Das
Bild Bruegels hat es mir sehr angetan. Ist es nicht eines der
schönsten Bilder europäischer Kultur? Ich glaube, Bosch hat auch
irgendwo so ein Riesending gemalt. Und es ist ästhetisch in diesem
Zweifel zwischen Optimismus und Pessimismus. Ist es eine Ruine oder
bloss eine Baustelle? Wird noch gebaut oder wird schon abgebrochen?
Geht's hinauf in den Himmel oder geht's doch eher zur Hölle?
Manchmal, wenn ich Zeit habe, zeichne ich gelegentlich Cartoons. Und
eine meiner Ideen war es vor einiger Zeit, diesen Turm Bruegels zu
zeichnen, den fast jeder kennt, und dahinter ein riesiges Hochhaus, das
noch um Einiges höher ist und weit über die Wolken hinausragt, auf dem
die Reklame leuchtet: CONSULTING. Das finde ich einen guten Einfall,
und du? Ich habe das Bild damals einem Freund geschenkt. Er ist
Professor an der Universität Zürich und hat ein eigenes Institut zur
Integration der Fakultäten und fachlichen Perspektiven. Er war
begeistert und hat meine Zeichnung auf einen Regenschirm kopieren
lassen, um sie jetzt den Leuten zu verteilen. Ich muss zwar sagen, dass
die Zeichnung auf dem Schirm wirklich nicht mehr gut aussieht. Aber
seine Begeisterung hat mich doch gefreut.
Der
Turm Bruegels ist schon ein Renaissance-Turm, gross und die Welt
sprengend. Eine wahre Attacke gegen Gott, gotteslästerlich, wie die
Aufklärung auch, in ihren letzten Konsequenzen. Die mittelalterlichen
Türme der Gotik sind dagegen bescheiden und brav, sehr menschlich und
subaltern, runde Türmchen meist, die den Anschein des endlosen
gottergebenen Zerfalls haben. Sie sehen in unseren modernen Augen
ziemlich romantisch aus. Die Türme der Renaissance dagegen sind wie
Capes Canaverals, hybride Installationen, die die Welt aus den Angeln zu
werfen gedenken. Eigentlich sind sie skandalös. Aber schön! Ich liebe
das Bild sehr, denn es gibt den Eindruck einer göttlichen Übersicht.
Vom Himmel schauen wir hinunter auf diese Welt (dieser Gesichtspunkt
ist vielleicht noch mittelalterlich und traditionell). So muss die
Sache für den lieben Gott ausgesehen haben, als er Montag morgens das
Fenster öffnete, um sein Bettzeug zu durchlüften und sein Nachthemd
auszuschütteln. Wahrscheinlich ist er ziemlich heftig erschrocken, eine
solchen Backsteinhaufen vor seinem Schlafzimmerfenster vorzufinden.
„Skandalös", muss er in den langen Bart gemurmelt haben, und irritiert
nach Petrus geleutet haben. Die babylonische Sprachverwirrung kann man
durchaus als Rache Gottes gegen die menschliche Hybris verstehen. Aus
Sicht des Allmächtigen ist wirklich nicht einzusehen, warum die kleinen
Dinger, die Menschen, jetzt plötzlich in den Himmel klettern sollten?
...
(R)

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