date 8 April 2006 09:00
subject Endlich.. wieder hier
Lieber ...,
Wie schnell ein Tag vergeht, eine Woche.. Die langen Tage, die vielen
Stunden, die ich nach eigenem Wunsch mit Inhalt füllen wollte, gibt es
garnicht. Sie rasen so schnell vorbei, dass ich mich so gut wie jeden
Abend frage, wohin sie verschwunden sind. Ich habe doch alle Zeit auf
Erden und doch wünsche ich mir ständig mehr davon. Klingt das nicht
ganz verrückt? Aber ich weiss, ein Mittel wäre Abwechslung. Ein neues
Milieu. Vielleicht wäre Spanien nicht so dumm. Schade, dass ich nicht
sofort seine Absicht durchschaut habe.. oder vielleicht bilde ich mir
das auch nur ein. Aber er war wirklich sehr beharrlich.
Ok, wie verschaffe ich mir Abwechslung hier in meinem Käfig? Da liegen
vier Bücher, die ich alle sehr gern lesen möchte. Wie Türen kommen sie
mir vor, die ich nur zu öffnen brauche um in ein anderes Leben
hineinzusteigen. Eines davon ist der neueste Roman von Håkan Nesser,
"Mensch ohne Hund". Die Zeitungen sind voll von Rezensionen und Lob.
Dann möchte ich vorwärtskommen in dem dicken Roman "Blonde", der von
Marilyn Monroes Leben handelt. Das möchte ich lesen weil es mir
mehrere Leute empfohlen haben. Mehr als der Roman selbst interessiert
mich wie ein Linksaussen, ein eingefleischter 68-iger ein Buch über
M.M. so loben kann.
Dann liegt da das Buch von Gayelord Hauser. Ich wusste nichts über ihn
bevor ich einen Dokumenatarfilm über Greta Garbo sah. Er war
anscheinend ihr persönlicher Ratgeber in Sachen Schönheit und
Gesundheit, und er hat dieses unglaublich naive Buch geschrieben, das
sich wohl vorwiegend an amerikanische Hausfrauen von Anno dazumal
richtet.
Ich kaufte es mal auf der Strasse oben in Kalix. Es kostete fast
nichts und hat den Titel "Spiegel Spiegel an der Wand". Er sagt nichts
merkwürdiges darin. Spricht über Kost, über Bewegung und vieles ist
wohl schon etwas überholt von der modernen Forschung. Aber wie er es
sagt! Man liest ein paar Zeilen darin und hat das Gefühl einen guten
Freund gefunden zu haben der einem wohl will.
*
Nein doch, du musst dich nicht entschuldigen, dass du über Geld
geschrieben hast. Es galt doch eher dem Verhältnis zwischen Reichtum
und Glück. Ein interessantes Thema.
Von unten dringt Musik herauf und mein Klappern hier auf den Tasten
hört man natürlich ebenso gut von unten. Es ist eine sehr offene
Planlösung in unserem Haus. Es gibt zwar die kleinen Zimmer auf die
Strasse zu, in denen man die Tür schliessen kann, um etwas ungestört
zu sein. Aber mein Computer steht hier in meinem "multipupose room"..
weiss nicht auf Deutsch.
Übrigens habe ich heute im Radio gehört, dass nun auch Deutsch an den
Schulen am verschwinden ist. Einst war das die erste Fremdsprache und
dann später neben Englisch die wichtigste. Aber es ist richtig. Neben
Englisch sollte man eine romanische Sprache lernen. Schon deshalb,
weil die Leute dort fast nie eine Fremdsprache richtig erlernen.
Welche Sprache sprichst du übrigens mit S? Fiel mir neulich ein, dass
es auch Englisch sein könnte. Aber nein, natürlich hat sie längst von
dir perfektes Deutsch gelernt. Oder von den Kindern. Und sie kam wohl
in die Schweiz als sie noch jung war. Doch hier gibt es Einwanderer,
die nach Jahrzehnten ein sehr schlechtes Schwedisch sprechen.
OK... Lassen wir das 7-sternige Luxushotel in Dubai. Das wichtigste
ist schliesslich, dass du dabei bist.
Kann man bei euch im Fernsehen auch das Program "Parkinson" sehen? Es
ist immer sehr unterhaltend. Meistens hat er (Parkinson der
Programleiter) sehr spirituelle Gäste die er interviewt. Oft sind es 2
oder 3 die sich gut ergänzen. Doch letzthin hatte er nur Madonna. Du
weisst wer das ist. Aber du weisst nicht, dass diese Frau auch sehr
intelligent und interessant ist. Ihre strenge Kindererziehung hat hier
ziemlich Aufsehen erregt. Und ihre "Religion" die der neuen Zeit
angepasst scheint.
*
Nach vielen Jahren haben Kollegen von mir wieder Kontakt mit einem
ehemaligen Studienrat an unserer Schule. Er muss wohl bald 80 sein
denke ich und lebt nun "särbo" mit sich selbst. *s* Was hätte man
schon anderes von ihm erwarten können.
Also, so ist es:
1) man ist verheiratet und wohnt zusammen (früher jedenfalls das normale)
2) man ist "sambo", also nicht verheiratet, aber zusammenwohnend.
3) man ist "särbo" die beiden Partner wohnen auf verschiedenen Adressen.
Und dieser R. ist also särbo mit sich selbst. D.h. er wohnt im
Altersheim, hat aber seine eigene kleine Wohnung im Zentrum der
Universitätsstadt Lund.
Na ja, er ist nicht interessant für dich, aber er war besonders. Ein
bisschen wie Oscar Wilde. Ich dachte immer, warum arbeitet dieser Mann
als Lehrer. Heimlicher Agent, Diplomat oder Spion hätte ihm viel
besser gepasst. Nach der Pensionierung lernte er übrigens Arabisch.
