Subject: Re: mon amour
Date: Sun, 20 Aug 10:39
Liebste Marlena
Dein schöner französischer Brief beginnt so: et tu m'as sauvé la soirée avec ta belle lettre ... Ist das wirklich Dein Anfang, oder fehlt noch ein Stück? Falls ein Stück fehlt, kannst Du mir den Rest noch schicken? Falls nichts fehlt, bewundere ich Deine unkonventionelle Art zu schreiben. Es ist dann wie ins Wasser springen. Unmittelbar ist man mitten drin, ohne Vorwarnung und Einleitung. Es ist wirklich etwas peinlich, dass ich devenu voleur bin. Ich würde das sonst auch keinem Menschen verraten. Und stell Dir vor, sie hätten mich erwischt. Ich nehme an, sie lassen auch bei solch kleinen Sachen die Polizei kommen. Es ist wirklich nicht auszudenken.
Und Du mein Liebes denkst, ich hätte das für und wegen Dir gemacht!! Nun ja, im weiteren Sinne hat es sicherlich mit Dir zu tun, wie Du richtig interpretierst. Aber wir sollten deshalb nicht gleich eine Karriere à la Bonni and Clyde wählen. Das denn doch lieber nicht.
Hast Du etwas von Kaas gefunden? Ist sie denn in Schweden nicht bekannt? Mein kleiner Bruder hat mir vor Jahren einige Kasetten kopiert mit Chansons von ihr. Aber ich habe nie so richtig Feuer gefangen, obwohl ich sehr wohl hörte, dass sie Qualität hat. Sie ist eine andere Zeit als Barbara, sie hat auch mehr Variationen zur Verfügung. Und sie ist weniger morbid als die schwarze Barbara. Heute, da Du mein Ohr fürs Französische wieder geöffnet hast, finde ich sie echt gut und geniesse sie.
Dass ich mit meinem Brief Deinen Abend gerettet hätte, hat mich gefreut, aber auch erstaunt. Ich war wirklich in einer Verlegenheit und hatte am Schluss meines Mails den Eindruck, ich sei nicht wirklich voran gekommen. Ich war so hart an einer Argumentiererei vorbeigeraten und ich wusste nicht, ob ich das Ding, dh. das Mail, überhaupt abschicken sollte. Und jetzt findest Du den Brief schön! Die Welt hat doch manchmal noch Überraschungen bereit!
Du schlägst vor, die Iran-Erfahrungen erst schmelzen zu lassen, bevor wir mit Rom anfangen. Ein sehr weiser Vorschlag, meine Liebe. Hast Du denn noch irgend was zu schmelzen? Du hast mir nie erzählt, was Du denn aus den Büchern erfahren hast, was Dich am meisten beeindruckt hat und wo weiter? Du hast nur die maman bozorgh erwähnt, und damit gezeigt, dass Du einen guten Blick für die strategischen Momente hast.
Wir sind hier immer noch beschäftigt mit meiner Tasche, die uns fehlt. Die Swissair sucht und sucht, hat aber noch nichts gefunden. Und wir machen uns daran, eine Liste des Inhaltes zu erstellen. Und je mehr mir in den Sinn kommt, desto mehr ärgert mich der Verlust. Es war unter anderem ein wunderbarer russischer Samovar drin, meine Reisekamera mit Filmen, einige Bücher, mein französisches Buch der Proverbes, Kleider, Süssigkeiten, Necessaire. Es kommt mir nur so allmählich in den Sinn.
