Donnerstag, 27. Oktober 2011

Brig heute und damals

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Brig heute...                       Foto: Chris

Ämne : Brigue
Datum : Sat, 16 Feb 2002 13:02:17 +0100


Liebe Marlena
...
Aber das Bänklein auf dem Bahnhof in Brig habe ich gestern besucht. Ich
habe mir wirklich einen Tag frei genommen und bin ins Wallis gefahren. Das
war erfrischend und eine gute Abwechslung. Ich habe schon um 6h das Haus
verlassen und bin um ca. 9h aus dem Bahnhof von Brig getreten und habe
mit kritischem Blick den trüben und fürs Wallis untypisch regnerischen
Himmel gemustert. Das Glishorn gegenüber lag bis zur Hälfte im Nebel.
Vielleicht weißt Du das als Flachländerin nicht so genau. Berge sind
wunderbar und fantasietreibend. Sie gestalten als Panoramas wunderbare
Helle, aber auch blaudunkle Schatten. Doch bei Regen und Nebel verwandelt
sich die Gebirgslandschaft in eine enge Kartonschachtel. Links eine Wand,
rechts eine Wand, vorne eine Wand, hinten eine Wand und oben eben ein
nebliger, tropfnasser Deckel über den Schädel. Dann ist es ein wenig wie
Kaninchenhaltung im Wallis und die Leute kommen sich noch näher, als sie
es bei himmelblauem Wetter schon sind.

Kurz und gut: es war ein trüber, durchschnittlicher Freitag und die
Menschen eilten in ihren Angelegenheiten dahin, als ob nichts wäre.
Ich hatte meine Kamera mitgenommen, aber bei trübem Wetter ist es
wirklich nicht leicht, ansprechende Sujets zu finden. Ich bummelte die
Bahnhofstrasse hinauf. Vor einigen Jahren gab es ja in Brig eine riesige
Überschwemmung, so dass der halbe Fluss die Bahnhofstrasse herunter-
gewalzt ist. Nun haben sie viel neu gemacht, die Strasse gepflästert, vom
Verkehr mehr oder weniger befreit, die Geschäfte erneuert. Die Katastrophe
war ein einziges Wirtschaftsimpulsprogramm für die Oberwalliser
Metropole. Und, ich muss sagen, es hat sich zu Brigs Vorteil gewandelt.
Ich kann Dir jetzt nicht erzählen, was alles ich vermisst habe, weil es in
meiner Erinnerung immer noch vorhanden ist. Es würde kein Ende nehmen.
Und es ist immer ein wenig schmerzhaft und auch verletzend festzustellen,
dass sie soviel geändert und verändert haben, ohne mich, den Besitzer der
Erinnerungen, vorher zu fragen. Sie setzen mich damit ins Unrecht. Das
finde ich einfach rüchsichtslos.

... und damals
Ich bin den ganzen Weg hinaufgegangen bis zur Kirche. Die Bahnhofstrasse
endet heute im Stadtplatz, was früher eine blosse Kreuzung war. Dort hat das
Hotel Couronne heute eine grosse Gartenwirtschaft. Links ist das Café
Ganter, dass damls neu eröffnet hatte. Auf der anderen Seite das Londres,
mit der etwas düsteren Bar. Das kleine Gärtchen, wo früher im Sommer
Tische standen, fehlt. Sogar den Brunnen vor der Sebastianskapelle zur
Erinnerung an Chavez, den ersten Überflieger des Simplons, haben sie
verschoben. Er steht heute vor dem neuen Geschäft "Zur Stadt Paris",
was es damals noch nicht gegeben hatte.

Überigens ist mir dabei in den Sinn gekommen, wie Christoph, ein anderer
Schulkollege, beinahe seine Schulmappe verloren und damit seine
Schulkarriere riskiert hatte. Es war wohl einer der Abende, da wir
kurzentschlossen ein Käsefondue essen wollten. Christoph dachte, er sei
sehr erfinderisch, als er seine Mappe - deren physische Belastung er für ein
paar Stunden abschütteln wollte - einfach in der Kapelle deponierte. Nun ja,
man hätte doch davon ausgehen können, dass sich der heilige Sebastian ein
Stündchen Zeit nimmt und ein Auge auf das Ding hält. Aber er tat es nicht.
Am nächsten Morgen, als wir übrigen die Sache längst vergessen hatten,
meldete Christoph uns den Verlust seiner Mappe. Wenn ich mich richtig
erinnere, machte er sich während einiger Tage erhebliche Sorgen, bis das
mittlerweile ausserordentlich wertvolle Ding wieder hervorkam.
Wahrscheinlich gab ihm dieses glückliche Ereignis soviel Mut und
Zuversicht, dass er später in kürzester Zeit Zahnmedizin studiert und
abgeschlossen und geheiratet hat und in die Unsichtbarkeit seiner Praxis
verschwunden ist.
Und dann bin ich die steilere Burgschaft hinaufgestiegen, eine enge
altmodisch gepflästerte Strasse, die einstmals die alte Simplonstrasse war.
Der Wegenerplatz, der bei der Katastrophe nicht tangiert war, sieht heute
immer noch ziemlich alt und da und dort etwas ungefplegt aus. Ich meine
damit natürlich die Häuser rundum, etwa, das Restaurant, wo mein Kollege
Werner das Mittagessen einzunehmen pflegte. Doch das Wegenerhaus selbst
ist immer noch stattlich und opulent, wie eh und je. Und das Restaurant
De la Place, in welches unser künstlerischer Zeichnungslehrer immer gleich
auf dem Heimweg von der Schule einbog, um sich für den Rest des Tages
eine gute Laune anzutrinken, ist noch immer geöffnet. Nach dem grossen
und altehrwürdigen Wegenerplatz kommt ein kleines Plätzchen, fast ein Hof,
wo man den Polizeiposten erreichen kann. Er ist noch haargenau wie vor 50
Jahren. Und auch die Vespasienne, das kleine Pissoir, das ich noch nie unter
Benutzung gesehen hatte. Ich glaube nicht, dass irgend jemand im Ernst je
angenommen hat, man könne dieses komische Ding überhaupt benutzen.
Vielleicht von ein paar Trunkebolden mit Überdruck zu fortgeschrittener,
nächtlicher Stunde mal abgesehen. Dann kommt rechts das
Stockalperschloss, die grosse Sehenswürdigkeit der Stadt. Der Hof hat
mich wieder beeindruckt. Er stellt sich dar wie jene Karawanserei in Persien,
die heute ein Erstklasshotel beherbergt. Doch das Briger Schloss ist höher
gebaut und etwas enger in seinen Ausmassen. Aber es ist ein wunderschöner
und imposanter Bau aus der Barockzeit.

Und schliesslich ging ich die letzte Strecke hinauf, vorbei am Marienheim,
welches heute restauriert dasteht, vorbei an der Antoniuskapelle, in deren
Vorplatz früher eine stattliche Trauerweide gestanden hat. Und dann
verzweigt sich der Weg. Geradeaus gingen damals die Mädchen des
Pensionates, um in der Klosterkirche der Morgenmesse beizuwohnen.
Wir Burschen stiegen links hinauf die letzten Meter zum Kollegium.
Heute wird dort oben viel gebaut. Es sieht alles sehr provisorisch und
unordentlich aus. Diese Situation habe ich mirnicht allzu genau angeschaut.
Das war nichts besonders Schönes. Ich bin dann nach links zur Kirche
gegangen, von wo man einen schönen Ausblick auf die Stadt hinunter hat.
Man sieht von dort auch das Tal hinunter, zwischen den Türmen des
Stockalperschlosses hindurch und direkt auf Visp und die Schlüsselacker,
also jenes Rebgelände, welches auf dem Bild, das Du mir gezeigt hast,
im Vordergrund liegt.
Ach, es war wirklich ein ganz gewöhnlicher, trüber Wochentag und man
sieht dabei, wieviel sich verändert, wenn man selbst nicht ständig zum
Rechten sieht.
Ich war auch noch in Visp und in Sion. Aber das waren eher kurze Ausflüge.
Vier gute Stunden verbrachte ich in Brig. Und es gab einige Personen, die
ich gekannt habe, mindestens vom Sehen her.

In der langen Fahrt hin und zurück habe ich mit schönster Regelmässigkeit
gewechselt zwischen einem angenehmen, leicht vibrierten Schlummer und
der Biografie von Peter Ustinov (eigentlich Peter Alexander, wenn man es
genau nimmt). Ich mag ihn sehr und ich finde ihn einen klugen, sehr
generalistischen Mann mit vielen Begabungen und einer fantastischen
humanistischen Substanz, ganz abgesehen, dass er auch noch in der Schweiz
wohnt und unter seinen Ururgrossvätern auch ein Schweizer figurierte.
Aber er war etwas pummelig in seiner Jugend - ach was, ist er heute noch -
und war sehr unsportlich, was dann natürlich in einem englischen Internat
gewissermassen zum Handicap ausartete. Man sieht es seinem Gesicht heute
noch an, dass er irgendwie früher gelitten hatte. Aber er hat sich blendend
entwickelt, und heute, mit 80 Jahren, ist er ein echter Lebenskünstler
geworden. Er hat einen gewissen englischen Touch, obwohl er originally
Russe war, allerdings mit einer wirklich weitverzweigten und quer über
Europa zersprenkelten Familie. Wenn man seinen Angaben glauben will,
hat er seine Substanz von Mutter, einer Enkelin eines russischen Offiziers
aus St. Petersburg. Er hat sie sehr bewundert in ihrem Grossmut und ihrer
Lebensübersicht. Der arme Kerl war - nota bene - Einzelkind.
Ustinov also hat mich die ungefähren 6 Stunden beschäftigt, und ich bin
ganz begeistert von seiner Lebensklugheit und seiner Schreibweise. Er
macht manchmal etwas lange Sätze, was - wenn der Eisenbahnwagen über
Weichen rollt - sehr hinderlich sein kann, weil man dann ständig aus den
Buchstabengeleisen des Büchleins springt und drei- oder viermal
dieselben Formulierungen liest.

