Liebe Marlena
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Stendhals Figuren seien passionierte Epikuräer! Dein Zitat ist m.E. wohl nicht ganz vollständig. Du schreibst: ... ses héros les plus typiques unissent deux traits de caractère souvent jugés inconciliables: ce sont des épicuriens passionés ... Und was soll denn der zweite Zug, inkonziliable (kein deutsches Wort eigentlich) sein? Was dieser eine Zug betrifft, so kann ich mir sehr wohl vorstellen, dass Stendhals Figuren ihn tragen, denn es ist ein ureigener Zug des Autors selbst. Er war ja ein sehr unruhiger und ambivalenter Charakter. Wenn man die Biographie liest, kann man sich kaum vorstellen, wie aus ihm ein bedeutender Schriftsteller der Weltliteratur werden konnte. Wohl hat er sein Leben der Liebe und dem Schreiben gewidmet. Aber er war offenbar ein sehr scheuer Mensch, hat tausendfach gezögert, eine Frau zu erobern, um sich im Nachhinein darüber Vorwürfe zu machen. Aber er hat in seinem Tagebuch solche Situationen in allen Details analysiert und seine eigene Rolle reflektiert. Stendhal wollte dichten und hat sich unzählige und riesige Projekte vorgenommen, die er nie ausführen konnte. Er wollte in Versen schreiben, wollte Stücke schreiben, obwohl seine Leidenschaft und sein Geschick eigentlich in der Prosa gelegen hat. Das hat dieser rührige Stendhal erst spät in seiem Leben bemerkt. Schon in seinem privaten Leben gab es eine grosse Ambivalenz. Seine Familie hatte durchaus aristokratische Ansprüche. Sein Vater sorgte für einen Privatlehrer, hielt den kleinen Sohn von der Strasse zurück. Und der begeisterte sich natürlich im Jugendalter für die Revolution und für die Jakobiner. Aber ein Teil seiner Person blieb irgendwie eltitär. Er diente in der napoleonischen Armee, kam nach Italien, nach Deutschland, ja bis nach Moskau. Von seinem Republika-nismus war schliesslich nicht sehr viel übrig. Irgendwo sagte Stendhal offenbar, das beste im Leben sei das eigene Selbst: le Moi. Darum drehe sich eigentlich alles. Und damit hat er doch wohl einen modernen Nerv der Zeit getroffen.
In der Liebe suchte er sich die unmöglichsten Arrangements heraus, zum Beispiel die glücklich verheiratete und sittsame Frau seines Vetters, und fantasierte sich in eine Liebschaft hinein, sah bei ihr dauernd diskrete Gesten ihrer Zuneigung, unterdrückten Schmerz geheimer iebe, gerötete Augen, kleine Signale etc. etc., die ihn in ständiger Aufregung hielten, die aber im RL absolut keine Entsprechung hatten. Er lebte sozusagen von fiktiven Liebesverhältnissen. Dazu hatte er natürlich unzähliche Affairen, die er in seinem Tagebuch getreulich notierte und aus denen er sich auch - wie man es von Nietzsche sagt - die Geschlechtskrankheit holte. Man spricht vom Tripper. Lues ist nicht sehr wahrscheinlich, den man N. nachsagt. Aber seine leidenschaftlichsten Lieben waren wohl - wie gesagt - die unerreichbaren.
Aber er lebte gut, war sehr wohl ein Geniesser, hatte durch seine Familien Beziehungen zur höheren Verwaltung und konnte so seine Stellungen bekommen. Er wäre zwar sehr gerne Konsul in Rom geworden, was ihm nicht gelang. Das war hart, denn er träumte vom Süden und hatte ganze Theorien entwickelt, wie sich die natürlichen und der Kunst aufgeschlossenen Italiener von den schwachen Franzosen unterschieden. Sein ganzes Leben ist aufgespannt zwischen solchen und ähnlichen Gegensätzen. Und diese Dichotomien sind ja doch typisch für das Bürgertum und heute noch in unserem Denken sehr virulent. Nietzsche war einer der ersten, der sie demaskiert hatte.
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Ich habe in 10 Minuten eine Sitzung und muss los. Geniesse die Hitze, solange sie da ist. Bald wird es wieder Herbst und wir werden die wollenen Pullover hervorholen.
Mit einem süssen Kuss
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