber, auf zwei Stöcken, brennen in den
Büros die Lichter. Und den Pfarrer Christ habe ich auch vorbei gehen sehen.
Er geht bestimmt nicht einen Schoppen trinken zu dieser Stunde, sondern in
sein Büro hier in der Nähe. Ich werde mir rasch ein kleines Frühstück holen
und schauen, ob die übrigen Geschäfte offen sind. Gegenüber am
Wasserturmplatz ist die grosse Drogerie durchaus offen und bietet wie eh
und je Alka Seltzer an für alle, die vom Silvester her noch etwas Kopfsausen
haben.
*
In der Tat, nicht alle Läden sind heute offen. Und viele Büros geschlossen.
Ich denke, auch die Verwaltung hat eigentlich noch einen freien Tag.
Kein Mensch geht an diesen Tagen irgendwelche Formulare holen oder
Beschwerden anbringen. Nein, ich glaube, ich kann mir hier einen wirklich
gemütlichen Vormittag machen. Und das schöne, kalte Wetter unterstützt
mich in meinem Vorhaben.
Ich wünsche Dir einen ebenso gemütlichen und lockeren Vormittag, um die
guten Vorsätze wirklich mittels Nägeln mit Köpfen im Alltag zu installieren.
Mit einem lieben und schönen ersten Gruss aus der Doppelwanne
...
Ärzte
Ämne : Re: Here again and again
Datum : Sat, 05 Jan 2002 14:19:49 +0000
Liebe Marlena
Ach nein, ein Gespräch mit einem Arzt, das ist für mich kein besonderes Kompliment, obwohl ich sehr gut weiss, wie Du es meinst. Ich habe jetzt einige Ärzte kennengelernt, die wenig Ahnung haben. Aus meiner Klasse am Gymnasium sind 14 von 40 Schülern Arzt geworden. Und es sind nicht so viele darunter, zu denen ich in Behandlung möchte.
Ärzte sind Techniker geworden. Sie wissen alles über das Ohr, die Nase, das Auge. Aber vom Menschen haben sie keine blasse Ahnung. Und vor allem sind sie Unternehmer geworden, die von der Krankheit leben, gut leben. Sie leben nicht von der Gesundheit, das haben sie längst bemerkt.
Nein, ich will Dir nicht allen Mut nehmen. Aber man kann diese wichtigen Dinge, wie es die eigene Gesundheit nun mal ist, nicht den Ärzten überlassen, man muss sie selbst in die Hand nehmen. Das habe ich in den letzten zwei oder drei Jahren bemerkt.
Und Du denkst, die Alternativen sind nicht seriös. Sind es denn die Klassischen, wenn sie nichts erreichen? Man sagt doch, dass an die 50% des Effektes Placebo-Wirkungen sind. Und bei chronischen Beschwerden sind die Alternativen nicht nur die einzige Rettung, nein, sie kennen sich da sicherlich auch besonders gut aus.
...
Datum : Sat, 05 Jan 2002 14:19:49 +0000
Liebe Marlena
Ach nein, ein Gespräch mit einem Arzt, das ist für mich kein besonderes Kompliment, obwohl ich sehr gut weiss, wie Du es meinst. Ich habe jetzt einige Ärzte kennengelernt, die wenig Ahnung haben. Aus meiner Klasse am Gymnasium sind 14 von 40 Schülern Arzt geworden. Und es sind nicht so viele darunter, zu denen ich in Behandlung möchte.
Ärzte sind Techniker geworden. Sie wissen alles über das Ohr, die Nase, das Auge. Aber vom Menschen haben sie keine blasse Ahnung. Und vor allem sind sie Unternehmer geworden, die von der Krankheit leben, gut leben. Sie leben nicht von der Gesundheit, das haben sie längst bemerkt.
Nein, ich will Dir nicht allen Mut nehmen. Aber man kann diese wichtigen Dinge, wie es die eigene Gesundheit nun mal ist, nicht den Ärzten überlassen, man muss sie selbst in die Hand nehmen. Das habe ich in den letzten zwei oder drei Jahren bemerkt.
