Sonntag, 7. August 2011

nach Teheran

3/7
Subject: Ti voglio molto bene: Abschiedsküsse
 
Liebste Marlena
Wie geht es Euch denn dort oben im hohen Norden? Bei uns ist es ziemlich kalt. Vielleicht ist bei Euch ja noch schlimmer, ein Rückfall in den Vorfrühling? Ich sitze zuhause und versuche, meine sieben Sachen fertig zu packen. Eigentlich habe ich keine grosse Lust. Und ich kann es mir kaum vorstellen, dass ich heute Abend schon in der Luft sein sollte.
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Mit anderen Worten, heute abend um 1930h fliegen wir ab von Basel nach Zürich. Dort haben wir eine ganze Stunde Auftenthalt. Und dann geht es um 2100 ab nach Teheran, wo wir morgens um 430 ankommen sollen. Inshallah. Und Du weißt, meine Liebste, ich habe Dein Auge mit im Gepäck. Ich werde Dir alles zeigen, was von Interesse ist.
Ich küsse Dich meine Liebste, und ich wünsche Euch noch weiterhin schöne Ferien.
...
PS: Ich habe mir einen 5-Tage-Bart wachsen lassen, damit mich die Moslems dort drüben wie einen Bruder empfangen. Let us hope for the best and expect ..

Wieder hier..

Lieber ...,

...

Oben im Norden ging die Zeit ziemlich schnell. Du warst immer in meinen Gedanken und ich habe (wie du schon weisst) nochmals "Ohne meine Tochter" gelesen, um dir ein wenig näher zu sein. Dann eine Biographie über Proust von Mauriac (sehr langweilig ;-), und das kleine Buch von Botton, das auch mir gut gefallen hat. Aber weisst du, ich kann wirklich keine Ähnlichkeiten zwischen dir und diesem lebensuntauglichen Mann entdecken. Habe ich dich so verkannt? Deine Intelligenz und feine Wahrnehmung vielleicht. Aber darin bist du ihm sicher überlegen. Nein, chéri, wenn du mal dort oben am Fluss wärest, würde ich dir ganz einfach eine Spinnrute in die Hand drücken und du würdest sicher nicht an kleine Goldfische denken. ;-)
Auch zwei Bücher über Rom hatte ich mitgenommen und natürlich eine italienische Grammatik. Ich habe übrigens festgestellt dass sehr viel genau so ist wie im Französischen. Aber sehr fleissig bin ich nicht damit gewesen ;-)



Mindestens einmal in der Woche waren wir in der schönen Bibliothek in Kalix. Sie ist wirklich sehr elegant und gemütlich zugleich. Als sie gebaut wurde sprach man vom Grössenwahn der Politiker aber nun hört man kein Wort mehr davon. Es ist ein richtiges Kulturhaus geworden.

*
Es war nicht leicht nach Hause zu kommen, in das Haus wo du sonst immer gegenwärtig bist. Plötzlich hatte ich einen PC vor mir und trotzdem keine Möglichkeit dich zu erreichen. Glaube mir, mein Liebling, so schwer wie diese Woche habe ich noch nie maladiert und gesehnsucht. Ich versuche mich zu beschäftigen damit die Zeit etwas schneller gehn soll bis du wieder hier bist. (Rasenmähen hilft ein wenig ;-)
Du hast gesagt S wäre nicht sehr zufrieden, wenn sie wüsste, dass ich dieses Buch als Vorlage habe und so habe ich mir ein paar andere geliehen. Eines davon ist "The fortune catcher" von Susanne Pari, ("Der blinde Hellseher" auf schwedisch). Es spielt in den Milieus von denen du mir erzählt hast und in denen ich dich im Augenblick vor mir sehe. Es ist sehr spannend und interessant. Auch die Art wie es aufgebaut ist fasziniert mich.
Nun, mein Liebling, so lebe ich halb im real-life und halb im Iran und ich fühle dass mein Leben durch dich sehr reich geworden ist.
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Vielen Dank noch für die schönen Mails die du mir noch vor deiner Abreise geschickt hast als ich schon weg war. Ich konnte sie dort oben nur ganz schnell durchlesen (man konnte sie leider nicht printen) und habe sie erst diese Woche richtig geniessen können. Auch viele von deinen anderen Briefen habe ich nochmals gelesen. Auf diese Weise bist du mir nahe gewesen. Der Hotmail hat mir übrigens eins von den Mails gestohlen aber vielleicht hast du ein Exemplar davon bei dir.
*
Sicher ist es sehr heiss gewesen im Iran diesen Sommer und ich hoffe du hast nicht allzuviel daran gelitten. Wenn du dieses Mail bekommst bist du wahrscheinlich wieder in der frischen schweizer Luft und kannst frei atmen. Ich bin schon so neugierig was du alles erlebt hast. Kann es kaum erwarten bis ich wieder deinen Namen in meiner Inbox sehe.

