Ämne : foggy Dienstag
Datum : Tue, 13 Nov
Liebe Marlena
Heute ist kalt und regnerisch, furchtbares Novemberwetter. Und es ist noch absolut nachtschwarz und dunkel draussen. Normale Menschen liegen wohl eher noch im Bett. Nur die paar Verrückten wie ich sind auf und hocken schon im Büro. Gestern haben wir von einer neuen Flugzeugkatastrophe in N.Y. gehört. Das lastet alles schwer auf dem Gemüt. Nur unsere Töchter waren stolz, zu wissen, wo der Stadtteil Queens sei und dass dort viele Schwarze wohnen. Nach soviel Unglücksmeldungen bin ich früh ins Bett gegangen. Und das ist wohl der Grund, weshalb ich schon um 0500h in der Früh aufgewacht bin. Und das ist bekanntlich eine Zeit, da man sich überlegen muss, ob es sich rentiert, nochmals hinzuliegen und hellwach irgend welchen Dingen des kommenden Tages nachzugrübeln, oder ob man nicht doch besser gleich aufsteht und sich ein zünftiges Frühstück und einen kräftigen Kaffee gönnt. Wie Du siehst habe ich letzteres getan.
Heute nachmittag werde ich für eine Sitzung nach Olten reisen. Das ist ungefähr eine halbe Stunde von hier. Olten ist der Ort, wo ich nach der Universität meine erste Stelle hatte. Ich habe noch heute gute Erinnerungen an Olten und ab und zu treffe ich jemanden, der mich immer noch kennt. Aber es sind - das muss ich schon zugeben - nicht mehr allzu viele. Es ist ein knappes Jahr her, da der Arzt, der damals Präsident unserer Aufsichtskommission war, gestorben ist. Ich glaube, er war knapp 60 Jahre alt und ist in Nepal, in den Ferien mit seiner Frau und einem Arbeitskollegen, völlig unerwartet und plötzlich gestorben. Man hat ihn dann in einem örtlichen Heiligtum kremiert und die arme Frau musste mit der Asche ihres Mannes von den Ferien in die Schweiz zurückkehren. Er war eine sehr bekannte und auch sehr beliebte Persönlichkeit Oltens und der Region, war auch eine Zeitlang Präsident des Ärztevereins. An der Abdankung in der Stadtkirche, an der ich sozusagen inkognito teilgenommen habe, waren viele viele Leute. Und es waren auch viele Patienten mit dabei. Also, nach Olten will ich fahren. Wir treffen uns, etwa 7 Leiter und Leiterinnen von Schulpsychologischen Diensten aus den Kantonen der Nordwestschweiz. Das ist nützlich, indem man hört und sieht, womit sich andere beschäftigen. Es lassen sich Erfahrungen austauschen und Ideen aufnehmen. Nächstes Jahr ist eine grosse Tagung über Migration auf dem Plan. Ich war allerdings der Meinung, dass wir mit diesem Thema etwas spät kommen. Hochbegabung oder Förderaspekte der Schule oder so ähnlich wären aktueller und publikumswirksamer gewesen. Aber die Maschine ist nun mal angelaufen.
Jugendbücherschiff Basel
Ich werde mich also bei diesem trüben Wetter nach Olten bemühen. Und abends findet eine Vernissage einer Jugendbuchausstellung auf einem Schiff in Basel, mitten auf dem Rhein statt. Ich habe mir gedacht, dass ich - nach meinem 100 Bücher Marathon - wieder einmal teilnehmen sollte. Offenbar steht der Chef der Jugendbibliothek kurz vor der Pensionierung, obwohl einen deutlich jüngeren Eindruck macht. Wegen ihm sollte ich allenfalls hingehen. Aber ich bin mir noch nicht so sicher. Es ist immer viel Zeitaufwand, abends um 1800h nach Basel zu reisen. Und das Schiff ist zu diesen Anlässen jeweils übervoll. Man steht sich gegenseitig auf den Zehen herum. Das mag ich so gerne wie fremde Ellbogen in meiner Seite. In einem Wort: ich hasse es.
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Am Sonntag waren wir bei Onkelchen und haben Gusgus gegessen. Er hatte wieder einmal von seiner Jugendzeit in Fes in Marokko erzählt. Und dabei ist die Idee entstanden, einmal ein tüchtiges Gusgus mit Schaffleisch und Kichererbsensauce zu machen. Er war begeistert und hat das sehr genossen. Sogar seinen alten Fez, diesen roten Wollhut mit schwarzem Zottel, den er aus Marokko als Souvenir mitgebracht hatte, hat er in einem Schrank gefunden und den ganzen Abend getragen. Es war wirklich ziemlich lustig, und S hat bedauert, dass wir keine Kamera für ein Foto mit gehabt haben.
Kennst Du selbst Gusgus, Marlena? Es ist aus Hirse, wie ich glaube, und im Dampf luftig gekocht ähnlich wie Trockenreis. Darüber hinaus schmeckt es ausgezeichnet und ist auch noch recht gesund. Ich erinnere mich, es einmal in Zürich bei einer Kanadierin gegessen zu haben, die mit einem Marokkaner befreundet war. Und der arme Bursche hat in seinem Heimweh den ganzen Abend von seinem Land und seiner Familie geschwärmt, und wie sie oft zusammen sitzen und Gusgus essen, und wie dann sein Vater zu Tische - nach dem vortrefflichen Mal - sein Nickerchen zu nehmen pflegt.... Ja, heute kann ich ihm nachfühlen. Und schlafen könnte ich heute auch bei Tisch nach dem Essen.
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Und in der Zwischenzeit ist es draussen einigermassen hell geworden. Ich Café vis à vis sehe ich den Zahnarzt von gegenüber, der jeden Tag morgens dort seinen Kaffee trinkt und die Zeitung liest. Und Zigaretten raucht. Ich kann mir vorstellen, dass ihn seine Frau deshalb nicht zuhause herumsitzen lässt, weil er gerne nach dem Frühstück eine Zigarette raucht. Und am Radio läuft die Sendung "Morgenstund hat Gold im Mund". Frag mich nicht wo, frag mich nicht wie. Es ist eine Redensweise die eher aus der Luft gegriffen ist.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
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