Ich sende ihm einen dankbaren Gedanken, denn er hat manche Pause in
der Schule mit seinem Esprit und Witz aufgemuntert. Er war ein fauler
Lehrer... aber auch solche sind wichtig, denn sie haben eine soziale
Funktion, die man nicht unterschätzen sollte. ;-)))
Nun werde ich sehen ob ich an den PC unten rankomme.. Vielleicht ist K
schon davor eingeschlafen. :-)
Ich werde Anna gute Nacht sagen (über Skype)... und dies abschicken, wenn möglich.
Sonst erst morgen.
Wünsche dir eine Schönes Wochenende... und eine angenehme freie Woche.
MlG
Malou
PS Ich glaube ich erzähle dir manchmal Dinge die schon gehört hast.
Ist das schlimm..
Mittwoch, 15. Juni 2011
Bild zur Einladung
Ich habe nochmals versucht, dir ein Bild zu schicken. Hat aber nicht funktioniert, obwohl ich meine Bilder im jpg Format habe. Aber ich kann es dir kurz beschreiben. Es ist das Bild zur Einladung zu unserem Fest, und es heisst: die grosse Schlachtplatte. Allerdings, das sieht man beim zweiten Hinschauen, ist es eine völlig vegetarische Schlachtplatte. Links liegt ein grosses Ding, könnte eine Melone sein, aber auch ein Kürbis. Rechts so etwas wie eine Ananas. Sie bilden die zwei Schwerpunkte. Und dazuwischen häufen sich kleinere runde Dinge, könnten Pfirsische sein, zur Not auch Aepfel. Vorne eindeutig einige Zwetschgen, meine Lieblinge. Und Links und rechts zwei grosse Traubenbündel, die über die Platte herunterhängen. Und all das noch ein bisschen mit Blättern dekoriert, um Leerstellen zu füllen und um den Eindruck der Fülle zu betonen. Man denkt an Thanksgiving, wenn man das sieht. Und das ist doch durchaus passend für unser Fest. Ach ja, nicht zu vergessen. Die Zeichnung habe ich mit Farbstiften koloriert. Aber bei diesen neuen Stiften kann man die Farbe nachträglich mit Wasser verwischen, so dass es letztlich wie ein Aquarell ausschaut. Darin habe ich noch wenig Erfahrung und das wollte ich eigentlich bei dieser Zeichnung ausprobieren.
Jetzt muss ich weg. Ich wünsche dir eine gute Zeit.
Mit lieben Grüssen
...
...
Re: Haustiere .. Hochzeit und swisstalk
den 8 mars 2000 20:58
Re:Haustiere und andere Menschen
Lieber .. !
Soeben habe ich deinen lieben Brief über Haustiere gefunden. Und wie immer habe ich mich riesig gefreut, herzlich gelacht und deine Kommentare genossen. Du hast ein sehr gutes Einfühlungsvermögen und deine Beobachtungen sind perfekt. Da du noch dazu die Gabe besitzt alles so treffsicher in diesem schönen Deutsch zu beschreiben kannst du dir sicher vorstellen wie ich es geniesse deine Briefe (oder Tagebücher wie du sie nennst) zu lesen.
Dein vorletzter Brief hat mich auch ein wenig überrascht. "Liebe Maus-Freundin" als Anrede? Meine erste spontane Reaktion war dass ich an den Spiegel laufen wollte um nachzusehen ob ich jetzt plötzlich wie eine Maus aussah. Dann erinnerte ich mich dass du mich ja nur auf einem Bild gesehen hast und so viel ich weiss sehe ich nicht sehr "mäuslich" darauf aus. Später als ich sah was du meinst habe ich mich wieder beruhigt.. :-)
Du wunderst dich wie ich in den Swisstalk gelangt bin. Ich wollte ganz einfach ein wenig Deutsch üben. Das kann man tun indem man gute Bücher liest, aber ich wollte auch das sprechen üben. Irgendwoher bekam ich die Adresse: webchat.de die mich zu verschiedenen deutschen Chats führte. Ich habe mir ein paar davon angeschaut. Es war beklemmend! Das Niveau lag sehr tief und auch sprachlich konnte man kaum was davon lernen.
Dann entdeckte ich den Swisstalk. Er ist eigentlich eine sehr gut durchdachte Konstruktion und auch die Leute mit denen ich sprach haben mir meist gefallen. Während sich andere Frauen über dumme s.g. Anmachen beklagten spürte ich kaum etwas davon.
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Dass ich einen Menschen wie dich dort finden würde konnte ich mir kaum vorstellen. Ich danke meinem lieben Stern dass ich dich nicht verpasst habe.. :-) Bald kann ich mir kaum mehr mein Leben ohne dich vorstellen. Und das ist eben das Gefährliche an der Sache.:-)
Jetzt verstehe ich dass du gern alle Götter an einem Tisch sehen würdest. Aber pass auf!! Vielleicht entdecken sie deine doppelten Lojalitäten .. dann werden sie sich darüber streiten wem du nun gehörst und das könnte im schlimmsten Fall sehr böse enden.
Deine Hochzeit muss etwas ganz besonderes gewesen sein. Ich habe schon mal im Fernsehen gesehen dass es in solchen Ländern ein sehr grosses Fest ist, an das man sich sein Leben lang erinnern muss. Auch ich werde mich mein Leben lang an meine erinnern. Sie war nicht wie deine. Sie war sogar ganz anders als deine. Ich möchte so weit gehen dass ich sie als das Gegenteil von deiner bezeichnen würde. Später werde ich dir vielleicht einmal davon erzählen.