Ich umarme dich zur Begrüssung mit vielen KKK und SSS
in Maladi
Marlena

(R)

PS Unser Rasen war noch nie so schön wie jetzt. Sogar die Engländer wären neidisch.

Habe gerade eine weniger schöne Nachricht über den Iran gehört. Mein Gott, ..., sei vorsichtig!

Montag, 1. August 2011

Proustiens et Proustiennes

Subject: Re: Proustiens et Proustiennes

Liebe Marlena
Eigentlich bin ich im letzten Mail ein bisschen vom Weg abgekommen. Ich wollte bloss andeuten, dass die Zeit im Iran sehr lang war. Und das kam nicht zuletzt durch dieses Mittagsschläfchen zustande. Du hast einen ersten Tag von sagen wir 0800h bis 1400h. Und du hast einen zweiten Tag von 1800h bis vielleicht 0200h in der Früh. 1500h bis 1800h war bei uns also Siesta. Das ist lange, die Perser gönnen sich dafür bloss eine, magixmal eineinhalbe Stunde. So werden aus einem 24-Stunden-Tag sozusagen zwei 3/4 Tage. Man lebt im 3/4 Takt und da dreht sich alles ziemlich schnell. Immer wieder musste ich ziemlich angestrengt analysieren, ob irgendetwas nun gestern oder doch schon vorgestern vorgefallen sei. Man kommmt als Europäer mit diesem neuen Wach-Schlaf-Rhythmus ziemlich durcheinander. Ganz abgesezen von der anderen Zeitrechnung für die Jahre, die bei der Hedschra beginnt, bei der Flucht Mohammeds von Mekka nach Medina. Doch auf die habe ich mich schon gar nicht eingelassen.
Ich will Dir später mehr vom Iran erzählen (wir sagen im Deutschen "der Iran" - als Bezeichnung des modernen Staates - und Persien (ohne Artikel) für den historischen, v.a. antiken Staat).
Ich bin im Moment dabei, nach langer Zeit wieder einmal eine NZZ zu geniessen. Und da bin ich - nachdem ich von deiner Urlaubslektüre gehört habe - auf einen Artikel über Proust gefallen. Ich wollte auch gleich das Taschenbuch de Bottons hervorholen. Aber ich weiss im Moment nicht, wo es ist. Hast du mal Proust gelesen? Ich nehme doch wohl an, als Lehrerin für Französisch, und bei deiner Vorliebe für das fin de siecle, das neunzehnte. Die fins de siècles haben ja immer etwas leicht Dekadentes, Bröckelndes, auch vielleicht Künstliches, um nicht zu sagen Kitschiges.
Rilke war einer der ersten Proust Leser unter deutschen Schriftstellern. Schon 1913 soll er sich mit "In Swanns Welt" beschäftigt haben. Das ist plausibel, denn Rilke passt wohl zu Proust, ein Bruder im Geiste. Erst 1957 kam die vollständige Uebersetzung durch Eva Rechel-Mertens heraus. Und da bot sich den Deutschen die Beschäftigung mit Rilke. Es seien etliche gewesen: Benjamin, Hesse, Doderer, Koeppen, Arno schmidt.
Sehr eingehend hat sich Martin Walser mit Proust beschäftig. Er publizierte 1958 seine "Leseerfahrungen mit Marcel Proust". Walser anerkennt, dass es Proust gelinge, einen Gesellschftsroman par excellence zu schreiben. Und er fragt, welche Erzählweisen und welche Figurenbezeichnungen erforderlich sind, um aus Ausschnitten ein Symbol des Ganzen zu machen. Walser anerkennt in Porust den Porträitisten einer niedergehenden Epoche, der offenkundig bis heute nachahmenswerte Verfahren gefunden hat, gesellschaftliche Wirklichkeit so in einen Romantext zu integrieren, dass der Leser nicht durch gesellschaftskritische Absichten erdrückt wird. Wie "Muster in einnem Teppich" erscheinen Prousts Figuren im Gesellschaftstabelau. Diese Metapher ist nicht