Und Du denkst, die Alternativen sind nicht seriös. Sind es denn die Klassischen, wenn sie nichts erreichen? Man sagt doch, dass an die 50% des Effektes Placebo-Wirkungen sind. Und bei chronischen Beschwerden sind die Alternativen nicht nur die einzige Rettung, nein, sie kennen sich da sicherlich auch besonders gut aus.
...
Mittwoch, 4. Januar 2012
Weiss nicht was...
Ämne: Weiss nicht was...
Datum: den 4 januari
Lieber ...,
Es ist Mittwoch Abend. Ein ganz stiller Abend an dem wir uns alle ausruhen. Anna sitzt unten am PC und macht irgendetwas Privates bei dem ich nicht stören darf. K sieht sich eine Sendung im Fernsehen an und ich habe ein bisschen Zeit vertrödelt hier oben am PC. Nun, vertrödelt ist vielleicht nicht das beste Wort. Es ist eine Art von ausruhen wenn man nur so planlos tut was einem gerade einfällt. Ja, ich habe noch zwei Wochentage frei. Die Gedanken an die Arbeit sind zwar schon wieder in meinem Kopf aber ich versuche sie noch eine Zeit von mir fern zu halten.
Um mich herum sieht es schön aus. Keine Berge von Papieren die mich stressen wenn ich sie liegen sehe (ich habe sie nämlich ganz einfach in ein anderes Zimmer getragen wo ich sie nicht ständig sehen muss ;-). Bald muss ich sie sowieso wieder hervorholen.
Vor mir auf dem PC-Möbel steht ein Becher aus Keramik. Ich habe meine Bleistifte hineingesteckt. Vielleicht ist es das Geschenk über das ich mich am meisten gefreut habe. Er trägt ein paar chinesische Zeichen und fühlt sich so herrlich weich an dass ich es nicht sein lassen kann ihn ab und zu anzufassen. Nun, was ich eigentlich sagen wollte. Wir schenken uns nicht so viel zu Weihnachten, aber wir haben bei uns die Sitte zu jedem Paket einen kleinen Reim zu schreiben mit dessen Hilfe man eventuell erraten kann was drin ist. Auf diesem kleinen Päckchen von Anna stand:
”Serietillverkad kann man tycka,
kanske ändå bringar lycka.”
(=Serieerzeugt kann man denken, bringt aber vielleicht trotzdem Glück). Moment, ich erkläre es dir: Also, jeden Tag nach der Schule koche ich Mittagessen für uns beide. Es ist Fleisch oder Fisch mit verschiedenen Zutaten. Eben ein richtiges Essen. (Ich glaube in Deutschland isst man meistens nur Brot oder etwas aufgewärmtes am Abend). Manchmal wenn ich spät und hungrig nach Hause komme nach einer Konferenz und zu müde oder zu faul bin um zu kochen mache ich nur eine Suppe mit chinesischen Nudeln. Das braucht nur ein paar Minuten. Irgendwo in einem Roman hatte ich einmal gelesen dass man in China den verschiedenen Zutaten besondere Eigenschaften verleiht. Das eine bringt Glück, das andere Erfolg u.s.w. und man wählt die verschiedenen Zutaten mit grosser Sorgfalt aus. Wenn wir also dieses frugale Süppchen zu uns nehmen dann schlürfen wir in Gedanken ein wenig Glück und es wird wie eine kleine geheime Zeremonie daraus an die sich Anna vielleicht später im Leben mit Freude erinnern wird (wie mir ihr Geschenk andeutete :-)
*
Es tut mir leid, dass ich dich vor Weihnachten mit meinem Stress belästigt habe. Es war schon eine schlimme Zeit. Am Tag nach den Klassengesprächen ging der Direktor in die Klasse (so erzählte mir eine erschreckte Kuratorin später) und wollte hören wie es abgelaufen sei und die Klasse hat ihn gebeten ”abzuhauen”, vielleicht nicht gerade mit diesem Wort aber in dem Sinn. Sag, könnte sowas in der Schweiz passieren? ... und ich dachte dass er mir ein wenig leid tat, denn eine Schule ist ein miniertes Feld für einen neuen Direktor...