Ich wünsche Dir und Euch allen einen schönen Sonntag.
Mit Liebe
...

unsere Dido

aus
Haustiere und andere Menschen
...
Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu bringen, hatten wir einen Hund. Weil ich ja mein Leben lang immer gerne einen Hund haben wollte, war meine Frau nach langem hin und her und Diskussion und Zweifeln bereit, einen Hund in die Wohnung aufzunehmen. Er sollte aber nur im Gang bleiben. In Persien hat man die Hunde absolut nicht im Haus. Man denkt sie bringen Schmutz und Krankheiten und weiss Gott was alles. Also kauften wir eines Tages einen kleinen, jungen roten Cocker Spaniel. Er war ein richtiges Kind, wedelte mit dem Schwanz, wie sonst kein Wesen auf der Welt wirklich wedeln kann. Und er war die Treue selbst. Wir nannten ihn Dido, nach der griechischen Göttin, die - wenn ich mich recht erinnere - mit Aeneas irgend ein Techtelmechtel gehabt hatte. Doch davon hatte unsere Dido keine Ahnung. Sie war wie ein Kind, freute sich, wenn man nach Hause kam, gab schmerzerfüllte sehnsüchtige Laute von sich, wenn man weg war. Sie liess in der ganzen Umgebung Liebe und Haare verströmen. Meine Frau musste sich immer wieder neu überwinden. Und wann Dido auf der Schwelle zur Stube lag und zu mir hinüberäugte, mit diesem treuherzigen Hundeblick, so fand ich uns absolut barbarisch und unmenschlich, diesem armen Hund die Stube zu verbieten. Dido hatte den grossen Vorteil, dass sie täglich mehrmals an die frische Luft musste. Und wir mussten natürlich mit. Das war ziemlich gesund und bei schönem Wetter auch ganz ok. Nur wenn es regnete, dann war es schon mühsam. Die schlimmste Variante war abends vor dem zu Bett gehen, wenn es regnete. Da sollte ich also mit unserer Dido noch rasch hinaus, damit sie ihr Geschäft erledigen konnte. Ich ging also hinunter und öffnete die Haustüre. Ich forderte die kleine Hündin auf, jetzt rasch in den Garten zu verschwinden, um das Ding zu erledigen. Ich schaute zum Himmel, wie es regnete und Dido schaute zum Himmel, wie es regnete. Sie konnte sich einfach nicht entschliessen, ihr kostbares Fell zu nässen. Und so kehrten wir beide unverrichteter Dinge wieder nach oben. Ich hatte immer angenommen, dass sie schon selbst wissen müsste, ob sie pinkeln muss oder nicht. Ich wollte sie sozusagen antiautoritär erziehen. Und sie hat wirklich nie in die Wohnung gepinkelt. Sie hätte sich damit den ewigen Groll meiner S. zugezogen. Und soweit wollte sie es nun wirklich nicht kommen lassen.
Allerdings gehorchte Dido ziemlich gut. Auf Spaziergängen hatte ich meistens den Hosensack voller Hundekuchen. Und wenn ich pfiff, durch die Finger, so dass es durch Mark und Bein ging, dann pflegte Dido daher zu düsen wie die Feuerwehr mit Blaulicht. Sie schaute weder links noch rechts und kam in Windeseile, um ihren Kuchen abzuholen. Von der Lernpsychologie wusste ich, dass man "intermittierend" verstärken soll. Das hiess, nicht jedes Mal wirklich einen Kuchen zu geben. Ein leichter Frustrationspegel war also durchaus nützlich, alles andere war Verzärtelung. Und so war ich stolz, dass unsere Dido in dieser Hinsicht wirklich sehr zuverlässig gehorchte. Erst als meine Frau schwanger war, haben wir Dido einer Bekannten, die sich schon lange einen Hund gewünscht hatte, verschenkt. Meine S. war überzeugt, dass ein kleines Baby und ein Hund sich in derselben Wohnung niemals vertragen würden. Und sie malte die schlimmsten Bilder an die Wand, wie frustrierte Hunde, die sich plötzlich wegen eines Neugeborenen vernachlässigt fühlen, kleine Babies anzufallen und brutal zu Tode beissen pflegen. Ganz abgesehen davon, dass der Schmutz und die Haare in der Wohnung für ein Kind, das noch auf dem Boden herum kriecht, absolut Gift sind, Krankheiten und Infektionen heraufbeschwören wird. So haben wir denn unsere Dido abgegeben, mit ihren treuen Augen und dem rotbraunen Fell, und den langen Ohren, die sie - wenn sie mit ihrer Nase schnuppernd dahinfegte - stets leicht auf dem Boden mitzog. Sie war ein süsser kleiner Hund, und treu, wie sonst kein Mensch treu sein kann. Und nicht so klein, als dass ihr das Hündische gefehlt hätte.