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Von einer Schildkröte habe ich auch etwas Erfahrung. Sie hiess Caroline und gehörte meinen französischen Verwandten in Paris. Es stimmt genau was du über sie sagst. Nur hatte eben diese den Vorteil einen eigenen Namen zu haben und ausserdem spielte sie Fussball ;-)
Es war ein kleiner citronengelber Plastikball, auf den sie immer sehr wütend war. Sie schob ihn vor sich bis er in einer Ecke lag wo sie ihn dann "misshandeln" konnte. Ausserdem erinnere ich mich noch an die Kinderstimmen: "Maman, Caroline a fait pipi. " Aber ist es nicht komisch wie man sich über den geringsten Kontakt mit einem Tier freuen kann. Sogar wenn sie mir Salat aus der Hand frass freute es mich.
Ja, die Wellensittiche gehören Anna. Ich habe sie von einem Kollegen bekommen, dessen Töchter mit der Zeit andere Interessen im Leben bekamen. Es war ein Päärchen glaubte er und sie hiessen Göte und Göta. Wir entdeckten doch sofort dass es zwei Weibchen waren. :-)
Die grosse gelbe starb nach ein paar Jahren und vielleicht wirst du darüber lachen, denn es wundert mich selbst: ich weinte bittere Tränen. Sie war das allerscheueste Tier gewesen und plötzlich nur Wochen vor ihrem Tod begann sie mich zu begrüssen .. es war ein so herrliches Gefühl..
Wir begruben sie im Garten und kauften am Tag darauf den kleinen Lollo (damit Issi sich nicht zu Tode trauern sollte). Leider können wir sie nicht zusammen haben. Er würde sie "totlieben" sie ist ja immerhin schon eine ältere Dame (die nicht an solche Liebe gewöhnt ist) und er noch ein Teenager (der nur eins im Sinn zu haben scheint). Sie wohnt also in einem grossen, geschlossenen Käfig und er in einem kleinen (der immer offen ist).
Es hat mich schon gewundert dass dein Vater einen Volvo gefahren hat. Sind doch nicht so gewöhnlich auf dem Kontinent. Wir nennen ihn oft aus Spass einen "Panzerkampfwagen S".
Doch es sind gute Autos. Selbst flitze ich in einem roten Golf herum (K hat sein eigenes Auto). Ich fahre übrigens wie eine Rennfahrerin, oder besser gesagt, der Wagen fährt mit mir.
Hier noch ein bisschen Schwedisch :
Hallo! = Hej!
Bye! = Hejdå! (å spricht man wie das o in Brot)
Auf Wiedersehen! = Adjö!
Und zum Schluss schicke ich dir noch ein kleines Bild von den Vögeln. Die grüne ist Issi (eigentlich Idi Amin Didi) und der blaue ist Lollo (Blue Sky). Lache nicht!!
Ich wünsche dir alles Schöne und Gute
Marlena
Montag, 13. Juni 2011
Sonntag, 12. Juni 2011
Riviera der Teheranis
Glücksmomente (2)
...
Das Kaspische Meer ist die Riviera der Teheranis. An den Wochenenden reisen sie in Scharen über das Elbursgebirge. Und in einer kurvenreichen Fahrt von etwa 3 Stunden kommen sie dann in diese grüne Ebene, die sehr warm und ziemlich feucht ist. Die Glasscheiben des Fahrzeuges fangen an, sich zu belegen. Die ersten Mücken tauchen auf. Man fährt an grossen Reisfeldern vorbei. Wir waren immer wieder dort drüben und hatten eine gute Zeit. Zum Essen gab es meist gebratenen Stör, ein fantastischer Fisch zum Essen. Sein Fleisch ist fest und würzig. Als wir aber vor ein paar Jahren wieder dort waren, ich glaube es war zusammen mit meinem Neffen, da hatten sie die Strände vor dem Hotel für Männer und Frauen getrennt. Na ja, es war nicht bloss getrennt, sie hatten wirklich mit Sacktuch eine Art Bestallung gebaut. Und ein Bademeister kontrollierte den Eingang. Und abends um 17.00h wurde geschlossen. Es war absolut lächerlich. In dieser schönen weiten Meereslandschaft sich hinter diesen Sacktuchmauern zu verstecken. Ich war oft abends nach 17h noch schwimmen gegangen. Aber die Leute, die vorbei gingen, haben sich an mir gestört. Sie versuchten mich darauf aufmerksam machen, dass mein Tun verboten sei. Und ich tat, als ob ich sie nicht verstehen würde. Das kam mir alles sehr verbohrt und mittelalterlich vor. Und S war sogar etwas traurig. Als sie noch Kind war, hatte ihre Mutter mit ihren 5 Kindern in der Sommerzeit mehrere Monate am Kaspischen Meer verbracht. Und natürlich verbindet sie immer noch mit dieser Landschaft jene alten Erinnerungen, als der Iran unter dem Schah kulturell sehr frei und westlich orientiert war. Schliesslich war der gute Schah-in-shah in einem Internat in der Schweiz aufgewachsen, allerdings im französischen Teil der Schweiz, in der Romandie, wie wir sie nennen.
Und so frage ich mich, wie ich vom Mittelmeer wieder zurück in mein Büro gelange. Es ist mittlerweile 10.00h geworden und eigentlich Zeit für eine Kaffeepause. Hast du deinen schon gehabt. Wir waren mal in der Nähe Venedigs in den Sommerferien, damals noch mit Zelt. Für S war das Zelt zwar immer ein Horror, und ich glaube, wir waren nur zweimal damit unterwegs. Auf jeden Fall sind damals, weil wir ja keine warme Küche hatten, ungefähr um 10.00h ins einzige Lokal des kleinen Dorfes am Meer spaziert und haben einen Espresso bestellt. Und das besondere daran war, er schmeckte ein bisschen salzig. Das fand ich ausserordentlich gut. Hat ihm einen gewissen Pfiff gegeben. Auf jeden Fall vergesse ich ihn nie, den Espresso an der Adria.
Du siehst, ich bin noch immer nicht zurück.
...
Glücksmomente
date 26 October 2005 09:29
subject Komisch..
subject Komisch..
