Ämne: montagmorgenistdieweltnochinordnung
Datum: den 15 mars 08:10
Liebe Malou
(---)
Nächsten Montag werde ich meinen Vortrag im Club haben. Ich darf heute
nicht vergessen, einige kleine Dinge zu organisieren: ein Gestell für
den Projektor, Abstellfläche für den Computer, Verlängerungskabel, ein
Glas Wasser ;--)) Ich habe gestern nochmals ein bisschen reduziert. Im
Moment bin ich bei ca. 100 Bildern. Das ist immer noch enorm viel für 30
Minuten. Ich werde zusehen, dass ich noch bis ca. 60 bis 80
herunterkomme. Aber jedes Bild, das ich rausnehmen muss, tut mir leid.
Aber ich darf die alten Herren nicht bombardieren mit Bildern. Sie
brauchen Zeit und Führung. Nicht alle, aber viele von ihnen.
Gestern Abend im Bett habe ich nochmals versucht, Vollard eine Chance zu
geben. Er ist eine wirkliche Händlernatur, hat eine gute Empathie mit
den Leuten und versteht, mit ihnen umzugehen. Auf der anderen Seite hat
man den Eindruck, dass er sich über die Malerei kein Urteil erlaubt.
Weil er bloss kleine Erlebnisse und Begebenheiten aneinanderreiht, macht
mir das Büchlein nicht den Spass, den ich erwartet habe. Ausgenommen
vielleicht Degas Bemerkung über Manet, seine Bilder hätten die Farbe von
Backpflaumen. Das ist gut bemerkt, wenn man die ältesten Bilder Manets
im Auge hat. Später ist er dann ja ziemlich impressionistisch und luftig
geworden. Er ist ein gewandter Maler, Manet, und neben Monet einer der
grössten. Ich hatte mich früher immer gewundert, weshalb zwei so sehr
berühmte Menschen, die in einem ähnlichen Gebiet ausserordentliche Dinge
geleistet haben, auch gleich noch sosehr ähnliche Namen tragen mussten.
Und meine Antwort war: sie wollten uns ärgern! Die Namen hat sie
gezwungen, noch besser zu werden, damit man sie wirklich nicht zu
verwechseln droht. Es ist ungefähr dasselbe wie mit unseren
Töchtern: ... und ... ;--)
Ich kannte mich schon im Gymnasium ein bisschen unter Malern aus. Ich
erinnere mich, wie unser Lehrer für Kunstgeschichte, der ein sehr
spielerischer und intelligenter Geistlicher war, manchmal irgendwelche
Reproduktionen von Bildern mitbrachte. Damit wollte er von seinem
ordentlichen Programm ablenken. Und sein Programm war die Architektur
v.a. seit der Griechischen Antike. Die meisten Klassen sind mit ihm
nicht über die griechische Antike herausgekommen. Er war zugleich
Rektor, kam immer zu spät in die Stunden, oder suspendierte sie manchmal
ganz, weil er offenbar wichtigere Geschäfte ob hatte.
So hielt er uns also gelegentlich einfach diese Reproduktionen in
Postkartengrösse unter die Nase und sah zu, wer sich darin auskennt. Wir
Buben hatten damals im Wallis natürlich - weiss Gott - wichtigere Dinge
im Kopf als irgendwelche Ölgemälde vergangener Maler. Es war auch keine
besonders gescheite Idee, so zu tun, als ob es wichtig wäre, zu wissen,
von wem ein Bild stammt. Wichtiger wäre gewesen, es anzuschauen, zu
beschreiben, zu interpretieren, vielleicht daraus abzuleiten, aus
welcher Zeit es stammen könnte, was der Maler damit gemeint haben könnte
usw. . Na ja, Du siehst darin die Qualität des Unterrichtes, den wir
hatten. Aber die ganze Welt lief zu jenen Zeiten noch nicht so wild, wie
sie es heute zu tun scheint.
Und so ist mir gestern abend im Bett, um 22.30h oder später, wieder in
den Sinn gekommen, dass Du auch eine Varlinistin bist. Irgendwie suche
ich ein Vorbild für meine Porträtmalerei. Im Moment habe ich dafür
Varlin, Bacon und Soutine vor Augen. Soutine finde ich am schönsten.
Varlin war von ihm beeinflusst. Soutine hat eine wunderbare, tiefe
Farbpalette und seine Bilder geben den Eindruck einer reichen
Beständigkeit, auch wenn die Figuren ziemlich verzerrt sind. Ich glaube,
er war Jude in Paris und ein extrem armer Schlucker. Bacon wirst Du
kennen. Er war Autodidakt, Ire und Alkoholiker. Bei seinen Bildern
fallen grässliche Grundtöne auf: ein scharfes Orange, ein
nervenzersägendes Lila und so fort. Darin winden sich seine Figuren in
imaginären Vitrinen in einem grellen Scheinwerferlicht. Man hat gesagt,
er zeige damit die Abgründigkeit des modernen Menschen. Bacon war mit
Luzian Freud befreundet, einem Enkel des grossen Psychoanalytikers.
Dieser aber malte seine Porträts ziemlich naturalistisch und fleischig,
mit einer Offenherzigkeit, die etwas schockt und die vielleicht vor
allem Metzger und Fleischergesellen fasziniert. Und daneben ist noch
unser Varlin, dessen Porträts interessant sind, weil wir die Menschen
auch kennen oder kannten, die er gemalt hat.
Heute denke ich, ich müsse mir ungefähr schon eine Vorstellung eines
Bildes machen können, noch bevor ich mit Malen beginne. Früher hatte ich
jeweils einfach begonnen und zugesehen, was dabei herauskommt. Man kann
bei Porträts auch nicht zu sehr subjektiv vorgehen, denn die Menschen
wünschen, doch mindestens auf dem Bild einigermassen wieder erkannt zu
werden. Und Frauen wünschen, noch ein bisschen schöner dargestellt zu
werden, als sie schon im RL sind. Als Maler kann man sie eigentlich nur
beleidigen, es geht fast kein Weg daran vorbei.
„Mildes Frühlingswetter“ meldet das Radio soeben. Das ist gut.
Vielleicht hilft es mir, gerade noch an der Klippe der Grippe vorbei zu
kommen.
Ich wünsche Dir einen feinen Wochenanfang. Das habe ich zwar schon mal getan, aber trotzdem.
MlKuG
...

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