Date: Sun, 13 Aug 2000
Liebster Mausfreund,
Ich möchte Dir nur ganz schnell für das wunderbara Mail Iran I danken. Du schreibst so schön und ich geniesse es in vollen Zügen.
Auf unserem ersten Ausflug zog Annas Freund plötzlich ein Backgammonspiel aus seinem Rucksack hervor, und hier zu Hause haben wir in den letzten Tagen öfters diese Melonen gegessen von denen du mir erzählst. Noch nie in meinem Leben habe ich so wohlschmeckende süsse Melonen gegessen. Ich wusste kaum dass es sie gab.
Auch habe ich mir manchmal abends einen Tee gekocht und aus diesen kleinen schönen Gläsern getrunken die K voriges Jahr aus Istanbul mitgebracht hat. Oft hatte ich den Eindruck dass ich den Tee mit dir zusammen trinke.
Danke chéri, dass du mein Leben so bereicherst mit all deinen schönen Briefen.
Ich muss nun zurück zu den Gästen. Natürlich werde ich dir von diesem typischen Krebsfest erzählen, das hier jedermann im August feiert.
Es gehört zu den schwedischen Traditionen.
Ich bin sehr glücklich dass du wieder hier bist :-)
KKK+SSS+U
Marlena
Freitag, 20. August 2010
Iran I - Teheran
Subject: Iran I
Date: Sat, 12 Aug
Liebe Marlena
---
Ich weiss gar nicht mehr, wie wir drauf gekommen sind, ich sollte irgendwelche Ähnlichkeiten mit Proust haben. Er ist doch wirklich von der anderen Seite, der Kerl. Aber ich muss sagen, seit ich ein bisschen mehr weiss von ihm, ist meine Wertschätzung gestiegen. De Botton hat ihn mir ziemlich gut vermittelt.
*
Ich will Dir ein bisschen über unsere Ferien im Iran erzählen. Das war ja bekanntlich ein grösseres Unternehmen, und es ist deshalb nicht einfach, dieses 4-Wochen.Projekt in Worte zu fassen. S ist ja schon einige Wochen früher abgeflogen und hat einiges für uns organisiert. Sie hat auch unsere Wohnung für meinen Neffen und seine Freundin bereitgemacht. Ist recht schön geworden, unsere Wohnung. Sie liegt im 8. Stock eines hohen Hauses in einem sehr "bürgerlichen" Quartier, dh. umgeben von Villen in 2 Stockwerken. Wir haben also eine wundervolle Aussicht auf den nördlichen Teil Teherans, an diesen Gebäudemoloch, der sich an den Hängen des Elburs Gebirges in die Höhe frisst. Ich glaube, die ganze Stadtgrenze ist seit meinem letzten Besuch wieder um einige Meter gestiegen. Die Berghänge sind in ein helles Ocker getaucht. Tagsüber sieht das heiss und staubig aus. Aber abends, wenn die Sonne leichte bläuliche Schatten in die Halden wirft, dann wirkt dieser Hintergrund sehr schön und plastisch. Wir waren mal bei einer Kusine von S zu Besuch. Sie und ihr Mann haben in Paris Architektur studiert und sind jetzt sehr erfolgreich in Teheran. Sie haben eine Attika-Wohnung praktisch zuoberst. Dahinter, so sagte man mir, lebt nur noch Chamenei, der erzkonservative Staatspräsident. Und Komeinis Witwe lebt in naher Nachbarschaft. Es ist wirklich eine ganz heisse Gegend, und im Stillen habe ich mir beim Essen vorgestellt, dass die nächste Revolution wohl in dieser Gegend ausbrechen und in heimlich deponierten Bomben explodieren würde. Vom Dach ihres Hauses hatte man eine wunderbare Aussicht über die ganze Stadt, die sich wohl an die 50 km in den Süden hinunterzieht. Dort unten, in down-town ist es sündhaft heiss und nur für Ärmste noch gerade zu ertragen. Es gibt im Stadtbild drei Elemente. Die traditionellen Häuser sind in der Regel höchstens zweistöckig. Und die engen Gassen sind nicht sehr geometrisch geordnet. In der Nacht wirken diese Quartiere unstrukturiert mit zahllosen kleinen und feinen Lichtlein, wie ein völlig ausverkaufter und überfüllter Sternenhimmel. Dann gibt es die grossen Expressstrassen. Sie sind mit grossen Strahlern beleuchtet, die ein etwas orangenes Licht ausstrahlen. Sie geben dem nächtlichen Bild einigermassen eine Struktur. Und schliesslich gibt es einige Gebiete, wo Hochhäuser in die Höhe schiessen. Sie haben wohl etwa 30 Stockwerke. Ganz in unserer Nähe war so ein Haus, der Borghe sefid, der weisse Turm. Zuoberst ein Restaurant, voll verglast, das sich im Kreise dreht, wo man guten Kaviar bekommen soll. Dort trifft sich die Jugend, saugt stundenlang an einer Cola-Büchse und wirft dem anderen Geschlecht vielsagende Blicke zu. Die Mädchen sind zwar mit Kopftuch und Cape, aber hier oben streifen sie das Tuch ein bisschen weiter zurück, um ihr schönes Haar ein bisschen mehr versprechen zu lassen. Aber sie sind für unsere europäischen Verhältnisse immer noch sehr zurückhaltend und kontrolliert und höflich. Unsere B. war auf diesem Hintergrund geradezu frech und auffallend locker und unkontrolliert. Sie wirkte wirklich machmal ungezogen, was sie hier in Europa nicht eigentlich ist. Es war für uns Eltern gelegentlich ein bisschen peinlich. Aber ich glaube, sie wollte auch gerne etwas provozieren. Meine Schwiegermutter hat Todesängste ausgestanden, wenn sich B. mit jemandem getroffen hat und sich dann - was ja eigentlich im Iran völlig normal ist - etwa um eine Stunde verspätet hat. Und sie hat sich geschminkt, wie ich sie hier in der Schweiz nie gesehen habe. Ich hatte das Gefühl, sie müsste sich mit ihren Signalen auf diese kleine Gesichtsfläche beschränken und wollte diese "Werbefläche" voll ausnutzen. Mit Kleidern oder Haaren war ja sonst nicht viel zu machen. Doch sie hat mir erklärt, dass sich die Perserinnen so intensiv schminken würden, und dass sie - wohl oder übel - doch mithalten müsse. Ist möglich, dass sie Recht hat. So genau studiere ich bei den jungen Mädchen jeweils nicht mehr, was nature und was artificiel ist. Aber manchmal sehen sie wirklich unverschämt schön aus. Das muss man ihnen zugestehen. Und B war in der oberen Spielklasse gut mit dabei, muss ich ihr auch zugestehen. Sie mag es, wenn ich ihr Komplimente mache. Sie bedankt sich manchmal so postwendend, dass ich den Eindruck habe, sie hätte förmlich darauf gewartet. Das heisst, sie zieht sie mir geradezu aus dem Mund. Na ja, vielleicht weißt du, wie Töchter sind.
Teheran hat um die 20 Millionen Einwohner. Der Iran insgesamt 65 Millionen, haben wir gehört. Ein Drittel der Bevölkerung wohnt also in Teheran. Das ist das Resultat der riesigen Landflucht in den letzten 20 Jahren. Das Staatsgebiet liegt, im europäischen Vergleich, etwa zwischen Madrid und der zentralen Sahara Südalgeriens. Teheran liegt auf demselben Breitengrad wie Gibraltar (ich weiss jetzt wirklich, warum es Simine immer dort hinunter nach Andalusien zieht: Klima, maurischer Einschlag, Flamenco etc.). Aber Teheran liegt als Stadtzentrum auf etwa 1200 m ü.M, die nördlichsten Teile steigen bis 1700m, also so hoch, wo bei uns etwa die Waldgrenze liegt. Das macht also einen Höhenunterschied von ca. 700m, der sich aber auf diese 50 km verteilt. Aber es ist doch im oberen Teil, wo die reicheren Bürger wohnen und wo auch die ehemaligen Gebäude und Paläste des Schahs sich befinden, doch deutlich ansteigend. Die grossen Strassen sind mit riesigen Bäumen gesäumt, die tagsüber Schatten spenden und im Grunde ein schönes Bild abgeben. Sie stehen allesamt im Graben, wo häufig Wasser wie ein Bächlein in einem offenen Kanal hinunter fliesst. Früher gab es kaum noch Randsteine, und wenn du beim Parkieren mit einem Rad deines Wagens in diesen Kanal gesackt bist, dann konntest du den Abschleppdienst rufen. Und das konnte man da und dort beobachten. Natürlich hat Teheran Kontinentalklima, dh. trocken, mit grossen Temperaturunterschieden, im Winter manchmal Schnee für ein paar Tage. Und sonst mindestens Schnee auf dem Elburs, wo die Perser gerne Skifahren gehen.
Wir haben unsere Ferien dreigeteilt. Am Anfang sind wir für ein paar Tage ans Kaspische Meer gefahren. Nach ein paar Tagen im Ferienhaus im Elburs und in Teheran eine Woche in Isfahan. Und zum Schluss wieder in Teheran.
Die Tage am Kaspischen Meer waren gut, wenn auch nicht gerade überwältigend. Wir haben im Hotel Enghelab gewohnt, was soviel wie Revolution heisst. Es ist ein ziemlich grosszügig konzipiertes Hotel mit einer riesigen Lobby über alle 6 Stockwerke, mit zwei Glasliften als die Attratkion dieser riesigen Halle. Wenn noch ein Araber mit zwei oder drei Frauen herumflaniert ist, dann hat das Bild gestimmt. Wir hatten drei Zimmer, und S musste bei der Rezeption schummeln und mit einem guten Trinkgeld nachhelfen, damit sie glaubten, all die jungen Leute (auch mein Neffe und seine Freundin) seien ihre Kinder. Nur so kamen sie in den Genuss, auch mit Rials bezahlen zu können. Die Dollar-Preise sind sehr hoch. Man spürt in den Preisen noch förmlich den Hass gegenüber den den Amerikanern, den das Regime damals geschürt hatte. An der Nordseite des Elburs gibt es tropisches Klima, sehr feucht und warm, mit etlichen Mücken. Sie haben hier den Steigungsregen vom Meer her (das eigentlich ein See - mässig salzig - ist, und nota bene keinen Abfluss hat), und die Berge sind bis zum Horizont hinauf grün bewaldet. Es soll Bären geben und Leoparden, hat man uns gesagt. Das Kaspische Meer ist bekannt für den Stör und den Kaviar, den man von ihm gewinnt. Wir haben dort oben in der Provinz Gilan am Meer jede Menge Fisch-Kebab gegessen. Der Stör hat ein festes Fleisch, und er schmeckt ein bisschen - nur ganz wenig - bitterlich. Er hat mich ein an den Geschmack des Tintenfischs erinnert, den ich sehr mag. Kaviar haben wir keinen gegessen. Ich mag ihn auch nicht so besonders.
Und dann gab es vor dem Hotel den Strand. Zum Baden haben sie für Frauen und für Männer mit Planen je ein Geviert abgegrenzt. Die Frauen mussten rechts vom Hotel, die Männer links. Das ganze war etwa 500 m voneinander entfernt. Als Familie konntest du also nicht gemeinsam baden. Und die Tuchplanen haben auch jede Sicht verdeckt. Das hat mir wirklich nicht gefallen. Normalerweise ist am Meer doch das Schönste die Weite des Strandes und des Wassers, und das Spiel der Familien und der Kinder und das Promenieren der Allerschönsten. Hier war alles in ein 50 mal 50m Karre eingesperrt, voller Männer und Söhne und eine lausige Dusche und in der Mitte ein Gestell, wo alle die Kleider aufhängen sollten. Der Bademeister hat registriert, aus welchem Hotelzimmer du kommst, weiss Gott respektive Allah, wozu. Und wenn du etwa 20m im Meer draussen die Abschrankung ignoriert hast, haben sie bereits mit der Pfeife getrillert. Das haben sie wohl in Bay-watch gelernt. Es war echt mittelalterlich, solches Baden. Und auch meine Schwiegermutter war enttäuscht. Sie war als junge Mutter zu Zeiten des Schahs jedes Jahr während ein oder zwei Monaten mit ihren Kindern hier am Meer gewesen. Und ich habe diese offenen sandigen Strände damals, vor der Revolution, auch noch erlebt. Aber wir haben versucht, das Beste draus zu machen. Ich ging beispielsweise gerne abends nach 1900h baden. Dann haben sie nämlich ihren Tuchzaun schon geschlossen und teilweise aufgerollt. Aber ganz legal war mein Tun nicht, und ich wurde mit Mistrauen beobachtet. Und auf den Märkten haben wir uns die vielen Handarbeiten angeschaut, die hier vornehmlich aus Holz sind. Es gibt alles Mögliche, und alles für uns sehr billig. Mein Neffe hat ein hübsches Dais-Spiel gekauft, ein Backgammon aus Holz mit Intarsien. Backgammon ist sozusagen der Nationalsport. Doch das Regime hat verboten, es in der Oeffentlichkeit zu spielen. Aber im Privaten kann man es durchaus finden, und es ist ein gutes Spiel, das man sehr einfach aber auch ziemlich raffiniert spielen kann. Es ist also gut für alle Generationen. Mein Neffe musste schon Runden Eiscreme bezahlen, weil er in diesem Würfelspiel wirklich noch kein Meister war, auch nicht sein konnte.
Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt per Auto über das Elbursgebirge. Das kann man sich eigenttlich nur vorstellen, wenn man weiss, wie die Perser autofahren. Sie interpretieren die Verkehrsregeln wirklich sehr grosszügig und sind nicht kleinlich, nein, sie sind sogar echt erfinderisch. So kann es vorkommen, dass du in einer Kolonne hinter einem Lastwagen den Berg hinauf kriechst. Und dann überholt einer links, weil die Strasse im Moment mehr frei scheint als wirklich ist. Und der nächste überholt rechts, auf dem Grienstreifen über Stock und Stein praktisch, indem er eine riesige Staubwolke hinter sich nachzieht. Für europäische Augen sieht sowas einfach abenteuerlich und unglaublich aus. Du denkst du spielst hier in einem Triller mit, einem Streifen, wo du jede Szene, wenn sie quer herauskommen sollte, nochmals spielen kannst. Doch es gibt nicht viele Unfälle, weil alle wissen, dass man sich nicht sosehr auf Regeln verlassen kann. Wenn du überholst und es reicht nicht ganz, dann weicht der Entgegenkommende eben etwas aus, geht notfalls auch auf den Grienstreifen hinaus. Diese Fahrt über die Berge dauerte etwa 5 Stunden insgesamt. Und wir haben alle ein bisschen gezittert und geschwitzt.
Die Tage in Teheran waren zwar sehr warm, aber angenehm, weil wir zuhause Essen und nachher ein Schläfchen nehmen konnten. Mit der Air Condition ist es in der Wohnung sehr bequem. Wir konnten ausruhen, unsere Reiseführer studieren, Tee trinken und Hendune essen, die rote Wassermelone, die, wenn sie wirklich reif ist, ausgezeichnet schmeckt. Allerdings muss man sie vorher im Kühlschrank lagern, so dass sie kalt ist. Man kann sich daran wirklich zu Tode essen, oder trinken, müsste man eher sagen. Denn sie besteht ja wohl zu 99% aus wasser. Wenn das Fleisch leicht bricht, tiefrot ist, und fast trocken wirkt, dann ist sie wirklich süss. Die Kunst ist, auf dem Markt eine solch süsse Nummer herauszufinden. S hat sie jeweils aufschneiden lassen und sie dann nur genommen, wenn sie wirklich reif schien. Die Grossen schmecken in der Regel süsser als die Kleinen. Wir haben Apparate von 10 bis 15 kg heimgeschleppt. Gegen ein kleines Trinkgeld trägt sie dir ein Bursche bis zum Auto. Wir haben in Teheran natürlich den Bazar besucht, der eher im Süden liegt, und auch die Golestan Palastanlage, die ehemaligen Paläste der Katscharen, die sehr schwach und sehr europafreundlich waren. Damals hat Persien grosse Gebiete im Norden, Azerbeitschan, Georgien, Armenien, Turkmenistan an die Russen verloren, und hat die 0elrechte an die Engländer verschachert. Sie waren eine schwache Dynastie, und ihre Paläste sehen ein bisschen aus wie europäische Fabriken des 19. Jahrhunderts in Backstein, von den Dimensionen her. Aber sonst sind sie natürlich mit wunderbaren Fliessen verziert und noch recht gut erhalten und es gibt einen Marmorthron, auf dem sich sicherlich gut leben liess, weil er etwas kühl ist, und milchig-grünlich.
Ich bin ein bisschen in Eile. Ich werde Dir die Isfahaner Phase das nächste mal erzählen. Ach, ich sollte dir das alles zeigen, damit du es mit eigenen Augen sehen kannst. Mit einem lieben Gruss
...
Date: Sat, 12 Aug
Liebe Marlena
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Ich weiss gar nicht mehr, wie wir drauf gekommen sind, ich sollte irgendwelche Ähnlichkeiten mit Proust haben. Er ist doch wirklich von der anderen Seite, der Kerl. Aber ich muss sagen, seit ich ein bisschen mehr weiss von ihm, ist meine Wertschätzung gestiegen. De Botton hat ihn mir ziemlich gut vermittelt.
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Ich will Dir ein bisschen über unsere Ferien im Iran erzählen. Das war ja bekanntlich ein grösseres Unternehmen, und es ist deshalb nicht einfach, dieses 4-Wochen.Projekt in Worte zu fassen. S ist ja schon einige Wochen früher abgeflogen und hat einiges für uns organisiert. Sie hat auch unsere Wohnung für meinen Neffen und seine Freundin bereitgemacht. Ist recht schön geworden, unsere Wohnung. Sie liegt im 8. Stock eines hohen Hauses in einem sehr "bürgerlichen" Quartier, dh. umgeben von Villen in 2 Stockwerken. Wir haben also eine wundervolle Aussicht auf den nördlichen Teil Teherans, an diesen Gebäudemoloch, der sich an den Hängen des Elburs Gebirges in die Höhe frisst. Ich glaube, die ganze Stadtgrenze ist seit meinem letzten Besuch wieder um einige Meter gestiegen. Die Berghänge sind in ein helles Ocker getaucht. Tagsüber sieht das heiss und staubig aus. Aber abends, wenn die Sonne leichte bläuliche Schatten in die Halden wirft, dann wirkt dieser Hintergrund sehr schön und plastisch. Wir waren mal bei einer Kusine von S zu Besuch. Sie und ihr Mann haben in Paris Architektur studiert und sind jetzt sehr erfolgreich in Teheran. Sie haben eine Attika-Wohnung praktisch zuoberst. Dahinter, so sagte man mir, lebt nur noch Chamenei, der erzkonservative Staatspräsident. Und Komeinis Witwe lebt in naher Nachbarschaft. Es ist wirklich eine ganz heisse Gegend, und im Stillen habe ich mir beim Essen vorgestellt, dass die nächste Revolution wohl in dieser Gegend ausbrechen und in heimlich deponierten Bomben explodieren würde. Vom Dach ihres Hauses hatte man eine wunderbare Aussicht über die ganze Stadt, die sich wohl an die 50 km in den Süden hinunterzieht. Dort unten, in down-town ist es sündhaft heiss und nur für Ärmste noch gerade zu ertragen. Es gibt im Stadtbild drei Elemente. Die traditionellen Häuser sind in der Regel höchstens zweistöckig. Und die engen Gassen sind nicht sehr geometrisch geordnet. In der Nacht wirken diese Quartiere unstrukturiert mit zahllosen kleinen und feinen Lichtlein, wie ein völlig ausverkaufter und überfüllter Sternenhimmel. Dann gibt es die grossen Expressstrassen. Sie sind mit grossen Strahlern beleuchtet, die ein etwas orangenes Licht ausstrahlen. Sie geben dem nächtlichen Bild einigermassen eine Struktur. Und schliesslich gibt es einige Gebiete, wo Hochhäuser in die Höhe schiessen. Sie haben wohl etwa 30 Stockwerke. Ganz in unserer Nähe war so ein Haus, der Borghe sefid, der weisse Turm. Zuoberst ein Restaurant, voll verglast, das sich im Kreise dreht, wo man guten Kaviar bekommen soll. Dort trifft sich die Jugend, saugt stundenlang an einer Cola-Büchse und wirft dem anderen Geschlecht vielsagende Blicke zu. Die Mädchen sind zwar mit Kopftuch und Cape, aber hier oben streifen sie das Tuch ein bisschen weiter zurück, um ihr schönes Haar ein bisschen mehr versprechen zu lassen. Aber sie sind für unsere europäischen Verhältnisse immer noch sehr zurückhaltend und kontrolliert und höflich. Unsere B. war auf diesem Hintergrund geradezu frech und auffallend locker und unkontrolliert. Sie wirkte wirklich machmal ungezogen, was sie hier in Europa nicht eigentlich ist. Es war für uns Eltern gelegentlich ein bisschen peinlich. Aber ich glaube, sie wollte auch gerne etwas provozieren. Meine Schwiegermutter hat Todesängste ausgestanden, wenn sich B. mit jemandem getroffen hat und sich dann - was ja eigentlich im Iran völlig normal ist - etwa um eine Stunde verspätet hat. Und sie hat sich geschminkt, wie ich sie hier in der Schweiz nie gesehen habe. Ich hatte das Gefühl, sie müsste sich mit ihren Signalen auf diese kleine Gesichtsfläche beschränken und wollte diese "Werbefläche" voll ausnutzen. Mit Kleidern oder Haaren war ja sonst nicht viel zu machen. Doch sie hat mir erklärt, dass sich die Perserinnen so intensiv schminken würden, und dass sie - wohl oder übel - doch mithalten müsse. Ist möglich, dass sie Recht hat. So genau studiere ich bei den jungen Mädchen jeweils nicht mehr, was nature und was artificiel ist. Aber manchmal sehen sie wirklich unverschämt schön aus. Das muss man ihnen zugestehen. Und B war in der oberen Spielklasse gut mit dabei, muss ich ihr auch zugestehen. Sie mag es, wenn ich ihr Komplimente mache. Sie bedankt sich manchmal so postwendend, dass ich den Eindruck habe, sie hätte förmlich darauf gewartet. Das heisst, sie zieht sie mir geradezu aus dem Mund. Na ja, vielleicht weißt du, wie Töchter sind.
Teheran hat um die 20 Millionen Einwohner. Der Iran insgesamt 65 Millionen, haben wir gehört. Ein Drittel der Bevölkerung wohnt also in Teheran. Das ist das Resultat der riesigen Landflucht in den letzten 20 Jahren. Das Staatsgebiet liegt, im europäischen Vergleich, etwa zwischen Madrid und der zentralen Sahara Südalgeriens. Teheran liegt auf demselben Breitengrad wie Gibraltar (ich weiss jetzt wirklich, warum es Simine immer dort hinunter nach Andalusien zieht: Klima, maurischer Einschlag, Flamenco etc.). Aber Teheran liegt als Stadtzentrum auf etwa 1200 m ü.M, die nördlichsten Teile steigen bis 1700m, also so hoch, wo bei uns etwa die Waldgrenze liegt. Das macht also einen Höhenunterschied von ca. 700m, der sich aber auf diese 50 km verteilt. Aber es ist doch im oberen Teil, wo die reicheren Bürger wohnen und wo auch die ehemaligen Gebäude und Paläste des Schahs sich befinden, doch deutlich ansteigend. Die grossen Strassen sind mit riesigen Bäumen gesäumt, die tagsüber Schatten spenden und im Grunde ein schönes Bild abgeben. Sie stehen allesamt im Graben, wo häufig Wasser wie ein Bächlein in einem offenen Kanal hinunter fliesst. Früher gab es kaum noch Randsteine, und wenn du beim Parkieren mit einem Rad deines Wagens in diesen Kanal gesackt bist, dann konntest du den Abschleppdienst rufen. Und das konnte man da und dort beobachten. Natürlich hat Teheran Kontinentalklima, dh. trocken, mit grossen Temperaturunterschieden, im Winter manchmal Schnee für ein paar Tage. Und sonst mindestens Schnee auf dem Elburs, wo die Perser gerne Skifahren gehen.
