Sonntag, 20. November 2022
Samstag, 19. November 2022
Wie Proust Ihr Leben verändern kann
Ich habe für mich - du wirst schmunzeln Marlena - ein kleines Taschenbuch für die nächste Zeit gefunden. Es heisst "Wie Proust Ihr Leben verändern kann", von einem Schweizer namens Alain de Botton. Du weißt ja sicher, wie Proust in der Vergangenheit gerührt hat. Nichts anderes hat er gemacht. Noch seine Madeleine hat er in der Vergangenheit gegessen. De Botton hat in Cambridge studiert und lebt in London. Er schreibt ein bisschen mariniert und intellektuell. Das mag ich. Das Buch fängt so an: 1. Wie man das Leben heute liebt
"Es gibt wenig, dem sich der Mensch mit grösserer Hingabe widmet als mit dem Unglücklichsein. Hätte ein böser Schöpfer uns nur in die Welt gesetzt, damit wir leiden, dürften wir uns zu Recht damit brüsten, diese Aufgabe mit Begeisterung erfüllt zu haben. Dabei gibt es wahrhaftig genug Gründe, untröstlich zu sein: die Vergänglichkeit des Fleisches, die Unbeständigkeit der Liebe, die Verlogenheit im Alltag, die Kompromisse zwischen Freunden, die lähmende Wirkung der Gewohnheit. Angesichts derartiger Misstände sollte man meinen, dass wir nichts sehnlicher herbeiwünschen müssten als unsere eigene Auslöschung." Du siehst, ich bin auf dem Weg der Besserung.
*
Jetzt habe ich mein de Botton zu Ende gelesen. Und nun, was kann ich zum Schluss sagen. Ich glaube, Marlena, alles in allem, könnte ich dir dieses Büchlein empfehlen. Sicherlich weißt du natürlich mehr über Proust als ich es gewusst habe. Doch ich finde, de Botton führt auf geschickte und leicht lesbare Art und Weise in das Denken und die Literatur Prousts ein, und erwähnt daneben biographische Aspekte, die ja zum Verständnis der Literatur nicht absolut notwendig sind, aber oft eben doch erhellend. Er hat sein Projekt einfach und gut angepackt. Er baut es wirklich fast wie ein Ratgeber auf und gibt dann Proust das Wort. Und die Kapitel hören sich auch an wie zentralen Fragen des Lebensberaters: Wie man das Leben liebt? Wie man richtig liest? Wie man sich Zeit nimmt? Wie man erfolgreich leidet? Wie man Gefühlen Ausdruck verleiht? Wie man Freundschaften pflegt? Wie man in der Liebe glücklich wird? Er hat nichts ausgelassen, dieser gute Proust. Und offenbar war er nicht nur der Unglücksrabe, als den ich ihn anfangs angesehen habe. Die Theorie sozusagen, die sich aus seinen Ausführungen ergibt, finde ich ziemlich intelligent und sie hat was an sich. Vielleicht könnte man sie so zusammenfassen: der Wert des Lebens entsteht durch die Art der Erinnerung. In der Erinnerung entsteht dieses vergoldete Lebenskunstwerk. Und nicht etwas das reale Leben wäre schon so ein Kunstwerk. Das reale Leben ist voller Kompromisse und Unvollkommenheiten und Grautöne und auch Leiden. Aber die Erinnerung kann dann alles ins rechte Licht rücken und das Leben als einzigartig und schön und ideal erstrahlen lassen. Und davon, Marlena, das muss ich zugeben, bin ich selbst nicht so weit entfernt. Ich könnte ja direkt Proustianer werden. Doch es gibt auch Aspekte an diesem Typen, die mir unsympathisch sind. Seine neurotische Lebensweise etwa, seine vielen Leiden, die er hatte. Es wimmelt offenbar in der Recherche von Leiden und Leidensgründen: seine Mutter, die Homosexualität, verhinderte Liebschaften, gescheiterte Theaterkarriere, Unverständnis der Freunde, Asthma, Nahrungsunverträglichkeiten, Verdauensprobleme, irgendwelche Komplikationen mit den Unterhosen, überempfindliche Haut, Angst vor Mäusen, Kälteempfindlichkeit, Höhenangst, Hustenanfälle, Angst vor Reisen, Flucht ins Bett, Lautempfindlichkeit. Es will gar nicht enden. Und Proust muss in dieser Hinsicht wirklich ein sehr eingeschränkter Mensch gewesen sein. Er erzählt offenbar in diesem Zusammenhang von Noah, der für ihn ein symbolisches Vorbild ist. Noah hat die Welt aus seiner Arche, also einem geschlossenen Raum wahrgenommen. Er hat sie in der Erinnerung wahrgenommen. Und Proust tut dasselbe von seinem Bett aus. Er hat offenbar meist im Bett gearbeitet. Das muss ziemlich unbequem gewesen sein.
