Mittwoch, 13. Dezember 2017
Dies und das und jenes. ..
Liebe Malou
Ich danke dir für dieses schöne lange Mail. Ein solch langes und ruhiges hast du lange nicht mehr geschrieben. Ja, meine Mausfreundin, ich glaube, wenn ich dir schreibe, habe ich ein klein bisschen das Gefühl, wie wenn ich zu dir und in deine ruhige Atmosphäre auf einen kleinen Kaffee käme. Es beruhigt mich. Und wir haben eine kleine Vergangenheit. Das heisst, unser Wasser hat schon eine gewisse Tiefe. Und das ist mehr als bloss eine oberflächliche Pfütze.
Ich merke schon, dass mir so ein Gefühl der Familie und der Häuslichkeit anfängt zu fehlen. Gerade in dieser Weihnachtszeit ist dies doch ein starkes Gefühl. Aber ich kann auch nicht unbedingt behaupten, ich hätte dies zusammen mit S gehabt. Obwohl sie sich bestimmt Mühe gegeben hat, ein gutes Haus zu führen, davon bin ich überzeugt. Die Atmosphäre hat mir gefehlt, das Gespräch, das Lachen zwischendurch, das Gefühl der Gemeinsamkeit, vielleicht das letzte hat mir am meisten Gefehlt. Es war mir immer so, als ob sie in einer anderen Welt gelebt hat als ich. Heute interpretiere ich es mit der persischen Gesellschaft und der Geschlechterloyalität, die sie hervorbringt. Frauen fühlen sich zuhause unter Frauen, Männer unter Männern. Die Begegnung zwischen den Geschlechtern ist irgendwie exotisch und tendenziell ein Kampf oder vielleicht ein Handel.
Gestern war ich in der Stadt und habe ein wenig die Vorweihnachtszeit genossen. Es gibt viele Leute. Und alle rennen sie irgendwelchen Geschenken nach, die noch zubesorgen sind. Ich bin natürlich in einem Musikgeschäft und einem Bücherladen gelandet. Dort kann ich meine Zeit am besten verbringen. Die grossen Bücherläden sind richtige Freizeitzentren geworden mit Caffeteria, Hörbar für CDs, Büchertische zum Anschauen. Und wenn ich dort hineingehe, erinnere ich mich gerne an jene gemütlichen Bücherläden am Broadway in NY. Sonntag abends um 8 oder 9h konnte man sie noch aufsuchen. Sie hatten eine Art Garderobe, wo man die Taschen abgeben musste. Aber die Läden waren sehr gemütlich und nicht übervölkert wie in Basel. Sie hatten nur einen einzigen Nachteil. All die vielen Bücher auf den grossen Tischen waren alle eben in Englisch.
Und später habe ich noch einen langen Abendspaziergang gemacht und gleichzeitig mit meiner Juke-Box, die mir Walo geschenkt hat, einen Text über die Vorsokratiker von de Crescenco gehört. Es war das erste Mal, dass ich mit Kopfhörer im öffentlichen Raum gewandert bin. Es gibt einem ein spezielles Gefühl. Und natürlich kann man sich nicht immer so gut auf die Stimme konzentrieren. Manchmal überhört man Dinge. Gelegentlich auch, weil es draussen zu laut ist.
Ja, ich würde an deiner Stelle sofort fragen, was die drei Punkte auf der Hand bedeuten. Das finde ich interessant, von Leuten über ihr Leben zu hören. Und natürlich haben nicht alle ein interessantes Leben gehabt. Oder vielleicht muss man sagen: nicht alle können spannend über ihr Leben erzählen. Jedenfalls erinnere ich mich bei diesen Dingen, die du erzählt hast, an eine Untersuchung, die ich damals als Student am IAP gemacht hatte. Ich glaube, du weisst, dass ich damals stundenweise als Psychologe arbeiten konnte. Und ich war in der Verkehrsabteilung beschäftigt, wo man mit der Selektion von Polizisten, Tram- und Buschauffeuren für die Stadt Zürich zu tun hatte. Einer hatte mir dabei von seiner Zeit in der Fremdenlegion erzählt. Ein anderer - ihm war der Fahrausweis entzogen worden - hatte an einem Raub teilgenommen. Er war zwar nur der Fahrer der Gangster gewesen, und hatte im Fahrzeug auf seine Kollegen gewartet. Gerade deshalb wurde ihm der Ausweis für einige Jahre entzogen. Der Grund aber für dieses Unternehmen war seine Geldknappheit. Er war immer nach Konstanz gefahren um zu spielen. In der Schweiz waren damals Casinos verboten. Deshalb musste er dafür an die deutsche Grenze fahren. Ich erinnere mich noch, wie er schilderte, dass er oft nach dem Konstanzer Casino nicht einmal mehr Geld hatte, um Benzin für seine Heimfahrt zu bezahlen. So sehr war er sich vorher sicher gewesen, dass er diesmal viel Geld gewinnen würde. Also frag ihn Malou! Ich bin sicher, ein alter Mensch erzählt gerne von seinem Leben. Vielleicht hat er wirklich gesessen? Und wenn du zuhörst, kannst du nachfühlen, wie es sein muss, im Kittchen zu sitzen. Schliesslich muss man doch alles im Leben mal ausprobieren ;-))
Erzähl mir dann, wieviel du gekriegt hast. 4 Jahre? 6 Jahre bei Wasser und Brot? Bist du wegen guter Führung vorzeitig entlassen worden?
Die beiden Bilder, die du schickst, gefallen mir. Ich finde, Bilder in Kinderbüchern sollten viele lustige und einfallsreiche Details zeigen. Das weckt sozusagen den Eroberungssinn des kindlichen Auges. Kinder lernen, Bilder genau anzuschauen und viele Dinge und Zusammenhänge zu entdecken, die sie anfangs nicht gesehen hatten. Na ja, das ist vielleicht sehr schulpsychologisch gedacht.
Ich werde vielleicht in den Weihnachtstagen einmal ins Wallis fahren. Vielleicht hast du davon gehört, dass der neue Lötschberg-Basis-Tunnel fertig erstellt worden ist. Damit gewinnt man beinahe eine Stunde Fahrt. Visp hat sich damit zum neuen Verkehrsknotenpunkt entwickelt und einen neuen Bahnhof erhalten. In Visp steigen die Leute um, um nach Zermatt oder Saas Fee zu gelangen. Die Visper sind mächtig stolz, durch diese neue Situation die Briger ein bisschen überholt zu haben. Jedenfalls kann man von Bern in einer halben Stunde Visp erreichen. Das ist eine neue Verknüpfung und ermöglicht sogar, im Wallis zu wohnen und in Bern zu arbeiten. Das Wallis ist - so habe ich irgendwo gelesen - zum Vorort von Bern geworden. Es ist mir aufgefallen, wie viel Berner Zeitungen neuerdings über das Oberwallis berichten. Diese neue Verbindung werde ich also mal anschauen. Das Ende des Tunnels liegt etwas oberhalb Raron, also zwischen Visp und Raron. Vielleicht sollte ich wirklich wieder mal im Wallis ein Fondue essen?
Ich wünsche dir einen guten Tag
Liebe Gs und Ks
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