Liebe Malou
Na ja, meine Angaben über unseren Takt waren eher ironisch gemeint. Ich merke, dass es mir fehlt, mein Tagebuch. Aber es gibt dann wieder Tage, an denen ich leider nicht dazu komme, auch nur eine Zeile zu schreiben. Du weisst wie das ist: man braucht ein gewisses Gefühl der Ruhe. Und wenn hinter dem Rücken schon Leute warten, dann funktioniert es nicht.
Und rund um unsere interne Kontrolle hatte ich mich auch daran erinnert, was du gesagt hat. Im Prinzip seien Mails wie Postkarten. Wenn mich jemand kontrollieren will, kann er das alles lesen. Und er kann auch berechnen, wieviel Zeit im Büro ich dafür verwendet habe. Das war wohl auch ein Gedanke, der mich sehr gehemmt hatte. Aber jetzt ist das vorbei und ich fühle mich schon fast vogelfrei. Na ja, 'vogelfrei' ist zur Zeit ein schlechter Begriff, weil er ja mit dem 'Stallzwang' einhergeht. So merkwürdig ist unsere Welt.
Hat mich gefreut zu hören, dass du schneller deutsch als englisch schreibst. Das war doch nicht immer so, nicht wahr?
Ich habe im Moment ein bisschen Zeit, weil ich eigentlich mit einem Patienten - wir sagen Klienten - gerechnet hatte. Aber dann sehe ich in der Agenda, dass der Termin verschoben worden ist. Das sind kleine Glücksmomente. Ich habe mich immer darüber gefreut, wenn Leute ihren Termin vergessen, verschoben oder sogar abgesagt haben. Sowas habe ich immer als ein kleines Geschenk angesehen. Und so lutsche ich heute Morgen an meinem kleinen Präsentchen herum und geniesse die Zeit. Kommt nämlich dazu, dass die Sitzung nachmittags auch gleich abgesagt worden ist. Du siehst, ich bin in Ferienstimmung. Ich sitze hier auf meinem Bürosessel wie in einem Liegestuhl am Strand des Mittelmeeres und strecke die Beine aus, so dass ich mit den Zehen knapp das kühle und verspielte Wasser erreichen kann. Fast rieche ich die Sonnencreme auf meinem Gesicht, etwas, was ich sonst eher hasse. Und natürlich schaue ich ein bisschen den Bikins nach. Dazu sind Sonnenbrillen sehr nützlich. Entweder man schaut bloss voreuristisch hin, ohne dass sie es merkt. Sie soll es eben gerade nicht merken. Das ist eine Kunst für sich: hinschauen ohne hingeschaut zu haben. Oder dann, wenn die Verhältnisse dies erfordern, lässt man die Brille auf der Schiene der Nase ein bisschen heruntergleiten und blickt und blitzt demonstrativ über die Brille hinweg plattwegs auf dieses Weltwunder. Das will heissen: hallo, was sehe ich denn da? Kann ich meinen Augen wirklich trauen? Wo steht mir der Kopf?
Ist es nicht merkwürdig, dass Mensch, wenn sie Entspannungsübungen machen, sich allermeist eine Situation am Meeresstrand vorstellen. Obwohl das Meer ja doch auch sehr aufregend sein kann. Ich erinnere mich an Ferien am Kaspischen Meer. Noch heute habe ich einen kleinen Stein hier auf meinem Pult. Die Wellen waren so hoch, dass sie dich, wenn sie dich richtig erwischten, richtiggehend auf den Steinboden hämmerten. B., die immer eine passionierte Schwimmerin war, war mit mir draussen, etwa 50 m vom Strand. Und da kam auch mein Schwiegervater dazu. Sie bemerkte, dass er diesem endlosen Wellengang irgendwie hilflos gegenüber war. Wenn eine Welle ihn überspült hatte, wischte er sich sein Gesicht, und noch bevor er zuende damit war, kam bereits die nächste Welle. B hatte seine Probleme bemerkt und so haben wir ihn zusammen zurück ans Ufer gelotst. Und ich glaube, wenn er allein dort gewesen wäre, hätte er ertrinken können. Irgendwie konnte er sich nicht selbst entscheiden, zurück ans Ufer zu gehen. Na ja, er war schon älter, vielleicht 70. Und der Wellengang war ein bisschen zu hoch für einen Menschen in diesem Alter. Ich aber liebte diese donnernden Wellen, die manchmal hart zuschlugen. Diesen Kitzel mochte ich. Aber ich wusste auch, dass man der Kraft des Wassers nicht widerstehen konnte. Man musste sich ihm überlassen, ungefähr wie ein Küchenlappen, wenn er dahin schwimmt. Wenn man so nachgeben konnte, schwand die Kraft der Wellen. Dann war es eher wie eine Unterwasserganzkörpermassage. Tolles Wort, nicht wahr?
Das Kaspische Meer ist..
...
(Fortsetzung morgen)
Donnerstag, 9. Juni 2011
Haustiere und andere Menschen
den 8 mars 2000 15:53
Haustiere und andere Menschen
Liebe Marlena
Ich stelle mir vor wie du am PC sitzt vor deinem Pin-Brett im schwedischen Winter (bemerkt man die Ankunft des Frühlings bei euch noch nicht?) und im Hintergrund die Wellensittiche, die miteinander zwitschern und plaudern. Ein Bild voller bürgerlicher Ruhe und Friedlichkeit. Zwei Wellensittiche im Bauer (das Wort wird in der Schweiz selten gebraucht, ein schweizerischer Sekundarschüler würde es nicht kennen), das schaut mir sehr nach bürgerlicher Trautheit aus. Gehören die zwei Vögelchen deiner Anna?
