Mittwoch, 9. Dezember 2009

Weihnachtsgeschichte

Stell Dir vor, Malou, da kommt mir eine barbarische Weihnachts-
Geschichte in den Sinn. Es war in der 4. Primarklasse, würde ich sagen.
Ich hatte eben die Rolle als Joseph im Weihnachtsspiel erhalten und
wusste noch nicht recht, ob das eine Auszeichnung oder eine Strafe
sein sollte. So nebenbei hatte ich mitbekommen, dass ein dünnes und
langes blondes Mädchen Maria spielen sollte. Aber ich habe nicht
erkannt, was das wirklich bedeuten sollte. Erst um 12 Uhr, als wir über
den Schulhof nach Hause zum Mittagessen schlenderten, versuchten
andere Schüler mich (oder vielleicht uns) zu necken, weil wir doch nun
Maria und Joseph, also ein Paar wären. Das war mir nun aber absolut
peinlich, gegen meinen Willen verheiratet zu sein. Und demonstrativ
stiess ich die arme Maria von mir, so dass sie gegen einen Zaun
taumelte. Sie war sehr betrübt, weinte, wenn ich mich recht erinnere.
Doch ich erinnere mich ebenso, dass sie nicht aus körperlichem
Schmerz weinte,sondern wegen des Unrechts, das ihr geschehen war.
ich glaube, sie war sehr verwirrt, dass ich so reagiert hatte. In meinem
Kopf wollte ich keine Maria an meiner Seite und ich hatte sie nicht
gewählt. Aber ebenso war es auch nicht sie gewesen, die diese
Konstellation geschaffen hatte. Das empfand sie wohl als brutale
Ungerechtigkeit. Und recht hatte sie damit.
Wir haben dann, so muss ich annehmen, unseren Part im
Weihnachtsspiel sehr unterkühlt und distanziert gespielt. Ich weiss
noch, wie ich in der Kirche mit dem langen Bart in der Gegend
herumgestanden habe, und wie der Lehrer der Oberstufenschüler
mir deswegen zugezwinkert hatte. Aber ich war mir dessen kaum
bewusst, dass ich einen solchen langen weissen Bart trug, und
ich hatte wohl auch keinen Gedanken an meine Maria verschwendet.
Ich glaube, sie musste eine Gummipuppe im Arm wiegen, eine Puppe,
wie sie auch meine Schwester besass, mit einem kleinen Mundloch,
so dass man ihr erst die Flasche geben konnte, um ihr nachher die
nassen Windeln zu wechseln zu können. Mädchen fanden das
damals herrlich. Mit einem solchen kleinen Ding und einem blauen
Überwurf musste Maria mitten in der Kirche sitzen und mit langsamen
Bewegungen zeigen, dass diese Guppipuppe sozusagen heilig war.
Nicht alles, aber diese kleine Drink- und Piss-Puppe fand ich echt
dämlich. Ich konnte mir schlichtweg nicht vorstellen, dass das
Jesuskind das Getrunkene ohne irgend eine Zutat in die Hosen
laufen liess. Ich meine, wie kann man sich bei einem heiligen
Menschen so was Tierisches vorstellen? Das war doch irgendwie
widerlich. Auch bei einem Jesus.
Aber ich glaube, wir haben die Szene dann irgendwie hinter uns
gebracht. Ich hatte nicht viel zu sagen, ein oder zwei Sätze,
entäuschend wenig, angesichts des langen Bartes, der mir beinahe
bis zu den Schuhen reichte. So kam es, dass die Gruppe mit den
Blockflöten anfing, Stille Nacht zu pipsen. Und so konnte ich
wenigstens diesen pissenden Jesus etwas vergessen.
Soweit meine Joseph-Rolle. Überigens hatte ich immer gewusst,
dass dieses Jesus- Puppen- Kind nicht von mir stammen konnte.
Damit hatte ich einfach nichts gemein. Und dass der liebe Gott
seine Hand im Spiel gehabt hatte, das wollte mir weder die Maria
noch meine Lehrerin sagen. Sie haben mir das Wichtigste einfach
verschwiegen, Malou! Ich bin praktisch hintergangen worden! Man
hat mir ein pissendes Kind untergeschoben. Wenn Du weißt, was
ich meine.
*
Nun bin ich etwas vom Thema abgekommen. Das Thema war
Gewalt unter Jugendlichen. ...
...

