Montag, 12. September 2011

Hello!

Ämne: Hello!
Datum: den 13 september 2001 17:49


Lieber ...,
Wie geht es dir? Es ist wohl etwas viel geworden im Moment. Erst diese schrecklichen Ereignisse von denen wir stündlich hören und dann deine schöne Reise auf die sich sicher alle sehr gefreut hatten (sogar ich). Und weißt du, wenn ihr jetzt trotzdem fahren würdet dann wäret ihr vielleicht doch nur mit halbem Herzen dabei, denn die Gedanken sind dauernd woanders.
Arbeitest du jetzt wieder oder hast du Urlaub? Hast du deine mit Mühe gepackten Koffer fertig stehen für eine neue Abreise oder schon ausgepackt? Es ist alles sehr traurig und ich fühle mit euch.
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Hier regnet es dauernd und dabei ist es noch ziemlich warm und das Gras im Garten ist schon sehr lang. Ich war heute wieder bei der Arbeit. Das zu Hause bleiben macht mich noch kranker und ausserdem sind viele sehr erkältet und ich werde sie kaum anstecken.
Anna ist bei ihrem Ensemble wo sie Klavier spielt und ich werde mir einen gemütlichen Abend machen, vielleicht ein wenig fernsehen oder was lesen. Dann werde ich auch deinen schönen langen Brief, der wohl als Proviant für 14 Tage reichen sollte, noch einmal durchlesen. Es gab so viel darin, das schon längst vergessene Erinnerungen weckte. Z.B konnte ich wieder meinen Onkel vor mir sehen wie er Haselnüsse "zermalmte", Immer wieder holte er sich diese Dinger aus dem Küchenschrank und ich weiss nicht wie ich sagen soll aber manchmal ekelte es mich an ihn dabei zu sehen (vielleicht ist es etwas zu stark ausgedrückt aber du verstehst sicher). Vielleicht konnte ich nicht akzeptieren dass er sich nicht besser beherrschen konnte.. ;-)
*
Jetzt muss ich Anna holen. Bei dem Regen habe ich sie mit dem Auto hingebracht.
Bitte schreib mir ein paar Zeilen damit ich weiss was bei dir los ist.
Mit einem lieben Gruss
Marlena

Dommage!

Ämne: Dommage!
Datum: den 12 september 2001 15:38

Lieber ...,
Es tut mir wirklich sehr leid dass ihr nicht reisen konntet. Natürlich kann ich die Angst deiner Freunde verstehen und schliesslich konnte man ja nicht wissen was im Iran passieren würde. Aber trotzdem ist es jammerschade um die Reise und ich hoffe sehr dass ihr noch die Möglichkeit haben werdet sie zu verwirklichen. Und dabei tut mir auch S sehr leid denn ich glaube zu wissen wie viel Mühe sie sich gegeben hat und wie tief enttäuscht sie nun sein muss. Natürlich wird es ziemlich viel extra Arbeit machen alles umzubuchen aber ich hoffe sehr dass es noch möglich ist.
*
Ich bin heute zu Hause. Ich weiss eigentlich nicht ob man davon besser wird aber im Moment fühle ich mich als ob ich Zement in den Bronchien hätte und das macht mich sehr müde, fast als hätte ich einen seelischen Kater. Vielleicht ist es auch wegen den tragischen Ereignissen in Amerika die ich im CNN verfolgen kann. Man scheint nun ziemlich sicher zu sein wer dahinter liegt obwohl er es selbst verneint. Du weißt, dass sogar der Iran und Libyen sich gegen das Attentat ausgesprochen haben. Wenn man bedenkt wie viel unschuldige Menschen ums Leben gekommen sind.. ich kann es nicht fassen.
*
Und nun bist du also frei zu Hause? Vielleicht schon mit den Vorbereitungen für eine neue Abreise beschäftigt. Ich glaube doch ihr müsst fahren sonst wird es wie mit diesem Paar, das auswandern wollte. Die Seele ist schon abgereist ...
*
Ich schicke dir dies nun ab. Sicher werde ich dir bald wieder schreiben.