Ich habe mir als Kind immer ein Tier gewünscht. Am liebsten einen Hund, oder vielleicht eine Katze, nun ja, ich hatte nicht einmal so genaue Vorstellungen. Lange Zeit hatte ich gar geglaubt, die Hunde seien die männlichen und die Katzen die weiblichen Tiere. Also, einen schönen Hund hätte ich fürs Leben gern gehabt, einen Irish Setter, von dem habe ich oft geträumt. Sicherlich kennst du diese wunderschönen roten Hunde mit den langen Haaren und der sympathischen Schnauze. Doch zur Not wollte ich mich auch mit einer Katze, mit einer getiegerten oder mit einer gefleckten zufrieden geben. Aber meine Eltern waren strikte dagegen.
Nur einmal in meinem Leben hatte ich eine Serie weisser Mäuse. Sie waren die reine Occasion, denn ein Nachbarskamerad hatte sie, und seine Eltern hatten ihm das Ultimatum gestellt, weil diese zierlichen weissen Tierchen mit den roten Augen heftig stanken. So gab er mir die ganze Anlage, ein kleiner zweistöckiger Stall aus Holz mit Türchen und Riegelchen. Doch ich durfte die lebendigen Dinger nicht ins Haus nehmen. Und draussen - so befürchtete ich - würden sie von den Katzen gefressen. So stellte ich über ihre kleine Holzvilla ein grosses Gitter, und darüber legte ich einige Tücher, damit sie nicht erfrieren würden.
So war ich etwa für 14 Tage stolzer Besitzer von etwa 5 oder 6 stinkenden, weissen Mäusen. Es dauerte solange, bis meine Eltern fanden, es sei wirklich genug und sie stinkten wirklich bestialisch, so dass auch ich schlussendlich ein Ultimatum bekam und den nächsten Dummen suchte, der die kleine Menagerie übernehmen würde. Irgendwie gelang mir das. Doch ich weiss nicht mehr, wie ich den Mausezirkus wieder los wurde. Aber irgendwie wurde ich ihn los. Die kleinen Tiere umzubringen, dazu hätte ich das Herz nicht gehabt. Das waren meine 14-tägigen Erfahrungen mit der Maus. Und von daher vielleicht meine Lebenserfahrung und mein Expertentum in Sachen Mausfreundschaft ;-)).
Ich glaube mein Vater war immer strikt gegen Haustiere. Wir hatten eine Schildkröte im Garten, die mein Vater einmal von Beirut heimgebracht hatte. Es waren ursprünglich zwei gewesen. Doch die eine war nach einiger Zeit gestorben und ihr Schild steht heute noch auf dem Fenstersims meiner Eltern. Die zweite hatte ein langes Leben und wanderte in unserem Garten herum, wanderte von Garten zu Garten. Wir waren in ganz Visp bekannt als "die mit der Schildkröte". Die Schildkröte frass Salat, gerne auch Kirschen oder Früchte, und döste am liebsten in der Sonne vor sich hin. Als Junge hatte ich sie nie wirklich als Tier genommen, denn mit einer Schildkröte kannst du absolut nichts anfangen. Du kannst nicht mit ihr spazieren gehen, zu kannst nicht Ball spielen, sie gibt absolut keinen Laut von sich, sie hat eine etwas unangenehm kalte und geschuppte Haut, und sie schliesst die Augen von unten nach oben. Also, unsere Schildkröte aus Beirut war wirklich kein echtes Tier. Sie hatte nicht einmal einen Namen. Vielleicht war das der Fehler, dass mein Vater ihr nicht mal einen Namen ausgesucht hatte. Sie kam einfach eines Tages an, als wir Kinder noch sehr klein waren, in einem Korb und zusammen mit etlichen Büchsen voller Oliven. An die Oliven kann ich mich noch fast besser erinnern als an die Schildkröten.
Die Schildkröte musste man jährlich im Herbst in den Keller bringen und ihr ein Winterlager mit Laub und etwas Erde bereiten, sonst wäre sie im Garten erfroren. So schlief sie in unserem Weinkeller neben den Schnapsflaschen, die mein Vater jeweils auf Neujahr von den verschiedensten Firmen erhielt.
Es ist schade, das sie keinen Namen hatte. Heute würde ich sie Esmeralda oder ähnlich nennen, und zur Taufe eine kalte Flasche Schaumwein herumreichen. Aber das ist jetzt zu spät. Unsere Esmeralda, die nie wirklich Esmeralda heissen konnte, wanderte wohl wie eh und je aus unserem Garten aus in den nächsten und dann weiter. Sie hatte ein wirklich internationales Bewusstsein. Und so wurde sie einfach nicht mehr gefunden. Sie blieb verschollen, unsere Esmeralda. Und keiner weinte ihr wirklich eine Träne nach. Denn sie war zwar ein Tier, aber nicht ein Tier, wie man es sich als Kind vorstellt. Sie war ein kaltes, ein stummes und ein sehr unbewegliches Tier. Niemand wusste auch, wie alt sie war. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Esmeralda, steinalt sein musste. Ein solcher Schild aus Horn, der ganz merkwürdig roch, ein solches Ding produziert man nicht einfach in Monaten oder Jahren. Da liegen Jahrhunderte drin, dachte ich mir.
Später, als ich schon in Zürich studierte und nicht mehr zuhause wohnte, da kam offenbar doch noch eine Katze in unser Haus. Wahrscheinlich hatte meine kleinste Schwester die Eltern genervt und gelöchert, bis sie zustimmten. Es war ganz erstaunlich. Es war einfach unvorstellbar. Schliesslich konnte man meinen Vater auf dem Sofa in der Stube finden bei seiner Siesta nach dem Essen, und die Katze hockte ihm auf dem Bauch und schnurrte. Stell dir dieses Bild vor, Marlena, wie der heilige Francesco, der mit den Tieren zu sprechen pflegte. Mein Vater, der nie und nimmer ein Tier in seinem Haus haben wollte, stellt sich als Liegekissen für eine ganz gewöhnliche Katze zur Verfügung!!! Es ist einfach unvorstellbar, wie sich die Menschen ändern und verrenken können. Oder andersherum: es ist einfach erstaunlich, was Katzen in ihrem kurzen Leben erreichen können. Sie haben einen sehr harten Kopf und einen eisernen Willen. Und sie wissen, was sie wollen. Von den Katzen können wir uns ein gutes Stück abschneiden. Das dürfen wir uns merken.
Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu bringen, hatten wir einen Hund. Weil ich ja mein Leben lang immer gerne einen Hund haben wollte, war meine Frau nach langem hin und her und Diskussion und Zweifeln bereit, einen Hund in die Wohnung aufzunehmen. Er sollte aber nur im Gang bleiben. In Persien hat man die Hunde absolut nicht im Haus. Man denkt sie bringen Schmutz und Krankheiten und weiss Gott was alles. Also kauften wir eines Tages einen kleinen, jungen roten Cocker Spaniel. Er war ein richtiges Kind, wedelte mit dem Schwanz, wie sonst kein Wesen auf der Welt wirklich wedeln kann. Und er war die Treue selbst. Wir nannten ihn Dido, nach der griechischen Göttin, die - wenn ich mich recht erinnere - mit Aeneas irgend ein Techtelmechtel gehabt hatte. Doch davon hatte unsere Dido keine Ahnung. Sie war wie ein Kind, freute sich, wenn man nach Hause kam, gab schmerzerfüllte sehnsüchtige Laute von sich, wenn man weg war. Sie liess in der ganzen Umgebung Liebe und Haare verströmen. Meine Frau musste sich immer wieder neu überwinden. Und wann Dido auf der Schwelle zur Stube lag und zu mir hinüberäugte, mit diesem treuherzigen Hundeblick, so fand ich uns absolut barbarisch und unmenschlich, diesem armen Hund die Stube zu verbieten. Dido hatte den grossen Vorteil, dass sie täglich mehrmals an die frische Luft musste. Und wir mussten natürlich mit. Das war ziemlich gesund und bei schönem Wetter auch ganz ok. Nur wenn es regnete, dann war es schon mühsam. Die schlimmste Variante war abends vor dem zu Bett gehen, wenn es regnete. Da sollte ich also mit unserer Dido noch rasch hinaus, damit sie ihr Geschäft erledigen konnte. Ich ging also hinunter und öffnete die Haustüre. Ich forderte die kleine Hündin auf, jetzt rasch in den Garten zu verschwinden, um das Ding zu erledigen. Ich schaute zum Himmel, wie es regnete und Dido schaute zum Himmel, wie es regnete. Sie konnte sich einfach nicht entschliessen, ihr kostbares Fell zu nässen. Und so kehrten wir beide unverrichteter Dinge wieder nach oben. Ich hatte immer angenommen, dass sie schon selbst wissen müsste, ob sie pinkeln muss oder nicht. Ich wollte sie sozusagen antiautoritär erziehen. Und sie hat wirklich nie in die Wohnung gepinkelt. Sie hätte sich damit den ewigen Groll meiner S. zugezogen. Und soweit wollte sie es nun wirklich nicht kommen lassen.
Allerdings gehorchte Dido ziemlich gut. Auf Spaziergängen hatte ich meistens den Hosensack voller Hundekuchen. Und wenn ich pfiff, durch die Finger, so dass es durch Mark und Bein ging, dann pflegte Dido daher zu düsen wie die Feuerwehr mit Blaulicht. Sie schaute weder links noch rechts und kam in Windeseile, um ihren Kuchen abzuholen. Von der Lernpsychologie wusste ich, dass man "intermittierend" verstärken soll. Das hiess, nicht jedes Mal wirklich einen Kuchen zu geben. Ein leichter Frustrationspegel war also durchaus nützlich, alles andere war Verzärtelung. Und so war ich stolz, dass unsere Dido in dieser Hinsicht wirklich sehr zuverlässig gehorchte. Erst als meine Frau schwanger war, haben wir Dido einer Bekannten, die sich schon lange einen Hund gewünscht hatte, verschenkt. Meine S. war überzeugt, dass ein kleines Baby und ein Hund sich in derselben Wohnung niemals vertragen würden. Und sie malte die schlimmsten Bilder an die Wand, wie frustrierte Hunde, die sich plötzlich wegen eines Neugeborenen vernachlässigt fühlen, kleine Babies anzufallen und brutal zu Tode beissen pflegen. Ganz abgesehen davon, dass der Schmutz und die Haare in der Wohnung für ein Kind, das noch auf dem Boden herum kriecht, absolut Gift sind, Krankheiten und Infektionen heraufbeschwören wird. So haben wir denn unsere Dido abgegeben, mit ihren treuen Augen und dem rotbraunen Fell, und den langen Ohren, die sie - wenn sie mit ihrer Nase schnuppernd dahinfegte - stets leicht auf dem Boden mitzog. Sie war ein süsser kleiner Hund, und treu, wie sonst kein Mensch treu sein kann. Und nicht so klein, als dass ihr das Hündische gefehlt hätte.
Ach, darwinistisch gesprochen sind die Tiere unsere Geschwister, die jüngeren im Grunde genommen, weil noch nicht so kompliziert und bösartig wie wir. Sie sind unsere Schwestern und Brüder, Basen und Vetter, Nichten und Neffen der Schöpfung. Und sie sind, dass muss man ihnen jederzeit zugestehen, meistens hoch anständig.
Mit einem lieben Gruss
...
Haustiere und andere Menschen
Liebe Marlena
Ich stelle mir vor wie du am PC sitzt vor deinem Pin-Brett im schwedischen Winter (bemerkt man die Ankunft des Frühlings bei euch noch nicht?) und im Hintergrund die Wellensittiche, die miteinander zwitschern und plaudern. Ein Bild voller bürgerlicher Ruhe und Friedlichkeit. Zwei Wellensittiche im Bauer (das Wort wird in der Schweiz selten gebraucht, ein schweizerischer Sekundarschüler würde es nicht kennen), das schaut mir sehr nach bürgerlicher Trautheit aus. Gehören die zwei Vögelchen deiner Anna?