Dienstag, 8. Dezember 2009

Bald Lucia

december 2004

Lieber ...
Am Montag feiern wir Lucia. Ich habe eine schöne Beschreibung im
Internet gefunden.

"Semblable à une apparition céleste, Sainte Lucie vient illuminer les
ténèbres des nuits de décembre. À travers tout le pays, aux premières
heures du jour, les écoles, les hôpitaux, les maisons de retraite et
les lieux de travail reçoivent, dans une atmosphère baignée de magie,
la visite d'une Sainte Lucie et de son cortège. Vêtues de longue robe
blanche, précédées de la Sainte coiffée d'une couronne de bougies, les
jeunes filles s'avancent solennellement, chacune portant une bougie à
la main et chantant des refrains traditionnels. La Sainte Lucie est
célébrée le 13 décembre."

Besonders die Worte ".. dans une atmosphère baignée de magie.."
gefallen mir daran, denn diese Feier hat etwas magisches an sich.


...

Das Buch von Alain de Botton, hast du es fertig gelesen? Ich werde
versuchen es hier zu finden denn die Zeilen, die du mir zitiert hast,
haben mich ein wenig neugierig gemacht. Hast du vielleicht sogar ein
wenig aus dem „A la recherche du temps perdu“ gelesen? Es soll
sprachlich sehr schwer sein und Gunnel Wallquist, die das Buch ins
Schwedische übersetzt hat, musste viele Jahre damit kämpfen. Sie
bekam aber auch dann grosse Anerkennung.
...

12 Juni 2000

Proust - de Botton

Ich habe für mich - du wirst schmunzeln Malou - ein kleines
Taschenbuch für die nächte Zeit gefunden. Es heisst "Wie Proust Ihr
Leben verändern kann", von einem Schweizer namens Alain de Botton.
Du weißt ja sicher, wie Proust in der Vergangenheit gerührt hat.
Nichts anderes hat er gemacht. Noch seine Madelaine hat er in der
Vergangenheit gegessen. De Botton hat in Cambridge studiert und lebt
in London. Er schreibt ein bisschen maniriert und intellektuell. Das
mag ich. Das Buch fängt so an: 1. Wie man das Leben heute liebt
"Es gbit wenig, dem sich der Mensch mit grösserer Hingabe widmet als
mit dem Unglücklichsein. Hätte ein böser Schöfper uns nur in die Welt
gesetzt, damit wir leiden, dürften wir uns zu Recht damit brüsten,
diese Aufgbabe mit Begeisterung erfüllt zu haben. Dabei gibt es
wahrhaftig genug Gründe, untröstlich zu sein: die Vergänglichkeit des
Fleisches, die Unbeständigkeit der Liebe, die Verlogenheit im Alltag,
die Kompromisse zwischen Freunden, die lähmende Wirkung der
Gewohnheit. Angesichts derartiger Misstände sollte man meinen, dass
wir nichts sehnlicher herbeiwünschen müssten als unsere eigene
Auslöschung."
Du siehst, ich bin auf dem Weg der Besserung.

7 Juni 2000

Grösse X Länge = Volumen

....
Du fragst nach meiner Grösse. Also gut: wenn wir die Champs-Elysées
hinuntergehen dann ist es bequem für dich deinen Arm um meine
Schulter zu legen. Du musst ihn nicht hinaufstrecken. Ich finde es
schön bei solchen Gelegenheiten dass du etwas grösser bist als ich.
Dass die Schwedinnen 1.80 wären stimmt wirklich nicht, eher
zwischen 1.65 - 1.75
....