zufällig, wird doch der Begriff Text immer wieder mit Textur in Verbindung gebracht. Es drängt sich bei Proust auf, das Rffinnement seiner Textkonstruktionen zu analysieren. Sie sind hochartifizielle Produkte, die gleichzeitig den Anschein geben, unkonstruiert und natürlich zu sein. Darin liegt nach Walser Prousts Qualität: er bietet mehr als "ästhetische Konstruktion" mit der Leichtigkeit des lässig Hingeworfenen. Diese Leichtigkeit und Natürlichkeit ist feinste künstlerische List, die den Stoff des wirklichen Lebens gewissermassen ohne Verlust in die Kunst hinüberrettet. Die Textsituationen machen uns zu Lesern unseres eigenen Lebens. Es ist kunstvoll hergestellte Kunstlosigkeit, die den Zustand des Vgen und Uneindeutigen hervorruft. Walser meint "Proust schrieb ja keinen deutschen Entwicklungs- oder Bildungsroman, wo die Helden kaum zum Taschentuch greifen, ohne dass ihnen daraus ein Schicksal erwächst". Doch Walser hat auch Reserven mit der für Proustiens hochgelobten "wiedergefundenen Zeit". Proust sieht ja in der Erinnerung und im Kunstwerk ein Heilmittel gegen den Verlust und das Auseinanderdriften der Welt (de Botton erwähnt diese Intention auch). Dagegen wehrt sich Walser: "Die Vergangenheit als solche gibt es nicht. Es gibt sie nur als etwas, das in der Gegenwart enthalten ist, ausschlaggebend oder unterdrückt, dann als unterdrückte ausschlaggebend. (...) .. das, was man für wiedergefundene Vergangenheit hält, (ist) eine Stimmung oder Laune der Gegenwart, zu der die Vergangenheit eher den Stoff als den Geist geliefert hat." Die Recherche ist eine Konstruktion der Einbildung.
Ist doch lustig, Marlena, dass ich mich hier mit Romanen und Texten beschäftige, die ich selbst noch nie gelesen habe. Das, glaube ich, ist nun wiederum postmodern. Man erzählt, was andere erzählt haben, über Dinge, die erzählt worden sind. Und die Dinge sind hier Un-Dinge (wie Flusser schön sagt), eben Texte. Du merkst, Marlena, das interessiert mich irgendwie, die Frage, was ist ein Text, was ist ein Wort, und wie ist damit umzugehen. Ich habe dich ja schon gelegentlich ein bisschen genervt mit diesen Gedanken über den Text und den Nur-Text (Liebe oder Text, das ist hier die Frage ;--)). Du scheinst ja eher zu glauen, dass die Worte die Welt und ihr Geschehen abbilden, wiederzeigen, spiegeln sozusagen. Ich glaube eher, oder ich versuche es so anzuschauen, dass ich denke, die Worte schaffen erst die Welt und die Wirklichkeit. Alles ist also Text. Und wenn man dann, wie es heute geschieht, vom Buchzeitalter ins Bildzeitalter des Fernsehens hinübergleitet, muss man sich fragen, was so mit der Welt geschieht. Es muss eine Revolution im Gange sein.
Aber ich gebe Dir gerne zu, meine liebe Marlena, dass Frauen die realistischeren Menschen sind als Männer. Meistens, oder sagen wir gelegentlich.
Unter uns gesagt, liebe Marlena, ich glaube nicht, dass du meine Theoretisiererei besonders magst. Aber du drückst ein Auge zu. Das weiss ich, denn ich weiss, dass du ziemlich tapfer bist. Ach, das war jetzt alles ein bisschen ironisch und ein bisschen zärtlich gemeint. In vivo würde ich mich jetzt mit einem "lässig hingeworfenen Küsschen" verabschieden, einem der süssesten künstlichen Backwerke, die wir kennen.
Schreib mir, meine Liebe, ich möchte von Dir hören.
MMM
...