Ich habe mir als Kind immer ein Tier gewünscht. Am liebsten einen Hund, oder vielleicht eine Katze, nun ja, ich hatte nicht einmal so genaue Vorstellungen. Lange Zeit hatte ich gar geglaubt, die Hunde seien die männlichen und die Katzen die weiblichen Tiere. Also, einen schönen Hund hätte ich fürs Leben gern gehabt, einen Irish Setter, von dem habe ich oft geträumt. Sicherlich kennst du diese wunderschönen roten Hunde mit den langen Haaren und der sympathischen Schnauze. Doch zur Not wollte ich mich auch mit einer Katze, mit einer getiegerten oder mit einer gefleckten zufrieden geben. Aber meine Eltern waren strikte dagegen.
Nur einmal in meinem Leben hatte ich eine Serie weisser Mäuse. Sie waren die reine Occasion, denn ein Nachbarskamerad hatte sie, und seine Eltern hatten ihm das Ultimatum gestellt, weil diese zierlichen weissen Tierchen mit den roten Augen heftig stanken. So gab er mir die ganze Anlage, ein kleiner zweistöckiger Stall aus Holz mit Türchen und Riegelchen. Doch ich durfte die lebendigen Dinger nicht ins Haus nehmen. Und draussen - so befürchtete ich - würden sie von den Katzen gefressen. So stellte ich über ihre kleine Holzvilla ein grosses Gitter, und darüber legte ich einige Tücher, damit sie nicht erfrieren würden.
So war ich etwa für 14 Tage stolzer Besitzer von etwa 5 oder 6 stinkenden, weissen Mäusen. Es dauerte solange, bis meine Eltern fanden, es sei wirklich genug und sie stinkten wirklich bestialisch, so dass auch ich schlussendlich ein Ultimatum bekam und den nächsten Dummen suchte, der die kleine Menagerie übernehmen würde. Irgendwie gelang mir das. Doch ich weiss nicht mehr, wie ich den Mausezirkus wieder los wurde. Aber irgendwie wurde ich ihn los. Die kleinen Tiere umzubringen, dazu hätte ich das Herz nicht gehabt. Das waren meine 14-tägigen Erfahrungen mit der Maus. Und von daher vielleicht meine Lebenserfahrung und mein Expertentum in Sachen Mausfreundschaft ;-)).
Ich glaube mein Vater war immer strikt gegen Haustiere. Wir hatten eine Schildkröte im Garten, die mein Vater einmal von Beirut heimgebracht hatte. Es waren ursprünglich zwei gewesen. Doch die eine war nach einiger Zeit gestorben und ihr Schild steht heute noch auf dem Fenstersims meiner Eltern. Die zweite hatte ein langes Leben und wanderte in unserem Garten herum, wanderte von Garten zu Garten. Wir waren in ganz Visp bekannt als "die mit der Schildkröte". Die Schildkröte frass Salat, gerne auch Kirschen oder Früchte, und döste am liebsten in der Sonne vor sich hin. Als Junge hatte ich sie nie wirklich als Tier genommen, denn mit einer Schildkröte kannst du absolut nichts anfangen. Du kannst nicht mit ihr spazieren gehen, zu kannst nicht Ball spielen, sie gibt absolut keinen Laut von sich, sie hat eine etwas unangenehm kalte und geschuppte Haut, und sie schliesst die Augen von unten nach oben. Also, unsere Schildkröte aus Beirut war wirklich kein echtes Tier. Sie hatte nicht einmal einen Namen. Vielleicht war das der Fehler, dass mein Vater ihr nicht mal einen Namen ausgesucht hatte. Sie kam einfach eines Tages an, als wir Kinder noch sehr klein waren, in einem Korb und zusammen mit etlichen Büchsen voller Oliven. An die Oliven kann ich mich noch fast besser erinnern als an die Schildkröten.
Die Schildkröte musste man jährlich im Herbst in den Keller bringen und ihr ein Winterlager mit Laub und etwas Erde bereiten, sonst wäre sie im Garten erfroren. So schlief sie in unserem Weinkeller neben den Schnapsflaschen, die mein Vater jeweils auf Neujahr von den verschiedensten Firmen erhielt.
Es ist schade, das sie keinen Namen hatte. Heute würde ich sie Esmeralda oder ähnlich nennen, und zur Taufe eine kalte Flasche Schaumwein herumreichen. Aber das ist jetzt zu spät. Unsere Esmeralda, die nie wirklich Esmeralda heissen konnte, wanderte wohl wie eh und je aus unserem Garten aus in den nächsten und dann weiter. Sie hatte ein wirklich internationales Bewusstsein. Und so wurde sie einfach nicht mehr gefunden. Sie blieb verschollen, unsere Esmeralda. Und keiner weinte ihr wirklich eine Träne nach. Denn sie war zwar ein Tier, aber nicht ein Tier, wie man es sich als Kind vorstellt. Sie war ein kaltes, ein stummes und ein sehr unbewegliches Tier. Niemand wusste auch, wie alt sie war. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Esmeralda, steinalt sein musste. Ein solcher Schild aus Horn, der ganz merkwürdig roch, ein solches Ding produziert man nicht einfach in Monaten oder Jahren. Da liegen Jahrhunderte drin, dachte ich mir.