Ach, darwinistisch gesprochen sind die Tiere unsere Geschwister, die jüngeren im Grunde genommen, weil noch nicht so kompliziert und bösartig wie wir. Sie sind unsere Schwestern und Brüder, Basen und Vetter, Nichten und Neffen der Schöpfung. Und sie sind, dass muss man ihnen jederzeit zugestehen, meistens hoch anständig.
Mit einem lieben Gruss
...

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Zürich anno dazumal

Ämne : Freitag abends ...
Datum : Fri, 5 Oct 2001 17:20:06 +0200

Liebe Marlena
Soeben habe ich eine gute Seite geschrieben, und jetzt ist alles dahin.
Wohin weiss ich nicht. Es ist eben nicht mehr hier. Ich hatte es in einen
Zwischenspeicher aufgenommen, um dann ins Mail hinüber zu giessen. Und als
ich den Text einfügen wollte, kam ein völlig anderer hervor. Ich verstehe
einfach diese Machinen nicht recht. Ich meine, sie sprechen auch kein
anständiges Deutsch, sie sagen nichts, sie geben kein Zeichen, sie murren
nicht, sie weinen nicht. Wie könnte ich also? Sie sind im Grunde höchst
zweifelhafte Wesen.
*
Ich hatte Dir dort gesagt, dass Du recht hast mit der Bemerkung, ich müsse
meinem Namen alle Ehre antun. Natürlich muss ich das. Ich würde das
natürlich gerne mit einem zwinkernden Auge machen. Denn was ich so über die
Schweiz sage, ist sehr gesättigt mit Klischees. Aber Du hast recht, die
Schweiz ist ein Juwel. Sie stellt in der Tat die Kronjuwelen Europas dar!!
Und alle Amerikaner und Japaner, die sich sosehr durch Juwelen beeindrucken
lassen, kommen her und schauen sie an und fotografieren sie mit den Kühen im
Vordergrund.
Und Du sagst, Du hättest dieses Juwel nie gesehen, weil Du auf einen
Bekannten Rücksicht nehmen musstest? Ich staune immer wieder, auf wieviel
Frauen Rücksicht nehmen müssen. Ich glaube, das macht sie so intelligent und
lebensklug, diese Rundumsicht der Dinge. Wir Männer nehmen nicht bloss keine
Rücksicht, sondern wir denken schon gar nicht daran, dass man nehmen könnte
oder müsste. Es entgeht uns so die ganze Welt der Rücksicht, die ganze
rücksichtige Hemisphäre.
Nun ja, immerhin bist Du doch einen halben Tag die Zürcher Bahnhofstrasse
auf- und abgegangen und hast Dich ein wenig gelangweilt. Und auf dem
Bauschänzli in der Limmat hast Du einen Drink genommen, nicht wahr? Von dort
habe ich mal in meinen jungen Jahren ein Bild gemalt, Limmat abwärts, mit
den beiden Münstern, dem Stadthaus und dem alten Bad im Vordergrund. Vor
allem dieses Bad hat es mir angetan. Es war eine Holzkonstruktion, auf dem
Wasser schwimmend, wenn ich mich nicht irre, und bestimmt noch
geschlechtergetrennt. Wunderbar und geheimnisvoll also. Und hellbeige
bemalt und von den Möwen verschissen. Und auf der anderen Seite liegt gleich
das Restaurant Elite. Dort ging ich in den ersten Jahren meiner Zürcher
Jahre oft ein und aus. Das Elite war damals schwer im Trend mit seiner
Mischung aus Eleganz und Nachlässigkeit. Es gab dort kleine Tische rundum
mit einer alles verbindenden Bank. Und es gab gut arrangierte Tellermenues
am Stamstag Abend, etwa ein Rumpsteak mit Pommes und einer gebackenen
Tomate. Und dann ein Café. Und vor allem gab es viele junge und trendige
Leute und einige ältere, Künstlertypen, Schwätzer und Exhibitionisten.
Einige spielten stundenlang Schach. Man konnte im Elite mit Leichtigkeit mit
den Nachbarn ins Gespräch kommen, indem man versehentlich kein Feuer bei
sich hatte, um die Gauloise zu entflammen. Und im Sommer gab es Tische auf
der Strasse, so dass man den Gehsteig und die Limmat überblicken konnte.
Aber das war nicht meine Sache. Ich zog es vor, drinnen meinen Espresso zu
nehmen und vielleicht mit Mark oder Othmar, oder meinetwegen mit Claudine
und Moo den Film zu diskutieren, der nebenan gerade gespielt worden war.
Damals liefen diese hübschen französischen Filme mit der Deneuve, mit Michel
Piccoli und diesen Athleten.
Gegenüber lag das Hechtplatztheater, wo ich an einem sonnigen Sonntag Morgen
Ernst Bloch mit seinen riesengrossen Händen und der dicken Hornbrille
referieren sah. Ich habe nicht viel verstanden zwischen den ältlichen Damen
und Herren, die da herumsassen, aber er hat mir mächtig Eindruck gemacht.
Ich sehe noch heute diese imposanten Hände, mit denen er in der Luft herum
fuchtelte. Man konnte sich kaum vorstellen, dass er bloss mit Büchern zu tun
hatte. Er hätte einen guten Waldarbeiter abgegeben.
Und weiter vorne lag dann ja das Odéon, von dem ich Dir sicher schon erzählt
hatte, jenes Café im Wienerstil, in dem die Hälfte der europäischen
Prominenz den zweiten Weltkrieg überlebt hat. Es war der Treffpunkt der
Emigranten gewesen, die sich in Zürich zurückgezogen hatten. Darunter viele
Künstler, die oben am Heimplatz im Schaupsielhaus spielten. War das nicht
das letzte deutschsprachige und freie Theater?
Ach, Zürich, wie komme ich denn plötzlich nach Zürich? Es war nach meiner
Zeit im provinziellen Wallis die grosse Welt. Und ich fühlte mich verloren
unter all den Mengen von Leuten, und gleichzeitig war es aufregend und in
Zeiten der wilden 68er geradezu schweisstreibend. Zürich war meine erste
Liebe. Und Du weißt, wie beschwerlich die erste Liebe sein kann, wenn man
noch keine Erfahrungen hat, wenn man erstmals im Leben und erregt vorsichtig
nach erogenen Zonen abtastet und besonders gespannt auf den ersten Höhepunkt
hin arbeitet.