Dienstag, 19. Juli 2011

Eingeladen

Ich liebe dieses kleine Gedicht, das ich in einem Buch von Annas Lyrikkurs gefunden habe. Bruno K. Öjer heisst der Dichter. Einer unserer Bekanntesten von den Jüngeren.
Gefällt es dir auch?

Inbjuden

inbjuden
dök jag aldrig upp
och det måste ha sårat dom in i märgen
men jag var bara trött

så trött på all falskhet omkring mej
att jag istället vände mej till dom döda
som ivrigt ställde fram sin mat
och ville få mej att äta och dricka
ville att jag skulle stanna kvar
och bli en av dom
deras ögon spann sin dimma
vävde redan i mej
och jag tog ett steg tillbaka
jag vägde för och emot
försökte tänka
vinna tid


Eingeladen
Eingeladen
tauchte ich nicht auf
und es muss sie verletzt haben bis ins Mark
aber ich war nur müde
so müde von aller Falschheit um mich herum
dass ich mich statt dessen an die Toten wandte
die eifrig ihr Essen vorsetzten
und wollten dass ich essen und trinken sollte
wollten dass ich bleiben sollte
und einer von ihnen werden
Ihre Augen spannen ihren Nebel
webten schon in mir
und ich machte einen Schritt zurück
und wog dafür und dagegen
versuchte zu denken
Zeit zu gewinnen

*

Montag, 18. Juli 2011

.. im Norden

Subject: Fortsetzung..
 16:38:24 CEST

Mein Liebster,
Ich habe ein paar Minuten für mich und will sie dir schenken. Wie du siehst habe ich dir noch ein paar Bilder geschickt. Sie sind direkt unter unserem Sommerhaus aufgenommen und genau dort wirst du mich fast jeden Tag sehen können. Auf den drei Bildern kannst du sehen wie man "sik" fischen kann. Es ist ein ziemlich grosser, etwas trockener Fisch, der aber sehr gut schmeckt und von dem die "Norrlänningar" grosse Mengen essen. (Vielleicht sind sie deshalb so intelligent :-) Auch ich habe riesenmengen Fisch gegessen den Sommer als ich Anna erwartete. ;-)
Mach dir keine Sorgen wenn du die Namen nicht behalten kannst. Ich muss dir gestehen dass ich sie jedesmal wieder vergesse (die deutschen Bezeichnungen also).
Bist du mir wieder gut, mein Liebling? Ich möchte dich noch um Verzeihung bitten für gestern. Ich wusste nicht, was ich nun weiss.
Ich liebe dich doch "i lust och nöd" wie es bei uns heisst.

Übrigens, das Netz auf den Bildern wird mit dem kleinen Boot in einem grossen Bogen rausgelegt und dann reingezogen. Es ist eine schöne Touristenattraktion und manchmal kommen sogar Leute in Bussen um das zu sehen bei uns.
Bald werde ich nochmals den Frühling erleben. Denn wenn wir dort oben ankommen blüht sicher noch der Flieder und die Vöglein sind noch in ihren Nistkästen. Ach, es ist alles so schön und ich möchte es dir so gern einmal zeigen.
...
Das Kalix Flusstal streckt sich vom Hochgebirge im Nordwesten bis zum bottnischen Meer
(...)

