Donnerstag, 22. Februar 2024

Auf der Suche nach ...

 (R)


 Datum: den 20 februari  

Lieber ...,

Heute früh strahlte die Sonne nur so. Es war der schönste Tag seit eh und je und es tat mir leid, dass ich gerade an einem solchen Tag viele Stunden in einem Auto verbringen sollte. Vor zehn Uhr bin ich dann hinunter ins Zentrum gefahren und dabei kam mir der Gedanke, ich könnte mal in der Bibliothek nachsehen, ob sie etwas von Houellebecq hätten (ich habe noch nichts von ihm gelesen). Aber leider öffnete die Bibliothek erst um 11 Uhr an diesem Tag und so beschloss ich, nach allen anderen Besorgungen, nochmals vorbeizukommen. Ich war etwas früh zurück und habe mich also vor die Bibliothek gestellt und dort das stille Straßenbild betrachtet mit dem Gesicht gegen die Sonne gestreckt (so wie alle Schweden es zu dieser Jahreszeit tun). Es war so herrlich still überall. Die Leute bewegten sich gemächlich und ohne Eile. Ein paar Frauen mit Kinderwagen, ein paar alte Leute mit Rollator, natürlich auch ein paar Politiker, die ja ihre wichtige Arbeit im Kopf herumtragen und oft im Straßenbild zu sehen sind. Auch der Verkehr war sehr gering. Ich habe dabei an deine Worte über ruhigere Zeiten gedacht.

In der Bibliothek hatte man keine Ahnung von dem Schriftsteller mit dem unmöglichen Namen. Man suchte ihn in den Katalogen und sah, dass es zwei Bücher von ihm gab, die ins Schwedische übersetzt sind. Ich sagte ihnen, wie hoch er von einigen Kritikern geschätzt wird (völlig bewusst, dass ich mich mit fremden Federn schmückte) und sie beschlossen, ein Buch von ihm zu bestellen. Dazu muss ich dir noch sagen, dass die eine Bibliothekarin, eine ziemlich attraktive Frau in meinem Alter, etwas eitel ist und dass es an ihre Ehre geht, wenn jemand nach einem Buch fragt, das sie nicht haben. Natürlich musste es sich hier um einen sehr unbekannten Schriftsteller handeln. Ich dankte für die Hilfe und sagte, ich werde mal in der Buchhandlung nachsehen. Und sie meinte, es würde sie sehr wundern, wenn es dort ein Buch von ihm gäbe. Nun ja, ich hatte auch keine großen Hoffnungen, aber die Sonne schien so herrlich und ich wollte mir ja noch den Reakatalog holen und so bin ich in unserem kleinen Bücherladen gelandet. Ich habe dir schon früher mal davon erzählt. Er ist nämlich ganz einmalig. Sehr klein und unansehnlich aber mit einem Feuergeist, der weit bekannt ist. Der Besitzer selbst ist ein grosser etwas steifer Mann, etwas träge und späht unruhig herum wenn Kinder im Laden sind. Aber sein Angestellter ist nahezu berühmt. Er weiss was seine Kunden suchen, er erinnert sich daran, nach was du mal gefragt hast oder was du früher gekauft hast. Er ist unglaublich tüchtig und flink.. Ich könnte ihn noch mehr loben, denn seinetwegen wird diese kleine Buchhandlung als die beste der ganzen Region betrachtet. Wach auf, ... ! Ich erzähl dir was. 
Also, ich fragte nach diesem Houellebecq und er schaute in einem Katalog nach. Dann erinnerte er sich, dass er wohl ein Buch von ihm haben könnte und holte sich eine hohe Leiter, um auf dem obersten Regal, wohin er einige "nicht-rea-bücher" verpasst hatte, zu suchen. Mit jedem Buch, das er vergebens herauszog, sank mein Mut und plötzlich stand er da mit zwei Büchern in der Hand: Hier habe ich beide Bücher von ihm. Zuerst glaubte ich, ich hätte falsch gehört. Dann erinnerte er sich auch, was er darüber gelesen hatte und lobte ihn als einen der grossen unserer Zeit. Und als ich ihm von meinem Besuch in der Bibliothek erzählte, war er so stolz, dass er mir gleich erzählen musste, dass er von dem Nobelpreisträger in Literatur 10 Bücher gehabt hätte, während man in der größten Buchhandlung in X nur eins hatte. Ich glaube, sein Tag war gerettet. Ausserdem lobte er sehr den Roman von Imre Kertés, "Roman eines Schicksallosen", der in Schweden in diesem Jahr frei an alle Abiturienten verteilt wird. 
 
Ach, weisst du, wenn du mir gegenüber sitzen würdest, dann wäre sowas leicht und schnell erzählt, aber wenn ich es schreibe, kommt es mir wirklich etwas zäh vor und sicher nicht besonders interessant. Kein Herzblut drin.. wie du sagen wirst. Und ich tröste mich damit, dass es nicht ganz umsonst geschrieben ist, da ich ja wirklich die Sprache übe.
*
 Dann bin ich mit meinem "Fund" nach Hause geflitzt und habe mir schnell ein gutes Essen gemacht. Ich sollte ja bis am Abend damit auskommen. Schnell ein paar Zeilen an meinen Mausfreund und dann ging es los nach Strängnäs.. Ich werde dich vor Details verschonen.
(...)
Nun muss ich doch ins Bett. Ich glaube, mit der Länge meines Mails musst du durchaus zufrieden sein. Wenigstens etwas.. Herr Oberlehrer.. :-)
Gute Nacht, mein lieber Mausfreund.
Ich vermisse dich. 
Marlena



2 Kommentare:

  1. Suchet, so werdet ihr finden. Hoffen wir auf Glück in unserer Suche.
    Herzlich, Edith

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  2. *Suche nach Glück* ist sein Gedichtband. Ich hab grad in meinem Bücherkatalog nachgeschaut, ich müsste es haben. Ich schaue danach..

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