Ja, ich komme etwas vom Thema ab.

Jetzt habe ich Feierabend. Ich muss noch meine Mappe packen und dann geht es
ab auf die Eisenbahn. Ich bin es gar nicht mehr gewohnt, so pünktlich zu
sein. Das ist wirklich sehr hart. Man muss praktisch mitten im Satz stoppen.
Und trotzdem wird es immer knapp und nur mit grossen Schritten schafft man
es dann, den Zug noch zu erreichen. Denn, neben all den juwelenartigen
Dingern hier sind die Eisenbahnen zu allem Üeberfluss auch noch pünktlich.
Es ist wirklich kaum zu ertragen!

Mit einem schönen Gruss fürs Wochenende
...

Dienstag, 25. Oktober 2011

Blick durchs Fenster

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am Fotoautomaten

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Liebe Marlena
...

Ich muss dich warnen, echt! Heute morgen habe ich an diesem Fotoautomaten ein paar Bilder geknipst, dh. die Maschine macht das ja selbst. Du fühlst dich wie in einer Selbstschiessanlage an der deutschen Zonengrenze in der DDR. Es blitzt aus dem Hinterhalt, wenn du gar nicht bereit bist. Du bist nie bereit, wenn auf dich geschossen wird. Und dann wundern sich die Leute, wenn sie ein bisschen erschreckt aussehen auf dem kleinen miserablen und schwarzweissen Passbild. Man kann sich fragen, ob sie dich mit einem solchen Bild überhaupt über die Grenze lassen. Wahrscheinlicher ist, dass sie dich verhaften an der Grenze, weil du wirklich sehr verdächtig und schuldbewusst aussiehst. Es ist wirklich nicht so wie dein Passbild, Marlena, das ein Bild von einem Fachmann zu sein scheint. Und wo du so locker und unschuldig dreinschaust, mit deinen lieben Augen und dem sinnlichen Mund. Diese Kombination allein packt mich schon. Aber das habe ich dir schon gesagt.