Das war noch ein wenig über die Gegend wo ich sein werde. Hoffentlich langweilt es dich nicht zu sehr.



Ich schreibe dir bald wieder. Lass auch von dir hören, mein Liebling. Ich vermisse dich sehr
Deine Marlena

Date: Fri, 07 Jul

Donnerstag, 7. Juli 2011

kulturelle Fastenkur - Iran und Norrland

Subject: Re: Ti voglio molto bene
Date: Sat, 08 Jul

Liebste Marlena
Das ist ein so schönes und ruhiges und liebes Mail, dass ich noch ganz gerührt bin. Ich habe es heute morgen rasch gelesen, dann musste ich los an die Sitzung mit dem Redaktor. Und jetzt ist es 1900h und ich bin zurück. Ich danke Dir herzlich, und ich möchte Dich küssen. Ich fühle, dass es die Abschiedsstimmung ist, und die macht mir immer ein bisschen Sorgen, wie du ja weißt.
Die vielen Fische, ach, ich beneide Euch um die Fische. Ich mag sehr gerne Fisch. Und wenn man noch weiss, dass sie aus gesunden und sauberen Gewässern kommen, dann kann man davon leben und braucht fast nichts dazu. Und wenn man sie - last but not least - selbst gefangen hat, dann ist es das höchste der Gefühle und der beste Geschmack.
*
Ich weiss, dass Du diesen Norden sehr liebst und dass er Dir alles bedeutet. Im Iran ist es im Moment 42°, wie mir mein Neffe gester gemailt hat. Also, sei glücklich mit Norrland. Im Iran muss man ständig in der Nähe der Air Condition liegen und darf sich kaum bewegen tagsüber, um nicht gleich in einem Schweissbad zu enden. Doch es gibt auch dort einige Ausweichmöglichkeiten. Man kann in die Berge fahren, wo unsere Schwiegermutter ein Wochenendhaus hat. In den letzten Jahren waren sie während des Sommers meist dort oben. Und die Nàchte sind dort geradezu kühl. Oder man kann in die höchsten Lagen der Stadt fahren, wo die superreichen Leute wohnen. Dort oben gibt es etliche Restaurants und auch Pärke, wo man spazieren kann. Und dann haben wir das Bassin im Garten. Die Schwiegermutter hat zwar nur eine Wohnung in einem Block. Aber letztes Jahr hat sie das Wasser für das Bassin finanziert, weil sich das sonst kaum jemand leisten konnte. Und dieses Jahr wird es ähnlich sein, und dann ist das Bad für uns reserviert. Sie hat eine Rente der Uno, weil N Khan bei der Uno in Teheran gearbeitet hatte. Und weil die Inflation im Iran recht hoch ist, steigt ihre Rente praktisch jeden Monat. Sie kann sehr gut damit leben. Aber sie hat auch ein gutes Herz und gibt viel für Verwandte und arme Leute. Sie ist gläubig, und im Islam ist man verpflichtet, einen Teil seines Vermögens an die armen Menchen zu geben. Und sie tut es sogar für uns auch, hat mir S einmal erzählt, dh sie verschenkt auch soviel, wie wir - wenn wir denn islamisch leben würden - geben müssten.

Sei also zufrieden, Marlena, nach Norrland gehen zu können. Und es ist doch gut für Euch als Familie. So wie du es schilderst ist es ein richtiges Auftanken von Lebensenergie dort oben. Und so wie ich dich kenne, meine Liebe, wirst du das nicht so leicht aufgeben können. Sieh dich also vor, wenn du nach Brasilien auswanderst. Norrland ist dann weit weg. Auf den Fotos konnte ich sehen, wie K den Deckel vom Kamin hebt. Und auf einem älteren Foto wart ihr gerade am Gras mähen und heuen. Und dann eben sieht es aus wie in einem schönen Park und man fühlt sich wohl und zufrieden. Es ist sehr erholsam, das einfache Leben. Es ist sozusagen wie eine kulturelle Fastenkur. Man findet zu den Menschen zurück, nimmt sich Zeit für Kontakte und für die Erinnerungen an alte Tage.