Und dazu gab es noch eine weitere Erfahrung zu schmelzen. Als wir in Basel ankamen, war A mit unserem Auto da, um uns abzuholen. Sie hatte ja ihre Ferien mit drei Mädchen in Spanien und Portugal verbracht, war dann noch ins Tessin gereist, aber insgesamt war sie früher zurück als wir. Und das erste, was sie uns nach den Begrüssungsküssen auf dem Flughafen erzählte, war die Frage, ob sie die schlechte Nachricht gleich jetzt oder erst zuhause erzählen sollte. Ihr waren Haus- und Autoschlüssel inklusive Autopapiere gestohlen worden. Sie war am Vorabend mit dem Auto in Basel, in ihrem bevorzugten Dancing. Und dort war ihr die ganze Tasche mit Inhalt gestohlen worden. Ich war wirklich sehr verärgert und konnte nicht glauben, dass meine Tochter so dumm sei, sich all diese Dinge gleichzeitig klauen zu lassen. Sie wollte es so darstellen, dass sie eben Pech gehabt hätte. Und ich war damit nicht einverstanden undd wollte es eher als ein Versagen ihrerseits sehen. Es ist ein Dancing für Junge und man kann die Tasche nicht einfach irgendwo hinlegen. Und man kann schon gar nicht all diese Dinge in der Tasche mitführen, wenn man dorthin geht. Dann lässt man besser die Fahrzeugpapiere im Auto oder gar zuhause. Kurz und gut, die Luft war ziemlich dick zu Anfang. Und A war alles sehr unangenehm und sie versuchte auf verschiedenste Arten, die Sache wieder einigermassen in Ordnung zu bringen. Sie hatte eigentlich nach dem Diebstahl recht gut reagiert. Sie wusste, der Dieb hat Auto- und Hausschlüssel, hat aufgrund der Papiere auch die Adresse. Sie hat sofort die Polizei benachrichtigt, ist mit der Freundin heimgefahren. Sie wollte, dass die Polizei sie heimbringe, weil ein Taxi zu teuer wäre. Und sie hatte Angst, dass der Dieb in der Zwischenzeit noch unser Haus ausrauben würde. Aber die Polizei fuhr nicht und das Taxi war ihr zu teuer. So ist sie mit dem Zug gefahren (abwohl auch das Abonnement weg war). Zuerst suchte sie einen Hausschlüssel, und zwar bei der Frau, die während der Ferien unseren Garten gespritzt hatte. Sie weckte also Vanessa, deren Tochter und ihre alte Freundin. Aber da war kein Schlüssel. Dann holte sie sich bei der Freundin, die mit ihr war, eine Leiter, um durch irgend ein Fenster einsteigen zu können. Aber da war kein Fenster offen. So musste sie sich entschliessen, eine Scheibe einzuschlagen. Und ich muss ihr als Vater zugestehen, dass sie das richtige Fenster gewählt hat. Dann hatte sie endlich wieder einen Autoschlüssel und kehrte sofort zurück nach Basel, um das Auto zu holen. Na ja, ich glaube, sie hatte eine echt turbulente Nacht. Aber sie hat ziemlich gut reagiert.
Und schliesslich, liebe Marlena, das ist der clou de l`histoire, schliesslich haben wir 3 Tage später ein Telefon bekommen, dass das Abonnement (darauf steht auch ihre Adresse) gefunden worden sei. Wir gingen hin, und es stellte sich heraus, dass auch die Tasche dort war, und die beiden Schlüssel waren immer noch in der Tasche. Aber niemand hatte natürlich gewusst, dass diese Tasche und das Abo zusammengehörten. Zum Schluss fehlten also nur noch der Fahrzeugausweis und ihr Fahrausweis. Und das kleine Abo war der Schlüssel zur ganzen Lösung gewesen. Das war doch noch einigermassen zu verkraften, denn wir mussten jetzt nicht alle Schlösser wechseln an Haus und Auto. Es zeigte sich, dass der Dieb nur an Bargeld interessiert gewesen war. Und es ist wie so oft: der Schaden, den er anrichtet, ist bei weitem grösser als seine Beute, die er sich holt. So ist die Sache noch einigermassen glimpflich ausgegangen. Und ich bin sicher, es war eine gute Erfahrung für A. Sie wird nächstes Mal besser acht geben. Gestern abend war sie mit B und mit Dominique, einer Freundin, wieder mit dem Auto unterwegs. Ich habe lange gezögert, bis ich meine Bewilligung gegeben hatte. Ich habe zusätzlich noch mehr Zögern gespielt. Aber ich denke, sie hat ihre Lektion gelernt.
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Und, meine liebe Marlena, am meisten berührt an Deinem Mail hat mich die Episode, wo du aus Deiner Kindheit erzählst. Ich habe das Mädchen gesehen, das Oh mein Papa singt, von "diese wunderschene Mann..." oder so ähnlich. Das ist wirklich sehr rührend. Ich hätte euch beide am liebsten umarmt, d.h. die kleine Marlena und die grosse Marlena. Haben sie Dir früher, als Mädchen, auch Marlena gesagt oder hattest Du einen Kosenamen? Ich glaube, Du hast früh in Deinem Leben gelernt zu sehnsuchen!
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Und schliesslich machst Du Nachforschungen und kommst zum Schluss: Et alors j'ai enfin compris que NOUS NOUS AIMONS tous les deux. Ach, Marlena, Du brauchst aber ziemlich lange, bis Du selbst geschmolzen bist !! ;--). Und vergiss nicht, mein Schatz, man muss das immer wieder erneuern, man muss dafür etwas tun. Und wir tun es mit Worten, mindestens vorläufig.
Ich wünsche Dir noch einen schönen und erholsamen Sonntag. Die zweite Woche wird bestimmt nicht mehr so streng sein. Das wünsche ich Dir auch.
KKK
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