Also, ich hab ein paar Bilder schiessen lassen, mit diesem hinterhältigen Maschinengewehr, wo man bei jedem Schuss zusammenschreckt. Und ich habe mir für dich was Spezielles ausgedacht. Ich habe gedacht, ich möchte, dass du mich siehst, wie ich dich in Rom auf dem Leonardo da Vinci-Flughafen abholen würde. Also mit Borsalino, wie in einem Fellini Film. Manchmal spinne ich einfach ein bisschen, da musst du ein Auge zudrücken, meine Liebe. Ich finde einfach, man muss das Leben ein bisschen stilisieren, ab und zu, ein kleines Akzentlein setzen. Ich kann dir später gerne noch ein ganz normales und langweiliges Foto schicken. Aber zunächst mit dem Borsalino. Ich sehe darin aus wie ein Mafia Mitglied aus dem mittleren Kader. Mafia Boss würde ich jetzt nicht sagen, da müsste ich noch ein bisschen verhärmter aussehen und eine schwarze Brille tragen. Aber doch aus der Mitte, dem man noch nicht das ganze Verbrechen ansieht. Ich will dich natürlich im Moment nur neugierig machen. Das Foto muss zuerst ins Labor zu Walter, der wird es in komplizierten Prozeduren zurück in mein Box senden, und dann erst ist es soweit. Vielleicht reicht es noch, bevor du in die Ferien gehst.
...

Also, ich schicke dir diese Post, meine liebste blutrote Freundin. Ich wünsche dir nochmals einen schönen Tag. Und vergiss mich nicht, ich bitte dich.

Montag, 24. Oktober 2011

mein Traum

"Nachempfindung von Rubens' Höllensturz"

den 10 september 2003 08:23
Re: frühmorgens

Liebe Marlena
Du bist doch ein Mensch von praktischem Format. Du bist zufrieden, wenn Du Gras gemäht und Pflaumenkuchen bereit hast. Du stützest Dich auf handfeste Dinge, auf sichtbare Resultate. Du wärst glücklich und zufrieden, Dich im RL einzurichten. Ich glaube, Du lebst vor allem von der sinnlichen Welt: Natur, Menschen, Blumen. Nicht wahr? Na ja, das geht uns allen wohl mehr oder weniger ähnlich.

Aber ich habe gemeint, Ronda sei eher für das VL, weil man dort oben kaum 14 Tage - nachdem man die Frau entführt hat - wirklich froh und zufrieden leben könnte. Ronda ist ein abstrakter Traum, und Hemingway hat es auch ein bisschen so gemeint. Na ja, vielleicht war er selbst ein bisschen ein abstrakter Typ, der irgendwo auf dieser Welt sich in Handgemenge einlassen konnte. Abstrakt würde dabei heissen, dass es keine Rolle spielt, wo und wofür.

Nein, ich spiele kein Golf. Ich habe mich damals mit dem starken Gedanken getragen, anzufangen. Und es hätte nicht viel gefehlt, dass ich wirklich in einen Club eingetreten wäre. Das war die Zeit, als ich noch mit dem Bon von 10 Schnupperstunden herumgegangen bin. Aber heute bin ich ein abgeklärter After-Golfer. Ich habe überigens eine gute - psychoanalytische - Definition, was Golf sei, wenn es denn jemand unbedingt wissen wollte: Golf ist der sublimierte libidinöse Triebwunsch, den Ball ins Loch zu bringen. Na ja, vielleicht ist das wirklich nur für einen Psychoanalytiker lustig. Sofern ein solcher überhaupt zum Lachen zu bringen wäre.