Unsere Mutter hat auch oft diese einfache Lebensweise gesucht in den Ferien. Wir sind dann in irgend eine Ferienwohnung in einem Bergdorf gewesen. Und einmal hat sie mit den jüngeren zwei Geschwistern einen ganzen Sommer in einer Alphütte oben in den Bergen gelebt. Das muss ungefähr so gewesen sein, wie man es in der Geschichte von "Heidi" lesen kann. Kennst du diesen Kinderroman?
Und wenn du dabei "Nicht ohne meine Tochter" liest, so - verzeih mir diese Bemerkung - so passt das nicht ganz in diese Umgebung. Ich glaube, ich habe dir erzählt, dass ich es nicht gelesen habe. S hat immer wieder geschumpfen wärend der Lektüre und sie hat gedacht, das sei eine absichtliche Verunglimpfung der Perser und ihrer Kultur. Ich habe nur den Film gesehen. Und danach habe ich mir gesagt: doch, so oder ähnlich kann es schon gewesen sein. Es ist möglich, dass ein Perser, ein Arzt in Amerika ganz anders denkt als dann, wenn er nach Hause kommt. Dann gliedert er sich wieder in seine Familie und den Clan ein. Und dann ist er nicht mehr frei zu entscheiden.
Wir haben gelegentlich überlegt, ob wir nicht im Iran leben sollten. Ich aber wollte nicht zuletzt aus diesen Gründen nicht. Die Familie hat absolute Priorität. Sie können Dich jederzeit besuchen und du musst dich so verhalten, als ob du seit Wochen auf sie gewartet hättest. Alles musst du fallenlassen, nur für sie, und du musst ihnen alles offerieren, was du gerade im Haus hast. Und wenn du erfolgreich bist, fängt es an, ihnen so zu gefallen, dass sie gar nicht mehr heimwollen. Und dann offerierst du ihnen auch noch ein Bett. Ach, du kannst dich ruinieren dabei. So ein Leben hätte ich mir schwerlich vorstellen können. Ich brauche viel Ruhe und eine ungestörte Atmosphäre.
Die Familie ist wirklich eine Macht, und sie bildet ein enges Netz, innerhalb dessen du dich bewegen musst. Man muss wirklich rundum Rücksicht nehmen. Damit fühlt man sich vielleicht geborgen und sicher, man nimmt Anteil an den Sorgen und Freuden der anderen Familienmitglieder. Aber man ist nicht mehr frei, wie wir es hier in Europa sind. Und schliesslich sind die Familie nicht nur Eltern und Kind, nein, auch Grosseltern, Tanten und Onkel, Vetter und Basen. Ach ja, es hat gar kein Ende. So war es bei uns auch noch vor ein oder zwei Generationen. Damals hatte man vor allem Kontakt mit den eigenen Verwandten. Man hat sich besucht und man hat sich gegenseitig unterstützt und man hat auch leidenschaftlich gestritten.
Wenn ich also S erzählen würde, dass hier eine nette Schwedin Iran über das Buch von Mahoody kennen lernen will, dann wäre sie hell entsetzt. Und sie würde dir Bücher vorschlagen von Saadi, von Hafez, von diesen alten Klassikern oder vielleicht auch von ein paar jungeren Schriftstellern. Aber bestimmt nicht dieses Buch. Sie würde denken, du lernst Persien von der schlechtesten Seite und auf eine falsche, dh nicht sehr wahre Art kennen. Sie meint, wenn denn etwas daran wahr sei, dann sei es eine sehr einfache, sehr fundamentalistisch religiöse und unkultivierte Familie.
Aber wie gesagt, ich behaupte, es kann wahr sein. Und ich weiss auch, dass eben alte Gesellschaften sehr hart sein können, dass sie strenge Mechanismen haben, um den Zusammenhalt zu schffen. Es ist fast wie der Kampf in der Natur, der ja auch brutal sein kann. Wenn ein persisches Ehepaar scheidet, dann kommen die Kinder zum Mann. Das ist islamisches Gesetz. Und eine Ausnahme kann nur der Mann selbst entscheiden.
Ich habe ein anderes Buch über den Iran gelesen. Es ist von einer jungen Perserin geschrieben, die in den USA studiert hatte und dann zurück in den Iran ging. Sie hat dort die Revolution erlebt. Sie hat sehr schlimme Dinge erlebt. Aber sie hat das alles beschrieben mit einer unerhörten Gelassenheit. Das fand ich sehr kultiviert. Vielleicht kann ich herausfinden, wie der Titel dieses Buches ist. Vielleicht für nächsten Sommer in Norrland?
*
Ich glaube, das ist eines der letzten Mails, das du hier und jetzt  bekommst. Du weißt, ich weiss nicht, was ich im Iran ausrichten kann. Am besten rechnest du mit gar nichts. Und sollte mal was ankommen, dann ist es eine Überraschung. Ich hoffe einfach, dass ihr eine gute Reise habt. Es ist ja lange, zwei Tage. Und dass ihr es schön habt und Energien und Lebensfreude tanken könnt in Norrland. Die Natur ist ja doch eine der wirksamsten Quellen der Energie. Und ich hoffe, dass alles gut läuft und dass ihr jede Menge Fische bekommt.
Und natürlich, liebste Marlena, hoffe ich, dass wir uns Mitte August wieder treffen. Und dass wir uns viel zu erzählen haben und wieder voller Freude Kontakt haben werden.
Und dass ich mich kürzlich "daneben benommen" habe, dafür bitte ich Dich um Entschuldigung. Ich schäme mich wirklich ein bisschen dafür, weil ja auch etwas Alkohol im Spiel war. Das ist nicht gerade gentleman-like!! Es ist wahr, wenn du sagst, du hättest das nicht verdient. Das hast du wirklich nicht. Du hast dich wirklich noch nie "daneben benommen", auch wenn du dich kürzlich für irgendwas entschuldigt hast.
Ich umarme dich und küsse dich über das ganze Gesicht
Bleib meine Marlena
Dein ...