Wir haben unsere Ferien dreigeteilt. Am Anfang sind wir für ein paar Tage ans Kaspische Meer gefahren. Nach ein paar Tagen im Ferienhaus im Elburs und in Teheran eine Woche in Isfahan. Und zum Schluss wieder in Teheran.
Die Tage am Kaspischen Meer waren gut, wenn auch nicht gerade überwältigend. Wir haben im Hotel Enghelab gewohnt, was soviel wie Revolution heisst. Es ist ein ziemlich grosszügig konzipiertes Hotel mit einer riesigen Lobby über alle 6 Stockwerke, mit zwei Glasliften als die Attratkion dieser riesigen Halle. Wenn noch ein Araber mit zwei oder drei Frauen herumflaniert ist, dann hat das Bild gestimmt. Wir hatten drei Zimmer, und S musste bei der Rezeption schummeln und mit einem guten Trinkgeld nachhelfen, damit sie glaubten, all die jungen Leute (auch mein Neffe und seine Freundin) seien ihre Kinder. Nur so kamen sie in den Genuss, auch mit Rials bezahlen zu können. Die Dollar-Preise sind sehr hoch. Man spürt in den Preisen noch förmlich den Hass gegenüber den den Amerikanern, den das Regime damals geschürt hatte. An der Nordseite des Elburs gibt es tropisches Klima, sehr feucht und warm, mit etlichen Mücken. Sie haben hier den Steigungsregen vom Meer her (das eigentlich ein See - mässig salzig - ist, und nota bene keinen Abfluss hat), und die Berge sind bis zum Horizont hinauf grün bewaldet. Es soll Bären geben und Leoparden, hat man uns gesagt. Das Kaspische Meer ist bekannt für den Stör und den Kaviar, den man von ihm gewinnt. Wir haben dort oben in der Provinz Gilan am Meer jede Menge Fisch-Kebab gegessen. Der Stör hat ein festes Fleisch, und er schmeckt ein bisschen - nur ganz wenig - bitterlich. Er hat mich ein an den Geschmack des Tintenfischs erinnert, den ich sehr mag. Kaviar haben wir keinen gegessen. Ich mag ihn auch nicht so besonders.
Und dann gab es vor dem Hotel den Strand. Zum Baden haben sie für Frauen und für Männer mit Planen je ein Geviert abgegrenzt. Die Frauen mussten rechts vom Hotel, die Männer links. Das ganze war etwa 500 m voneinander entfernt. Als Familie konntest du also nicht gemeinsam baden. Und die Tuchplanen haben auch jede Sicht verdeckt. Das hat mir wirklich nicht gefallen. Normalerweise ist am Meer doch das Schönste die Weite des Strandes und des Wassers, und das Spiel der Familien und der Kinder und das Promenieren der Allerschönsten. Hier war alles in ein 50 mal 50m Karre eingesperrt, voller Männer und Söhne und eine lausige Dusche und in der Mitte ein Gestell, wo alle die Kleider aufhängen sollten. Der Bademeister hat registriert, aus welchem Hotelzimmer du kommst, weiss Gott respektive Allah, wozu. Und wenn du etwa 20m im Meer draussen die Abschrankung ignoriert hast, haben sie bereits mit der Pfeife getrillert. Das haben sie wohl in Bay-watch gelernt. Es war echt mittelalterlich, solches Baden. Und auch meine Schwiegermutter war enttäuscht. Sie war als junge Mutter zu Zeiten des Schahs jedes Jahr während ein oder zwei Monaten mit ihren Kindern hier am Meer gewesen. Und ich habe diese offenen sandigen Strände damals, vor der Revolution, auch noch erlebt. Aber wir haben versucht, das Beste draus zu machen. Ich ging beispielsweise gerne abends nach 1900h baden. Dann haben sie nämlich ihren Tuchzaun schon geschlossen und teilweise aufgerollt. Aber ganz legal war mein Tun nicht, und ich wurde mit Mistrauen beobachtet. Und auf den Märkten haben wir uns die vielen Handarbeiten angeschaut, die hier vornehmlich aus Holz sind. Es gibt alles Mögliche, und alles für uns sehr billig. Mein Neffe hat ein hübsches Dais-Spiel gekauft, ein Backgammon aus Holz mit Intarsien. Backgammon ist sozusagen der Nationalsport. Doch das Regime hat verboten, es in der Oeffentlichkeit zu spielen. Aber im Privaten kann man es durchaus finden, und es ist ein gutes Spiel, das man sehr einfach aber auch ziemlich raffiniert spielen kann. Es ist also gut für alle Generationen. Mein Neffe musste schon Runden Eiscreme bezahlen, weil er in diesem Würfelspiel wirklich noch kein Meister war, auch nicht sein konnte.
Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt per Auto über das Elbursgebirge. Das kann man sich eigenttlich nur vorstellen, wenn man weiss, wie die Perser autofahren. Sie interpretieren die Verkehrsregeln wirklich sehr grosszügig und sind nicht kleinlich, nein, sie sind sogar echt erfinderisch. So kann es vorkommen, dass du in einer Kolonne hinter einem Lastwagen den Berg hinauf kriechst. Und dann überholt einer links, weil die Strasse im Moment mehr frei scheint als wirklich ist. Und der nächste überholt rechts, auf dem Grienstreifen über Stock und Stein praktisch, indem er eine riesige Staubwolke hinter sich nachzieht. Für europäische Augen sieht sowas einfach abenteuerlich und unglaublich aus. Du denkst du spielst hier in einem Triller mit, einem Streifen, wo du jede Szene, wenn sie quer herauskommen sollte, nochmals spielen kannst. Doch es gibt nicht viele Unfälle, weil alle wissen, dass man sich nicht sosehr auf Regeln verlassen kann. Wenn du überholst und es reicht nicht ganz, dann weicht der Entgegenkommende eben etwas aus, geht notfalls auch auf den Grienstreifen hinaus. Diese Fahrt über die Berge dauerte etwa 5 Stunden insgesamt. Und wir haben alle ein bisschen gezittert und geschwitzt.
Die Tage in Teheran waren zwar sehr warm, aber angenehm, weil wir zuhause Essen und nachher ein Schläfchen nehmen konnten. Mit der Air Condition ist es in der Wohnung sehr bequem. Wir konnten ausruhen, unsere Reiseführer studieren, Tee trinken und Hendune essen, die rote Wassermelone, die, wenn sie wirklich reif ist, ausgezeichnet schmeckt. Allerdings muss man sie vorher im Kühlschrank lagern, so dass sie kalt ist. Man kann sich daran wirklich zu Tode essen, oder trinken, müsste man eher sagen. Denn sie besteht ja wohl zu 99% aus wasser. Wenn das Fleisch leicht bricht, tiefrot ist, und fast trocken wirkt, dann ist sie wirklich süss. Die Kunst ist, auf dem Markt eine solch süsse Nummer herauszufinden. S hat sie jeweils aufschneiden lassen und sie dann nur genommen, wenn sie wirklich reif schien. Die Grossen schmecken in der Regel süsser als die Kleinen. Wir haben Apparate von 10 bis 15 kg heimgeschleppt. Gegen ein kleines Trinkgeld trägt sie dir ein Bursche bis zum Auto. Wir haben in Teheran natürlich den Bazar besucht, der eher im Süden liegt, und auch die Golestan Palastanlage, die ehemaligen Paläste der Katscharen, die sehr schwach und sehr europafreundlich waren. Damals hat Persien grosse Gebiete im Norden, Azerbeitschan, Georgien, Armenien, Turkmenistan an die Russen verloren, und hat die 0elrechte an die Engländer verschachert. Sie waren eine schwache Dynastie, und ihre Paläste sehen ein bisschen aus wie europäische Fabriken des 19. Jahrhunderts in Backstein, von den Dimensionen her. Aber sonst sind sie natürlich mit wunderbaren Fliessen verziert und noch recht gut erhalten und es gibt einen Marmorthron, auf dem sich sicherlich gut leben liess, weil er etwas kühl ist, und milchig-grünlich.