Du hast also Städtewünsche? Und wenn die Reisebüros heute jede Menge Städtereisen auf den Markt werfen, liegen sie bei Dir richtig. Und den grössten Wunsch hast Du Dir immer noch nicht erfüllt. Ich kann mir schon denken, in welche Richtung er geht. Und ich wünsche Dir, dass er sich erfüllen möge. Du weisst doch, Marlena, dass Wünsche, wenn man sie sich wirklich und von tiefstem Herzen wünscht, auch erfüllt werden. Wenn das nicht geschieht, dann ist man vielleicht ambivalent. Man will und gleichzeitig will man auch nicht. Wir sind ja solche Wundergeschöpfe, die sowas können. Solches sind Operationen, die man in der Mathematik mit +/- bezeichnen würde. Aber das trifft auch nicht zu. Dort heisst es entweder oder, hier bei uns heisst es zugleich + und - . Sowas Kompliziertes kann wahrscheinlich nur unser Kopf. Wenn man wirklich das Herz fragen würde, wäre es immer entweder eindeutig ja oder eindeutig nein.
Ich glaube, ich habe auch Städtewünsche. Aber es sind für mich nicht so grosse Wünsche, dass sie sozusagen lebensentscheidend wären. Ich würde auch gerne Madrid sehen. Ich würde- wie ich schon gesagt habe - gerne 2 Jahre in Isfahan leben. Auch in Rom wollte ich eine längere Zeit sein. Und mit Wien könnte ich mich sofort auch einverstanden erklären. Ich glaube nicht, dass Rom so gross ist, dass man es sich für die Ewigkeit aufheben sollte. Das Zentrum Roms ist klein. Es gibt zwar eine Unmenge zu sehen. Aber es ist nicht wirklich gross. Und das finde ich schön. In 14 Tagen kennt man sich schon gut aus.
Ich würde am liebsten meine Existenz verwandeln. Du weisst, mein Traum ist irgendwie eine Kombination von Porträtist und psychologischem Berater. Leute kommen, weil sie irgendwie mit irgendwelchen Problemen oder Lebensfragen nicht zurande kommen. Und ich diagnostiziere sie sozusagen in einem Porträt. Und die Dauer des Porträtierens ist gleichzeitig die Beratung. Sie ist keine so gezielte Sache, sondern ein produktiver Prozess, der sich einfach aus dieser Situation ergibt. Ich will niemandem etwas aus- oder einreden. Ich will - so könnte man es vielleicht sagen - jemanden erkennen, wie er wirklich im tiefen Inneren ist. Und das wird ihm gleichzeitig helfen, seinen Weg im fraglichen Problem zu finden. Natürlich stelle ich mir vor der Staffelei nicht kleine Penner und Nichtsnutze vor, sondern durchaus respektable Leute mit respektablen Problemen. Na ja, entweder muss die Person, oder es muss das Problem respektabel sein. Es gibt ja Menschen, die glauben, sich mit Hilfe eines respektablen Problems zu einem respektablen Menschen hinaufarbeiten zu können. Sie wollen am Problem in die Höhe klettern. Aber sowas lasse ich auch gelten.

Du siehst, mein Traum geht in die Richtung von Magie. Wenn ich das könnte, würde ich vielleicht auch Hypnosen anbieten. Aber das kann ich nicht wirklich. Und vielleicht wäre es auch ein bisschen zu zauberisch.
Überigens würde ich auch gerne noch einmal Moskau sehen. Wir waren mal dort während eines Tages. Aber damals war man als Tourist nicht frei. Und alles schien mehr oder weniger kontrolliert und verschlossen. Ich würde auch gerne in die russische Provinz reisen, dh. in Dörfer, die noch so sind wie im 18. Jahrhundert. Dort könnte man in der Tat in die Vergangenheit reisen.
Aber ich glaube, Städte sind für mich kleine Träumereien, nicht wirklich Träume. Mein Traum: Ich würde gerne ein Buch schreiben oder einige Bilder machen, mit denen ich zufrieden wäre. Ich glaube , dass es wunderbar ist, wenn man später solche Dinge wieder hervornehmen und geniessen kann. Ich merke das bei den Bildern, die ich vor etwa 20 Jahren gemalt habe. Ich schaue sie anders an als damals. Damals hatte ich sie zu kritisch betrachtet, hatte überall Dinge und Stellen gesehen, die man hätte besser malen können. Aber heute nehme ich sie einfach so, wie sie sind. Und sie sind durchaus geniessbar. Und sie zeigen mir eine Welt, die mir damals wichtig gewesen ist. Im Vergleich zu jener Zeit vor 20 Jahren würde ich heute mehr das VL betonen. Ich meine, in diesen alten Bildern war mir wichtig gewesen, die Dinge so zu malen, wie sie sind. Ich habe zum Beispiel einige kleine Bilder, die Situationen im Wallis zeigen. Es sind Stimmungsbilder. Sie erinnern mich an den Sommer im Wallis. Heute würde ich vielleicht eher meine Fantasien, meine Ideen, meine Innenwelt darstellen, und mich dabei weniger nach der äusseren, sichtbaren Realität richten.