Er war also absolut neurotisch und krankhaft. Und doch hat er seine Situation irgendwie intelligent genutzt und einige bemerkenswerte Erkenntnisse daraus gemacht. Virginia Woolf muss offenbar eine grosse Verehrerin Prousts gewesen sein. Sie habe ihn mit grossem Interesse gelesen, und sei ob dem Eindruck, den er auf sie gemacht habe, geradezu verstummt. Er muss ihr grosses Vorbild gewesen sein, und eigentlich wünschte sie zu schreiben wie Proust schreibt. Und offenbar treffen sie sich auch in der homosexuellen Ausrichtung, wenn ich bei Woolfe richtig orientiert bin.
Ich war froh, bei de Botton auch die Szene mit der Madeleine zu finden, denn darüber habe ich schon mehrmals gelesen, und ich wollte immer gerne wissen, was es damit auf sich hat. Ich kann dir die ganze Passage nochmals zitieren, dann kann ich sie gleich auch nochmals lesen:
"Was das Backwerk anbetrifft, so schildert Proust, wie sein erkälteter Erzähler an einem Winternachmittag zu Hause sitzt, als seine Mutter in sein Zimmer kommt und ihm vorschlägt, er solle, entgegen seiner Gewohnheit, eine Tasse Lindenblütentee zu sich nehmen. Er lehnt erst ab, besinnt sich aber aus unerfindlichen Gründen eines Besseren. Zum Tee lässt seine Mutter ihm eine Madeleine servieren, ein dickes, ovales kleines Sandtörtchen, das aussieht, als habe man es in der gefächerten Schale einer Jakobsmusschel gebacken (schön gesagt!!). Der verschnupfte Erzähler bricht, bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den traurigen folgenden, ein Stückchen ab, tunkt es in den Tee und trinkt einen Schluck, als etwas Seltsames geschieht:
,,In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack vermischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein Unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Missgeschicken, seine Kürze zu einem blossen Trug unserer Sinne geworden...Endlich fühlte ich mich nicht mehr mittelmässig, hilflos, sterblich. ,,
Um welche Sorte Madeleine handelte es sich? Um dieselbe, die seine Tante Leonie jeden Sonntag in ihren Tee tunkte und dem Erzähler anbot, wenn er das Schlafzimmer in ihrem Haus in dem Provinzstädtchen Combray betrat, wo er als kleiner Junge mit seiner Familie die Ferien zu verbringen pflegte, und ihr einen guten Morgen wünschte. Der Erzähler kann sich, wie an so vieles aus seinem Leben, nur undeutlich an seine Kindheit erinnern, und das, woran er sich entsinnt, erscheint ihm reizlos und uninteressant. Was nicht heisst, dass seine Kindheit tatsächlich trist und öde war, sondern dass er sie einfach nur vergessen hat - und diese Erinnerungslücke schliesst jetzt die Madeleine. Durch eine Laune der Natur versetzt ein Stück Gebäck, das er seit seinen Kindertagen nicht mehr gegessen hat und mit dem sich daher auch keine späteren Assoziationen verbinden, ihn in seine Zeit in Combray zurück und erschliesst ihm eine Fülle köstlicher und ganz persönlicher Erinnerungen. Mit einem Mal erscheint ihm seine Kindheit weitaus schöner als zuvor, und mit neu gefundenem Staunen erinnert er sich an das alte graue Haus von Tante Léonie und mit dem Haus an ganz Combray und seine Umgebung, den Platz, auf den man ihn vor dem Mittagessen schickte, die Kirche, die Strassen, die Blumen in Léonies Garten und die Seerosen auf der Vivonne. Und dabei erkennt er den Wert dieser Erinnerungen, die ihm zu dem Roman inspirieren, den er schliesslich erzählen wird und der in gewissem Sinne einen einzigen langen kontrollierten "Proustschen Moment" darstellt, weil er über dieselbe Sensibilität und dieselbe sinnliche Direktheit verfügt.