Mit viel H dass alles noch wird, ein bisschen S, wie immer, und einer grossen U,
Marlena

"Maladi" vielleicht?

den 13 april 2000 23:53

Lieber ...,

Ich suche vergebens nach einem schönen Wort das "LIEBE" ersetzen
könnte. Warum nicht "maladi"? Niemand würde je verstehen um was
es geht und ausserdem ist es inhaltlich verwandt mit "maladie" Es ist
eine Zusammenschmelzung von unseren Namen. ... Maladi ist ein
schönes Wort, klingt wie Musik und passt gut zu unseren Gefühlen.
Sollen wir unsere LIEBE mit einem Glas Champagner taufen? Oder
hast du Einwendungen gegen diesen Namen, Chéri?"
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den 14 april 2000 17:37
Liebe Marlena
Maladi finde ich absolut super. Wir sollten dieses schöne Wort wirklich begiessen bis es pudelnass ist, wie bei einer grossen Schiffstaufe. Man muss gar nicht viel erklären zu diesem Wort. Wir zwei wissen alles, was drin steckt. Es ist grandios, ich gratuliere der Patin, die den Namen gefunden hat. Er wird uns wie Honig auf der Zunge liegen. Maladi wird wie ein Turm vor unseren Augen aufragen. Und sie wird sich als fröhliche Melodie durch unsere Jahre ziehen. Ich finde, wir sind wirklich ein fantastisches Team, Marlena, und eine solche Maladi, wie wir sie hier pflegen und geniessen, wird es auf dieser Welt keine zweite geben. Da bin ich mir ziemlich sicher. Und dazu hat Maladi eine Affinität zum Französischen, das ist auch sehr gut getroffen. Und die Silben machen, wie du zeigst, einen Sinn. Ach, es ist praktisch ein Zauberwort. Und dass auch ein Hauch von maladie drin ist, eine kleine melancholische Note, finde ich besonders reizend, bricht die Farbe um eine Nuance. Ich kann uns nur zu diesem Kunstwerk beglückwünschen. Und wenn ich irgendwann und irgendwo auf dieser Welt über Ostern ein Weinglas in der Hand haben werde, so werde ich mit dir anstossen. Du wirst es hören am schönen hellen Klang der Gläser. Ich bin sicher, du wirst es hören. Und natürlich werde ich auch meinerseits genau in die Lüfte horchen, ob ich irgendwann einen solchen kleinen Kristallkuss höre. Und ich werde dir später die Uhrzeit sagen.

Sonntag, 11. September 2011

Nichtsahnend

Ämne: ach ach
Datum: den 12 september 2001 11:20

Liebe Marlena
Ja, Du hast recht. Ich bin gestern abend frühzeitig vom Büro weg.
Ich hatte Auto und Koffer hierhin mitgenommen, so dass ich dann
gleich von der Arbeit zum Flughafen fahren könnte. Das habe ich
auch so gemacht, mit viel Zeitreserve, damit ich ja nicht in Zeitnot
käme. Im Zug habe ich noch einen Amerikaner aus Philadelphia
getroffen. Er hat mich gefragt, ob ich gehört hätte, was in Amerika
passiert sei. Ich wusste allerdings nicht viel. meine Sekretärin hatte
erzählt, dass ein Anschlag auf das World-Trade-Center geschehen
sei, aber sie sei während der Information am Radio durch ein Telefon
unterbrochen worden. So fuhr ich nichtsahnend hinaus zum Flughafen.
ich war so früh, dass ich meinen De Crecenzo hervor nahm, um mich
in der Lektüre zu vertiefen. Bald kamen C und R, der Zahnarzt.
Sie war käsebleich. Sie hatten kein Gepäck, das fiel mir sofort auf. Die
ersten Worte waren, dass sie nicht mitkommen würden. Ich dachte, etwas
Schreckliches wäre in ihrer Familie geschehen, ein Todesfall oder so.
Erst allmählich begriff ich, weshalb sie nicht reisen wollten. Sie hatten
sich schon mit den übrigen Teilnehmern abgesprochen. Und einzig mich
hatten sie telefonisch nicht mehr erreicht. Alle kamen, alle kamen ohne
Koffer. Nur V. blieb zuhause. Sie war immer eine der änstlichsten
gewesen, schon wenn es um Kleiderfragen im Iran ging. So blieb mir
nur die Entscheidung, ob ich allein reisen sollte oder nicht. Und ich ent-
schied mich, auch nicht zu reisen.
Wir wollten sehen, wie sich die politische Situation entwickeln würde.
Das ganze hörte sich an wie Krieg. Und wenn die Perser, die ja mit den
palästinensischen Terroristen offenbar verfilzt sind, daran beteiligt wären,
dann würden wir dort in des Teufels Küche geraten. Ich für mich allein
wäre sehr wohl gereist. Aber meine Kameraden sind alle älter, im Pensions-
alter und haben natürlich ein grosses Sicherheitsbedürfnis.