*
Es ist spät gewoden und ich schreibe dir morgen weiter.
Gute Nacht, chéri!
*
Donnerstag 4/1-01
Ich habe gerade dein kleines Mail gesehen und es macht mich traurig. Traurig weil ich dich froh und glücklich sehen möchte und weil ich mich ganz machtlos fühle. Ich hatte gehofft du würdest sagen: Schreib mir an die andere Adresse, ein Mail würde mich freuen. Aber du sagst etwas ganz anderes. Du hast recht mit dem was du von der Mailerei sagst. Man kann falsch verstehen. Das Wort ”brutal” war ein wenig im Scherz gesagt.
Weisst du .., eigentlich glaube ich dass du Kummer hast von dem du nicht sprechen willst und ich wage nicht zu fragen. Vielleicht tust du es später einmal von selbst. Es gibt Dinge über die man nicht so leicht sprechen kann. Das weiss ich sehr gut, Dinge von denen man hofft dass sie nicht existieren solange man sie nicht bei Namen nennt. Und darum schweige ich auch manchmal obwohl mein grösster Wunsch ist dass ich jemandem meine Sorgen anvertrauen könnte.
Dies ist ein ganz anderes Mail geworden als ich beabsichtigt hatte. Es sollte ursprünglich eine Art Tagebuch sein über die letzten Wochen aber ich bin vor Weihnachten hängengeblieben. Ich werde weiterschreiben wenn ich wieder etwas froher gestimmt bin.
Bis dahin: Kopf hoch, Schatz! Alles Schwere geht vorüber. Und du hast mir doch einmal gesagt: Gott gibt jedem nur so viel Leid wie er ihm zumutet tragen zu können. So war es doch. Ich denke manchmal an diese Worte aber gleichzeitig denke ich auch dass er mich ein wenig überschätzt haben muss.
Bis nächstes mal
alles Liebe und Gute
Marlena
Datum: den 4 januari
Lieber ...,
Es ist Mittwoch Abend. Ein ganz stiller Abend an dem wir uns alle ausruhen. Anna sitzt unten am PC und macht irgendetwas Privates bei dem ich nicht stören darf. K sieht sich eine Sendung im Fernsehen an und ich habe ein bisschen Zeit vertrödelt hier oben am PC. Nun, vertrödelt ist vielleicht nicht das beste Wort. Es ist eine Art von ausruhen wenn man nur so planlos tut was einem gerade einfällt. Ja, ich habe noch zwei Wochentage frei. Die Gedanken an die Arbeit sind zwar schon wieder in meinem Kopf aber ich versuche sie noch eine Zeit von mir fern zu halten.
Um mich herum sieht es schön aus. Keine Berge von Papieren die mich stressen wenn ich sie liegen sehe (ich habe sie nämlich ganz einfach in ein anderes Zimmer getragen wo ich sie nicht ständig sehen muss ;-). Bald muss ich sie sowieso wieder hervorholen.
Vor mir auf dem PC-Möbel steht ein Becher aus Keramik. Ich habe meine Bleistifte hineingesteckt. Vielleicht ist es das Geschenk über das ich mich am meisten gefreut habe. Er trägt ein paar chinesische Zeichen und fühlt sich so herrlich weich an dass ich es nicht sein lassen kann ihn ab und zu anzufassen. Nun, was ich eigentlich sagen wollte. Wir schenken uns nicht so viel zu Weihnachten, aber wir haben bei uns die Sitte zu jedem Paket einen kleinen Reim zu schreiben mit dessen Hilfe man eventuell erraten kann was drin ist. Auf diesem kleinen Päckchen von Anna stand:
”Serietillverkad kann man tycka,
kanske ändå bringar lycka.”
