Montag, 14. September 2015
um Hilfe bitten
...
Dass dein K niemanden um Hilfe bitten will, kann ich einigermassen
verstehen. Ist bei meinem Vater auch so, bei mir noch ein bisschen.
Doch S hat mir schon vieles ausgetrieben. Und auch im Kopf verstehe
ich das Problem durch und durch. Es gibt nichts Unsozialeres als ein
perfekt eingerichtetes und funktionierendes Sozialsystem. Hab ich dir
doch mal anhand der Italiener geschildert, nicht wahr? Wenn alles
funktioniert, brauchen die Leute sich gegenseitig nicht mehr. Keiner
braucht mehr nett sein mit dem andern, weil er ihm ja kein Brot
abschneidet und nie abschneiden wird. Nicht mal um die eigenen Kinder
muss man sich kümmern, denn im Alter hat man ausgesorgt. Ist alles
schon vorweg bezahlt. Man geht ins Alter wie in ein Riesenhotel. Es
tappen zwar überall einigermassen wackelige Gäste in den Hallen,
treppauf und treppab herum, bestellen sich Milchkaffee und Kuchen und
vielleicht ein Likörchen. Es ist sozusagen der Dessert des Lebens. Man
erlaubt sich noch ein bisschen mehr als früher. Nicht viel, aber ein
bisschen. Aber alles mässig und mit Vernunft.
Zu helfen und sich helfen zu lassen ist eine eigene Art von
Lebenspolitik. S versteht sie natürlich perfekt. In einem solchen
vormodernen Land sind Freundschaften die wichtigste Lebensressource.
Darum sind die Menschen so nett und freundlich miteinander. Das ist
eine Art Organisation für den Notfall. Und weil alle so nett und
hilfreich sind, kommt die Not sehr spät, vielleicht gar überhaupt nie.
Es gibt soviele arme Menschen dort. Aber irgendwie kommen doch die
meisten irgendwie über die Runden. Nicht ohne Leiden, das will ich
nicht sagen. Aber sie scheinen oft nicht unglücklich.
Darum glaube ich, dass es eine Lebenspflicht ist, andere um Hilfe zu
bitten. Man tut auch ihnen etwas Gutes. Es ist nicht nur für mich ein
Vorteil, sondern auch für sie. Wir fühlen uns doch in der Regel ganz
glücklich, wenn wir um Hilfe gebeten werden. Natürlich nur, wenn es
nicht gleich unseren ganzen Haushalt verschlingt. Ich hatte einen
Studienkollegen, einen Architekten. Er lebte in Bern. Doch schon bald
nach seinem Examen wurde er krank. Ich glaube, es war Schizophrenie.
Auf jeden Fall trank er viel und hatte immer irgendwelche Medikamente
zu schlucken. Ich hatte ihn mal an einem Sonntag in Bern besucht. Und
dann hatte er mich um Geld gefragt. Ich habe ihm 3 oder 500 Fr.
ausgeliehen. Und irgendwann hatte er sie mir auch wieder
zurückgegeben. Das war für mich damals schon eine beachtliche Summe.
Und als er dann wieder kam (er rief mich aus der Badewanne an, fand
ich enorm komisch) und wieder Geld wollte, da war ich nicht mehr
bereit. Ich riet ihm, er sollte zur Fürsorge gehen und dort darlegen,
dass er zuwenig Geld hätte zum Leben. Das war vielleicht etwas streng.
Aber ich war daran, eine Familie aufzubauen. Und er war komplett
allein und verflüssigte wohl das meiste Geld zu Bier. Aber im
allgemeinen glaube ich, dass es gut ist, zu helfen. Na ja, ein Ei
hätte ich ihm wohl schon gegeben.
Vielleicht ist das der Unterschied. Die Frauen fragen um Eier, Mehl
und Salz. Die Männer fragen um 2 oder 3'000 in Cash. Bei den Männern
kippt eine solche Transaktion schon leicht ins Geschäftliche, müsste
man annehmen.
Ist doch modern, nach Männer-Frauen-Unterschieden zu suchen.
Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.
MLG
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen