Dienstag, 23. Mai 2023

Pfingstrosen und Lyrik

Ämne: Alibaba

(R)

Liebe Malou

Macht einen ziemlich wissenschaftlichen Eindruck, wie Du meine Mails beantwortest ;-). Und dann bringst Du mich wieder in Verlegenheit, wenn Du sagst, wie sehr ich Dein Leben bereichere. Das beruht alles auf Beidseitigkeit, meine Liebe. Und ich lache vor mich hin, wenn ich daran denke, wie erstaunt Du damals warst, als ich nach meinem Mail am nächsten Tag schon eine Antwort haben wollte. Du warst amusiert und erstaunt, nicht wahr? Ich glaube nicht, dass Du damals an ein Daily glauben konntest. Na ja, ich wusste das auch nicht so genau, aber ich wusste, dass es nur als Daily funktioniert. Wenn man eine Woche warten muss, wartet man nach einem halben Jahr 3 Wochen, und im nächsten Jahr 2 Monate. Man wird dann wohl einfach nicht richtig warm. Nun ja, ich denke, mir würde es so gehen.

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Lustig, wir treffen uns in den Pfingstrosen. Es sind irgendwie prächtige Blumen, nicht wahr? Sie machen grosse Versprechungen für den Sommer. Ich mag sie auch ganz gerne, wenn sie schon völlig offen und in Blüte stehen. Als Rubensblüten sozusagen! Aber ich weiss nicht, welches Klima sie mögen. Bestimmt sind sie nicht so heikel und sicherlich verlangen sie auch nicht zuviel Hitze. Schweden müsste ideal sein dafür. Sie haben offensichtlich süssen Saft, wie die Ameisen zeigen, die sie ebenso lieben wie ich das tue.



Ja, das Pfingstwochenende werde ich mit meinen 40 Büchern verbringen wie Alibaba mit seinen 40 Räubern. Im Persischen bedeutet die Zahl 40 einfach soviel wie "viel". Gestern habe ich eines gelesen über Lyrik. Ich war begeistert. Das Büchlein erläutert alles über Reime, Versmasse, Strophenformen, moderne und traditionelle Lyrik, und dies alles in leichter und vergnüglicher Form. Es ist sehr gut gemacht und zugleich lehrreich mit den vielen Beispielen als alter und neuer Zeit. Es ist so verführerisch geschrieben, dass man gar nicht merkt, wie man hineingerät. Und das ist die volle Absicht des Autors, denn im allgemeinen können moderne Menschen mit Lyrik nicht zuviel anfangen. Dabei ist es doch eigentlich eine sehr aktuelle und verspielte Kunstform. Ich habe mir vorgenommen, sie vermehrt im Auge zu behalten. Damit meine ich jetzt nicht nur Rilke mit seinen Sonetten, sondern auch neuere und unkonventionellere Formen. Ich habe doch seit längerem ein Beispiel hier an meiner Pinwand aufgehängt, das mir gut gefällt: Es stammt von Erich Fried, und ich glaube, ich habe es Dir schon einmal (vielleicht mehrmals) zitiert. Seit ich auf dieses kleine Gedichtlein gestossen bin, suche ich in Buchantiquariaten nebenbei immer auch ein bisschen nach Erich Fried. Das Gedicht geht so:


Erinnern
Das ist
vielleicht
die qualvollste Art
des Vergessens
und vielleicht
die freundlichste Art
der Linderung
dieser Qual.


soweit sogut.

Ich wünsche Dir die schönsten Pfingstrosen.

MlGuK

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