Sonntag, 7. Juni 2020
Re: Il pleure dans mon coeur
Liebe Malou
Bitte bezirze mich nicht mit deinem Französisch. Ich weiss schon, wieviel Charme in dieser Sprache liegt. Und wieviel zarte Poesie. Deshalb ist sie auch so schwer zu lernen. Und ich bewundere deine Kompetenz in dieser Sprache. Wir hatten einen Lehrer am Gymnasium, der sehr ins Französisch vernarrt war. Er fuhr alle Sommerferien nach Paris, um dort an einer gewissen Kirche Aushilfsdienste als Pfarrer zu machen. Und er hatte etwas Kartesianisches in seinem Denken. Er hat uns die Sprachregeln der Grammatik immer glasklar erklärt. Und dabei immer auf eine perfekte Aussprache geachtet. ...
Aber Verlaine ist ein trüber Poet, nicht wahr? Was er geschrieben hat, kann man zu melancholischen Chansons vertonen und sich mit schwerem Rotwein zu Gemüte führen.
Ja, dein Französisch ist sehr schön Malou. Und nur zu gerne würde ich es auch hören. Denn mit der Melodie und dieser preziösen Aussprache kommt noch eine ganze Musikwelt dazu. Ich denke es manchmal, wenn P. mit seiner Frau spricht. Es gibt ja auch viele verbindende Laute, die nicht wirklich etwas bedeuten, und nur die Funktion haben, die leere Luft ein bischen auf menschliche Temperaturen zu chambrieren. Ja, es ist eine wundervolle Sprache. Und es ist lustig, wie die Franzosen ein bisschen neidisch sind auf die Italiener. Jedenfalls glaube ich, sowas bei M. festgestellt zu haben. Die beiden Nationen wetteifern um die Grösse als Kulturhüter. Und es ist wohl nicht entschieden, wer die grössere sei. Aber weisst du, bei deinem französischen Brief hat mir vor allem auch deine Gedankenführung gefallen. Das Erleben ist wundervoll in Sprache umgesetzt, so dass es zu einem neuen und zusätzlichen Vergnügen wird.
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Und hier, was gibt es an diesem Tag zu melden. Das Wetter ist zwar klar und sonnig. Aber die Stimmung ist trüb. Ich muss mir ein neues Leben suchen.
Grüsse und Küsse
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