Re:

Liebe Malou

Nein, eigentlich wollte ich so genau von dir wissen, wie gross du
bist, nun ja, wie soll ich dir das sagen, weil ich selbst eher klein
bin. Ich habe vielleicht mal eine Grösse gesagt, aber ich muss dich
enttäuschen, ich kann wohl nicht auf deine 175 oder so hinaufreichen.
Meine kleine Statur hat es eben gemacht, dass ich gelernt habe, mich
schriftlich auszudrücken. Mündlich komme ich bei den Leuten schlecht
an. Sie nehmen mich nicht ernst. Verstehtst du, Malou, mit 135
spricht man aus der Froschperspektive. Da muss jedes Argument
doppelt genäht sein, da sollte jeder Satz sitzen. Also, höchstens beim
Sitzen könnte ich Dir meinen Arm um die Schulter legen. Denn was
mir an Länge fehlt, fehlt vor allem an den Beinen. Das ist ein bisschen
wie bei Toulouse-Lautrec, oder bei diesem kleinen Kerl da in Grass'
Blechtrommel, wie hiess er schon. Allerdings trage ich keine Trommel
herum, da kann ich dich beruhigen, meine liebe Malou, und ich
zersinge auch nur in Ausnahmefällen Gläser.. Du musst dir auch
vorstellen, welches Bild wir auf der Champs Elysees abgeben würden!!
Du in deiner ganzen wunderschönen Statur und ich daneben wie
ein Mickey Mouse, in kleinen rasanten Schrittchen. Die Passanten
würden sich doch nach uns umdrehen. Manchmal wollen si sogar
Autogramme von mir. Da gehen wir doch lieber gleich in eines dieser
Nobelrestaurants und ich lass mir einen Hochstuhl kommen. Meist
haben sie ja diese Stühle für die Kinder. Die sind zwar etwas eng, aber
meist komme ich ganz gut hin. Und wenn meine Beine erst einmal
unter dem Tisch sind, dann sieht man mir das kaum mehr an. Dann
müsstest du dich nicht mehr genieren.
Das meine liebe Malou, wollte ich dir heute, speziell heute, noch kurz
sagen.
Ich hoffe, du magst mich trotzdem als Mausfreund??
Mit einem schönen Gruss
xxx

1. April 2000

Fortsetzung..Grösse und Länge

Liebe Malou
Se non é vero, e ben trovato!
Bevor dein Schock total wird, möchte ich dich vorsichtig darauf hinweisen, dass das dieses erste Mail von heute ein Aprilscherz (APRIL-SCHERZ) ist. Habe ich heute morgen gerade noch rechtzeitig bemerkt, dass 1. April ist. Und so habe ich mir gedacht, ich könne dich etwas aufheitern. Hast du was bemerkt? Hast du geglaubt? Stell dir vor 135cm, das wäre ja grässlich. Ich würde bei der Eisenbahn glatt mit einer Kinderfahrkarte durchgehen! Und ich würde im Alkohol enden, wie Toulous.Lautrec. Und der bei Grass hiess Oskar Mazareth (weiss nicht, wie sich das schreibt?), jetzt fällt es mir gerade wieder ein. Der war ja auch nicht gerade der glücklichste. Also, liebe Malou, ich dreh mich jetzt von 75 wieder auf 100%, wenn du erlaubst.
*

Sonntag, 6. Dezember 2009

Mausfreundschaft

Es ist schön manchmal mit dem Auto unterwegs zu sein. Es gibt so viel Zeit zum denken weil man am Steuer ja wirklich nichts anderes tun kann. Ich liebe es, so durch die Landschaft zu fahren. Dann fühle ich wie es ganz still in mir wird. Ich geniesse die schöne Natur und die Einsamkeit. Und oft denke ich auch, wie schön die Welt wäre ohne Menschen. Dazu bekomme ich öfters eine unbändige Lust nur immer weiter zu fahren und alles hinter mir zurückzulassen. Aber es ist nicht so schlimm wie es klingt. Es ist vielleicht mehr Abenteuerslust als Flucht.. und vielleicht werde ich es einmal tun...
*
Gestern Abend hatte ich keine solche Gedanken. Ich war ganz zufrieden mit meinem ruhigen Leben und während ich die Gardinen bügelte (ach, du wirst glauben dass ich nichts anderes tue in meinem Leben :-) dachte ich an dich und an dein liebes Mail. Ja, ich liebe sie auch, unsere "stille Mausfreundschaft" obwohl sie bei mir noch nicht so ganz still und vielleicht auch nicht nur Freundschaft ist. Aber es ist gut so wie es ist. Und es gibt uns die Möglichkeit unsere §§§ zu respektieren, wie wir es einander einmal versprochen hatten.