Ich bin ein bisschen in Eile. Ich werde Dir die Isfahaner Phase das nächste mal erzählen. Ach, ich sollte dir das alles zeigen, damit du es mit eigenen Augen sehen kannst. Mit einem lieben Gruss
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Donnerstag, 19. August 2010
Du irrst dich...
Date: Sat, 12 Aug
Du irrst dich, mein Liebling. Dein Proust-mail hat mich keinesfalls gelangweilt. Im Gegenteil Ich finde es hochinteressant. Dieser Gedanken von Walser:
"Die Vergangenheit als solche gibt es nicht. Es gibt sie nur als etwas, das in der Gegenwart enthalten ist, etc." gefallen mir sehr. Auch glaube ich zum ersten Mal zu verstehen wie du Worte siehst.
Ich habe nichts gegen Proust, chéri. Nur sein Leben finde ich etwas zu ”kränklich” und deshalb fällt es mir schwer dich ihm ähnlich zu finden. Aber vielleicht sind auch wir, wie er,
” Porträtisten einer niedergehenden Epoche”, das Ende des ”Real-life-lebens” und der Beginn des ”Internet-lebens”. ;-) Doch ich bin schon immer überzeugt gewesen. Das richtige Leben spielt sich in unserem Inneren ab.
Ich bin etwas in Eile. Möchte dir nur noch schnell das Resultat des schrecklichen Tages auf dem Moor zeigen.
Mit einem lieben Kuss
Marlena
Montag, 16. August 2010
Re: Wenn Fliegen fliegen..
Lieber ...!
Ich konnte kaum meinen Augen trauen als ich deine Mails entdeckte. Ich kam gerade, in ein Badehandtuch gewickelt, aus dem Badezimmer und Anna fragte: soll ich was nachschaun bevor ich rausgehe (aus dem Internet). ”Kannst du ja machen... aber es ist noch nichts da..” Und dann waren da plötzlich diese kleinen roten Pfeile vor deinem Namen und ich konnte es fast nicht glauben.
Ja, ich verstehe, dass die Umstellung für dich nun ziemlich gross sein muss. Und vielleicht sollte ich dir erst etwas Ruhe lassen ;-) bis du dich wieder eingearbeitet hast. Doch ich kann es nicht. Habe dich so lange vermisst. Deine schönen lieben Mails, all diese Worte die so tief in mein Inneres dringen.. dein wunderbarer Humor, der mich lächeln und lachen lässt. Wie könnte ich freiwillig darauf verzichten. Auch habe ich das Bedürfnis mit dir zu ”sprechen”. Es ging einigermassen gut oben im Norden, aber als ich wieder nach Hause kam wurde es immer schlimmer..
Du hast richtig gesehen. Im Liegestuhl mit einem guten Buch.. aber nicht nur das. Ich werde dir dann mehr darüber erzählen.
Die letzten drei Tage meiner Ferien habe ich wirklich genossen und ganz zu meinem Eigentum gemacht. (K war schon seit Montag weg). Das Wetter war so herrlich, mit strahlender Sonne und wir sind an einen See gefahren und erst immer spät am Abend zurückgekehrt. Kannst du dir das vorstellen, vier Personen in Liegestühlen, jeder tief in ein Buch vertieft (ich liebe diese stille Gemeinsamkeit sehr) und wenn man aufschaut ist es da, das glitzernde Wasser und die schöne grüne Natur.
*
Am Donnerstag ging es los. Es war ein Tag mit verschiedenen Vorträgen. Man ist es nicht mehr gewöhnt so lange still zu sitzen. Zum Glück kann man sich schriftlich mit dem Nachbarn unterhalten ;-)
Erst am Dienstag kommen dann die ersten Schüler und die wirkliche Arbeit beginnt. Vorher kann ich manchmal etwas nervös sein, so wie ein Pferd dass auf die Rennbahn muss. Aber wenn ich sie dann sehe, die jungen Leute, ist alles wie es sein soll. Man hat mir aus Versehen (glaube ich) ein bisschen zu viel Stunden gegeben und ich werde versuchen eine Klasse einem Kollegen zu überlassen sonst weiss ich dass ich überhaupt keine Freizeit mehr haben werde.
*
Bevor ich dich kennenlernte wusste ich sehr wenig von Iran und nun habe ich fast den Eindruck dass ich dort gewesen bin. Du hast meine Welt wieder grösser gemacht, meinen Horizont erweitert. Ich möchte dir auch dafür danken.
*
Was für Worte machen dich traurig, mein Liebling? Ich will doch nur etwas Positives sein in deinem Leben. Vielleicht hast du manchmal Angst dass ich mehr will als du geben kannst. Aber so ist es nicht. Ich kenne unseren Turm so gut. Ich kenne die §§§ die unsere ”Mausfreundschaft” umgeben (obwohl es mir auch Spass macht sie manchmal zu ignorieren). Ich kenne sie doch, die unausgesprochenen, heimlichen Grenzen. Du musst dir keine Sorgen machen deswegen, mein Schatz. Manchmal tut es sehr weh.. aber es ist es doch wert.
*
Ich habe dir schon vorige Woche geschrieben. Eigentlich wollte ich das Mail aufheben für später, für einen Tag an dem ich nicht zum schreiben komme, damit du deinen bekannten ”Hunger” stillen kannst. Aber es gehört irgendwie mit deinem ”Fliegen-mail” zusammen und so hänge ich es hier unten dran.
*
Ich werde besser aufpassen müssen, dass ich dir nicht gleich wieder dein neues ”nüchternes” Leben mit einem Doppelten Grogg verderbe. ;-)
Vai Khodah! Ich liebe dich!
Marlena
Ich konnte kaum meinen Augen trauen als ich deine Mails entdeckte. Ich kam gerade, in ein Badehandtuch gewickelt, aus dem Badezimmer und Anna fragte: soll ich was nachschaun bevor ich rausgehe (aus dem Internet). ”Kannst du ja machen... aber es ist noch nichts da..” Und dann waren da plötzlich diese kleinen roten Pfeile vor deinem Namen und ich konnte es fast nicht glauben.
Ja, ich verstehe, dass die Umstellung für dich nun ziemlich gross sein muss. Und vielleicht sollte ich dir erst etwas Ruhe lassen ;-) bis du dich wieder eingearbeitet hast. Doch ich kann es nicht. Habe dich so lange vermisst. Deine schönen lieben Mails, all diese Worte die so tief in mein Inneres dringen.. dein wunderbarer Humor, der mich lächeln und lachen lässt. Wie könnte ich freiwillig darauf verzichten. Auch habe ich das Bedürfnis mit dir zu ”sprechen”. Es ging einigermassen gut oben im Norden, aber als ich wieder nach Hause kam wurde es immer schlimmer..
Du hast richtig gesehen. Im Liegestuhl mit einem guten Buch.. aber nicht nur das. Ich werde dir dann mehr darüber erzählen.