Das Erlebnis mit der Madeleine heitzt den Erzähler auf, weil es ihm zu der Erkenntnis verhilft, dass nicht sein Leben mittelmässig war, sondern das Bild, das er sich in der Erinnerung davon gemacht hat. Dies ist eine der zentralen Proustschen Unterscheidungen und für ihn von ebenso grosser therapeutischer Bedeutung wie für den jungen Chardin-Betrachter (hier referiert do Botton auf eine frühere Episode eines jungen Mannes, der durch die Betrachtung von Chardins Bilder seine bescheidene Situation seines Elternhauses zu schätzen gelernt hat).
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Soweit Proust. Ich glaube, ich bin diesem monumentalen Werk jetzt ein bisschen näher gekommen. Ich denke zwar nicht, dass ich es wirklich lesen werde - wann sollte ich auch - aber ich weiss jetzt besser, was es damit auf sich hat. Insofern war de Botton doch ziemlich informativ für mich. Wie ich vermutet habe. Der Anfang ist einnehmend, aber es hält sich einigermassen durch bis zum Schluss. Offenbar hat er sich eingehend mit Proust beschäftigt. Und er kann die zentralen Aspekte herausheben, das heisst klarer machen. Das ist ja nicht ganz einfach, angesichts der Tatsache, dass ich einer bin, der ich Proust noch nie gelesen habe. Das Büchlein de Bottons ist gehobene Unterhaltung. Walter hat schon sein Interesse angemeldet, und ich werde es ihm dann wohl ausleihen müssen. Oder soll ich es zuerst dir schicken, Marlena? Das würde ich so gerne, es dir geben, um dann mit dir darüber zu diskutieren und sehen, wie du es gelesen hast, was du daraus nehmen wirst. Das wäre doch echt schön. Und zur Diskussion würden wir einen Lindenblütentee trinken und eine Madeleine darin tunken, wie es sich für Proustianer gehört. Für einmal würden wir unseren Kaffee beiseitelassen, und in solch einen Lindenblütentee hineinbeissen wie in den sauren Apfel. ;--)
*
Mittwoch, 9. November 2022
Tomas Tranströmer
date 23 November 2006 19:31
Lieber ...,
...
In dieser dunklen Zeit vor dem 1. Advent steht das Leben irgendwie
still. Es passiert nicht viel von dem ich dir erzählen könnte. Die
Zeit der treibenden Blätter ist nun vorbei und die Menschen bleiben zu
Hause. Klar, wenn ich in Stockholm wohnen würde, gäbe es viel
Zerstreuung.
G hat mir gestern Abend ein ganz euphorisches Mail geschickt. Sie
war bei einem Schriftstellerabend im Kulturhaus in Stockholm. Niklas,
der junge langhaarige Kollege (erinnerst du dich noch?) hatte
Eintrittskarten besorgt. Der Abend war eine Huldigung an einen unserer
größten Poeten, Tomas Tranströmer, der seit 1990 am halben Körper
gelähmt ist und an Aphasie leidet, doch immer noch produktiv ist. Ein
Schauspieler trug seine Gedichte vor und Tranströmer selbst beendete
die Vorstellung am Flügel. Wie das möglich ist mit einem Arm? Der
stehende Applaus nachher wollte nie enden.
https://www.youtube.com/watch?v=ApiaFYq3wZc
Gudrun war natürlich auch froh, dass sie die Möglichkeit hatte
sich mit einigen Schriftstellern im Publikum nachher unterhalten zu
können. Auch ihren Professor von der Uni hat sie wiedergesehen.
