Sonntag, 21. April 2024

Immer noch ritterlich

 

Königin Kristina


Liebe Marlena
Gestern war Montag. Morgens haben wir unsere Sitzung. Mittags habe ich Club. Und Nachmittags war ich mit einigen dringenden Geschäften unterwegs.
So bin ich heute Dienstag etwas früher ins Büro gefahren.
Nun ja, die gute "Identität". Wie gesagt, ich bin im Moment mit Schwanitz' Buch beschäftigt und denke versuchsweise seine Thesen und Gedanken weiter. Ich kämpfe also nicht nur in einer Rüstung, sondern mit einem etwas verlängerten Spiess. Nicht, dass ich damit allzu sehr in der Welt herumwütete. Nein, ich brauche ihn sozusagen als Brücke für meine Ameisen ;--).


Schwanitz sagt, wenn du das wirkliche Ich eines Mannes kennenlernen willst, dann beobachte seine Hobbies. Im Gegensatz zur Frau verdrängt der Mann seine eigenen Gefühle, projiziert sie aber in seine Leidenschften ausserhalb. Wenn Du also mit dem Mann über Gefühle reden willst, dann stösst Du auf Granit. Er kennt sie selbst nicht. Wenn Du ihn aber über seine Hobbies erzählen lassen kannst, wirst du reichlich belohnt werden.
Das ist, unter uns gesagt, keine schlechte Faustregel. Schwanitz sagt, dass ein Mann, der über seine Gefühle redet, kein Mann ist. Das heisst, er fühlt sich in diesem Moment nicht wirklich als Mann. Und das hält er nicht besonders lange aus. Es gibt kurze Momente, wo es gelingen mag. Aber im wesentlichen mag der Mann, der etwas auf sich hält, das nicht.
Sie Dich vor, Marlena, die Männer sind ganz anders, als Du es Dir immer gedacht hast. Und mein "wirkliches Ich" ist wohl diese komplizierte Kombination von Rüstung und Gefühlschaos, wie es der Autor etwas pointiert beschreibt.
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Ich beneide Dich um Deine Situation in Schweden, da Du das Meer gleich vor der Türe hast. Es mag etwas kühl sein bei Euch, aber es ist wunderbar, so nahe beim Wasser zu leben. Das bringt eine Weite in die Gefühle und in die Mentalitäten, die uns Schweizern wohl eher fehlt.
Ich habe gestern Abend einen Artikel gefunden, den ich vor einiger Zeit beiseite gelegt hatte. Es war ein Text von einer gewissen Laure Wyss über die schwedische Barockkönigin Christina. Und ich erinnerte mich natürlich der paar Dinge, die Du mir über sie erzählt hattest. Sie war die Tochter des Königs Gustav Adolf II, und eigentlich fing alles mit einer Falschmeldung an, weil die Hebamme glaubte, sie wäre ein Prinz und keine Prinzessin. Ihre Tante hatte dann den Mut, den König über den wahren Sachverhalt aufzuklären. Sie muss eine echt burschikose Prinzessin gewesen sein. Und besonders intelligent und unabhängig und mutig. Und sie war nicht hübsch, soll sogar eine schiefe Schulter getragen haben. Das erklärte sie damit, dass man es verschwörerisch auf sie als Thronfolgerin abgesehen hätte. Andere behaupten, ein herunterfallender Balken hätte sie noch in der Wiege getroffen. Auf jeden Fall gab sie sich rundum ziemlich männlich. Sie soll von Prag eine ansehnliche Ladung an Raubkunst heimtransportiert haben. Und sie hat, wie Du ja weißt, schliesslich auf den Thron verzichtet, in Rom gelebt und ist zum Katholizismus übergetreten und auch in Rom gestorben. Das würde ja - in die Zeit des kalten Krieges übersetzt - heissen, dass einer von Amerika nach Russland übersiedelt wäre. Das kann man sich wirklich bloss als "von Liebe motiviert" vorstellen. Von einer Liebe in den Vatikan hinein war aber hier nirgendwo die Rede. Doch schon möglich, dass sie im schönen und warmen Rom einen süssen femininen Priester gefunden hat.
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Heute fahre ich nach L. Ich habe dort noch eine Beratung. Schade, dass das Wetter noch ziemlich trüb und kühl geblieben ist. Es soll sich erst in den nächsten Tagen bessern.
Und gerade höre ich im Radio, dass nach einer OECD-Studie die Bildung einer der wichtigsten Faktoren im oekonomischen Wachstum eines Staates darstellt. Höre mal an. Das wird den Druck in Richtung erhöhte Effizienz und Effektivität erhöhen. Es ist, wie wir alle wissen, das Ende der Jugend.
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Geniesse Deine Ferien auch für mich bisschen.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit einem lieben Gruss

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