Die letzten drei Tage meiner Ferien habe ich wirklich genossen und ganz zu meinem Eigentum gemacht. (K war schon seit Montag weg). Das Wetter war so herrlich, mit strahlender Sonne und wir sind an einen See gefahren und erst immer spät am Abend zurückgekehrt. Kannst du dir das vorstellen, vier Personen in Liegestühlen, jeder tief in ein Buch vertieft (ich liebe diese stille Gemeinsamkeit sehr) und wenn man aufschaut ist es da, das glitzernde Wasser und die schöne grüne Natur.
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Am Donnerstag ging es los. Es war ein Tag mit verschiedenen Vorträgen. Man ist es nicht mehr gewöhnt so lange still zu sitzen. Zum Glück kann man sich schriftlich mit dem Nachbarn unterhalten ;-)
Erst am Dienstag kommen dann die ersten Schüler und die wirkliche Arbeit beginnt. Vorher kann ich manchmal etwas nervös sein, so wie ein Pferd dass auf die Rennbahn muss. Aber wenn ich sie dann sehe, die jungen Leute, ist alles wie es sein soll. Man hat mir aus Versehen (glaube ich) ein bisschen zu viel Stunden gegeben und ich werde versuchen eine Klasse einem Kollegen zu überlassen sonst weiss ich dass ich überhaupt keine Freizeit mehr haben werde.
*
Bevor ich dich kennenlernte wusste ich sehr wenig von Iran und nun habe ich fast den Eindruck dass ich dort gewesen bin. Du hast meine Welt wieder grösser gemacht, meinen Horizont erweitert. Ich möchte dir auch dafür danken.
*
Was für Worte machen dich traurig, mein Liebling? Ich will doch nur etwas Positives sein in deinem Leben. Vielleicht hast du manchmal Angst dass ich mehr will als du geben kannst. Aber so ist es nicht. Ich kenne unseren Turm so gut. Ich kenne die §§§ die unsere ”Mausfreundschaft” umgeben (obwohl es mir auch Spass macht sie manchmal zu ignorieren). Ich kenne sie doch, die unausgesprochenen, heimlichen Grenzen. Du musst dir keine Sorgen machen deswegen, mein Schatz. Manchmal tut es sehr weh.. aber es ist es doch wert.
*
Ich habe dir schon vorige Woche geschrieben. Eigentlich wollte ich das Mail aufheben für später, für einen Tag an dem ich nicht zum schreiben komme, damit du deinen bekannten ”Hunger” stillen kannst. Aber es gehört irgendwie mit deinem ”Fliegen-mail” zusammen und so hänge ich es hier unten dran.
*
Ich werde besser aufpassen müssen, dass ich dir nicht gleich wieder dein neues ”nüchternes” Leben mit einem Doppelten Grogg verderbe. ;-)
Vai Khodah! Ich liebe dich!
Marlena
Tour ... et retour
3/7
Subject: Ti voglio molto bene: Abschiedsküsse
Liebste Marlena
Wie geht es Euch denn dort oben im hohen Norden? Bei uns ist es ziemlich kalt. Vielleicht ist bei Euch ja noch schlimmer, ein Rückfall in den Vorfrühling? Ich sitze zuhause und versuche, meine sieben Sachen fertig zu packen. Eigentlich habe ich keine grosse Lust. Und ich kann es mir kaum vorstellen, dass ich heute Abend schon in der Luft sein sollte.
---
Mit anderen Worten, heute abend um 1930h fliegen wir ab von Basel nach Zürich. Dort haben wir eine ganze Stunde Auftenthalt. Und dann geht es um 2100 ab nach Teheran, wo wir morgens um 430 ankommen sollen. Inshallah. Und Du weißt, meine Liebste, ich habe Dein Auge mit im Gepäck. Ich werde Dir alles zeigen, was von Interesse ist.
Ich küsse Dich meine Liebste, und ich wünsche Euch noch weiterhin schöne Ferien.
...
PS: Ich habe mir einen 5-Tage-Bart wachsen lassen, damit mich die Moslems dort drüben wie einen Bruder empfangen. Let us hope for the best and expect ..
et retour
11/8
Subject: Re: Wenn Fliegen fliegen, fliegen Fliegen nach ...
Liebe Marlena
Irgendwie weiss ich gar nicht, wie beginnen. Es gibt so grosse Lücken und Leerstellen, dass es viel aufzuholen gäbe. Eigentlich habe ich eine Art Tagebuch geführt. Ich habe aus dem Büro eine alte, leere Agenda aus dem Jahre 97 mitgenommen. Und darin habe ich die Tage einigermassen reflektiert. Es ist ja sonderbar im Iran.
Sie haben diese wunderschöne Erfindung des Schläfchens nach dem Mittagessen. In Italien nennen sie es Siesta. Die Perser haben dafür nicht ein eigenes Wort. Umso mehr geben sie sich diesem süssen Schlümmerchen hin. Es ist die beste Erfindung, die ich kenne, vielleicht neben der Erotik und der Hendune, der süssen, roten Wassermelone. Es gib im Iran etwa um 14 Uhr Mittagessen. Vielleicht auch um 1330h, je nachdem. Und nach dem Essen, meist irgend eine Speise mit Reis, kommt automatisch diese Schwere, die dich aufs Bett legt. Und langsam und gemächlich lässt du dich in diesen süssen Schlummer gleiten. Es gibt gar keine andere Möglichkeit, er erfasst Dich mit sanfter Hand und führt dich hinüber.
Zum Schlümmerchen legt man sich auf ein Bett, oder eine Matratze irgendwo im Haus. Man kann sich auch bloss auf den Teppich legen, vielleicht vor die Air Condition, wovon die Schwiegermütter vehement abraten.
Gegen dieses Schlümmerchen gibt es nur einen ernstzunehmenden Feind: die gemeine Stubenfliege. Kannst du dir vorstellen, wie so etwas läuft? Du liegst da und bist gleich weg in den süssen Schlummer, und dann setzt sich dieses Miststück auf deine Wange. Es ist die reine Provokation. Und mit einem unwilligen Wisch verscheuchst du sie. Du hört sie wegfliegen, dann bist du gleich wieder am Eingangstor des Schlafes. Doch dieses Mal und genau berechnete circa 5 Minuten später setzt sie sich exakt auf deine Nase. Du zögerst, deiner Hand einen entsprechenden Räumungsbefehl zu geben, es könnte ja alles auch ein neckischer Traum sein. Aber nein, sie stolziert kreuz und quer und gespreizt auf deiner Nase herum. Du hast keine andere Wahl, du musst reagieren und sie verscheuchen, andernfalls untergräbt sie deine Autorität vollständig. Und natürlich schaffst du es, dass sie sich dir unterwirft und schliesslich abdüst. Und so versuchst du dich - schon etwas unruhig und verärgert - zu entspannen und mit Hilfe schöner Vorstellungen von Neuem in den Schlaf zu wiegen. Du stellst dir vor, du stehst am Eingang des Golestan (Rosengarten) und hinten sitzt er, dein Edelgeliebter. Langsam näherst du dich ihm, mit einiger Beklemmung und ganz langsam und wohltemperiert. Und schliesslich nimmst du deinen Mut zusammen und fasst seine Hand und - verwegen wie du bist - suchst du mit deinen Lippen die Seinen. Ach wie süss, der feine Hauch durchfährt deinen ganzen Körper. Ein feiner Reiz auf der Lippe durch zieht deinen ganzen Körper wie eine elektrisierende Welle. Doch es artet aus in ein Kitzeln und es wird stärker und lästig gar. Und schliesslich stehst du ärgerlich da und reibst deine Lippen und beisst sie unwirsch, auf denen gerade noch dieses unverschämte Insekt auf- und abflaniert war. Das ist wirklich die Höhe, denn mit dem süssen Kuss für den Edelgeliebten war wohl nichts gewesen. Es war alles die reine Illusion, und dies nur wegen dem lästigen Ding. Mittlerweile ist dein Ärger so angestiegen, dass du dich nicht mehr niederlegst, sondern gleich in die Küche schleichst, um dich mit einen starken Tee wieder völlig wach zu kriegen.