Gewitter

Subject: Gute Nacht, ...


Ach, du mein innig geliebter Mausfreund,
Du hast es geschafft.. Du schreibst so lustig und verrückt dass ich doch lächeln musste obwohl es mir sonst im Moment sehr schwer fällt.. aber das gehört in mein ”real-life” und ich will nicht davon schreiben jetzt. Diese letzten Tage vor der ”Wüste” möchte ich nicht mit traurigen Worten füllen.
*
Als ich schliesslich von meinem Arbeitsplatz aufbrach heute Nachmittag hat es so gegossen dass ich lange vor dem Kaufhaus warten musste bevor ich das Auto verlassen konnte. Und auch dann war ich platschnass als ich es betrat und die Kleider klebten fast unanständig an meinem Körper. :-) K hat erzählt dass hier ein ganz schreckliches Gewitter war, als wir in Italien waren. Es war als wäre die Hölle los gewesen. ...  Hier bei uns haben sich die Lautsprecher des Pcs und der Printer von selbst eingeschaltet.
...
Ach chéri, nun bist du sicher schon sehr gelangweilt. Ich erzähle dir von Blitz und Donner wo du doch eigentlich viel wichtigere Dinge wissen möchtest. ;-)

Wie lange bleibst du denn in Iran? Und wann genau fährst du ab?

Ach .., ich wage garnicht daran zu denken, dass es bald Zeit ist ohne deine Mails zu leben. Ich werde dich keine Sekunde vergessen aber ich werde krank werden vor Sehnsucht nach deinen schönen Briefen.

Ich wollte mehr schreiben aber kam erst sehr spät an den PC. Ich schreibe dir sicher morgen wieder

Du machst mich glücklich.
Deine Marlena