Du siehst, man könnte neidisch werden. Und ich verstehe ihre
Begeisterung nach einem Abend mit so viel seelischer Nahrung. Hier
muss man sich hier und da einen kleinen Happen suchen, um seinen
Hunger zu stillen.
Wünsche dir alles Liebe und Gute,
mit Gs und Ks
Marlena
Sonntag, 6. November 2022
6 November - Gustav Adolf Tag
Gustav-Adolfs-Gebäck
Subject: 6. November
Lieber ...,
Ich trinke meinen Tee hier vor dem PC und eigentlich müsste ich ein Gustaf Adolf-gebäck dazu essen. Denn heute feiern wir diesen alten König, der 1632 in der Schlacht bei Lützen im Nebel gefallen ist.
Na ja, wir feiern nicht allzu gross - ich glaube auch weil man in Schweden immer etwas Angst hat sich zu patriotisch zu zeigen. Aber es ist gut, dass es gerade am 6. November stattfindet, denn so vergesse ich nicht so leicht das wichtige Datum an dem mein lieber Mausfreund geboren ist. Und natürlich hissen wir die Fahnen.
*
Aus dem Internet:
6 november is Gustav Adolf Day. Gustav II Adolf was king of Sweden from 1611 to 1632 and died on this day. There is a special pastry called a 'Gustav Adolf-bakelse' which people eat to celebrate the occasion. King Gustav II Adolf founded Gothenburg, and the pastry is especially popular there.
*
Ich war heute in der Kantine. Wollte eigentlich zu Hause nur etwas leichtes essen, aber Gudrun (schwedisch und Geschichte) hat mich mit hingelockt. Und es war wieder eine herrliche Stunde mit lauter sympathischen Leuten, die alles taten um die Stimmung bis zur Decke zu heben. Dann haben sie sich auch etwas über meinen Appetit amüsiert. Es gab zwei Gerichte. Das eine war Erbsensuppe nach der man Pfannkuchen mit Sylt (eingemachte Beeren) und Schlagsahne ist. Das ist ein typisches Donnerstagsgericht in Schweden aber in der Kantine serviert man es eher selten. Das andere war ein Wurstgericht mit einem herrlichen Salatbüffé. Und was glaubst du habe ich gewählt? Zuerst die Erbsensuppe mit Speck drin, dann das Wurstgericht mit dem herrlichen Salat dazu und als Nachspeise den Pfannkuchen mit Zutaten. Dazu ein Bier (Pripps =eine gute Sorte). Und dann begann natürlich ein Gespräch über Kalorien und was man man tun muss um ein einziges Stück Torte loszuwerden. Der Trainer der Schwimmer (solche die sich für kommende Weltrekorde ausbilden) meinte 2½ Stunden intensiven Sex brauchte man dazu. Wir waren alle etwas verstummt eine Weile.. aber natürlich haben wir losgelacht und alle unsere eigenen Kenntnisse zu diesem Thema bekanntgegeben. Kalorien also.
Mir kam heute der Gedanken, dass man unser Essen in der Kantine gut mit eurem Club-essen vergleichen könnte. Aber wir sind immer zufrieden mit dem was man uns bietet. Es ist wirklich sehr köstlich und unsere Schule ist dafür bekannt. Auch die Schüler sind sehr zufrieden. Sie bekommen es frei.
(---)
Je t'embrasse,
Marlena
Sende dir ein Bild mit von dem Gebäck. Das Portrait des Königs in Marzipan obendrauf.
Montag, 24. Oktober 2022
Re: Dein Bild - Soulagement
Datum : Thu, 11 Oct 10:01
Liebe Marlena
Trotz des tristen Wetters und Deiner nach Eukalyptus lechzenden Erkältung kannst Du solch ein Mail schreiben! (ein!) Manchmal muss man Dich wirklich etwas kitzeln, damit Du aus Dir rausgehst und Deine Genialität in der Sonne zu gleissen geruhst!! (zwei!!)
Es ist schon länger her, dass ich über eines Deiner Mails so sehr geschmunzelt habe. Und das hängt nicht bloss daran, dass Du Dir dieses Mal meine Nase vorgenommen hast!!! (drei!!!)
Es ist eigentlich mehr, WIE Du schreibst. Und Du kannst es meisterhaft. Die Gedanken und Dinge nach Deiner Art in überraschende Zusammenhänge zu bringen, das ist echt zum Schmunzeln. Und manchmal klingt es ein wenig mammahaft! Auch das hat Charme.
Zumindest hat es meinen baudelairschen Weltschmerz etwas aufgehellt. Und dazu kommt das feine Herbstwetter hier. Es ist zur Zeit, wenn die Morgennebel sich verziehen, alles sehr klar und himmelblau und herbstwarm. Es ist eine wunderbare Zeit. Ich habe stets rundum behauptet, der Herbst wäre meine Zeit. Jedes Jahr muss ich dies neu bestätigen. Und wenn dazu noch Früchte kommen, die feinen Chasselas-Trauben beispielsweise, die mein Bruder vor ein paar Tagen in einer Kartonschachtel vor die Türe gestellt hatte! Zwetschgen liebe ich besonders. Das war nicht immer so. Aber in den letzten 10 Jahen haben sie sich zu meinen Lieblingen aufgeschwungen. Jetzt könnte man lange Jura-Wanderungen machen. Es wäre die beste Zeit. Im Wallis würden wir in die Gegend von Zeneggen hinauf wandern, um dort eine Raclette zu bereiten. Die goldleuchtenden Lärchen, der Geruch des trockenen Waldes und die gepfefferte Raclette zu ein paar Gläsern Fendant, und das alles unter dem klaren Walliser Himmel, das wäre was vom Schönsten.
Klar, ich hätte auch mit einer der 59 Frauenzimmer (oder muss ich sagen Adressen) abgehauen sein können! Nach einem unendlich langen und qualvollen Würfelprozess, welche denn Opfer dieses romantischen Anfalls sein dürfe. Und nach diesen dämlichen Qualifikations- und Selektionsprozessen hätte ich die Schönste am Handgelenk genommen und wäre hinunter nach Ronda durchgebrannt. Hemingway meint, Ronda eigne sich für ein solches Unternehmen besonders. Ronda also hätten wir uns geleistet und wären im Hotel gleich neben der tiefen Schlucht abgestiegen, dort wo man vom ehemaligen Strassenräubernest in die waldige und hügelige Landschaft hinunter sieht. Und wir hätten zum spanischen Wein diese riesengrossen und etwas groben Plätzchen gegessen, die sie in Spanien den Stieren praktisch lebendigen Leibes aus den Lenden schneiden. Inkognito wären wir auf Rondas Flaniermeile Arm in Arm auf und ab gegangen, hätten auf die Welt und ihren unglücklichen Lauf gepfiffen und stattdessen in der wunderhübschen kleinen Arena ein paar blutig-schöne Corridas besucht.
Und zwischendurch hätte ich mit meiner schönsten Rothaarigen im Hotelzimmer die Decken aufgewühlt und Bettgestelle flachgelegt. Ein bisschen barock alles, zugegeben. Ungefähr so wie ein gute Flasche Malvoisie, prickelnd, komplex und lebenslustig.
Doch, meine liebe Marlena, wie kann ich erklären, dass ich nach drei Tagen bereits wieder zurück bin?? Der romantische Anfall berücksichtigt nur den explosiven Entschluss, die hastige Abfahrt, den brennenden Wunsch, wegzukommen. Doch wie kommt man wieder zurück? Reuigen Herzens? Asche auf dem Haupt? Triste und voller Schuldgefühle? Oder einfach so, indem man morgens wieder im Büro sitzt und die aufgelaufenen Pendenzen angeht? Die Rückkehr ist ziemlich heikel, nicht wahr? Die Romantik denkt nicht an Rückkehr, wenn sie denn überhaupt denkt! Sie denkt nämlich auch nicht daran, lebenslänglich in Ronda auf und ab zu gehen. Man müsste dann ja gelegentlich mit der nächsten der 59 zum nächsten Ort abhauen. Vielleicht nach Rom mit einer Blonden, nach Paris brunette und Casa Blanca schwarz?
Ich bin also von Ronda zurück!
Mit einem lieben Gruss
...
Sonntag, 23. Oktober 2022
Re: Vis à vis und dein Bild
Lieber Mausfreund,
Wie schön dich wieder zu sehen. Ich war schon etwas unruhig. Ein bisschen wie eine Frau die ihren Mann nach der Arbeit zu Hause erwartet und er taucht nicht auf. Mehrere Tage lang bleibt er weg, ohne dass du weisst ob ihm etwas Schlimmes passiert ist oder ob er mit jemanden abgehaut ist. ;-)
Und du erinnerst dich noch an Dinge die ich selbst fast vergessen habe. Ja, nach einem Bild von dem Platz unter deinem Fenster hatte ich dich mal gefragt. Und nach einem Bild von dem Brunnen vor deinem eigenen Haus. Aber weisst du, wenn du die Aussicht von deinem Bürofenster so beschreibst wie in dem Mail heute dann brauche ich eigentlich kein Bild. In meiner Fantasie ist es wahrscheinlich schon wirklicher als es eine fotografische Abbildung zeigen könnte.
Ich glaube es ist nicht gut lange mit dem Gefühl "ich sollte eigentlich" herumzugehen. Entweder muss man ganz vergessen was man tun sollte oder es eben ziemlich schnell erledigen. Sonst kommt zuviel zusammen das Stress verursachen kann. Na ja, ich rede. Reden ist leicht, tun etwas ganz anderes.
Ja, ich weiss schon. Du bist etwas asozial hinter der Fassade. Sind wir ja beide sonst würden wir uns nicht schreiben. Und dieses wertvolle Foto von dir, dieses einmalige habe ich nicht genug gelobt? Also muss ich es wohl nochmals versuchen. Vielleicht geht es ohne S und M einzumischen.
Erstens siehst du auf dem Bild sportlich aus. Du könntest sehr gut einer dieser hormonstrozenden Harros sein, die man im heutigen ST finden kann. Vielleicht ist es das T-shirt das es macht. Dann liebe ich dein Kinn. Es sieht sehr männlich aus. Ich habe schon immer eine Schwäche für diese Art von Kinn gehabt. Darüber deine schön geformten weichen Lippen. ...(Zensur)... Deine Nase ist fotogenique. Und deine Augen. Es hat mich etwas überrascht dass sie so hell sind. Ich würde sie gern live sehen. Und wenn ich dir so in die Augen schaue dann bin ich mir bewusst dass ich das im real life kaum wagen würde. Und dann versuche ich das Bild von dir, das ich in mir trage, mit dem auf dem Foto in Einklang zu bringen. Ich weiss doch dass du aus Fleisch und Blut bist aber trotzdem kann ich es nicht richtig fassen, dass du wirklich bist. Es ist fast als hätte ich vergessen dass hinter den Mails ein richtiger Mensch steht.. Übrigens siehst du auch poetisch aus und wenn ich nicht wüsste, dass es sich um eine Magenverstimmung handelt, hätte ich glatt geglaubt du leidest an Weltenschmerz. ;-)
Schau mal zu was du mich mit deiner kleinen ironischen Bemerkung verlockt hast. Aber natürlich fühle ich mich geehrt dieses "Einzelstück" von Foto zu besitzen. Das letzte sozusagen das du nun auch verschenkt hast. ;-) Oder besitzen die übrigen 59 Mailpartnerinnen auch dieses Bild???
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Mit einem lieben Gruss und Kuss,
Marlena