(=Serieerzeugt kann man denken, bringt aber vielleicht trotzdem Glück). Moment, ich erkläre es dir: Also, jeden Tag nach der Schule koche ich Mittagessen für uns beide. Es ist Fleisch oder Fisch mit verschiedenen Zutaten. Eben ein richtiges Essen. (Ich glaube in Deutschland isst man meistens nur Brot oder etwas aufgewärmtes am Abend). Manchmal wenn ich spät und hungrig nach Hause komme nach einer Konferenz und zu müde oder zu faul bin um zu kochen mache ich nur eine Suppe mit chinesischen Nudeln. Das braucht nur ein paar Minuten. Irgendwo in einem Roman hatte ich einmal gelesen dass man in China den verschiedenen Zutaten besondere Eigenschaften verleiht. Das eine bringt Glück, das andere Erfolg u.s.w. und man wählt die verschiedenen Zutaten mit grosser Sorgfalt aus. Wenn wir also dieses frugale Süppchen zu uns nehmen dann schlürfen wir in Gedanken ein wenig Glück und es wird wie eine kleine geheime Zeremonie daraus an die sich Anna vielleicht später im Leben mit Freude erinnern wird (wie mir ihr Geschenk andeutete :-)
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Es tut mir leid, dass ich dich vor Weihnachten mit meinem Stress belästigt habe. Es war schon eine schlimme Zeit. Am Tag nach den Klassengesprächen ging der Direktor in die Klasse (so erzählte mir eine erschreckte Kuratorin später) und wollte hören wie es abgelaufen sei und die Klasse hat ihn gebeten ”abzuhauen”, vielleicht nicht gerade mit diesem Wort aber in dem Sinn. Sag, könnte sowas in der Schweiz passieren? ... und ich dachte dass er mir ein wenig leid tat, denn eine Schule ist ein miniertes Feld für einen neuen Direktor...
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Es ist spät gewoden und ich schreibe dir morgen weiter.
Gute Nacht, chéri!
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Donnerstag 4/1-01
Ich habe gerade dein kleines Mail gesehen und es macht mich traurig. Traurig weil ich dich froh und glücklich sehen möchte und weil ich mich ganz machtlos fühle. Ich hatte gehofft du würdest sagen: Schreib mir an die andere Adresse, ein Mail würde mich freuen. Aber du sagst etwas ganz anderes. Du hast recht mit dem was du von der Mailerei sagst. Man kann falsch verstehen. Das Wort ”brutal” war ein wenig im Scherz gesagt.
Weisst du .., eigentlich glaube ich dass du Kummer hast von dem du nicht sprechen willst und ich wage nicht zu fragen. Vielleicht tust du es später einmal von selbst. Es gibt Dinge über die man nicht so leicht sprechen kann. Das weiss ich sehr gut, Dinge von denen man hofft dass sie nicht existieren solange man sie nicht bei Namen nennt. Und darum schweige ich auch manchmal obwohl mein grösster Wunsch ist dass ich jemandem meine Sorgen anvertrauen könnte.
Dies ist ein ganz anderes Mail geworden als ich beabsichtigt hatte. Es sollte ursprünglich eine Art Tagebuch sein über die letzten Wochen aber ich bin vor Weihnachten hängengeblieben. Ich werde weiterschreiben wenn ich wieder etwas froher gestimmt bin.
Bis dahin: Kopf hoch, Schatz! Alles Schwere geht vorüber. Und du hast mir doch einmal gesagt: Gott gibt jedem nur so viel Leid wie er ihm zumutet tragen zu können. So war es doch. Ich denke manchmal an diese Worte aber gleichzeitig denke ich auch dass er mich ein wenig überschätzt haben muss.
Bis nächstes mal
alles Liebe und Gute
Marlena
Montag, 2. Januar 2012
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