Habe ich Dir erzählt von meinem grossen Bild 'Höllensturz'? Na ja, es ist eine Nachempfindung - so würden die Leute heute sagen - eine Nachempfindung von Rubens' Höllensturz. Auf dem Bild stürzen Hunderte von nackten Menschen und unglücklichen, wohl irgendwie schuldigen Kreaturen durch graue Wolkengebilde und blaue Wolkenfenster hindurch in die Tiefe. Es ist eine bodenlose Situation. Man weiss wirklich nicht, wo sie schliesslich landen werden. Und dabei versuchen einige dieser Sünder, sich an sehr weltlichen Dingen festzuklammern, an einem Lampenschirm, an Tüchtern, an Papieren usw. Sie schaffen neben soviel Fleisch einige Farbtupfer im Bild. Und durch das ganze Bild weht ein steifer Wind. Man sieht das an den Körpern, deren Dynamik sich als grosse Bewegung durchs Gewölk zieht. Die menschlichen Leiber wirken wie abgefallene Blätter im Herbstwind.
Die Komposition hat mir damals sehr gefallen. Und ich habe tagelang an der Komposition der Wolken gearbeitet. Das war vielleicht das schwierigste. Es sieht auf dem Bild eher wie zufällig aus, aber es ist sehr viel Kalkulation dahinter.
Solche oder ähnliche Bilder würde ich gerne malen. Aber es fehlt mir ein bisschen die Zeit. Man muss da wochenlang dahinter sein, damit es vorwärts geht und damit man den Anschluss nicht verpasst. Denn wenn das Zeug mal trocken ist, ist es sehr schwer, wieder anzufangen. Die Farbpalette stimmt nicht mehr, und auch die Striche im Bild wirken plötzlich wie Fremdkörper. Es ist, wie wenn man eine alte Liebe wieder aufwärmen wollte.Das geht selten gut.
Das wäre ein Traum: selbstvergessen in irgend einem atelier-ähnlichen Raum tagelang zu werken, bei Musik, bei ab und zu einem Espresso. Früher hätte ich gesagt, bei einer Gauloise ab und an. Aber heute würde ich den Tabak mit einem kleinen Besuch einer Person eintauschen. Aber es wäre schön, wenn die Situation offen wäre, wenn also Leute zufällig oder gewollt vorbeikommen zu einem kleinen Schwatz oder zu einer längeren Unterhaltung. Das wäre schön.
Walter hat überigens ähnliche Fantasien. Er ist ja ein passionierter Bastler und kann alle möglichen elektrischen oder elektronischen Dinge flicken. Er spricht davon, eine offene Werkstatt zu führen, wohin Leute ihre kaputten Staubsauger, defekten Bügeleisen oder pfeiffenden Radios bringen können, damit er sie ihnen flicke. So wie ich ihn kenne, würde er es den Leuten überlassen, wieviel sie für die Reparatur bezahlten.
*
Elefanten mag ich auch. Ich liebe besonders Filme mit Menschenaffen. Ach, sowas mag ich sehr. Ich bin - da bin ich Dir ein Antipode - ein begeisterter Anhänger des Darwinismus. Und ich weiss, dass sich Euer Papst dazu überwunden hat, hinter mich in meine Reihe zu stehen. Na ja, er ist kein glühender Verehrer von Darwin. Aber er meint, respektive der Vatikan meint, es wäre eine ernst zu nehmende Hypothese. Ich finde, der Darwinismus ist eine gute Theorie, die mich immer wieder schwindeln lässt. Der Schwindel ist vielleicht ähnlich, wie in jenem rubens-ähnlichen Bild. Ach, Marlena, wie gerne würde ich Dir mal meine Dinge zeigen, an denen ich hänge: Bilder, Bücher, Ideen, Zeichnungen, Projekte, kleine und grössere Träumchen. Weshalb können wir das nie in jener sinnlichen und RL Form, in der es so schön und einsichtig wäre?
Wir bewegen uns - notgedrungen - immer auf dem abstrakten VL-Niveau von Ronda.

Ich wünsche Dir einen wundervollen Tag.
Mit lieben Grüssen

Sonntag, 23. Oktober 2011

Magst du Aperos?

...
Magst du Aperos, Marlena? Ach, ich mag sie sehr. Ich finde sie sind
der schönste Teil des Essens. Alles ist noch offen, alle Hoffnungen
berechtigt, alle Wünsche noch gewünscht. Und der Wein in den
leeren Magen macht die Menschen so rasch überraschend vergnügt
und gesprächslustig, wie sie sonst nur nach einem Lottogewinn - also
praktisch nie - werden. Alle sind noch wach und offen und bereit,
am Buffet zu kämpfen. Sie verteidigen die Salmbrötchen, oder sie
kämpfen sich zu den Artischocken-Herzen durch. Andere bauen vor
den Crevetten einen Verteidigungsring. Nur für die nature Brötchen
interessiert sich wieder einmal kein Schwein. Und wohin denn die
Olivensteine? Sie klopfen sich zwischen zwei grossen Bissen, die sie
kaum runterbringen, klopfen sie sich übertrieben vergnügt auf die
Schultern und versprechen sich hohe Summen, die schon bei der
Suppe wieder vergessen sind. Sie planen Geschäfte und grosse
Reisen, sie flirten über den Glasrand hinweg ins nächste Decolletée
und streichen sich selbstverliebt über die Glatze. Sie lassen sich
wieder und wieder nachgiessen und schlucken die Nüsschen
handvollweise. Und je höher der Pegel steigt, desto lauter werden
sie und es wird wirklich allmählich Zeit, dass sie sich zur Suppe
hinsetzen würden.
Ach wie ich das mag, so einen verdorbenen Apero! In unserem
Club haben wir jede Menge davon. Sie sind so dekadent, dass ich
sie geradezu heiss liebe.
...