Deshalb heisst die einserne Regel für den Mittagsschlaf, liebe Marlena: nimm ein Leintuch mit, oder einen durchgeladenen Revolver. Das Leintuch ist insofern bequemer, als es dich auf einfache und konventionelle Weise vor lästigen Insekten schützt, indem du es über deinen ganzen Körper ziehst. Der Revolver, zugegeben, ist etwas umständlicher und manchmal auch gemeingefährlich! Aber zur Not auch dies eine durchaus diskutable Variante!
KUSS
...
(Date: Fri, 11 Aug 2000 20:14:42 GMT)
Subject: Ti voglio molto bene: Abschiedsküsse
Liebste Marlena
Wie geht es Euch denn dort oben im hohen Norden? Bei uns ist es ziemlich kalt. Vielleicht ist bei Euch ja noch schlimmer, ein Rückfall in den Vorfrühling? Ich sitze zuhause und versuche, meine sieben Sachen fertig zu packen. Eigentlich habe ich keine grosse Lust. Und ich kann es mir kaum vorstellen, dass ich heute Abend schon in der Luft sein sollte.
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Mit anderen Worten, heute abend um 1930h fliegen wir ab von Basel nach Zürich. Dort haben wir eine ganze Stunde Auftenthalt. Und dann geht es um 2100 ab nach Teheran, wo wir morgens um 430 ankommen sollen. Inshallah. Und Du weißt, meine Liebste, ich habe Dein Auge mit im Gepäck. Ich werde Dir alles zeigen, was von Interesse ist.
Ich küsse Dich meine Liebste, und ich wünsche Euch noch weiterhin schöne Ferien.
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PS: Ich habe mir einen 5-Tage-Bart wachsen lassen, damit mich die Moslems dort drüben wie einen Bruder empfangen. Let us hope for the best and expect ..
et retour
11/8
Subject: Re: Wenn Fliegen fliegen, fliegen Fliegen nach ...
Liebe Marlena
Irgendwie weiss ich gar nicht, wie beginnen. Es gibt so grosse Lücken und Leerstellen, dass es viel aufzuholen gäbe. Eigentlich habe ich eine Art Tagebuch geführt. Ich habe aus dem Büro eine alte, leere Agenda aus dem Jahre 97 mitgenommen. Und darin habe ich die Tage einigermassen reflektiert. Es ist ja sonderbar im Iran.
Sie haben diese wunderschöne Erfindung des Schläfchens nach dem Mittagessen. In Italien nennen sie es Siesta. Die Perser haben dafür nicht ein eigenes Wort. Umso mehr geben sie sich diesem süssen Schlümmerchen hin. Es ist die beste Erfindung, die ich kenne, vielleicht neben der Erotik und der Hendune, der süssen, roten Wassermelone. Es gib im Iran etwa um 14 Uhr Mittagessen. Vielleicht auch um 1330h, je nachdem. Und nach dem Essen, meist irgend eine Speise mit Reis, kommt automatisch diese Schwere, die dich aufs Bett legt. Und langsam und gemächlich lässt du dich in diesen süssen Schlummer gleiten. Es gibt gar keine andere Möglichkeit, er erfasst Dich mit sanfter Hand und führt dich hinüber.
Zum Schlümmerchen legt man sich auf ein Bett, oder eine Matratze irgendwo im Haus. Man kann sich auch bloss auf den Teppich legen, vielleicht vor die Air Condition, wovon die Schwiegermütter vehement abraten.
Gegen dieses Schlümmerchen gibt es nur einen ernstzunehmenden Feind: die gemeine Stubenfliege. Kannst du dir vorstellen, wie so etwas läuft? Du liegst da und bist gleich weg in den süssen Schlummer, und dann setzt sich dieses Miststück auf deine Wange. Es ist die reine Provokation. Und mit einem unwilligen Wisch verscheuchst du sie. Du hört sie wegfliegen, dann bist du gleich wieder am Eingangstor des Schlafes. Doch dieses Mal und genau berechnete circa 5 Minuten später setzt sie sich exakt auf deine Nase. Du zögerst, deiner Hand einen entsprechenden Räumungsbefehl zu geben, es könnte ja alles auch ein neckischer Traum sein. Aber nein, sie stolziert kreuz und quer und gespreizt auf deiner Nase herum. Du hast keine andere Wahl, du musst reagieren und sie verscheuchen, andernfalls untergräbt sie deine Autorität vollständig. Und natürlich schaffst du es, dass sie sich dir unterwirft und schliesslich abdüst. Und so versuchst du dich - schon etwas unruhig und verärgert - zu entspannen und mit Hilfe schöner Vorstellungen von Neuem in den Schlaf zu wiegen. Du stellst dir vor, du stehst am Eingang des Golestan (Rosengarten) und hinten sitzt er, dein Edelgeliebter. Langsam näherst du dich ihm, mit einiger Beklemmung und ganz langsam und wohltemperiert. Und schliesslich nimmst du deinen Mut zusammen und fasst seine Hand und - verwegen wie du bist - suchst du mit deinen Lippen die Seinen. Ach wie süss, der feine Hauch durchfährt deinen ganzen Körper. Ein feiner Reiz auf der Lippe durch zieht deinen ganzen Körper wie eine elektrisierende Welle. Doch es artet aus in ein Kitzeln und es wird stärker und lästig gar. Und schliesslich stehst du ärgerlich da und reibst deine Lippen und beisst sie unwirsch, auf denen gerade noch dieses unverschämte Insekt auf- und abflaniert war. Das ist wirklich die Höhe, denn mit dem süssen Kuss für den Edelgeliebten war wohl nichts gewesen. Es war alles die reine Illusion, und dies nur wegen dem lästigen Ding. Mittlerweile ist dein Ärger so angestiegen, dass du dich nicht mehr niederlegst, sondern gleich in die Küche schleichst, um dich mit einen starken Tee wieder völlig wach zu kriegen.
Deshalb heisst die einserne Regel für den Mittagsschlaf, liebe Marlena: nimm ein Leintuch mit, oder einen durchgeladenen Revolver. Das Leintuch ist insofern bequemer, als es dich auf einfache und konventionelle Weise vor lästigen Insekten schützt, indem du es über deinen ganzen Körper ziehst. Der Revolver, zugegeben, ist etwas umständlicher und manchmal auch gemeingefährlich! Aber zur Not auch dies eine durchaus diskutable Variante!
KUSS
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(Date: Fri, 11 Aug 2000 20:14:42 GMT)
Willkommen
Subject: Re: Willkommen
Liebe Marlena
Ach, meine Liebe, manchmal machst du mich ein bisschen unsicher oder verzweifelt. Du fürchtest, dass ich mich von Dir entfernt habe??
Es ist doch so schön, nach dieser langen Zeit wieder von Dir zu hören, Marlena!!
Ich habe oft an Dich gedacht. Und vielleicht ist es das Geheimnisvolle, das mich zu Dir zieht? Dass Du Bücher über den Iran oder über Rom liest, das zeigt mir, dass wir im gleichen Wasser schwimmen.
---
Manchmal machen mich Deine Gedanken traurig. Ich kann Dir nicht genau sagen, was es ist. Aber das macht nichts. Das gehört auch zu einer guten Beziehung.
Du siehst, Marlena, ich komme weit her, aus dem Orient. Und ich brauche wieder ein bisschen Zeit, mich hier einzuleben. Deshalb ist dieses erste Mail vielleicht ein bisschen steif. Vielleicht ist es auch nicht. Ich war in diesen heissen Tagen in der Tat oft in Gedanken bei Dir. Und ich hätte gerne gehört, wie es Dir und Deinen Lieben geht.
Ich werde Dir bald von meiner Seite erzählen.
Ich küsse Dich "wie immer" (welch neue Formulierung!!)
...
Dein letztes Mail ist zweimal gekommen. Das wirkt dann ja wie ein doppelter Cognac (ich habe 4 Wochen keinen einzigen Schluck Alkohol gehabt, musst Du wissen).
