Samstag, 23. August 2014

Totenfeier und Seelen



Liebe Marlena
Ich habe die Totenfeier überlebt. Es war ein bisschen traurig zu sehen, wie wenig alte Kollegen an seinem Begräbnis waren. Aber wahrscheinlich hat er in den letzten 12 Jahren kaum mehr Kontakt gehabt. Seine Frau ist ein bisschen zu dominant gewesen und hat wohl alles diktiert. Auch die Abdankung war ein bisschen zu religiös, sogar hebräisch haben sie gelesen. Sie ist irgendwie jüdisch oder halbwegs jüdisch, wenn es sowas überhaupt gibt.
Aber er war ein guter Kerl, begabt, hat sich vielleicht ein bisschen zusehr zurückgehalten, und ist - wie ich heute gehört habe - deswegen oft unglücklich gewesen. Das kann ich mir gut vorstellen. Er war wirklich sehr mild und konnte sich überall gut anpassen. Und er hat so ein Mascherl getragen, wie anfangs der oesterreichische Regierungsmann Schüssel. Eine Fliege auf gut Deutsch. Take him for all in all: he was a man. Das ist irgendwo von Shakespeare.
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Sterben ist nicht so schwer. Überleben ist bestimmt schwerer.
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Und dann bin ich - in meinem schwarzen Anzug, so dass alle Damen genauer hingeschaut haben - noch in die Stadt gefahren und habe mir - vielleicht zum Trost - ein zweites Büchlein von Tabucchi gekauft. Ich hatte es seit langem im Auge. Auf dem Deckel steht, es sei eine Liebeserklärung an Lissabon. Der Titel heisst Lissabonner Requiem. Ich glaube, ein Requiem ist jetzt gut. Na ja, von Zeit zu Zeit braucht man einfach Liebeserklärungen, sei es für Lissabon, sei es für Streuselkuchen.
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Tabucchi schreibt etwas Schönes gleich zu Beginn. Er schildert das Gespräch zwischen dem Ich und einem Losverkäufer. Ich, der Intellektuelle spricht vom Unbewussten. Der Losverkäufer meint, er habe kein Unbewusstes, er habe eine Seele. Das Unbewusste sei etwas Mitteleuropäisches, vielleicht ein Rest aus Wien des 19. Jahrhunderts. Das ist gut gefühlt. Dort unten haben sie bestimmt nur katholisch tropfende Seelen. Ich stelle sie mir so als kleine Wölklein vor, mit drei Ausbuchtungen, wie ein Michelin-Männchen. In der Mitte ist das Ich, oben das Üeber-Ich und im Keller das ES, also das Unter-Ich. Das ist die Architektur (natürlich wieder mitteleuropäisch konstruiert) dieser Seele. Und sie ist sehr wie Gummi und lässt sich nach Bedarf auch noch ein wenig aufblasen. Und bestimmt schwimmt sie auf dem Wasser. Da bin ich mir ziemlich sicher, dass sie schwimmt. Ich könnte mir niemals vorstellen, dass eine solche Seele wirklich untertaucht. Seelen schwimmen obenauf, soviel ist klar. Und wenn die Person stirbt, dann zwängen sie sich durchs Fenster oder die kleine Öffnung, die man in den Walliserhäusern genau für diesen Zweck macht, und fliegen hinauf. Natürlich mit Ausnahme jener, die gleich vom Fenster hinunter fallen in die Hölle. Dort, wenn ich es mir plastisch vorstell, platzen sie in der Hitze wie Ballone.
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Du siehst, Antonio Tabucchi inspiriert mich ein bisschen. Ich glaube, wir sind seelenverwandt.
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Und jetzt muss ich endgültig schliessen. Der Tag ist vorbei. Die ABB Aktien leicht gesunken, aber nicht sosehr, dass man sich deswegen eine schlaflose Nacht veranstalten sollte.

Ich wünsche Dir einen feinen Abend.
Mit lieben Grüssen

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