Noch vom Flughafen habe ich A in Teheran erreicht und ihr die Situation
erklärt. Sie konnte es nicht glauben. S. war gerade unterwegs. Sie hat
Früchte eingekauft und in die Hotelzimmer gebracht, damit die Gäste einen
schönen Empfang hätten. Später habe ich sie dann erreicht. Sie hat nicht
viel gesagt. Aber ich weiss, was sie gedacht hat. Sie denkt, was soll denn
diese Geschichte mit Teheran zu tun haben. In Teheran ist es absolut still
und normaler Alltag. Allerdings hatte sie erst in den Abendnachrichten von
den Ereignissen gehört.
Ich hatte Schlüssel und Auto im Büro gelassen, konnte also abends nicht mehr
heim, denn B war auch unterwegs. So habe ich bei R+C übernachtet.
Sie haben sich viel Mühe gegeben und wir haben ein einfaches Nachtessen
gehabt mit langen Diskussionen. Natürlich war auch ihr Eisschrank leer. Aber
es war gut, Brot, Fleisch und Käse mit einem Schluck roten Weines.
Und jetzt bin ich wieder im Büro, habe das Reisebüro informiert und gehe
bald heim.
Wie sagte Kästner: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.
Es ist schade, S. hat sich soviel Mühe gegeben und alles perfekt
organisiert. Die Freunde sagen, wenn die Situation sicher ist, könnten wir
am Sonntag vielleicht abfliegen. Aber man denkt hier, dass vielleicht
Afghanistan von diesem Terrorkrieg betroffen sein wird, vielleicht auch Teheran.
Man weiss eben nicht viel Genaues. Allerdings wird es sonntags wohl kaum
mehr freie Plätze haben im Swissairflug nach Teheran. Es ist wirklich
jammerschade für all dieArbeit.
Das ist das Neueste. Ich werde mir jetzt ein paar Sachen zum Essen einkaufen.
Die letzten Kartoffeln und Zwiebeln hatte ich montags meinen Nachbarn gegeben.
Whatever will be will be.
Mit einem schönen Gruss
...

Samstag, 10. September 2011

11 September 2001

Ämne: Ach .....
Datum: den 11 september 2001 17:20

hast du die schrecklichen Nachrichten schon gehört???
Ich habe wirklich Angst, auch wegen deiner Reise...
Gruss
Marlena
Lass von dir hören wenn es möglich ist, bitte!

Freitag, 9. September 2011

Au revoir..

Ämne: Au revoir mon cher ami!
Datum: den 11 september 2001 16:46

Lieber ..,
Ach, so ein Mail! Ich weiss gar nicht wo ich beginnen soll, so viele Gedanken und Erinnerungen hat es bei mir geweckt. Auch staune ich wie es möglich ist dass jemand in diesem Chaos, das du am Anfang deines Briefes beschreibst, einen so langen schönen und inhaltreichen Brief schreiben kann. Kannst du nicht öfter bei dir ein Chaos arrangieren???
*
Im Augenblick sollte ich eigentlich bei einer Konferenz sitzen und eine Menge Fragen beantworten, die ein nietischer Politiker (eifrig auf deutsch?) zusammengestellt hat... aber ich bin sehr erkältet und habe fast die Stimme verloren. Deshalb habe ich mich krankgemeldet.
*
Und nun fällt mir gerade ein dass es ja schon Dienstag abend ist und dass ich vielleicht gar nicht mehr Zeit habe ein Mail an dich zu senden bevor du das Haus verlässt. Oder doch? Schreib mir bitte wann ich es spätestens absenden muss.
Wenn es nicht mehr geht wünsche ich dir (und euch allen) richtig schöne "13-und eine Nacht" mit allem was damit verbunden sein könnte. (Bin ich wirklich so freigebig???)

Wenn ich es schaffe schicke ich dir noch ein paar Zeilen.
Sonst umarme ich dich zum Abschied, mit viel Zärtlichkeit und Wärme
Wir sehen uns wieder,
Marlena

Beichtlaune

den 10 september 2001 22:23
Re: na ja ... einfach so
(6)

Ach Marlena, ich weiss nicht, was los ist. Ich habe heute Beichtlaune. Es ist wirklich merkwürdig und interessant zugleich. Ich glaube, auch Du bist ein Glücksfall für mich. Es ist wirklich gut, gelegentlich Dinge zu denken und zu sagen, die man während der letzten 40 Jahre nie gesagt oder kaum gedacht hat. Du bist meine Tagebuch-Fee sozusagen. Ich schreibe das alles für Dich, aber ich weiss, dass ich es auch für mich niederschreibe. Es ist nicht Therapie, aber es ist doch eine Art von Meditation. Das ist schön. Dafür danke ich Dir Marlena. Obwohl ich manchmal gegenüber S. ein schlechtes Gewissen habe. Aber es ist eigentlich nicht gegen S. Es ist eine andere Dimension. Und das ist ziemlich gut so.

*

Ich glaube, ich muss noch meinen Koffer zu Ende packen. Es liegt noch viel herum in unserer grossen Stube. Und es ist lustig. Am liebsten würde ich immer Bücher einpacken. Ich finde, wenn man wegreist, sind Bücher irgendwie ein Trost. Und ich könnte, wenn ich wollte und dürfte, eine ganze Menge einpacken. Ich würde sie mitnehmen, obwohl ich weiss, dass ich absolut keine Zeit habe zum Lesen. Aber ich habe das Gefühl, Bücher seien eine Art von Freunden. Es ist vielleicht lächerlich, aber irgendwie, im Tiefsten, habe ich dieses Gefühl. Ich werde mir Mühe geben und nach Persien nur ein Buch von di Creszenzo. Er hat über die Vorsokratiker geschrieben. Er hat Philosophie studiert und war bei IBM Direktor. Und meine sizilianische Bekannte denkt, ich gleiche ihm ein bisschen, wenn ich den Bart wachsen lasse. Aber sie meint das wohl eher als Kompliment denn als Realität, wie es die Sizilianer gerne tun. Sie sind in diesen Dingen ähnlich wie die Perser. Ich glaube, di Creszenzo würde Dir auch gefallen, Marlena. Bestimmt mehr als die Männer von Schwanitz!

*

Jetzt gehe ich packen. Ich bin mitten im Plaudern und kann kaum aufhören. Es ist schade, dass ich aus Persien nicht schreiben kann. Ich würde mehr sehen und erleben, wenn ich es niederschreiben könnte. Ich weiss noch nicht, ob ich Zeit für ein Tagebuch habe. Ich weiss nur, dass ich einmal zum Zahnarzt gehen muss. Er ist 10x billiger als in der Schweiz. Und keineswegs schlechter. Mindestens handwerklich sind sie sehr geschickt. Vielleicht sind sie technisch nicht immer auf dem allerbesten Stand. Aber handwerklich sind sie wirklich geschickt, die Perser.
...
*

Ich muss stoppen.

Vielleicht kann ich morgen noch ein kurzes Mail schreiben.

Wenn nicht, wünsche ich Dir eine schöne Zeit. Ich hoffe doch sehr, dass Du mir täglich ein Mail schreibst in diesen 14 Tagen. Weshalb solltest Du jetzt eine Ausnahme machen?

Gruss und Kusss
...