(Date: Fri, 11 Aug 2000 18:21:46 GMT)
Liebe Marlena
Ach, meine Liebe, manchmal machst du mich ein bisschen unsicher oder verzweifelt. Du fürchtest, dass ich mich von Dir entfernt habe??
Es ist doch so schön, nach dieser langen Zeit wieder von Dir zu hören, Marlena!!
Ich habe oft an Dich gedacht. Und vielleicht ist es das Geheimnisvolle, das mich zu Dir zieht? Dass Du Bücher über den Iran oder über Rom liest, das zeigt mir, dass wir im gleichen Wasser schwimmen.
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Manchmal machen mich Deine Gedanken traurig. Ich kann Dir nicht genau sagen, was es ist. Aber das macht nichts. Das gehört auch zu einer guten Beziehung.
Du siehst, Marlena, ich komme weit her, aus dem Orient. Und ich brauche wieder ein bisschen Zeit, mich hier einzuleben. Deshalb ist dieses erste Mail vielleicht ein bisschen steif. Vielleicht ist es auch nicht. Ich war in diesen heissen Tagen in der Tat oft in Gedanken bei Dir. Und ich hätte gerne gehört, wie es Dir und Deinen Lieben geht.
Ich werde Dir bald von meiner Seite erzählen.
Ich küsse Dich "wie immer" (welch neue Formulierung!!)
...
Dein letztes Mail ist zweimal gekommen. Das wirkt dann ja wie ein doppelter Cognac (ich habe 4 Wochen keinen einzigen Schluck Alkohol gehabt, musst Du wissen).
(Date: Fri, 11 Aug 2000 18:21:46 GMT)
Wieder da..
(ungekürzt)
Subject: Re: Ti voglio molto bene: Abschiedsküsse
und Küsse zur Begrüssung :-)
Lieber ...,
Es ist Sonntagabend. Ein spezieller Tag. K beginnt morgen zu arbeiten und ist schon abgereist. Ich bin zum ersten mal seit langer Zeit wieder allein mit Anna. Wenn du zu Hause wärest würden wir uns vielleicht eine Weile in der Italobar treffen, wo es dir so gut gefällt. Ach wie schön das wäre. Aber immer noch muss ich ohne deine Nähe auskommen obwohl es mit jedem Tag schwerer erscheint.
Ich beginne auch offiziell schon morgen zu arbeiten, aber da viele "kompensationsfrei" sind bis Donnerstag, habe ich kein spezielles Programm das ich befolgen muss und werde es noch drei Tage ruhig nehmen vor dem grossen Ansturm :-)
*
Wir haben drei ganz nette Wochen im Norden verbracht. Es war ja die einzige Stelle in Schweden wo es nicht täglich geregnet hat. Erst die letzten drei-vier Tage war das Wetter so wie es dort oben normal ist. Ich meine: ganz klare Luft und trocken. Vorher war die Luftfeuchtigkeit sehr hoch und wir hatten sogar was wir "tropische Nächte" nennen, wenn das Termometer nachts 20 Grad zeigt. Leider war auch im Kalixälv dieses Jahr das Wasser höher als ich es je erlebt habe und es gab keinen Strand wo man hätte stehen können beim Fischen. Anna musste sehr aufpassen beim Schwimmen weil die Strömung sehr stark war und ganz anders als sonst.
Im Fernsehen sahen wir immerzu von den grossen Überschwemmungen weiter südlich wo das Hochwasser der Flüsse Brücken, Wege und Häuser wegschwemmte. Ach, die armen Leute tun mir wirklich leid. Das ganze Jahr warten sie auf ein paar sonnige Wochen und werden dann so tief enttäuscht. Hier im Quartier sieht es aus als wären viele Nachbarn diese letzte Urlaubswoche Hals über Kopf in den Süden geflohen.
*
Ich bin also seit Montag wieder hier. Der Garten sah ganz verwildet aus als wir nach Hause kamen (was sollten sie auch tun in dem Regen, die armen Nachbarn) und wo wir sonst kleine süsse Tomaten finden sahen wir nun gelbe Blüten :-) Das Obst gibt reichliche Ernte obwohl es noch etwas dauern wird bevor Äpfel und Pflaumen reif sind.
Oben im Norden ging die Zeit ziemlich schnell. Du warst immer in meinen Gedanken und ich habe (wie du schon weisst) nochmals "Ohne meine Tochter" gelesen, um dir ein wenig näher zu sein. Dann eine Biographie über Proust von Mauriac (sehr langweilig ;-), und das kleine Buch von Botton, das auch mir gut gefallen hat. Aber weisst du, ich kann wirklich keine Ähnlichkeiten zwischen dir und diesem lebensuntauglichen Mann entdecken. Habe ich dich so verkannt? Deine Intelligenz und feine Wahrnehmung vielleicht. Aber darin bist du ihm sicher überlegen. Nein, chéri, wenn du mal dort oben am Fluss wärest, würde ich dir ganz einfach eine Spinnrute in die Hand drücken und du würdest sicher nicht an kleine Goldfische denken. ;-)
Auch zwei Bücher über Rom hatte ich mitgenommen und natürlich eine italienische Grammatik. Ich habe übrigens festgestellt dass sehr viel genau so ist wie im Französischen. Aber sehr fleissig bin ich nicht damit gewesen ;-)
Mindestens einmal in der Woche waren wir in der schönen Bibliothek in Kalix. Sie ist wirklich sehr elegant und gemütlich zugleich. Als sie gebaut wurde sprach man vom Grössenwahn der Politiker aber nun hört man kein Wort mehr davon. Es ist ein richtiges Kulturhaus geworden.
*
Es war nicht leicht nach Hause zu kommen, in das Haus wo du sonst immer gegenwärtig bist. Plötzlich hatte ich einen PC vor mir und trotzdem keine Möglichkeit dich zu erreichen. Glaube mir, mein Liebling, so schwer wie diese Woche habe ich noch nie maladiert und gesehnsucht. Ich versuche mich zu beschäftigen damit die Zeit etwas schneller gehn soll bis du wieder hier bist. (Rasenmähen hilft ein wenig ;-)
Du hast gesagt S wäre nicht sehr zufrieden, wenn sie wüsste, dass ich dieses Buch als Vorlage habe und so habe ich mir ein paar andere geliehen. Eines davon ist "The fortune catcher" von Susanne Pari, ("Der blinde Hellseher" auf schwedisch). Es spielt in den Milieus von denen du mir erzählt hast und in denen ich dich im Augenblick vor mir sehe. Es ist sehr spannend und interessant. Auch die Art wie es aufgebaut ist fasziniert mich.
Nun, mein Liebling, so lebe ich halb im real-life und halb im Iran und ich fühle dass mein Leben durch dich sehr reich geworden ist.
*
Vielen Dank noch für die schönen Mails die du mir noch vor deiner Abreise geschickt hast als ich schon weg war. Ich konnte sie dort oben nur ganz schnell durchlesen (man konnte sie leider nicht printen) und habe sie erst diese Woche richtig geniessen können. Auch viele von deinen anderen Briefen habe ich nochmals gelesen. Auf diese Weise bist du mir nahe gewesen. Der Hotmail hat mir übrigens eins von den Mails gestohlen aber vielleicht hast du ein Exemplar davon bei dir.
*
Sicher ist es sehr heiss gewesen im Iran diesen Sommer und ich hoffe du hast nicht allzuviel daran gelitten. Wenn du dieses Mail bekommst bist du wahrscheinlich wieder in der frischen schweizer Luft und kannst frei atmen. Ich bin schon so neugierig was du alles erlebt hast. Kann es kaum erwarten bis ich wieder deinen Namen in meiner Inbox sehe.
Ich umarme dich zur Begrüssung mit vielen KKK und SSS
in Maladi
Marlena
PS Unser Rasen war noch nie so schön wie jetzt. Sogar die Engländer wären neidisch.
Habe gerade eine weniger schöne Nachricht über den Iran gehört. Mein Gott, ..., sei vorsichtig!
(Date: Sun, 06 Aug 2000 23:03:57 CEST)
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