Später, als ich schon in Zürich studierte und nicht mehr zuhause wohnte, da kam offenbar doch noch eine Katze in unser Haus. Wahrscheinlich hatte meine kleinste Schwester die Eltern genervt und gelöchert, bis sie zustimmten. Es war ganz erstaunlich. Es war einfach unvorstellbar. Schliesslich konnte man meinen Vater auf dem Sofa in der Stube finden bei seiner Siesta nach dem Essen, und die Katze hockte ihm auf dem Bauch und schnurrte. Stell dir dieses Bild vor, Marlena, wie der heilige Francesco, der mit den Tieren zu sprechen pflegte. Mein Vater, der nie und nimmer ein Tier in seinem Haus haben wollte, stellt sich als Liegekissen für eine ganz gewöhnliche Katze zur Verfügung!!! Es ist einfach unvorstellbar, wie sich die Menschen ändern und verrenken können. Oder andersherum: es ist einfach erstaunlich, was Katzen in ihrem kurzen Leben erreichen können. Sie haben einen sehr harten Kopf und einen eisernen Willen. Und sie wissen, was sie wollen. Von den Katzen können wir uns ein gutes Stück abschneiden. Das dürfen wir uns merken.
Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu bringen, hatten wir einen Hund. Weil ich ja mein Leben lang immer gerne einen Hund haben wollte, war meine Frau nach langem hin und her und Diskussion und Zweifeln bereit, einen Hund in die Wohnung aufzunehmen. Er sollte aber nur im Gang bleiben. In Persien hat man die Hunde absolut nicht im Haus. Man denkt sie bringen Schmutz und Krankheiten und weiss Gott was alles. Also kauften wir eines Tages einen kleinen, jungen roten Cocker Spaniel. Er war ein richtiges Kind, wedelte mit dem Schwanz, wie sonst kein Wesen auf der Welt wirklich wedeln kann. Und er war die Treue selbst. Wir nannten ihn Dido, nach der griechischen Göttin, die - wenn ich mich recht erinnere - mit Aeneas irgend ein Techtelmechtel gehabt hatte. Doch davon hatte unsere Dido keine Ahnung. Sie war wie ein Kind, freute sich, wenn man nach Hause kam, gab schmerzerfüllte sehnsüchtige Laute von sich, wenn man weg war. Sie liess in der ganzen Umgebung Liebe und Haare verströmen. Meine Frau musste sich immer wieder neu überwinden. Und wann Dido auf der Schwelle zur Stube lag und zu mir hinüberäugte, mit diesem treuherzigen Hundeblick, so fand ich uns absolut barbarisch und unmenschlich, diesem armen Hund die Stube zu verbieten. Dido hatte den grossen Vorteil, dass sie täglich mehrmals an die frische Luft musste. Und wir mussten natürlich mit. Das war ziemlich gesund und bei schönem Wetter auch ganz ok. Nur wenn es regnete, dann war es schon mühsam. Die schlimmste Variante war abends vor dem zu Bett gehen, wenn es regnete. Da sollte ich also mit unserer Dido noch rasch hinaus, damit sie ihr Geschäft erledigen konnte. Ich ging also hinunter und öffnete die Haustüre. Ich forderte die kleine Hündin auf, jetzt rasch in den Garten zu verschwinden, um das Ding zu erledigen. Ich schaute zum Himmel, wie es regnete und Dido schaute zum Himmel, wie es regnete. Sie konnte sich einfach nicht entschliessen, ihr kostbares Fell zu nässen. Und so kehrten wir beide unverrichteter Dinge wieder nach oben. Ich hatte immer angenommen, dass sie schon selbst wissen müsste, ob sie pinkeln muss oder nicht. Ich wollte sie sozusagen antiautoritär erziehen. Und sie hat wirklich nie in die Wohnung gepinkelt. Sie hätte sich damit den ewigen Groll meiner S. zugezogen. Und soweit wollte sie es nun wirklich nicht kommen lassen.
Allerdings gehorchte Dido ziemlich gut. Auf Spaziergängen hatte ich meistens den Hosensack voller Hundekuchen. Und wenn ich pfiff, durch die Finger, so dass es durch Mark und Bein ging, dann pflegte Dido daher zu düsen wie die Feuerwehr mit Blaulicht. Sie schaute weder links noch rechts und kam in Windeseile, um ihren Kuchen abzuholen. Von der Lernpsychologie wusste ich, dass man "intermittierend" verstärken soll. Das hiess, nicht jedes Mal wirklich einen Kuchen zu geben. Ein leichter Frustrationspegel war also durchaus nützlich, alles andere war Verzärtelung. Und so war ich stolz, dass unsere Dido in dieser Hinsicht wirklich sehr zuverlässig gehorchte. Erst als meine Frau schwanger war, haben wir Dido einer Bekannten, die sich schon lange einen Hund gewünscht hatte, verschenkt. Meine S. war überzeugt, dass ein kleines Baby und ein Hund sich in derselben Wohnung niemals vertragen würden. Und sie malte die schlimmsten Bilder an die Wand, wie frustrierte Hunde, die sich plötzlich wegen eines Neugeborenen vernachlässigt fühlen, kleine Babies anzufallen und brutal zu Tode beissen pflegen. Ganz abgesehen davon, dass der Schmutz und die Haare in der Wohnung für ein Kind, das noch auf dem Boden herum kriecht, absolut Gift sind, Krankheiten und Infektionen heraufbeschwören wird. So haben wir denn unsere Dido abgegeben, mit ihren treuen Augen und dem rotbraunen Fell, und den langen Ohren, die sie - wenn sie mit ihrer Nase schnuppernd dahinfegte - stets leicht auf dem Boden mitzog. Sie war ein süsser kleiner Hund, und treu, wie sonst kein Mensch treu sein kann. Und nicht so klein, als dass ihr das Hündische gefehlt hätte.
Ach, darwinistisch gesprochen sind die Tiere unsere Geschwister, die jüngeren im Grunde genommen, weil noch nicht so kompliziert und bösartig wie wir. Sie sind unsere Schwestern und Brüder, Basen und Vetter, Nichten und Neffen der Schöpfung. Und sie sind, dass muss man ihnen jederzeit zugestehen, meistens hoch anständig.
Mit einem lieben Gruss
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